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Wirtschaft in Not „Bloß schnell wieder aufmachen“ – Italien sehnt das Ende des Corona-Notstands herbei

Italien hat hohe Schulden aufgehäuft und war ohnehin auf dem Weg in die Rezession. Die Unternehmer können es kaum erwarten, wieder zu produzieren.
07.04.2020 - 15:50 Uhr Kommentieren
Italiens Wirtschaft drängt auf die Perspektive zur Wiederaufnahme der Produktion. Quelle: AFP
Colosseum in Rome

Italiens Wirtschaft drängt auf die Perspektive zur Wiederaufnahme der Produktion.

(Foto: AFP)

Rom Normalerweise stellt Diego Rossetti mit seinen beiden Brüdern in Parabiago bei Mailand Schuhe im Luxussegment her. Nun liest er „Schuld und Sühne“ von Dostojewski. „Das Jahr ist gelaufen“, sagt der CEO von Fratelli Rossetti. „Ich denke, dass wir hundertprozentig erst Anfang 2021 wieder starten und mit der Frühling-Sommer-Kollektion zurück in der Normalität sind.“

810 Kilometer weiter südlich in Ottaviano bei Neapel hat Paolo Scudieri die gleichen Probleme. Normalerweise ist der Chef der Adler Pelzer Group ständig auf Reisen rund um den Globus. „Jetzt sitze ich zu Hause, ein merkwürdiges Gefühl“, sagt er. Seine Branche ist die Autozulieferung.

Bei allen Unterschieden verkörpern die Schuhmarke und der Industriekonzern gleichermaßen „Made in Italy“. Beide Unternehmen wurden von den Vätern der jetzigen Chefs in den 50er- Jahren gegründet und beide sind exportorientiert. Italien ist nach Deutschland das zweitwichtigste Industrieland der EU.

Und das Exportgeschäft wird angeführt von Industrieerzeugnissen und Luxusprodukten, von Modeartikeln bis Autos. Nach Berechnungen des Industrieverbandes Confindustria wird der Export 2020 um 5,1 Prozent ins Minus rutschen.

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    Bislang ist der Export eine der Stärken der italienischen Wirtschaft. Auch das Vermögen der privaten Haushalte in Italien, das die Notenbank mit 4,4 Billionen Euro beziffert, trägt zur Stabilität bei. 

    Die Liste der Negativposten ist länger: Die Staatsverschuldung steigt kontinuierlich, Ende Januar lag sie bei gut 2,4 Billionen Euro und 136 Prozent der Wirtschaftsleistung. Dazu kommen weitere chronische Probleme des Landes: hohe Arbeitslosigkeit, ein rigider Arbeitsmarkt, eine schlecht funktionierende Bürokratie, ein zu langsames Justizwesen, Schattenwirtschaft, Steuerhinterziehung, Korruption.

    Italien hat ein Wachstumsproblem und die Wirtschaftsleistung ist auf dem Niveau von 2006. Schon vor der Coronakrise war Italien auf dem Weg in die Rezession. Wenn der Export einbricht, könnte die Staatsverschulung in kritische Höhen steigen.

    Jede Woche kostet Milliarden

    Erste Zahlen zum Shutdown lassen Schlimmes erahnen: „65 Prozent der Export-Unternehmen und 48 Prozent der nicht-exportierenden sind betroffen“, erklärt Gian Carlo Blangiardo, Präsident des nationalen Statistikamts Istat.

    Grafik

    Ein Monat Stopp bedeute einen Umsatzverlust von 100 Milliarden Euro und einen Verlust in der Wertschöpfung von 27 Milliarden. Aber noch steht nicht einmal fest, ob es in Italien bei einem Monat bleibt oder ob die Sperrmaßnahmen verlängert werden. 

    Noch drastischer rechnet das Münchener Ifo-Institut. Nicht ein Monat – eine einzige Woche Verlängerung verursache in Italien zusätzliche Kosten in Höhe von 14 bis 27 Milliarden Euro und damit einen Rückgang des Wachstums um 0,8 bis 1,5 Prozentpunkte. Eine Verlängerung des Shutdown bedeute einen Verlust von 6,3 Prozentpunkten Wachstum, bei drei Monaten wären es 11,2 bis 19,1 Prozentpunkte.

    Derzeit heißt es, der Ostermontag solle der letzte Tag der Ausgangssperre und des Produktionsstopps sein. Doch schon oft hat Premier Giuseppe Conte kurzfristig eine Verlängerung verkündet. Was jetzt schon klar ist: Es wird nur eine schrittweise und langsame Rückkehr in die Normalität geben. Das Tempo soll von der Zahl der Neuinfektionen abhängen.

    Die Regierung in Rom hatte den Industriestopp am 21. März verkündet, zwei Wochen nach dem Shutdown für alle in Italien, als Geschäfte, Restaurants und Bars geschlossen wurden. Seitdem darf man nur aus dem Haus, um zum Arzt, in die Apotheke oder in den Supermarkt zu gehen.

    Die Regierung beschloss die drastischen Beschränkungen, um die Coronaseuche in den Griff zu bekommen. In Italien sind rund 133.000 Menschen infiziert und rund 17.000 gestorben, mehr als in anderen Ländern Europas. Immerhin geht seit ein paar Tagen die Zahl der neu Infizierten und der Toten etwas zurück.

    Die Regierung in Rom hatte den Industriestopp am 21. März verkündet. Quelle: Getty Images; Per-Anders Pettersson
    Industrie

    Die Regierung in Rom hatte den Industriestopp am 21. März verkündet.

