Bewerten Sie uns Beantworten Sie drei Fragen und helfen Sie uns mit Ihrem Feedback handelsblatt.com zu verbessern. (Dauer ca. eine Minute)
Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Wirtschaftsausblick Warum der Türkei eine Rezession droht

Donald Trump droht der Türkei mit „wirtschaftlicher Zerstörung“. Doch das ist nicht Erdogans größte Sorge. Sechs Gründe für einen Rückgang der türkischen Wirtschaft.
Kommentieren
Donald Trump droht der Türkei. Quelle: dpa
Türkische Flagge in Istanbul

Donald Trump droht der Türkei.

(Foto: dpa)

IstanbulDie Türkei scheint derzeit von jedem Krisenherd der Welt betroffen zu sein. Flüchtlingskrise, Syrienkrieg, Handelsstreit, Khashoggi-Mord, Trump: Immer, wenn man glaubt, das eine Problem sei erledigt, erscheint ein neues. Vor allem die türkische Wirtschaft leidet unter diesem Dauerstress.

Zuletzt drohte US-Präsident Donald Trump der Türkei mit „wirtschaftlicher Zerstörung“, sollte Ankara in Syrien nicht mit Washington kooperieren. Die türkische Lira sackte binnen Stunden um mehrere Prozent ab. Der türkische Präsident Erdogan betont zwar, dass die türkische Wirtschaft robust sei und auch in diesem Jahr wachsen werde.

Doch gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass dem Land eine ausgewachsene Rezession droht, die auch deutsche Unternehmer in der Türkei treffen könnte. Sie sollten auf die folgenden Indikatoren achten:

1. Handelskriege fördern globale Rezessionsängste

Die USA richten unter Präsident Donald Trump ihre komplette Handelspolitik neu aus. Dabei scheut Trump auch nicht vor Konflikten mit alten Partnern wie Deutschland, Europa und aufstrebenden Technologie-Mächten wie China. Gleichzeitig will Trump den Dollar stärken. Wirtschaftsexperten warnen schon jetzt vor einem globalen Abschwung.

So senkte die OECD etwa für China ihre Prognosen: auf 6,6 Prozent für dieses und 6,3 Prozent für nächstes Jahr. 2020 erwartet die OECD dann 6,0 Prozent. Die Leidtragenden sind vor allem Schwellenländer wie Argentinien oder die Türkei, die in den vergangenen Jahren vom Turbowachstum in Asien und der generell guten Weltkonjunktur nach der jüngsten Finanzkrise profitiert hatten.

Die Drohungen von Donald Trump drückten auch den Wert der Landeswährung. Quelle: action press
Türkische Währung Lira

Die Drohungen von Donald Trump drückten auch den Wert der Landeswährung.

(Foto: action press)

„Das globale Wachstum ist stark, hat seinen Höhepunkt aber erreicht“, erklärte OECD-Chefökonomin Laurence Boone. Schon im vergangenen Jahr gehörte unter anderem die Türkei zu den Absteigern bei der Währung, die unter den globalen Ängsten und Streitereien litt. In diesem Jahr könnte die Wirtschaft ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen werden.

2. Die Konsumausgaben sinken schon jetzt

Wie groß die Gefahr einer türkischen Rezession ist, zeigt sich bereits jetzt beim Konsum. Bei der Bevölkerung saß die Kreditkarte schon immer recht locker. Das gilt ganz besonders für große Anschaffungen wie ein Auto, ein neues Haus oder teure Küchengeräte.

Doch gerade bei diesen Gütern sinkt die Kauflaune: Im Jahr 2018 sanken die Ausgaben für Autos und leichte Fahrzeuge wie Motorroller um 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Rund 620.000 Fahrzeuge wechselten im Jahr 2018 den Besitzer, im Jahr davor war es noch fast eine Million. In den vergangenen Monaten wurden außerdem immer weniger Häuser verkauft.

