Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Wirtschaftskraft lässt nach Scheinriese Putin

Putin markiert den starken Mann – doch in Wahrheit ist er schwach. Sein Land ist auf ausländisches Kapital angewiesen. Die Wirtschaft befindet sich auf dem Weg in die Rezession. Wo Russland verwundbar ist.
60 Kommentare
Russlands Präsident Putin bei den Olympischen Spielen in Sotschi: Die Wirtschaft seines Landes hat viele Schwachstellen. Quelle: dpa

Russlands Präsident Putin bei den Olympischen Spielen in Sotschi: Die Wirtschaft seines Landes hat viele Schwachstellen.

(Foto: dpa)

DüsseldorfEin Ergebnis wie in besten Sowjet-Zeiten: Bei dem Referendum auf der Krim sollen 96 Prozent der Bewohner für eine Abspaltung von der Ukraine gestimmt haben. Der Anschluss der Halbinsel an Russland scheint nur noch eine Frage von Tagen zu sein. Russland hat eine Waffenruhe bis Freitag zugesagt. Das klingt nicht nach Diplomatie, sondern nach einer Drohung.

Unmissverständlich demonstriert Wladimir Putin seine Macht. Niemand scheint ihm etwas entgegen setzen zu können. Doch der russische Präsident ist nicht so stark, wie er vorgibt. Russland ist zwar militärisch in der Region übermächtig. Aber wirtschaftlich ist das Land anfällig. Der Kurs, den Putin eingeschlagen hat, führt direkt in eine Wirtschaftskrise.

Auf den ersten Blick sieht Russland wie eine Großmacht aus: Das Land steht für einen Anteil von knapp drei Prozent am weltweiten Bruttoinlandsprodukt und für knapp fünf Prozent am Welthandel. Aus Russland kommen 13 Prozent des weltweit des gehandelten Öls. Die russische Notenbank verfügt über fast 500 Milliarden Dollar an Devisenreserven – die Verschuldung im Ausland ist durch diese Reserven fast vollständig gedeckt. Und nicht zu vergessen: Russland sitzt im Weltsicherheitsrat.

Doch schon vor der Krim-Krise befand sich die russische Wirtschaft in keinem guten Zustand. Das Wirtschaftswachstum ließ stark nach. Investoren haben Kapital abgezogen. Jetzt kommt hinzu, dass internationale Sanktionen die Lage noch verschärfen und die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Westen verschlechtern könnten. „Die wirtschaftliche Situation zeigt Anzeichen einer Krise“, räumt Vize-Wirtschaftsminister Sergej Beljakow ein. Auch die Analysten der russischen Bank VTB Capital stellten fest, die Wirtschaft stehe wegen der allgemeinen Unsicherheit „unter Schock“. Bei vielen Unternehmen gebe es einen Investitions- und Einstellungsstopp und auch die privaten Haushalte hielten sich bei ihren Ausgaben zurück. Eine Rezession sei kaum noch vermeidbar.

Der Westen stellt sich an die Seite der Ukraine. Moskau werde „einen Preis zahlen“ müssen, ließ US-Präsident Barack Obama am Sonntagabend nach dem Referendum auf dem Krim mitteilen. Die ersten Maßnahmen folgten am Montag - sie richten sich gegen russische Politiker. Ab sofort dürfen bestimmte Personen nicht mehr in die USA oder EU einreisen. Konten werden eingefroren. Auf der Schwarzen Liste stehen unter anderem die Namen von dem pro-russichen Krim-Anführer Sergej Aksionow oder dem stellvertretenden Präsidenten der russischen Duma, Sergej Schelesnjak. Noch schreckt der Westen vor weiteren Strafaktionen zurück, auch weil man weiß, dass sie auf Europa und insebesondere Deutschland zurückfallen werden. Doch die nächste Stufe der Eskalation ist nicht ausgeschlossen. Das wären Beschränkungen, die Handel und Kapitalverkehr insgesamt betreffen; Maßnahmen, die sonst gegen sogenannte Schurkenstaaten wie Iran, Irak, Libyen oder Nordkorea zum Einsatz kommen.

