Wirtschaftsnobelpreis für Angus Deaton „Meine Güte, ich war ganz schön verschlafen“

Wie verteilen Konsumenten ihre Ausgaben? Wie messen wir Wohlstand und Armut? Ökonom Angus Deaton kennt Antworten. Die Jury verlieh dem Briten dafür den Ökonomie-Nobelpreis – und riss ihn mit dieser Kunde aus dem Schlaf.
Update: 12.10.2015 - 14:04 Uhr
Der Ökonom bekommt den Nobelpreis für Wirtschaft.
Deaton Angus

Der Ökonom bekommt den Nobelpreis für Wirtschaft.

StockholmDer diesjährige Wirtschaftsnobelpreis geht an Angus Deaton. Er bekommt den Preis „für seine Analysen zu Konsum, Armut und Wohlfahrt“, wie es in der Begründung heißt. Der 69-jährige ist in Edinburgh geboren, ist britischer und amerikanischer Staatsbürger. Er lehrt an Princeton Universität, New York. Er galt schon vor der Auszeichnung als einer der renommiertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Entwicklungs-, Wohlfahrts- und Gesundheitsökonomie.

Überraschen konnte ihn die schwedische Jury dennoch, die ihn mit ihrem Anruf aus dem Schlaf riss. „Meine Güte, ich war ganz schön verschlafen!“ sagte der in den USA lebende britisch-amerikanische Forscher, der bei der Pressekonferenz in Stockholm per Telefon zugeschaltet war. „Ich war überrascht und erfreut, die Stimmen meiner Freunde vom Komitee zu hören“, sagte der 69-Jährige. „Es war mir natürlich wie vielen anderen Ökonomen bewusst, dass es eine Chance dafür gab.“

In der Begründung für die Preisvergabe heißt es: „Studien zum Konsum sind besonders wichtig für die ökonomische Forschung. Der Konsum definiert den Wohlstand, und er ist auch ein wichtiger Indikator, um Armut zu messen.“ Deaton hat sich vor allem mit drei wichtigen Fragen beschäftigt: Wie verteilen Konsumenten ihre Ausgaben auf verschiedene Produkte? Wieviel der Einkommen einer Gesellschaft werden ausgegeben und wieviel gespart? Wie messen und analysieren wir am besten Wohlstand und Armut? Seine Arbeit habe die Entscheidungen von Politikern beeinflusst, heißt es in der Begründung. Für eine erfolgreiche ökonomische Politik ist es wichtig, die Entscheidungen des einzelnen Konsumenten zu verstehen. Deaton hat den Zusammenhang zwischen der Wahl eines Verbrauchers und dem Ergebnis für die ganze Gesellschaft aufgezeigt. Mit diesem Wissen können beispielsweise Politiker besser einschätzen, wie sich eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf verschiedene soziale Schichten auswirkt, erklärte der Vorsitzende der Wissenschaftsakademie, Gören K. Hansson.

Deaton erforschte beispielsweise den Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück. Zusammen mit anderen Forschern kam er zu dem Ergebnis, dass ab einem bestimmen Einkommen das Glücksgefühl nicht mehr steigt. Seine Forschung hat auch ganz aktuelle Bezüge. Auf die Frage, wie er die Flüchtlingskrise sieht, antwortete Deaton, dass sie ein Ergebnis Jahrhunderte langer Ungleichheit sei. „Die Menschen wollen ein besseres Leben und werden großen Druck auf die reichen Länder ausüben“, sagte der Preisträger. „Die Armut muss bekämpft und die politischen Situationen in den betreffenden Ländern stabilisiert werden.“

Er habe noch geschlafen, als er den Anruf aus Stockholm bekam. „Ich war überrascht, bin aber sehr glücklich“, sagte Deaton. Trotz großer Geheimniskrämerei vor den Bekanntgaben der einzelnen Nobelpreisträger gab es beim Wirtschaftspreis am Montag eine Panne: Bereits vier Minuten vor der offiziellen Verkündung um 13 Uhr erschien auf der Webseite der Nobel-Stiftung der Name des diesjährigen Preisträgers. Die Seite wurde schnell wieder entfernt, doch einige Medien konnten den Namen vor der offiziellen Bekanntgabe veröffentlichen.
Mit der Bekanntgabe des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften geht der diesjährige Nobelreigen zu Ende. In der vergangenen Woche waren bereits die Nobelpreise für Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden bekanntgegeben worden.

