Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Wintersport „Fluch und Segen“: Die Skigebiete bei Wien erleben einen Boom

Der harte Lockdown über die Festtage sorgte besonders im Osten Österreichs für einen Sturm auf die Berggebiete. Doch die Freude darüber ist gedämpft.
05.01.2021 - 11:52 Uhr Kommentieren
Besonders im Osten des Landes sind die Skigebiete gut besucht. Quelle: dpa
Österreich

Besonders im Osten des Landes sind die Skigebiete gut besucht.

(Foto: dpa)

Zürich Die Bergidylle am Semmering ziert sich am ersten Samstag des neuen Jahres. Das Panorama der Wiener Alpen und die spektakulären Eisenbahnviadukte, seit 1998 Teil des Unesco-Weltkulturerbes, verharren hinter einer dicken Nebelschicht. Schneeregen macht die Fahrt mit dem „Blauen Blitz“, der einzigen Sesselbahn im Skigebiet, zu einem feuchten Vergnügen.

Immerhin ist der Schnee am „Zauberberg“, wo Michelle Gisin am 29. Dezember als erste Schweizerin seit 18 Jahren ein Slalom-Weltcup-Rennen gewonnen hat, griffig und kompakt.
Vom Gipfel des Hirschenkogels ist die Bergstraße im Luftkurort Semmering sichtbar – und die Kolonne der Hunderten von Autos, die sich im Schritttempo darauf bewegen. Das Dorfzentrum rund um die Talstation ist ein einziger riesiger Parkplatz für die Tagesgäste. Fast nirgends ist man von Wien aus schneller in der Bergwelt.

Bürgermeister Hermann Doppelreiter blickt aus dem Gemeindeamt mit gemischten Gefühlen auf die Autokolonnen. „Die Nähe zur Hauptstadt ist im Moment Fluch und Segen“, sagt Doppelreiter, der seit einem knappen Jahr im Amt ist und wie die meisten österreichischen Ortsvorsteher der konservativen Regierungspartei ÖVP angehört.

Ein Segen, weil der einst mondäne und lange kriselnde Kurort das neu erwachte Interesse als Zukunftschance sieht: Im Lockdown streben auch Gäste an die frische Luft, die sonst wenig mit Wintertourismus am Hut haben. „Und ein Fluch, weil wir an Spitzentagen schnell an unsere Kapazitätsgrenzen stoßen.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Neu sei dieses Problem im Winter nicht, meint Doppelreiter. „Aber wegen Corona ist die Situation extrem. Rund um Weihnachten hat uns der Ansturm überfordert.“ Das kleine Skigebiet erhielt denn auch überproportional große mediale Aufmerksamkeit: Von „wilden Szenen“ berichtete das Boulevardblatt „Krone“, von einem Gewusel, das die Einhaltung der strengen Sicherheitsregeln verunmöglichte. Die Schlagzeilen fielen genau auf den Tag, an dem die Regierung einen dritten Lockdown über das Land verhängte.

    Skifahren im Lockdown

    Die Bilder des Andrangs in den niederösterreichischen Gebieten befeuern seither – ähnlich wie in der Schweiz – die Diskussion darüber, ob Skifahren inmitten einer Pandemie fahrlässig sei. Besonders den deutschen Medien liegt der undifferenzierte Vergleich mit „Ischgl“ stets auf der Zunge.

    Viele Österreicher ärgern sich aber über das, was sie als Bevorzugung der politisch mit der ÖVP gut vernetzten Seilbahner wahrnehmen: Während Familientreffen und Silvesterfeiern verboten und Fitnessstudios und Läden geschlossen sind, träfen sich in den Skigebieten die Massen, lautet die Kritik.

    Josef Autischer kann dieser Sichtweise wenig abgewinnen. Der Betriebsleiter der Semmering-Hirschenkogel-Bergbahnen weist darauf hin, dass auch Eisfelder und Golfplätze in Österreich geöffnet seien – weil sie sich draußen befänden, wo die Ansteckungsgefahr kleiner sei. Ausserdem hätten die Seilbahnen wie andere öffentliche Verkehrsmittel eine Beförderungspflicht. „Wir leisten unseren Beitrag dazu, dass die Menschen aus den Städten die Natur genießen können.“

    Von seinem Büro blickt Autischer auf die Talstation der Gondelbahn, die wegen der Pandemie nur mit halber Kapazität fahren darf. Auch erlauben die Betreiber täglich lediglich 2000 statt 4000 Personen im Skigebiet, die auf den Liften und beim Anstehen FFP2-Masken tragen müssen.

