Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Wiederaufbau Griechenland arbeitet sich in 15 Punkten aus der Krise heraus

Die Pandemie wirft das chronische Krisenland weit zurück. Mit einem 15-Punkte-Plan will Premier Kyriakos Mitsotakis die tiefe Wirtschaftskrise überwinden.
20.08.2020 - 12:46 Uhr 1 Kommentar
Athen darf wieder Touristen empfangen. Doch es kommen nur wenige und unter strengen Einschränkungen. Quelle: dpa
Touristen vor der Akropolis

Athen darf wieder Touristen empfangen. Doch es kommen nur wenige und unter strengen Einschränkungen.

(Foto: dpa)

Athen „Das ist das Todesurteil“, sagt Charalambos Doukas. Der 42-jährige Gastronom lässt das Rollgitter vor seiner Bar im Athener Küstenvorort Voula herunterrasseln. Es ist kurz vor Mitternacht. „Um diese Zeit geht das Geschäft eigentlich erst richtig los“, erzählt Doukas.

Seit Montag dieser Woche muss er um 24 Uhr schließen, wie alle Gaststätten in der griechischen Hauptstadt und auf vielen Ferieninseln. Mit der vorgezogenen Sperrstunde versucht die Regierung, die wieder um sich greifende Corona-Epidemie zu bremsen. Allein in den vergangenen sechs Tagen zählte man in Griechenland mehr Neuinfektionen als im ganzen Monat Juli.

Doukas ist nicht der einzige Gastronom, der um seine Existenz fürchtet. Von den rund 120.000 Restaurants, Cafés und Bars werden bis zu 40.000 die Coronakrise nicht überstehen, schätzt man beim griechischen Gaststättenverband.

2020 sollte für Griechenland das Jahr der Wende werden. Der seit gut einem Jahre regierende konservative Premierminister Kyriakos Mitsotakis versprach drei Prozent Wirtschaftswachstum. Die Griechen sollten die Ära der Schuldenkrise, in der ihr Land mehr als ein Viertel seiner Wirtschaftskraft verlor, endgültig hinter sich lassen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Aber stattdessen stürzt die Pandemie das Land wieder tief in die Rezession zurück. Nun setzt die Regierung ihre Hoffnungen auf die Hilfsgelder aus dem Corona-Aufbauprogramm der Europäischen Union. „Wir werden dieses Geld nicht mit der Unbesonnenheit eines Neureichen verprassen“, verspricht Premier Mitsotakis, „sondern intelligent einsetzen.“

    Derweil beschleunigt sich die wirtschaftliche Talfahrt. Die EU-Kommission erwartet für dieses Jahr in Griechenland einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um neun Prozent. Die Regierung rechnet mit einem Minus von 7,8 Prozent.

    Das wäre ein Einbruch, wie ihn Griechenland zuletzt im Krisenjahr 2011 zu verkraften hatte. Das BIP würde damit unter das Niveau des Jahres 2003 fallen. Das staatliche Statistikamt Elstat veröffentlicht am 4. September die Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung des zweiten Quartals. Dann gibt es Klarheit.

    Griechenland braucht den Tourismus

    Wie tief Griechenland in die Rezession rutscht, hängt vor allem von der Entwicklung im Tourismus ab. Er steuerte im vergangenen Jahr 21 Prozent zum BIP bei und sicherte jeden fünften Job. Griechenland öffnete zwar Anfang Juli seine Flughäfen und Hotels wieder für ausländische Urlauber. Aber die Hoffnungen auf einen dynamischen Neustart nach der viermonatigen Corona-Zwangspause haben sich bisher nicht erfüllt. Viele Hotels sind, sofern sie überhaupt geöffnet haben, für den August nur zu etwa 25 Prozent belegt.

    „Noch im Mai hatten wir damit gerechnet, dass die Umsätze in diesem Jahr etwa 20 bis 25 Prozent des Vorjahresniveaus erreichen würden“, sagt Yiannis Retsos, Präsident des griechischen Tourismusverbandes Sete. „Inzwischen erwarten wir weniger als 20 Prozent.“ 18,5 Milliarden Euro brachten die ausländischen Besucher vergangenes Jahr ins Land. Für dieses Jahr rechnen Branchenexperten nur mit drei bis 3,5 Milliarden Euro.

