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Öl-Pipeline

Zuletzt sollen im Juli 2019 täglich nur noch 399.000 Barrel (je 159 Liter) Rohöl aus dem Iran auf die Weltmärkte gelangt sein.

(Foto: AFP)

Wirtschaftskrise Im Iran wächst die Angst vor dem Crash

Unter dem Druck der USA gerät das Land immer weiter in die Krise. Das iranische Regime versucht mit undurchschaubaren Ölexporten gegenzusteuern.
Update: 05.08.2019 - 17:46 Uhr Kommentieren

Iran setzt irakischen Öltanker am Persischen Golf fest

Berlin, Teheran Wer wissen möchte, wie es um den Iran steht, der muss mit Reza sprechen. Das Leben des 21-Jährigen ähnelt dem eines chinesischen Wanderarbeiters – also jener rechtlosen Menschen, die im Land umherziehen und täglich ihre Arbeitskraft für einen menschenunwürdigen Lohn anbieten. „Ich schlafe jede Nacht im Auto“, sagt der junge Mann.

Er komme immer wieder für drei Wochen aus der Provinz in die Hauptstadt Teheran, um mit seinem Auto als illegales Taxi Geld zu verdienen. Dann gehe es wieder für eine Woche nach Hause. Geld für ein Quartier bleibe nicht, so sei er Tag und Nacht in seinem dunkelgrauen Saipa unterwegs, wie die iranische Automarke heißt.

Die Wohnungspreise sind laut iranischer Statistikbehörde binnen Jahresfrist um 104 Prozent gestiegen. Auch die Lebensmittepreise explodieren. So hat sich der Preis für Kartoffeln vervierfacht, Tomaten sind heute 140 Prozent teurer als vor einem Jahr, Zucker 119 Prozent. Insgesamt ist die Inflationsrate innerhalb eines Jahres von 20 auf 40 Prozent gestiegen. Hinzu kommen eine dramatisch steigende Arbeitslosigkeit und ein schrumpfendes Bruttoinlandsprodukt – in diesem Jahr voraussichtlich um sechs Prozent.

Ein Land in Schockstarre – das ist die traurige Bilanz, seit US-Präsident Donald Trump im Mai 2018 wegen angeblicher Verletzung des Atomvertrags „die härtesten Sanktionen aller Zeiten“ über das Land verhängte. Nichts geht mehr, in einigen Regionen des Landes gibt es erste Versorgungsengpässe, einfach deshalb, weil die Menschen sich die Waren einfach nicht mehr leisten können.

Vor allem importierte Produkte seien nicht mehr erschwinglich, klagt Shiva. Die 41-Jährige ist Zahnärztin. Die Aussage gilt auch für medizinische Produkte. „Eine Anästhesiespritze hat vor einem Jahr noch 450.000 Rial gekostet, jetzt ist es zehnmal so viel“, sagt Shiva.

Das ist eine Folge des dramatischen Wertverlustes der iranischen Währung. Innerhalb eines Jahres ist der Rial gegenüber dem Dollar um 60 Prozent eingebrochen. Das spürt die Zahnärztin auch in ihrem privaten Leben. Um über die Runden zu kommen, arbeitet sie parallel in zwei Praxen: Eine liegt in der Innenstadt von Teheran und die andere im wohlhabenden nördlichen Viertel.

Lebensmittelknappheit in der Provinz

Noch schlimmer als in der Hauptstadt ergeht es den Menschen auf dem Land. In mindestens acht Provinzen des Landes herrscht Lebensmittelknappheit. Das räumten Regierungsvertreter am vergangenen Montag auf einer Parlamentssitzung hinter verschlossenen Türen ein. Reis, Weizen und Tierfutter seien extrem knapp, in Teilen des Landes gebe es nicht mehr genügend sauberes Trinkwasser.

Vielerorts werden Arbeiter nicht mehr bezahlt. So kam es nach Berichten der iranischen Labour News Agency immer wieder zu Streiks von Bahnmitarbeitern, mehrfach wurden Zugstrecken zwischen der Hauptstadt Teheran und der wichtigen Hafenstadt Bandar Abbas von wütenden Arbeitern blockiert. Bahnangestellte sollen drei Monate lang keinen Lohn bekommen haben.

Vor einiger Zeit streikten landesweit die Lehrer, weil sie von umgerechnet 100 Dollar Gehalt nicht mehr leben können. Auch in Fabriken von Autoherstellern oder zuletzt im Mineralwasserwerk Damash kommt es immer wieder zu Aufständen, weil die staatlichen Besitzer den Betrieb nicht mehr aufrechterhalten können. Es fehlt Geld für Rohstoffe und Löhne.

Um die Not abzumildern, plant die Regierung des reformorientierten Präsidenten Hassan Ruhani die Ausgabe von Lebensmittelbezugsscheinen – zum ersten Mal seit 31 Jahren, seit dem achtjährigen Krieg zwischen Iran und Irak.
Allerdings warnen Ökonomen vor den gewaltigen Kosten der Lebensmittelmarken.

Schon jetzt gebe der Staat für billiges Benzin, Grundnahrungsmittel, Strom, Wasser und verbilligte Pharmazeutika jährlich 63,7 Milliarden Dollar aus – mehr als das Doppelte des Staatshaushalts. Allein 40 Millionen Dollar täglich verliert der Staat, indem er weiter Benzin für 10.000 Rial (umgerechnet sieben Cent) pro Liter verkaufen lässt.

Und Präsident Ruhani traut sich mit seinen Plänen auch nicht ins Parlament. Seit Wochen weigert er sich beharrlich, den jährlichen Bericht über die Maßnahmen und Erfolge seiner Politik den Abgeordneten zu präsentieren. Denn vor allem Vertreter der Hardliner geben Ruhani die Schuld an der Misere.

Schon vor einem Jahr machten Radikale ihn dafür verantwortlich, dass trotz des eingegangenen Atomkompromisses wieder US-Sanktionen eingeführt wurden. Vor der Majlis-Wahl im Februar 2020 wollen die Hardliner mit den Reformern abrechnen und wieder voll die Macht im Staat übernehmen.

Aktionen wie die Festsetzung eines britischen Tankers im Persischen Golf am Sonntag werden dem Religions- und Revolutionsführer Chamenei und nicht der Regierung zugeordnet. Die Scharfmacher gewinnen nicht nur in Washington, sondern auch in Teheran die Oberhand – auf Kosten der iranischen Bevölkerung.

„Wir leiden auch unter der Politik der Europäer“
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