Abhängig von ausländischem Kapital

Putin holt zum Gegenschlag aus

Russland ist auf Kapital aus dem Ausland angewiesen. Dabei ist die Staatsverschuldung nicht einmal das Problem: nur etwa ein Fünftel der russischen Staatsanleihen befindet sich in der Hand internationaler Investoren.

Die Auslandsverschuldung der russischen Unternehmen, die bei rund 40 Prozent liegt, ist da schon kritischer. Sollten sich Investoren aufgrund von Sanktionen oder anderen Gründen zurückziehen, wird es für russische Unternehmen schwerer, an Geld zu kommen. Es ist fraglich, ob sich dies durch andere Quellen – etwa Staatsfonds aus China oder dem Nahen Osten – ausgleichen ließe.

„Russische Unternehmen gehören zu den aktivsten auf den internationalen Anleihemärkten“, sagt Francesc Balcells vom Vermögensverwalter Pimco. Russland habe viel unternommen, um seinen Anleihenmarkt zu öffnen: „Jede Konfrontation mit dem Westen würde diese Erfolge zerstören.“

Seit Beginn des Konflikts um die Krim sind die Zinsen sowohl für Staats- als auch Unternehmensanleihen deutlich gestiegen. Die Aktienkurse russischer Unternehmen sind eingebrochen - rund 70 Prozent der russischen Aktien sind im Besitz von Ausländern. Besonders stark verloren haben Banken wie Sberbank oder VTB. Sie müssten einspringen, falls die russische Wirtschaft in einer Kreditklemme geraten würde.

„Schon jetzt kann ich versichern, dass die Kredithähne für Russland gerade zugedreht werden“, erklärte der langjährige russische Finanzministers Alexej Kudrin am Freitag. Kudrin, der von 2000 bis 2011 Finanzminister war, rechnet damit, dass bestimmte Kredite nicht mehr an Russland vergeben und Gemeinschaftsunternehmen mit ausländischen Partnern gestoppt würden. Gleichzeitig dürften in den kommenden Monaten weitere Milliarden aus Russland abfließen.

Bereits im vergangenen Jahr haben Investoren unter dem Strich rund 60 Milliarden Dollar aus Russland abgezogen, im Januar waren es 17 Milliarden Dollar. Die Kapitalflucht hinterlässt deutliche Spuren: Der russische Rubel fiel im vergangenen Jahr gegen den Dollar um 20 Prozent.

Auf dem Weg in die Rezession

Was bringen Sanktionen gegen Russland überhaupt?

Da Russland wenig Industrie hat, ist es stark auf Importe angewiesen – und diese werden durch die Abwertung viel teurer. Die russische Zentralbank versucht, eine weitere Abwertung der Währung zu stoppen: Anfang März hat sie die Leitzinsen um 1,5 Prozentpunkte auf sieben Prozent angehoben und ausländische Währungen im Wert von elf Milliarden Dollar verkauft. Geholfen hat das allerdings wenig.

„Es ist unwahrscheinlich, dass die russische Zentralbank damit die Märkte beeindrucken kann“, sagt Schwellenländer-Experte Simon Quijano-Evans von der Commerzbank. Die Kapitalabflüsse gingen vor allem von Einheimischen aus - und die reagierten kaum auf den Zins.
Fest steht hingegen: Höhere Zinsen mindern die Attraktivität von Investitionen und schaden der Konjunktur. Aktuell prognostiziert der IWF 2014 für Russland ein Wachstum von 3,0 Prozent. Inzwischen jedoch kann Putin froh sein, wenn die russisches Wirtschaft nicht schrumpft.