Der Tag der Preisvergabe
Wirtschaftsnobelpreis für Angus Deaton
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Wer beim Wirtschaftsnobelpreis auf einen US-Bürger als Gewinner tippt, liegt selten falsch –  keine andere Nation hat so häufig den höchsten Preis für Wirtschaftswissenschaften abgeräumt. Auch der diesjährige Preisträger besitzt die US-Staatsbürgerschaft, geboren wurde Angus Deaton  allerdings im schottischen Edinburgh.

Individuellen Konsumentscheidungen verstehen
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Deaton lehrt an der US-Eliteuniversität Princeton. Im Zentrum seiner Arbeit  stehen Fragen der Entwicklungs-, Wohlfahrts- und Gesundheitsökonomie. Deaton nutzt für seine Ergebnisse unter anderem die Befragung von Haushalten in Entwicklungsländern. Von der Nobelpreis-Jury ausgezeichnet wird er nun für seine Analyse von Konsum, Armut und Wohlfahrt.

„Um eine Wirtschaftspolitik zu entwerfen, die das Wohlergehen fördert und Armut reduziert, müssen wir zuerst die individuellen Konsumentscheidungen verstehen“, lobte das Komitee die Arbeit des 69-Jährigen. „Mehr als jeder andere hat Angus Deaton dieses Verständnis verbessert.“

Friedensnobelpreis für tunesisches Dialogquartett
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Das tunesische Quartett für einen nationalen Dialog wird mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der Gruppe werde der Preis für ihre Bemühungen für den „Aufbau einer pluralistischen Demokratie“ zuerkannt, so das Nobelpreiskomitee in Oslo. Dem Dialogquartett gehören der tunesische Gewerkschaftsverband, der tunesische Arbeitgeberverband, die Menschenrechtsliga des Landes und die Anwaltskammer an.

Im Bild die Chefs der vier Organisationen: Wided Bouchamaoui, Präsidentin des Arbeitgeberverbandes; Houcine Abbassi, Generalsekretär des Gewerkschaftsverbandes; Abdessattar ben Moussa, Präsident der Menschenrechtsliga; Mohamed Fadhel Mahmoud, Präsident der nationalen Anwaltskammer (v. l.).

Ausgangsland des Arabischen Frühlings
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Tunesien war Ausgangsland des sogenannten Arabischen Frühlings, bei dem in Volksaufständen mehrere Machthaber arabischer Länder gestürzt wurden. Das tunesische Quartett für einen nationalen Dialog bemühte sich nach dem Sturz des langjährigen tunesischen Machthabers Zine El Abidine Ben Ali 2011, einen Übergang zur Demokratie zu ermöglichen. „Sie begründete einen alternativen, friedlichen politischen Prozess in einer Zeit, in der das Land am Rande des Bürgerkriegs stand“, heißt es in der Begründung der Nobel-Jury.

Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch
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Swetlana Alexijewitsch (67) ist mit einem ganz eigenen literarischen Stil zum moralischen Gedächtnis des zerfallenen Sowjetimperiums geworden. Die weißrussische Schriftstellerin hat mit ihren Collagen das Leid, die Katastrophen und den harten Alltag der Menschen in ihrer Heimat aufgearbeitet. 2013 erhielt sie dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Jetzt wurde sie mit den Literaturnobelpreis geehrt.

