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Weltwirtschaftsforum WEF-Chef warnt: „Die Krisen können außer Kontrolle geraten“

Der frühere norwegische Außenminister Brende warnt vor wachsendem Nationalismus nach der Pandemie und ruft zu engerer internationaler Zusammenarbeit auf.
17.09.2020 - 12:40 Uhr Kommentieren
Borge Brende (l.) und WEF-Gründer Klaus Schwab im Gespräch. Quelle: AFP
Weltwirtschaftsforum sucht den Dialog in der Krise

Borge Brende (l.) und WEF-Gründer Klaus Schwab im Gespräch.

(Foto: AFP)

Berlin Es ist erst seine zweite Dienstreise seit dem Corona-Lockdown im März. Dabei ist Borge Brende als Präsident des World Economic Forum (WEF) normalerweise ständig unterwegs. Die Pandemie hat nicht nur drastische Folgen für seinen Alltag beim WEF, sondern auch für die Mission des Forums: Mit einem großen Neustart will das WEF die Weltwirtschaft wieder in Gang bringen und krisenfester machen.

Dazu bedarf es nach Meinung des ehemaligen norwegischen Außenministers einer engeren internationalen Zusammenarbeit. „Als unabhängige und überparteiliche Organisation bieten wir eine Plattform für Dialog zwischen Unternehmen und Regierungen selbst in einer immer stärker polarisierten Welt“, sagt Brende im Gespräch mit dem Handelsblatt in Berlin.

Skeptisch ist er mit Blick auf die wirtschaftliche Erholung: Es sei möglich, dass sich der technologische Teil der Wirtschaft schnell erhole, viele kleine und mittlere Unternehmen und deren Mitarbeiter aber weiter um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen müssten.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Brende, das WEF hat seine Jahrestagung in Davos abgesagt und auf den Sommer 2021 verschoben. Ist Ihnen das schwergefallen?
Inmitten einer Pandemie ist es sehr schwer, Pläne zu machen. Aber die Gesundheit und Sicherheit unserer Teilnehmer hat Vorrang. Uns wurde geraten, das Forum zu verschieben, weil es im Januar einfach noch zu früh ist, so viele Menschen in geschlossenen Räumen zusammenzubringen.

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    Wie wird es jetzt mit dem Jahrestreffen weitergehen?
    Wir denken, dass wir Ende Mai in der Lage sind, ein spezielles Jahrestreffen in einem etwas kleineren Rahmen zu veranstalten. Es ist dann wärmer und wir können einen Teil der Veranstaltungen unter freiem Himmel stattfinden lassen.

    Als Hauptthema haben Sie „The Great Reset“ gewählt, was auf Deutsch so viel wie „der große Neustart“ bedeutet. Was meinen Sie damit?
    Wir wollen diskutieren, wie die Welt nach der Pandemie aussehen sollte. Es ist wichtig, als globale Gemeinschaft zusammenzukommen. Bis dahin sollte es nicht nur bessere Tests und Heilmethoden gegen das Virus geben, sondern auch einen Impfstoff.

    Wie wird die Welt nach dem Ende der Pandemie aussehen?
    Es wir noch dauern, bis wir wirtschaftlich wieder das Niveau erreicht haben, das wir vor der Krise hatten. China erholt sich schnell, und auch Deutschland hat die Krise besser als andere Länder verkraftet. Die wirtschaftliche Erholung in Europa insgesamt gleicht aber eher einem „U“ als einem „V“. Sogar ein „K“ ist möglich, bei dem sich der technologische Teil der Wirtschaft schnell erholt, viele kleine und mittlere Unternehmen und deren Mitarbeiter aber um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen müssen.

    Kämpf jedes Land für sich allein?
    Einige Länder haben einen nationalistischen Kurs eingeschlagen. Insgesamt wurde die Weltwirtschaft jedoch mit elf Billionen Dollar angekurbelt. Das war zwar eine synchronisierte, aber eben keine koordinierte Hilfe. Das gilt im Übrigen auch für den Kampf gegen das Virus. Wir haben es dennoch geschafft, einen freien Fall der Weltwirtschaft zu verhindern. Auch wenn einige Volkwirtschaften nicht vor 2023/24 wieder ihr Vorkrisenniveau erreichen werden.

    Welchen Preis zahlen wir für diese beispiellose Rettungsaktion?
    Zum ersten Mal überhaupt sind die Staatsschulden in den USA höher als das jährliche Bruttoinlandsprodukt der stärksten Ökonomie der Welt. Das ist eine fundamentale Veränderung. Dennoch: Es gab keine Alternative zu den massiven Konjunkturhilfen. Sie dürfen nur nicht zu einem Dauerzustand werden. Jetzt brauchen wir eine Strategie, um aus der Krise wieder herauskommen. Aber zunächst muss das Virus besiegt werden.