Das Jahr 2017 war geprägt von mehreren Wachstumsprogrammen der türkischen Regierung. Ein leichter Abschwung im Folgejahr 2018 erscheint daher logisch. Doch hat die Regierung inzwischen eine Reihe Steuererleichterungen und andere Anreize auf den Weg gebracht, um den Konsum anzukurbeln.

Trotzdem werden weniger Autos verkauft. „Das zeigt, dass das Konsumverhalten der Türkinnen und Türken derzeit stark sinkt“, erklären die Experten von der türkischen Beratungsfirma Ceen.

3. Die starken Exporte

Nicht nur das Verhalten der Konsumenten deutet einen Abschwung an, sondern auch das der Industrie. Der Abschwung der türkischen Lira im vergangenen Jahr hatte noch einen ganz handfesten Vorteil für türkische Exporteure parat: Ihre Produkte wurden im Ausland billiger.

Je schwächer die türkische Lira wurde, desto günstiger konnten Kunden in der Euro-Zone oder im Dollar-Raum ein Produkt aus der Türkei erwerben, etwa Textilien, Autoteile oder einen Urlaub an der Riviera. Im Jahr 2018 stiegen die Exporte des Landes daher um 7,1 Prozent auf 168 Milliarden Dollar, wie Handelsministerin Pekcan kürzlich bekanntgab.

Das Handelsdefizit – also die Differenz aus Importen und Exporten – sank um mehr als 20 Milliarden Dollar. Doch während die Regierung diese Zahlen als „Sieg gegen die spekulativen Währungsattacken“ fremder Mächte feiert, vergessen die Politiker in Ankara einen wichtigen Umstand.

Die exportorientierte türkische Wirtschaft ist immer noch stark von Importen sogenannter Zwischengüter abhängig, die für die heimische Produktion unabdingbar sind. So muss die Türkei zum Beispiel Rohöl importieren, aber auch Maschinen für die Produktion von Autoteilen.

Deren Preise werden in aller Regel in Dollar angegeben, das heißt: Diese Produkte haben sich, in Lira umgerechnet, stark verteuert. Sie neu zu bestellen können sich viele Produzenten im Land auf Dauer nicht leisten. Experten rechnen daher mit einer scharfen einjährigen Rezession, weil die Produktionsfähigkeit der türkischen Wirtschaft in diesem Jahr abnehmen wird.

Der türkische Einkaufsmanagerindex sank im Dezember laut der Istanbuler Handelskammer auf einen Wert von 44,2. Das ist der zweittiefste Stand seit der Finanzkrise vor über zehn Jahren. Sowohl die Produktion als auch neue Exportbestellungen und damit zusammenhängend die Beschäftigung seien gesunken, heißt es unter anderem in der Begründung des Index-Dienstleisters Markit. Auch die industrielle Produktion ist seit November rückläufig.

4. Die Kommunalwahlen am 31. März

Seit 2014 hat in der Türkei in jedem Jahr mindestens eine wichtige Wahl stattgefunden – außer 2016, doch in dem Jahr gab es den Putschversuch sowie den anschließenden Ausnahmezustand des Landes. Die Politik, ob Regierung oder Opposition, befand sich über vier Jahre im Dauer-Wahlkampf.

Ende März werden die Bürgermeister und Gouverneure der 81 türkischen Provinzen neu gewählt. Umfragen zufolge sieht es gut aus für die Regierungspartei AKP und ihre „Nationale Allianz“ mit der rechtsnationalen MHP. Die AKP hat Steuererleichterungen und ein Amnestieprogramm für illegale Hausbauten vorsorglich verlängert, um die Wählergunst zu erhalten.

Für die Wirtschaft dürfte das allerdings nach der Wahl nichts Gutes bedeuten. Sollten AKP und MHP die Wahlen gewinnen, rechnen Beobachter mit einem einschneidenden Austeritätsprogramm für die folgenden Monate. Das würde bedeuten: Steuern rauf, Staatsausgaben runter, staatliche Großprojekte auf Sparflamme.