Experten gehen davon aus, dass Russland im Zuge der politischen Spannungen in eine Rezession abgleiten dürfte. Schon 2013 war die russische Wirtschaft mit 1,3 Prozent nur noch sehr langsam gewachsen. Anders als andere Schwellenländer wie die Türkei oder Indonesien steht Russland außenwirtschaftlich eigentlich relativ stabil da. Dank seiner Ölexporte verzeichnet Russland seit Jahren hohe Überschüsse in der Leistungsbilanz: 2013 lag dieser bei 3,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Aber die größte Stärke der russischen Wirtschaft ist zugleich die größte Schwäche: Die Abhängigkeit vom Öl. Mehr als die Hälfte der Exporterlöse (2012: 54 Prozent) erzielt Russland mit Öl. Lange Zeit lebte es gut damit. Von 1998 bis 2008 kannte der Ölpreis nur eine Richtung: nach oben. Der Preis für die Marke WTI stieg von knapp zehn bis auf 147 Dollar. Doch dann ging es in der Finanzkrise ebenso steil nach unten - und der schwache Ölpreis zog Russlands Wirtschaft mit nach unten.

Russland leidet an der „holländischen Krankheit“

Quelle: dpa
(Foto: dpa)

An der starken Abhängigkeit hat sich bis heute nichts geändert. „In den vergangenen zehn bis 20 Jahren hat es keine weitgehende wirtschaftliche Diversifikation gegeben“, sagt der Schwellenländer-Experte Simon Quijano-Evans von der Commerzbank.
Russlands Wirtschaft leidet unter einem Phänomen, das Ökonomen „holländische Krankheit“ nennen. Gemeint ist die Verdrängung des Industriesektors durch den Rohstoffsektor. In Holland waren es in den 1960er-Jahren große Erdgasfunde, die einen tiefgehenden Strukturwandel nach sich zogen. Durch die hohen Erdgasexporte stieg der Wechselkurs der niederländischen Währung kräftig. Zudem trieb die hohe Nachfrage nach Arbeitskräften im Rohstoffsektor die Löhne und Preise in die Höhe. Beides verschlechterte die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie erheblich.

Ähnliche Probleme hat auch Russland. Dort hat sich neben dem Öl- und Gassektor kaum wettbewerbsfähige Industrie entwickelt. Allenfalls gibt es ein paar Waffenhersteller, die von besonders laxen Ausfuhrbestimmungen profitieren.

Die einseitige Ausrichtung der russischen Wirtschaft macht sie anfällig. „Das größte Problem für die russische Wirtschaft wäre ein niedrigerer Ölpreis“, sagt Schwellenländer-Experte Quijano-Evans.
Politische Einflussmöglichkeiten auf den Ölpreis gibt es durchaus. Vor zwei Jahren erklärte der saudische Ölminister einen Ölpreis von 100 Dollar zum Ziel. Seit der Ankündigung pendelt der Preis tatsächlich relativ stabil um diese Marke.

Natürlich verfügen die OPEC-Länder - und allen voran Saudi-Arabien - durch ihren hohen Anteil an der Ölproduktion über einen größeren Hebel als Deutschland und die EU-Länder. Die USA allerdings können den Ölmarkt durchaus stärker beeinflussen. Inzwischen sind sie zum größten Ölproduzent der Welt aufgestiegen. Wenn die USA ihre Importe verknappen, könnte das den Preis durchaus beeinflussen – und damit Russland treffen.

Brexit 2019
Startseite

Mehr zu: Wirtschaftskraft lässt nach - Scheinriese Putin

60 Kommentare zu "Wirtschaftskraft lässt nach: Scheinriese Putin"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Mit viel Freude machen die USA Sanktionen gegen Russland,die US-Politiker haben selbst die Sanktionsgruende initiiert.