    Die Gefahr einer geopolitischen Konfrontation ist gewachsen

    Was sind die Lehren, die wir aus der Pandemie ziehen müssen?
    Es geht vor allem darum, die Widerstandskraft gegen solche Krisen zu stärken. Wir haben es ja nicht nur mit einer Pandemie zu tun. Hinzu kommen eine Weltwirtschaftskrise und enorme geopolitische Spannungen, etwa zwischen den USA und China, aber auch zwischen China und Indien und der Türkei und Griechenland. Wir sollten auch den Klimawandel nicht vergessen. Jede dieser Krisen würde reichen, um eine Ära zu prägen. Jetzt haben wir vier davon, und sie sind alle miteinander verbunden. Zu meinen Lebzeiten habe ich noch nie so viele Krisen gleichzeitig erlebt.

    Was macht Ihnen am meisten Sorge?
    Jeder dieser Krisenherde kann sehr schnell außer Kontrolle geraten. Die Gefahr einer geopolitischen Konfrontation ist enorm gewachsen. Umso wichtiger ist es, Vertrauen zwischen den Regierungen wiederaufzubauen und zusammenzukommen wie in Davos.

    Wie können sich Länder besser gegen Krisen schützen: indem sie ihre nationalen Interessen voranstellen oder indem sie mit anderen Ländern enger zusammenarbeiten?
    Die Pandemie hat uns gezeigt, dass ein Virus keine nationalen Grenzen kennt. Wir sind also alle in einem Boot und müssen miteinander kooperieren. Auch den Klimawandel können wir nur gemeinsam stoppen.

    Werden wir mit einer zweiten Welle der Pandemie auch eine neue Welle des Nationalismus erleben?
    Zunächst müssen wir verhindern, dass die Pandemie nicht zusammen mit der Grippe zu einem Doppelschlag im Winter führt. Besiegen werden wir das Virus aber nur, wenn wir es überall bekämpfen und ein Impfstoff für alle Menschen zugänglich ist. Künftig werden wir mehr plurilaterale Kooperationen sehen, wie wir es aus der Handelspolitik schon kennen. Einige Länder tun sich zusammen und kooperieren eng miteinander. Meine Hoffnung ist, dass andere dann dem Beispiel folgen werden.

    Wird die soziale Ungleichheit nach der Pandemie noch größer sein als vorher schon?
    Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten erwarten wir, dass die extreme Armut in den Entwicklungsländern wieder größer wird. Das betrifft rund 100 Millionen Menschen. Ärmere Länder sind härter von der Pandemie getroffen worden – ihre Wirtschaft ist zum Teil um bis zu 30 Prozent eingebrochen. Und sie haben weniger finanzielle Muskeln, um sich gegen die Krise zu stemmen. 3,7 Milliarden Menschen sind zudem noch nicht einmal mit dem Internet verbunden. Das ist ein Riesenproblem.

    Aber auch in vielen Industrieländern wächst die Ungleichheit.
    Ja, der Dienstleistungsbereich wurde von der Pandemie viel härter getroffen als andere Sektoren der Wirtschaft. Dort arbeiten vor allem Menschen mit einem geringeren Einkommen, die nicht im Homeoffice bleiben konnten und jetzt um ihre Jobs fürchten müssen.

    Entscheiden die neuen Technologien noch mehr als früher über den Wohlstand der Nationen?
    Wenn Netflix heute an der Börse mehr wert ist als Exxon Mobil, wissen wir, dass sich die Welt verändert. Der technologische Wettbewerb ist viel härter geworden, weil die Regierungen gemerkt haben: Wer bei Technologien wie Künstlicher Intelligenz, Machine-Learning und Big Data vorn ist, der dominiert auch politisch und wirtschaftlich.

    Droht das WEF, das sich ja seit Jahren für Kooperation und multilaterale Lösungen starkmacht, in einer Ära von Machtpolitik und Nationalismus bedeutungslos zu werden?
    Das Gegenteil ist richtig. Als unabhängige und überparteiliche Organisation bieten wir eine Plattform für den Dialog zwischen Unternehmen und Regierungen selbst in einer immer stärker polarisierten Welt. Gerade Unternehmen suchen den Austausch und gehen zum Beispiel beim Kampf gegen den Klimawandel mit gutem Beispiel voran.

    Herr Brende, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Weltwirtschaftsforum verschiebt Davos-Treffen auf Sommer 2021

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