Romane in Stimmen
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Alexijewitschs Werke sind „Romane in Stimmen“. Erstmals wandte die gelernte Journalistin ihre literarische Methode 1983 im Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ an. Mit Interviews dokumentierte sie das Schicksal sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg.

Für „Zinkjungen“ (1989) sprach sie mit mehr als 500 Veteranen des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs und Müttern gefallener Soldaten. Genauso porträtierte sie 1997 die Überlebenden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Als ihr Großwerk gilt „Secondhand-Zeit“ von 2013 – eine Sammlung von Stimmen über die erschütternden Erfahrungen des kommunistischen Experiments in der Sowjetunion.

Swetlana Alexijewitsch bei der Friedenspreis-Verleihung 2013
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Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankowsk) geboren. Sie arbeitete nach einem Journalistik-Studium zunächst bei einer Lokalzeitung sowie als Lehrerin. Da sie unter dem autoritären Regime in Weißrussland öffentlich kein Gehör fand und ihre Werke nicht verlegt wurden, hielt sie sich viele Jahre im Ausland auf.

2011 zog sie trotz ihrer oppositionellen Haltung zurück nach Minsk. „Ich will zu Hause leben, unter meinen Leuten, meinen Enkel aufwachsen sehen“, sagte sie. Außerdem sei Quelle ihres Schaffens immer das Gespräch mit den Menschen gewesen. „Und das kann ich am besten hier und in meiner Sprache“, sagt Alexijewitsch.

Der Wirtschaftspreis wurde erst 1968 von der Schwedischen Zentralbank gestiftet und wird seit 1969 vergeben. Sein offizieller Name lautet „Preis der Schwedischen Reichsbank zum Andenken an Alfred Nobel“. Der Wirtschaftspreis hat unter allen Nobelpreisen eine Sonderstellung, denn der Preisstifter, der schwedische Industrielle und Erfinder des Dynamits Alfred Nobel, hatte in seinem Testament keinen Wirtschaftspreis vorgesehen und war auch äußerst negativ gegenüber Ökonomen eingestellt. In den vergangenen Jahren hatten deshalb mehrfach einige Nachfahren von Alfred Nobel versucht, die Preisvergabe unter Hinweis auf das Testament zu stoppen.

Alle mit acht Millionen Kronen (852.000 Euro) dotierten Preise werden am Todestag des Stifters, am 10. Dezember in Oslo und Stockholm, überreicht. Als bislang letzter Deutscher wurde 1994 der Bonner Spieltheoretiker Reinhard Selten ausgezeichnet. Er bekam die Auszeichnung zusammen mit zwei Amerikanern für die Weiterentwicklung der Spieltheorie. Ansonsten dominieren Amerikaner die Liste der Wirtschaftsnobelpreisträger: Von den bislang ausgezeichneten 74 Preisträgern besaßen 50 einen amerikanischen Pass. Und erst ein einziges Mal wurde eine Frau mit dem Preis ausgezeichnet.

Umstrittene Nobelpreise der Vergangenheit
Nobelpreis-Medaille
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In dieser Woche werden die Preisträger der wohl begehrtesten Auszeichnung weltweit bekanntgegeben. Die Vergabe der Nobelpreise feuert immer wieder die Debatte an, ob die Ausgezeichneten sie tatsächlich verdient haben. Hier einige der umstrittensten Preisträger seit der ersten Vergabe im Jahre 1901

Friedensnobelpreis 1935
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Im Rückblick stellt wohl niemand die Rechtmäßigkeit in Frage, den Pazifisten und Journalisten Carl von Ossietzky zu ehren. Er war von den Nationalsozialisten inhaftiert und schwer misshandelt worden, weil er über die geheime Wiederaufrüstung der damaligen Reichswehr berichtet hatte und ihm daraufhin Spionage vorgeworfen wurde.