    Ursache aller Probleme sind das Expansionismus der Nato+Europa ostwaerts unterstuetzt von USA,die panisch sind das Europa voellig mit Russland kooperiert,weil dann verliert die USA viel an Bedeutung.Planetarisch gesehen ist die Kooperation Europa mit Russland richtig,weil Russland ueber 25% aller globalen Bodenschaetze verfuegt,woran Europa so arm ist.Europa ist reich an IndustieAnlagen,technische Verfahren,industielle Produkte woran Russland so arm ist.Deshalb muessen Politiker die diese UkraineKrise verursacht haben,in die Schranken gewiesen werden als falsche Zukunft fuer Europa.Besonders Laender wie Polen+Litauen die aus historischen Gruenden noch von der polnisch/litauischen Union traeumen.Eine Verbesserung der Situation koennte kommen wenn Ukraine die Moeglichkeit geboten wird zwischen beiden Bloecken zu leben,also zwischen EU+Russland,was dann automatisch die Kooperation zwischen EU+Russland befoerdern wurde+das Auseinanderfallen des Landes verhindern wuerde
    Konsequenzen fuer die Europawahl wird es am 22. Mai bestimmt geben

  • Kleine Männer sind gefährlich und halten zusammen. Sonst hätte Gazprom-Gerd Herrn Putin nicht als den "lupenreinen Demokraten" bezeichnet ! Klar ist aber das wir unsere Bezugsquellen für Gas auf mehrere Schultern packen müssen.
    Es reicht doch wohl schon das wir - die BRD - über 7 Milliarden für die Ostseepipeline ausgegeben haben. Herr Schröder hat das mächtig forciert und heute wissen wir weshalb ! Und trotzdem haben die Russen kein Problem uns das Gas zu sperren. Und trotz der Zahlung für die Pipeline hat Gazprom die Preise erhöht..... aber die Ukraine hat 30 % Sonderrabatt bekommen. Vielleicht sollte man mal Druck bei Schröder machen ?????

  • Scheinriese EU. Wo sind unsere Rohstoffe? Wir sind von allem abhängig und voller Schulden.

  • PEM, Sie sagen ES! Jeder Satz ist Fakt!

  • Also Dilling, da ist - nicht nur zwischen den Zeilen - Spekulation pur ihrerseits. Oder sitzen Sie direkt im Kreml? Dann bringen Sie meeeehr Fakten!

  • P.S.: 100% in den letzten 7 Jahren Wertzuwachs in Betongold (schuldenfinanziert, juchhu!), monatlich ein netter Rendite-Schwall per Devisenhandel (Schwerpunkt). Soll doch die breite Masse finanziell verkümmern, was kümmert es mich? Geld regiert die Welt.

  • Warum wollen Sie Putin "treffen"?
    Was hat er wem angetan?
    Wer mal einen Blick auf die Landkarte riskiert und die Veränderungen seit der Auflösung der UdSSR registriert, wird feststellen, dass die NATO peu a peu näher an sein Russland vorrückt! Keine russische Regierung - egal welcher coleur oder machtpolitischer Ausrichtung - wird die Krim, den Schwarzmeerflotten-Standort, kampflos der NATO preisgeben!!!
    Und wenn er beim Handel den Rubel anstelle des Papier-Dollars einführt, dann zeigt er WEITBLICK!!!

  • Zunächst einmal korrekt: ICH entscheide über die Verteilung MEINES Vermögens über die verschiedenen Anlageklassen. Ein weiterer, nicht unbedeutender Teil liegt in Immobilien. Ein kleiner Teil in Aktien. Der größte Teil erwirtschaftet täglich eine Rendite, die mich jede Form von Inflation belächeln lässt.

  • Dann lassen Sie also 90% ihres Vermögens verrecken?
    Ihre Entscheidung... ;-)

  • Was ist denn Ihrer Meinung nach Echtgeld? Etwa durch Rohstoffe bzw. Gold gedeckt? Diese Zeiten sind schon lange vorbei, seit Bretton-Woods kümmert sich keiner darum. Und wenn es doch anders kommen sollte: Ich halte als Versicherung gegen dieses worst-case-scenario 10% in Gold. So what...

Alle Kommentare lesen