Wettbewerb Warum es der Lobbyismus in den USA einfacher hat

Die USA schaffen es immer schlechter, Marktkonzentration zu verhindern. Die EU ist besser: Sind ihre Behörden weniger anfällig für Lobbyismus?
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Als einstige Erfinder schaffen es die USA immer schlechter, Marktkonzentration zu verhindern. Quelle: The Image Bank/Getty Images
Wettbewerbskontrolle

Als einstige Erfinder schaffen es die USA immer schlechter, Marktkonzentration zu verhindern.

(Foto: The Image Bank/Getty Images)

FrankfurtDie USA haben die Wettbewerbskontrolle erfunden. Um die Wende zum 20. Jahrhundert begannen sie damit, Konzerne aufzuspalten oder an die Kandare zu legen, die so groß und mächtig waren, dass sie ihren Markt beherrschten und ihre Marktmacht missbrauchen konnten. Der Ansatz setzte sich im Laufe der Zeit fast weltweit durch.

In den letzten Jahrzehnten gab es allerdings eine irritierende Entwicklung in den USA: Die Konzentration der Marktanteile und die Gewinnspannen gingen deutlich nach oben, während sie in anderen Ländern gar nicht oder viel weniger zulegten.

Zwei Ökonomen von der Stern Business School der New York University haben sich diese Entwicklung im Zeitablauf und im internationalen Vergleich mit Europa näher angeschaut und nach Ursachen der divergierenden Entwicklung geforscht. Sie wurden beim Lobbying und der Wettbewerbspolitik fündig. Der Titel ihres NBER Working Papers lautet: „How EU-Markets Became More Competitive Than US-Markets“ (Wie EU-Märkte wettbewerblicher wurden als US-Märkte).

Den Daten von Germán Gutiérrez und Thomas Philippon zufolge stieg die Gewinnspanne der US-Unternehmen bezogen auf die Wertschöpfung in den USA von 2000 bis 2015 von 19 auf 23 Prozent, die der EU-Unternehmen von 19 auf 21 Prozent. Die Marktkonzentration, gemessen am sogenannten Herfindahl-Index nahm in den USA von 0,5 auf etwa 0,65 zu, was bedeutet, dass eine kleine Gruppe von Unternehmen größere Marktanteile kontrolliert.

In den großen EU-Staaten, wenn man diese einzeln betrachtet, sank die Konzentration von 0,8 auf 0,6. Wenn man die gesamte EU als relevanten Markt betrachtet, sank die Konzentration seit dem Jahr 2000 von 0,5 auf 0,4. Beim Blick auf einzelne Industriezweige, wie Telekommunikation und Fluggesellschaften, stellen sie das Gleiche fest.

Marktmacht ist in den USA am stärksten gestiegen

Ein aktuelles Arbeitspapier des Internationalen Währungsfonds mit dem Titel „Global Market Power and Its Macroeconomic Implications“ kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Marktmacht der Konzerne seit 1980 und beschleunigt seit 2000 gestiegen ist, und zwar am stärksten in den USA.

Die höhere Marktmacht, gemessen an den Umsatz-Gewinnspannen, gehen mit höherer Marktkonzentration und höheren Gewinnen einher. Gleichzeitig kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die Marktmacht das Niveau überschritten hat, bei dem eine Zunahme der Marktmacht zu steigender Investitionsneigung führt. Je höher die Marktmacht, desto geringer ist heute die Investitionsneigung, stellen sie fest.

Gutiérrez und Philippon erklären die divergierende Entwicklung damit, dass in der EU die Wettbewerbspolitik auf eine supranationale Behörde verlagert wurde, die weniger anfällig für Vereinnahmung durch die nationalen Großkonzerne ist, als die nationalen Wettbewerbsbehörden der USA.

Denn, so die plausible Erklärung: Wenn sich Staaten auf eine gemeinsame Wettbewerbspolitik einigen, werden sie eifersüchtig darüber wachen, dass die entscheidende Behörde unabhängig ist. Sie kann dann nicht so sehr von der Regierung eines Landes für die Interessen der dortigen Marktführer eingespannt werden. Auch die direkte Vereinnahmung durch Konzerne ist so schwieriger.

Tatsächlich scheint die EU-Wettbewerbsbehörde unabhängiger zu sein als nationale Stellen, insbesondere auch der USA. Und sie tut ihre Arbeit mit erheblich mehr Konstanz und Eifer als ihre US-Pendants. Die für Fusionskontrolle in den USA zuständige Federal Trade Commission (FTC) hat zwischen 1996 und 2008 praktisch keine Fusionen untersagt, wenn es noch mindestens fünf Wettbewerber gab.

Verfahren wegen Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung gab es den Autoren zufolge in den USA seit 1990 nur 10, seit 2000 sogar nur eines. In der EU dagegen gibt es relativ konstant jedes Jahr einige Verfahren. Die Strafen für unrechtmäßige Kartellabsprachen sind in der EU höher und mit der Zeit deutlich gestiegen.

Erfolgreiche Lobbyisten

Dass es in den USA anders ist, könnte mit erheblich größeren Aufwendungen von großen US-Konzernen für Lobbying und Parteispenden zusammenhängen. Wenn man sich mehr Aussicht auf Erfolg ausrechnet, investiert man mehr in Beeinflussung und wenn man mehr investiert, kommt normalerweise mehr Beeinflussung dabei heraus.

Den Daten der Autoren zufolge geben Unternehmen etwa drei Mal mehr für Lobbying bei der US-Zentralregierung aus als bei der EU. Die Zahlen sind wohl nicht allzu genau, räumen die Ökonomen selbst ein. Doch der Unterschied scheint deutlich zu sein.

Laut einer Studie von Christine Mahony aus dem Jahr 2008 sind Unternehmenslobbyisten in den USA erheblich erfolgreicher als in der EU. Bei knapp 150 untersuchten politischen Anliegen setzten sich die Unternehmen in den USA in neun von zehn Fällen durch, Unternehmensvereinigungen in fünf, aber Bürgervereinigungen und Stiftungen nur in vier von zehn Fällen. In der EU dagegen waren alle vier Gruppen mit gut sechs oder knapp sieben Prozent der Fälle annähernd gleich erfolgreich.

Noch größer sind die Unterschiede bei Partei- und Wahlkampfspenden. US-Konzerne spendeten zuletzt mit rund sechs Milliarden Dollar annähernd 60-mal so viel an Parteien und Politiker wie etwa Konzerne in Deutschland. Gutiérrez und Philippon berichten, dass die FTC 13 Protestbriefe von Kongressabgeordneten bekommen habe, als sie eine Untersuchung von Google einleitete, darunter einen, der kaum verhohlen mit einem Gesetz zur Einschränkung der Kompetenzen der Behörde drohte.

Die steigende Marktkonzentration, die durch derartige Lobby-Erfolge begünstigt wird, scheint nicht nur über höhere Preissetzungsmacht an den Produktmärkten, sondern auch an den Arbeitsmärkten die Gewinne der Marktführer zu steigern, wie eine aktuelle US-israelische Studie eines Teams um Efraim Benmelech von der Northwestern University feststellt.

Danach gibt es einen negativen Zusammenhang zwischen der Konzentration der Arbeitsnachfrager auf einem lokalen Arbeitsmarkt und den gezahlten Löhnen. In letzter Zeit häufen sich die ökonomischen Studien zur Marktkonzentration. „Die Veränderungen, die wir aufdecken, vollziehen sich langsam und werden erst über ein Jahrzehnt hinweg überhaupt sichtbar“, erklären Gutiérrez und Philippon.

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