Zur damaligen Zeit jedoch löste diese Entscheidung des Komitees eine heftige Debatte aus. Kritiker sahen darin eine Einmischung in innere Angelegenheiten Deutschlands und eine Provokation des Nazi-Regimes. Tatsächlich schäumten die braunen Machthaber in Berlin: Von Ossietzky durfte den Preis nicht in Empfang nehmen, zudem verbot das Hitler-Regime allen Deutschen, künftig Nobelpreise anzunehmen. Zwei Mitglieder des Nobelkomitees traten damals zurück.

Literaturpreis 1970
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Den Literaturnobelpreis auf der Höhe des Kalten Kriegs an den sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn zu verleihen, musste einfach politische Reaktionen auslösen - auch wenn die Jurymitglieder stets versicherten, ihre Entscheidung habe sich nur auf den literarischen Wert seines Werkes gestützt. Solschenizyn hatte den Horror in den sowjetischen Arbeitslagern beschrieben, in denen tausende Zwangsarbeiter starben. Er galt als Feind der kommunistischen Führung in Moskau, die die Auszeichnung als feindlichen Akt bezeichnete.

Solschenizyn entschied sich, nicht zur Preisverleihung aus der damaligen UdSSR auszureisen aus Angst, er dürfe danach nicht wieder zurückkehren. Doch vier Jahre später akzeptierte er den Preis, nachdem er ins Exil gegangen war.

Friedensnobelpreis 1973
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US-Außenminister Henry Kissinger (l.) und der nordvietnamesische Politiker und Friedensunterhändler Le Duc Tho bekamen die Auszeichnung für ihre Bemühungen um einen Waffenstillstand im Vietnamkrieg. Diese Entscheidung gehört zu den umstrittensten der Jury. Besonders die Gegner des Vietnamkriegs kritisierten sie, da sie in Kissinger einen Kriegstreiber sahen.

Le Duc Tho nahm die Auszeichnung nicht an mit der Begründung, der Krieg sei noch nicht beendet. Kissinger bat den US-Botschafter in Norwegen, den Preis für ihn entgegenzunehmen. Zwei Mitglieder des Komitees traten aus Protest gegen die Entscheidung zurück.

Wirtschaftsnobelpreis 1976
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Hunderte Demonstranten protestierten in Stockholm, als dem einflussreichen Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman der Nobelpreis verliehen wurde. Der Ökonom galt als Vertreter eines freien Marktes, seine Sichtweise wurde von jenen kritisiert, die für den Staat eine stärkere Rolle in der Wirtschaft forderten. Linksgerichtete Protestierende hatte zudem der Besuch Friedmans bei der damaligen chilenischen Militärjunta verärgert.

Friedensnobelpreis 1994
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Mit der Vergabe der Auszeichnung an Palästinenserführer Jassir Arafat (Bild), Israels Ministerpräsidenten Izchak Rabin und Außenminister Schimon Peres wollte das Nobelpreis-Komitee dem Friedensprozess im Nahen Osten einen weiteren Schub verleihen. Doch der Plan ging nicht auf: Der Friedensprozess geriet ins Stocken, und Rabin wurde 1995 von einem ultranationalistischen Juden erschossen, der gegen seine Friedenspolitik war.

Die Preisverleihung gerade an PLO-Chef Arafat spaltete das Nobelkomitee seinerzeit. Jurymitglied Kåre Kristiansen trat damals zurück mit den Worten, es sei falsch, den „Terroristen“ Arafat auszuzeichnen.

Literaturpreis 2004
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„Elfriede - wer?“ war eine der häufigsten Reaktionen, als die Schwedische Akademie die österreichische Autorin Elfriede Jelinek mit dem Nobelpreis bedachte. Die Jury hob damals den „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen“ der außerhalb des deutschsprachigen Raums weitgehend unbekannten Jelinek in ihren Romanen und Theaterstücken hervor.

Aber nicht alle Komiteemitglieder schätzten den literarischen Wert gleich ein. Ein Mitglied trat zurück. Und die linken Sichtweisen der Autorin brachten den Vorwurf hervor, die Entscheidung sei politisch motiviert - was die Jury zurückwies.

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