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Wintertourismus Coronavirus in Ischgl – Zweifel an Wintersaison ohne Partytourismus

Der Skiort, in dem sich Tausende infiziert haben, blickt mit Zweckoptimismus auf die Wintersaison. Doch es gibt Zweifel, ob das Geschäftsmodell ohne den Party-Tourismus funktioniert.
12.09.2020 - 10:16 Uhr Kommentieren
Ohne den Partytourismus ist die Wintersaison in Ischgl fraglich. Quelle: obs
Die Idalp in der Silvretta Arena - einer der vielen Party-Hotspots von Ischgl.

Ohne den Partytourismus ist die Wintersaison in Ischgl fraglich.

(Foto: obs)

Ischgl Von der Hauptstraße aus gesehen, gleicht Ischgl einer Burg: Den Besucher erwartet am Ortseingang eine 2015 erbaute, 20 Meter hohe und 200 Meter breite „Parking Lounge“ mit Hunderten von Parkplätzen. Fast alle sind leer. Mehr als 2 Millionen Touristen empfängt der Ferienort im Winter, nur 300.000 bis 400.000 im Sommer.

Einige Touristen spazieren von der Silvrettabahn durch die Dorfstrasse, wo Burger King und der Ischgl-Store ebenfalls Sommerpause machen. Im 130 Meter langen Dorftunnel, der den Skifahrern den Weg zur hochmodernen Pardatschgratbahn erleichtert, sind die Fotos der Stars, die jeweils zum Saisonende auf der Idalp aufgetreten sind, die einzigen Begleiter. Alle Hotels am überdimensionierten Platz sind ebenso wie die Seilbahn geschlossen.

Gleich daneben steht das „Kitzloch“. „Im Sommer ist Ischgl ein Dorf, im Winter eine Stadt“, meint Bernhard Zangerl, als er das Après-Ski-Lokal aufschließt. Entsprechend lohne sich der Betrieb auch nur während der Hauptsaison. Die Familie Zangerl hat das „Kitzloch“ erst im November übernommen.

Nachdem sich am 7. März der Barmann infiziert hatte, wurde es international zum Symbol des Corona-Hotspots Ischgl. Heute geht man von mindestens 30 Corona-Toten aus, die auf Ischgl zurückzuführen sind, Tausende steckten sich an.

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Standort erkennen

    Zangerl blickt durchaus selbstkritisch auf den Winter zurück. „Wir haben den Ernst der Lage damals nicht erkannt“, erklärt der Teilzeit-Landwirt, der eine Hotelfachschule abgeschlossen hat. Dem 25-Jährigen ist auch klar, dass das Après-Ski, so wie es Ischgl im „Kitzloch“, im „Kuhstall“, bei „Niki’s Stadl“ oder in der „Schatzi-Bar“ zelebriert, ideale Bedingungen für das Virus bot: „Wenn Alkohol konsumiert wird und viele Menschen in geschlossenen Räumen zusammenkommen, erleichtert das eine Ansteckung.“ Die Nähe der verschiedenen Lokale und die Zirkulation der Gäste zwischen ihnen trugen das ihrige dazu bei.

    Dennoch ist sich Zangerl keiner Schuld bewusst – eine Haltung, die praktisch alle Ischgler zu teilen scheinen. Im „Kitzloch“ habe man sich an alle Anweisungen der Behörden gehalten.

    Am Tag nach dem positiven Test des Barmanns begab sich das ganze Team in Quarantäne, die Polizei begann gleichzeitig, das unmittelbare Umfeld der Leute zu ermitteln. Am 9. März wurde das Lokal geschlossen. Aus heutiger Sicht waren diese Maßnahmen völlig unzureichend, da 150 Personen pro Abend im „Kitzloch“ unterwegs waren.

    Untersuchungen und Klagen

    Dass Fehler gemacht wurden, räumen die Tiroler Politiker höchstens indirekt ein. So meint der Ischgler Bürgermeister Werner Kurz, man hätte mit dem heutigen Wissen wohl anders reagiert. Landeshauptmann Günther Platter findet, man habe nicht ahnen können, dass sich das Virus so schnell verbreite.