Die ökonomischen Folgen sind offensichtlich: Die Wirtschaftsleistung wird gebremst, wenn nicht sogar abgewürgt. Dafür spricht auch, dass das Finanzministerium seit Monaten alle Großprojekte der Regierung überprüft und bei mangelnder Finanzierung umgehend den Rotstift ansetzt.

So stehen auf einer Baustelle für einen neuen Hafenpier in Istanbul derzeit so gut wie alle Bagger still. Auch der neue Flughafen der Metropole ist nicht wie geplant bis zum Jahreswechsel fertig geworden.

5. Hohe Verschuldung

Die Türkei sitzt auf einem Schuldenberg. Der ist zwar lange nicht so hoch wie die in Italien und Griechenland, könnte aber dennoch gefährlich werden. Vor allem, weil der Großteil davon in Auslandswährungen aufgenommen worden ist.

Alleine der Privatsektor sitzt auf Auslandskrediten in Höhe von 305,9 Milliarden Dollar, wie das Finanzministerium kürzlich bekanntgab. Mit 215,9 Milliarden Dollar sind zwar mehr als zwei Drittel davon erst in mehr als einem Jahr fällig. Doch weil mehr als die Hälfte dieser Schulden in Dollar beglichen werden müssen, haben sich diese Kredite aufgrund der schwachen Lira im vergangenen Jahr extrem verteuert.

Schon jetzt müssen Unternehmen Milliardenbeträge umschulden – in der Hoffnung, bei den Banken bessere Konditionen für ihre Finanzierung aushandeln zu können. Selbst die besten türkischen Fußballvereine wie Besiktas Istanbul oder Fenerbahce müssen insgesamt mehr als zwei Milliarden Dollar umschulden.

Zwar sind Schulden an und für sich kein böses Omen für eine Rezession. Die Gefahr besteht darin, dass den Banken irgendwann allerdings das Geld ausgehen könnte, um neue Projekte zu finanzieren und damit Wachstum zu generieren. Das zeigt sich bereits jetzt bei den staatlichen Großprojekten.

6. Geopolitik

Die Türkei grenzt an ein Kriegsgebiet. Mehr als 900 Kilometer Grenze teilt sich das Land mit Syrien. Und neben Millionen von Flüchtlingen haben bisweilen auch Raketen die Grenze über die Türkei überquert und dort Menschen getötet. Umgekehrt sind türkische Soldaten bisher zwei Mal in Syrien einmarschiert.

Aktuell droht ein dritter Einmarsch. Nach dem angekündigten Rückzug der USA aus Nordostsyrien droht in der wirtschaftlich extrem wichtigen Region ein Machtvakuum. Die Türkei will einerseits ihre Grenzregion schützen, andererseits im regionalen Machtkampf nicht ins Hintertreffen geraten. Wirtschaftlich bedeutet das, dass ein Krieg Staatsausgaben verursacht. Dieses Geld fehlt an anderer Stelle.

Bei den Hinweisen auf den wirtschaftlichen Abschwung handelt es sich um variable Faktoren. Das heißt, am Ende des Jahres können sie sich auch anders entwickelt haben. Zudem gibt es gibt auch einige positive Faktoren.

So hat sich der Tourismus im Land zuletzt sehr gut entwickelt. Nachdem das Land jahrelang von Terrorattacken getroffen worden war, haben Reisende wieder Vertrauen in die Türkei gefasst. Die Zahl der Urlauber erreichte im vergangenen Jahr beinahe die alten Höchststände. Tourismusminister Ersoy will bis 2023 bis zu 70 Millionen Gäste pro Jahr ins Land locken. Eine wichtige Rolle spielen dabei Touristen aus China und anderen asiatischen Ländern.

Auch andere Industriebereiche wie Rüstung, Automobil und Textilien sind relativ krisenfest. Trotzdem deutet derzeit vieles darauf hin, dass sich der türkische Konjunkturmotor im Jahr 2019 erheblich abkühlen wird.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Wirtschaftsausblick - Warum der Türkei eine Rezession droht

0 Kommentare zu "Wirtschaftsausblick: Warum der Türkei eine Rezession droht"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%