    Das Geld fehlt nicht nur in der Leistungsbilanz. Auch das Steueraufkommen geht zurück. In den ersten sieben Monaten lagen die Einnahmen fast 14 Prozent unter dem Plan. Im Haushalt klaffte Ende Juli bereits eine Lücke von 9,36 Milliarden Euro – auch weil Finanzminister Christos Staikouras viel Geld aufwenden muss, um strauchelnde Firmen zu stützen und gefährdete Arbeitsplätze mit Kurzarbeitergeld zu sichern. Staikouras schätzt die Kosten der Stützungsmaßnahmen in diesem Jahr auf 24 Milliarden Euro. Das entspricht fast 13 Prozent des letztjährigen BIP. Rechnete der Finanzminister in seinem Haushaltsplan für 2020 noch mit einem Überschuss von einem Prozent des BIP, erwartet er nun ein Defizit von sieben Prozent.

    Die Staatsverschuldung könnte auf Rekordwerte steigen

    Corona wirft Griechenland auch beim Abbau seiner Staatsschulden weit zurück. Am Jahresbeginn erwartete die EU-Kommission einen Rückgang der Schuldenquote auf 169,3 Prozent des BIP. Infolge der schrumpfenden Wirtschaft und der steigenden Neuverschuldung könnte die Quote 2020 erstmals die Marke von 200 Prozent erreichen oder sogar überschreiten.

    Während die Finanzkrise von 2008 in Griechenland eine achtjährige Rezession einleitete, könnte sich die Wirtschaft diesmal aber relativ schnell erholen. Die EU-Kommission prognostiziert für 2021 ein Wachstum von sechs Prozent.

    Kräftige Konjunkturimpulse verspricht sich die Regierung vor allem vom Corona-Aufbauplan der EU. Aus dem Programm kann Griechenland rund 32 Milliarden Euro erwarten, davon 19 Milliarden in Zuschüssen und etwa 12,5 Milliarden als Darlehen. Gemessen an seiner Wirtschaftsleistung bekommt Griechenland aus dem Programm den höchsten Anteil aller EU-Staaten.

    Mitsotakis verspricht: „Wir werden diese Mittel verantwortungsbewusst und einvernehmlich einsetzen.“ Man werde das Geld „nicht verschwenden, sondern zum Wohl aller Griechen investieren“. Der Premier hat einen „Rat der Wirtschaftsweisen“ berufen, der Vorschläge für ein nationales Aufbauprogramm ausarbeiten soll.

    Dem Gremium gehören unter dem Vorsitz des Ökonomie-Nobelpreisträgers Sir Christopher Pissarides 15 international angesehene Wirtschaftsexperten an. Sie haben jetzt in einem ersten, 151 Seiten umfassenden Entwurf der Regierung 15 Empfehlungen vorgelegt.

    Dazu gehören Steuersenkungen und eine Vereinfachung des Steuersystems, eine Justizreform, vor allem um Wirtschaftsverfahren zu beschleunigen, die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung, die Modernisierung der Finanzaufsicht, eine Senkung der Lohnnebenkosten und mehr Anreize für die private Altersvorsorge.

    Außerdem die Forcierung erneuerbarer Energien und mehr staatliche Förderung von Wissenschaft und Forschung. Im Oktober will Premier Mitsotakis die endgültige Fassung des Aufbauplans der EU-Kommission vorlegen. Der Wirtschaftsweise Pissarides ist zuversichtlich: Griechenland könne sich in der Post-Corona-Ära als „Kalifornien Europas“ positionieren, meint der Nobelpreisträger.

    Mehr: Die mallorquinische Reisebranche trifft die Reisewarnung hart. Hoteliers und Gastronomen vor Ort fürchten um ihre Existenz.

    Startseite
    Mehr zu: Wiederaufbau - Griechenland arbeitet sich in 15 Punkten aus der Krise heraus
    1 Kommentar zu "Wiederaufbau: Griechenland arbeitet sich in 15 Punkten aus der Krise heraus"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ich denke: die griechische Regierung will aus dem Finanz-Chaos herauskommen. Aber wir müssen aufpassen, dass man sich nicht zu sehr in die Arme der Chinesen begibt. Das kostet Geld; aber China macht es auch nicht umsonst.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%