    „Das Buch von hinten zu lesen, ist sehr einfach“, erklärte er jüngst – und lobte seine eigenen „rasanten Entscheidungen“, die zur vorzeitigen Beendigung der Skisaison in ganz Tirol am Freitag, dem 13. März, führten. Am gleichen Tag stellte die Regierung in Wien das ganze Paznauntal unter Quarantäne.

    Die Reaktion der Politik untersucht eine unabhängige Kommission des Tiroler Landtags, die ihre Resultate im Oktober präsentiert. Gleichzeitig läuft ein Verfahren der Innsbrucker Staatsanwaltschaft, das dem Vorwurf nachgeht, die Behörden hätten Entscheidungen fahrlässig und möglicherweise aus Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen verzögert. Schließlich haben sich 5000 Personen einer primär gegen das österreichische Gesundheitsministerium gerichteten Sammelklage angeschlossen.

    Die Untersuchungen haben bisher wenig Zählbares zutage gefördert, auch, da die Vermischung von politischen und rechtlichen Vorwürfen die Abschiebung von Verantwortung und die Tiroler Wagenburgmentalität befördert. Die Ischgler sehen sich als Opfer, betonen immer wieder, das Virus sei eingeschleppt worden.

    Sie beschreiben eine chaotische Lage im März, mit ständig ändernden Instruktionen der Behörden, vor allem während der überstürzten Abreise der Gäste kurz vor der Schließung des Tals.

    Man beschwert sich über die Medienkampagne, eine Gesprächspartnerin berichtet, Leute aus dem Dorf seien in Innsbruck bespuckt, ihre Autos zerkratzt worden. Bernhard Zangerl erzählt von E-Mails mit Morddrohungen und Beleidigungen.

    Schutzkonzept für die Wintersaison

    „Ischgl ist als Marke sehr bekannt, polarisiert aber auch. Deshalb erhielt es im März die ganze Aufmerksamkeit“, glaubt Andreas Steibl, der Geschäftsführer des Tourismusverbands Paznaun-Ischgl. Die abgebrochene Saison habe die Tourismusgemeinde 30 Prozent des Umsatzes gekostet, da die Saison im hoch gelegenen Skigebiet besonders lang dauert. Immerhin habe die Sommersaison nur Einbußen von wenigen Prozentpunkten gebracht.

    „Es tut uns schrecklich leid, dass sich Leute bei uns infiziert haben“, sagt er in seinem hochmodernen Büro. Dies dürfe nie wieder vorkommen. Der 51-jährige gebürtige Wiener mit den langen blonden Haaren betont, Ischgl wolle zur sichersten Destination im Wintertourismus werden.

    Man habe ein Schutzkonzept für die Wintersaison ausgearbeitet, das die Desinfektion von Kabinen, die Ausgabe von Schutzmasken und Tests für Gäste und Mitarbeiter vorsehe.

    Schwieriger wird der Umgang mit dem Party-Tourismus, der laut einer aktuellen Befragung für über 90 Prozent der Gäste das Image und die Attraktivität Ischgls prägt. „Im Winter werden wir ihn massiv einschränken müssen“, räumt Steibl ein.

    Wie die Abwägung zwischen Wirtschaftlichkeit und Schutz im Après-Ski funktionieren soll, bleibt unklar. Im Gespräch sind Zwischensperrstunden zum Lüften, eine Verlagerung nach draußen und eine Begrenzung der Gästezahl. Einheitliche Regeln des Gesundheitsministeriums gibt es bis jetzt nicht, auch weil verschiedene Skiregionen sich nicht einig sind.

    Zu den Skeptikern gehört auch Bernhard Zangerl vom „Kitzloch“. „Es ist schwierig, Gäste zum Einhalten von Regeln zu bewegen, wenn sie getrunken haben. Irgendwann macht jeder, was er will.“ Zur Normalität werde Ischgl erst nach Corona zurückkehren, denn ohne den Massentourismus könne der Ort wirtschaftlich nicht überleben. Doch niemand mag hier darauf wetten, dass sich die Touristen im Winter wieder zu Hunderttausenden einfinden.

    Mehr: Österreichs Kanzler Kurz will Corona-Maßnahmen wieder verschärfen

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