    Außer einem kleinen Restkontingent erfolgt der Ticketkauf ausschließlich im Vorfeld über das Internet, und auf den Parkplatz darf nur, wer ein gültiges Ticket vorweisen kann. Nach dem Chaos über die Weihnachtstage wurden zudem zusätzliche Absperrungen eingerichtet.

    Vor den Kassen der Bahnen hat sich eine Menschenmischung eingefunden, die bunter ist als jene, die man normalerweise in Skigebieten erwartet: Familien in leuchtfarbenen Anzügen mit teuren Ski, bärtige Jungs in Trainerhosen und Sportschuhen.

    Eine Frau mit Kopftuch und schweren Winterschuhen zieht ihre beiden Kinder auf einem Schlitten in Richtung Drehkreuz. Man hört neben Deutsch viel Russisch, Türkisch und Serbokroatisch.

    „Wir machen jetzt das Beste draus“

    In den Kabinen sind die Schutzmaßnahmen das Gesprächsthema Nummer eins, und auch innerhalb der Branche werden sie kontrovers diskutiert. So forderte der oberste Vertreter der Seilbahner, die Kapazitätsgrenzen in den Skigebieten aufzuheben, um ein Gedränge an den Talstationen zu verhindern. Eher dürfte hinter der Forderung aber die Einsicht stehen, dass sich die Gebiete mit ihrer aufwendigen Infrastruktur nur mit mehr Gästen rentabel betreiben lassen.

    In den großen Skiorten im Westen steht wirtschaftlich besonders viel auf dem Spiel. Sie hängen stark von Touristen aus Deutschland ab, die bei Reisen in Quarantäne müssten. Auch Unterkünfte und Gastronomie bleiben weitgehend geschlossen. Ischgl hat deshalb gar nicht erst aufgemacht, Saalbach erst nach langem Zögern.

    Der Fachverband Bergbahnen in der österreichischen Wirtschaftskammer (WKÖ) bestätigt eine höhere Nachfrage in der Nähe von Ballungszentren, besonders im Osten. Im Westen sei der Rückgang der Gästezahlen hingegen „massiv“. Die angefragten Gebiete geben zwar keine Einzelheiten bekannt. Die WKÖ schreibt aber: „Über die ganze Branche gesehen, liegen unsere Schätzungen bei rund minus 80 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres.“

    Doch auch der Boom am Semmering ist trügerisch. So nutzten viele Besucher in den vergangenen Tagen eher die Schlittenwiesen der Gemeinde als das Skigebiet. Die Maximalzahl von 2000 Gästen erreichte dieses bisher nicht. Auch die wenigen Restaurants, die Take-away anbieten, klagen über bescheidene Einnahmen. Dafür gleicht der Supermarkt Billa im Ortszentrum einem Bienenhaus.

    Für den Betriebsleiter Josef Autischer bringt das Covid-19-Regime primär mehr Aufwand und weniger Umsatz: Um die Parkplätze und die Anstehbereiche zu überwachen, habe er zwei Dutzend neue Sicherheitsleute anstellen müssen und damit die Zahl der Angestellten mehr als verdoppelt. Dazu kämen Kosten von 100.000 Euro für die stationären Covid-19-Schutzmassnahmen. „Wenn wir Ende Jahr mit einer runden Null rauskommen, sind wir sehr glücklich“, meint er vorsichtig.

    Wäre also angesichts der wirtschaftlichen und gesundheitlichen Unsicherheiten eine Schließung nicht die bessere Option? Der Bürgermeister verneint: „Die Regierung hat beschlossen, das Skifahren zu ermöglichen. Wir machen jetzt das Beste draus“, sagt Hermann Doppelreiter.

    Mehr: Im Streit um den Wintersport zeigt sich Europa gespalten: In der Schweiz haben die meisten Pisten geöffnet, in den Nachbarländern steht das Geschäft fast komplett still.

    Startseite
    Mehr zu: Wintersport - „Fluch und Segen“: Die Skigebiete bei Wien erleben einen Boom
    0 Kommentare zu "Wintersport: „Fluch und Segen“: Die Skigebiete bei Wien erleben einen Boom "

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%