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Wirtschaftsdaten Regierungsbehörde in Indien soll Zahlen geschönt haben

Ein geleakter Bericht nährt Zweifel am indischen Wirtschaftsboom. Demnach ist mehr als jedes dritte Unternehmen falsch klassifiziert, inaktiv oder existiert nur auf dem Papier.
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Der indische Regierungschef hat sich als Ziel gesetzt, die Wirtschaft des Landes zu modernisieren. Quelle: Reuters
Narendra Modi

Der indische Regierungschef hat sich als Ziel gesetzt, die Wirtschaft des Landes zu modernisieren.

(Foto: Reuters)

BangkokEs ist ein Titel, auf den viele auf dem Subkontinent stolz sind, vor allem Regierungschef Narendra Modi: Indien ist die am schnellsten wachsende G20-Nation. Mehr als 6,5 Prozent ist die drittgrößte asiatische Volkswirtschaft laut offiziellen Angaben in den vergangenen beiden Jahren gewachsen. Das ist schneller als der enteilte Erzrivale China. Die Aufholjagd hat endlich begonnen, hoffen viele.

Doch die Wahrheit ist wohl eine andere. Schon länger stehen Teile der Regierung unter Verdacht, die prächtigen Wachstumszahlen des Subkontinents geschönt zu haben. Wegen eines neuen Berichts verlieren die Statistiker der Regierung nun noch mehr Vertrauen.

Die Kritik an der nationalen Statistikbehörde stammt ausgerechnet von einem anderen Amt der Regierung, dem National Sample Survey Office. In einem vergangene Woche veröffentlichten Bericht kommen die Beamten zu einem erschreckenden Ergebnis: In einem wichtigen Datensatz zur Wachstumsberechnung sind rund 39 Prozent der Unternehmen falsch klassifiziert, existieren nur auf dem Papier oder sind inaktiv. Das Statistikministerium kündigte an, den Fall zu untersuchen.

Beobachter warnen bereits: „Indien hatte eine globale Reputation für die Qualität seiner Statistiken. Es ist schade, dass dies nun beschädigt ist“, schreibt der indischstämmige ehemalige Weltbank-Chefökonom Kaushik Basu auf Twitter. „Wenigstens könnte das erklären, warum Indiens Wachstumszahlen nicht zu der langsamen Schaffung von Arbeitsplätzen passen.“

Wie Basu gehen auch andere Ökonomen davon aus, dass der fehlerhafte Datensatz Indiens Wirtschaft besser aussehen lässt, als sie eigentlich dasteht. Die Regierung widerspricht dem zwar vehement. Doch nicht nur der schwache Arbeitsmarkt deutet auf ein eigentlich langsameres Wachstum hin. Auch mehrere Banken und Fonds sind mittlerweile dazu übergangen, zur Beurteilung der indischen Konjunktur Daten wie Autoverkäufe oder Frachtvolumen heranzuziehen – die oft ein traurigeres Bild abgeben.

Die neue Debatte kommt für den Regierungschef Narendra Modi zu einem ungünstigen Zeitpunkt. In Indien wird seit dem 11. April gewählt. In den letzten Bundesstaaten gehen die Wähler am 19. Mai zu den Urnen. Die Ergebnisse werden am 23. Mai erwartet.

Die Zweifel am indischen Wirtschaftswachstum zielen auf eines der wichtigsten Wahlkampfthemen von Modi. Der Reformer ist angetreten, die indische Wirtschaft zu modernisieren und zu einem globalen Exportstandort umzubauen. Die Ergebnisse sind jedoch noch überschaubar, vor allem auf dem Land ist die Unzufriedenheit zuletzt gewachsen. Dass sich das vermeintliche Wachstumswunder nun möglicherweise als Budenzauber herausstellt, greift die Opposition gerne auf.

Schon länger steht Modis Regierung unter Verdacht, dass Macher-Image des Ministerpräsidenten auch durch statistische Tricks zu befeuern. Bereits 2015 änderte die Regierung die Berechnungsmethode: Für das erste Modi-Jahr errechneten die Statistiker ein signifikant stärkeres Wachstum. Unter der Vorgängerregierung soll die Konjunktur dagegen deutlich schwächer gewesen sein.

Die neue Methode ist moderner im Einklang mit internationalen Standards, Zweifel bleiben jedoch noch immer bei der Umsetzung. Auch aus dem Internationalen Währungsfonds kam erst dieses Jahr Kritik an den Berechnungen der Inder. Es fehle an Transparenz, klagte die Chefökonomin des Währungsfonds, Gita Gopinath. Insbesondere der sogenannte Deflator ist unter Verdacht. Mit ihm wird die Inflation aus dem Wachstum herausgerechnet.

Für Misstrauen an der Regierung sorgt auch, dass negative Zahlen zurückgehalten wurden. Erst in diesem Jahr traten zwei ranghohe Mitarbeiter der Statistikbehörde zurück, weil die Regierung einen katastrophalen Arbeitsmarktbericht nicht veröffentlichen wollte.

Der Bericht war schließlich geleakt worden: Demnach ist die Arbeitslosigkeit in Indien so hoch wie seit 45 Jahren nicht mehr. Später protestierten 108 indische Wissenschaftler in einem offenen Brief gegen die politische Instrumentalisierung der Statistikämter.

Die unzuverlässigen Zahlenwerke in Indien sind nicht nur peinlich. Beobachter befürchten, dass sie auch die weitere Entwicklung des Landes behindern werden. „All das bedeutet, dass wir erst einmal im Unklaren bleiben werden über den wahren Zustand der Wirtschaft“, urteilt Shilan Shah, Indienökonom des Beratungsunternehmens Capital Economics. „Das wird das Investorenvertrauen weiter untergraben und erhöht das Risiko für falsche politische Entscheidungen.“

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