    (Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson)

    Ökonomisch ist der Schaden des Industriestopps katastrophal, das Wirtschaftssystem der drittgrößten Volkswirtschaft in der Euro-Zone steht vor dem Kollaps. An erster Stelle müsse die Gesundheit der Menschen stehen, heißt es beim Industrieverband Confindustria.

    Aber man müsse auch sofort agieren, „damit unser Land diese dramatische Phase angehen kann und nach dem gesundheitlichen Notstand wieder aufstehen kann“, sagt Stefano Manzocchi, Chefvolkswirt von Confindustria. Es müsse schnell gehen.

    „Die Auftragsbücher sind ziemlich leer“, sagt Schuhproduzent Rossetti. Die Sommerware habe er noch an die Läden ausgeliefert, das Lager sei ziemlich leer. Aber: „Die Geschäfte verkaufen nichts, da ja alle geschlossen sind. Und deshalb können sie nicht zahlen.“ Das gleiche Problem habe er mit den eigenen Läden, „alle sind voller Ware“.

    „Zumachen ist sehr schmerzvoll, vor allem, wenn es ein Land betrifft“, sagt Adler-Pelzer-Chef Scudieri, der weltweit 64 Werke und einen Milliarden-Umsatz hat. Er erinnert an die globale Wertschöpfungskette, die vor allem für die Autobranche fundamental wichtig ist. Besonders eng sei die Verbindung mit Deutschland. „Eine gemeinsame Entscheidung in Europa zu Werksschließungen wäre gerechter gewesen“, meint er.

    Der Hilferuf der Wirtschaft ist deutlich: Die Politik müsse in dieser ersten Phase der Krise verhindern, dass die aktuelle Rezession die Industrie zerstört, heißt es in der Konjunkturstudie von Confindustria. Präsident Vincenzo Boccia fordert „unkonventionelle Maßnahmen“, damit sich die Angst der Menschen nicht in Panik wandele. Nötig sei auch schon jetzt ein Investitionsplan für den Wiederbeginn in der zweiten Jahreshälfte und für 2021.

    „Das Allerwichtigste ist jetzt eine Injektion von Liquidität“, sagt Rossetti. „Den Unternehmen muss Geld geliehen werden, zu niedrigsten Zinsen und mit einer langen Laufzeit, damit die Wirtschaft wieder in Schwung kommen kann.“ Er rechnet mit acht bis zehn Monaten, bis die Wirtschaft wieder anläuft.

    Zweites Paket umfasst 400 Milliarden

    Mehr als zwei Wochen hat die Regierung an ihrem zweiten Hilfspaket gebastelt. Das erste mit einem Volumen von 25 Milliarden Euro war nur für den März gedacht. Am Montagabend kam das neue Dekret, bis zuletzt stritten die Koalitionspartner über die Höhe der staatlichen Garantie: 90 oder 100 Prozent oder eine Abstufung je nach Höhe des Kredits.

    Wir stellen 400 Milliarden Euro an Liquidität zur Verfügung, eine wahre Feuerkraft“, sagte Premier Conte am Montagabend. Dazu kämen zahlreiche andere Maßnahmen für April und Mai. Eine 100-prozentige Staatsgarantie ist jedoch nur für ganz kleine Unternehmen und für Kredite bis 25 Millionen Euro vorgesehen. 

    Soviel Geld wie möglich verlangt auch Leonardo Del Vecchio, Hauptaktionär des Brillenherstellers EssiLux: „Natürlich wird die Staatsverschuldung steigen, es gibt keine andere Lösung. Aber wenn sich ganz Europa zusammen verschuldet, werden die Zinsen niedriger sein als die der einzelnen Staaten und alle haben einen Vorteil.“

    Die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus kritisieren die Unternehmer nicht: „Die Regierung war sehr aufmerksam und war zur Stelle“, sagt Scudieri.

    Jetzt müsse nur schnell wieder aufgemacht werden, um die Wettbewerbsfähigkeit nicht zu verlieren. „Der Lockdown war die richtige Maßnahme, wir mussten einen großen Schaden für eine kurze Zeit hinnehmen“, sagt Rossetti.

    In noch einem Punkt sind sich die Unternehmer einig: „Ich bin ein überzeugter Europäer, es tut mir leid um die fehlende Solidarität“, sagt Rossetti. „Es wäre wichtig, wenn alle gleichzeitig wieder starteten, denn wenn es Verschiebungen gibt, wird es sehr schwierig“, sagt Scudieri. Zu lange hätten die Länder im Norden geglaubt, die Corona-Seuche sei ein Unglück, das nur Italien zugestoßen sei, sagt fast jeder, den man fragt. 

    Luca Cordero di Montezemolo, der frühere Chef von Ferrari und Alitalia, fordert einen Plan für die Zeit nach dem Shutdown. Dazu gehöre an erster Stelle die Vereinfachung des Verwaltungsapparats. „Der wahre Feind ist die Bürokratie“, sagt auch Scudieri.

    Zwei Lichtblicke gibt es: In China wird wieder gearbeitet. „Von unseren 18 Fabriken weltweit sind nur die beiden in China geöffnet“, sagt Marco Tronchetti Provera, CEO des Reifenherstellers Pirelli. Und auch Scudieri sagt, dass seine Werke in China zu 90 Prozent wieder gestartet seien. „Wir versuchen, uns den Optimismus zu bewahren“, meint er.

    Und wie lange geht das noch? „Vorhersagen in diesen Zeiten sind Zeitverschwendungen“, sagt Rossetti.

    Mehr400 Milliarden Euro sollen der italienischen Wirtschaft helfen.

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