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Wissenschaft Die Angst der Forscher vor China

China ist mittlerweile ein Gigant der Wissenschaft. Doch der Einfluss der Regierung nimmt zu – und immer mehr deutsche Forschungspartner berichten von Schwierigkeiten.
10.12.2019 - 04:00 Uhr Kommentieren
Deutsche Forscher stecken in der Zwickmühle. Quelle: Patrick Wack / Max-Planck-Gesellschaft
Chinesischer Wissenschaftler

Deutsche Forscher stecken in der Zwickmühle.

(Foto: Patrick Wack / Max-Planck-Gesellschaft)

Berlin, Peking Peking, im Herbst. Während draußen Autos und Mofas auf einer sechsspurigen Straße hupen und drängeln, sitzen im „Jade Ballroom“ des Kempinski Hunderte deutsche und chinesische Wissenschaftler.

Die Humboldt-Stiftung hat zum großen deutsch-chinesischen Kolloquium geladen. Unter der Überschrift „Vertrauen verbindet – Das chinesisch-deutsche Forschungsnetzwerk der Zukunft gestalten“ geht es drei Tage lang um Kooperation.

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Die Eröffnung übernimmt Michelle Müntefering aus Berlin, Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Für Vertrauen in die internationale Zusammenarbeit und in die Wissenschaft, sagt sie, sei eines von entscheidender Bedeutung: „die Freiheit von Wissenschaft und Forschung“.

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    Was wie eine Binsenweisheit klingt, ist in China zunehmend in Gefahr. Weil die Kommunistische Partei immer stärkeren Einfluss auf die Forschung nimmt, haben deutsche Wissenschaftler zunehmend Probleme, zu kooperieren. „Nach einer Zeit der Öffnung sehen wir gerade wieder eine Re-Ideologisierung“, warnt Hans-Christian Pape, Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, die für Deutschland weltweit Forschungskooperationen fördert. Vielfach berichteten deutsche Forscher, dass Prozesse nicht transparent seien, Zulassungsverfahren nicht eingehalten würden und die Verwertung unklar sei.

    Pape ist nicht allein. Wie das Handelsblatt erfuhr, wird die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ein geplantes Chinabüro nun doch nicht eröffnen. Die Repräsentanz sollte wie in den USA, Brasilien, Russland, Indien und Japan auch die Kooperation bündeln – zusätzlich zum schon lange bestehenden Chinesisch-Deutschen Zentrum.

    Als Grund für die Aufgabe des Plans verweist die DFG auf die sich „zurzeit stetig verändernde Gesetzgebung in China“, wie etwa das NGO-Gesetz, die Sozialversicherungs- und Steuergesetze sowie das Cybersecurity Law, und die lange Unklarheit über Durchführungsbestimmungen.

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    Deutsche Forscher stecken in der Zwickmühle: Sie sind verunsichert, wollen die Kooperation aber dennoch ausbauen. Denn China hat enorm aufgeholt: Die Zahl der Patentanmeldungen aus China hat sich in zehn Jahren mehr als verfünffacht. Die Zahl der viel zitierten Publikationen stieg seit 2000 um mehr als das Zwanzigfache.

    Im Nature Index, der Quantität der Publikationen und die Qualität misst, lag Chinas Akademie der Wissenschaften 2018 auf Platz eins – vor Harvard University und Max-Planck-Gesellschaft. „China hat im wissenschaftlichen Wettbewerb enorm aufgeholt und verfügt heute über teils weltweit einzigartige Forschungsinfrastrukturen“, sagt der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann.

    Der Austausch von Forschern ist eine Einbahnstraße

    Für die DFG, die pro Jahr 3,4 Milliarden Euro staatliche Forschungsgelder vergibt, ist die National Science Foundation of China (NSFC) heute „einer unserer wichtigsten internationalen Partner“. Seit 2017 fördern DFG und NSFC gemeinsam Kooperationsprojekte. Bisher gab es fast 1000 Anträge.

    Der Austausch von Forschern dagegen ist seit Jahren eine Einbahnstraße – daran haben auch die Erfolge der chinesischen Forschung nichts geändert. 2018 ging gerade mal eine deutsche Bewerbung für ein Forschungsstipendium in China bei der Humboldt-Stiftung ein - aus China bewarben sich 247 Forscher für einen Platz an deutschen Instituten. Allein Max Planck zieht pro Jahr 1300 chinesische Forscher an.

    Fortschritt in der Forschung ist ein Hauptanliegen Pekings. 2017 hatte das Land das Ziel ausgegeben, in der Künstlichen Intelligenz (KI) bis 2030 führend zu sein. Mittlerweile gibt China 2,2 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Forschung aus – das ist fast OECD-Durchschnitt. In den USA sind es 2,8 Prozent, in Deutschland gut drei Prozent.

    „Wir müssen aufpassen, dass Deutschland und Europa im globalen Wettbewerb mittelfristig nicht zurückfallen“, mahnt Max-Planck-Präsident Stratmann, „und dürfen in unseren eigenen Anstrengungen nicht nachlassen.“ Ohne mutige Investitionen in Wissenschaft und Bildung habe Deutschland kaum Chancen, im Wettbewerb zu bestehen. Dabei müsse man die Chancen der Kooperation zum beiderseitigen Vorteil nutzen – „ohne dabei die Herausforderungen, vor die China uns stellt, auszublenden“.

    Neue chinesische Gesetze und Vorgaben hätten zuletzt stark die Rahmenbedingungen für deutsche Wissenschaftler in China beeinflusst, warnt die Max-Planck-Gesellschaft in einer Stellungnahme. Insgesamt sei die Arbeit mit China daher „derzeit von sehr aufwendigen Administrations- und Abstimmungsprozessen geprägt“. Wegen der Bedeutung der chinesischen Wissenschaft bemühe man sich, gemeinsam mit NSFC, Bundesforschungsministerium und Auswärtigem Amt „die Rahmenbedingungen für die bilaterale Zusammenarbeit zu verbessern und einige administrative Herausforderungen zu vereinfachen, die die Arbeit der deutschen Wissenschaftsorganisationen sowie der Forschenden beeinflussen“.

    China investiert mit großem Ehrgeiz

    Sehr wachsam ist auch die Helmholtz-Gemeinschaft, deren 19 Großforschungszentren die größte deutsche Forschungsorganisation bilden. „China investiert mit enormem Ehrgeiz und großer Dynamik – besonders in Feldern, die auch für uns hochrelevant sind“, sagt Helmholtz-Präsident Otmar Wiestler. In einigen Bereichen nehme das Land bereits absolute Spitzenpositionen ein.

    „Wir müssen in der deutsch-chinesischen Forschungszusammenarbeit eine Gratwanderung machen: Es gibt Gebiete, auf denen eine Zusammenarbeit für uns ausgesprochen wertvoll ist. In solchen Fällen müssen wir uns gründlich abstimmen, unter welchen Rahmenbedingungen wir das tun“, mahnt er. Die Helmholtz-Zentren betreiben Teilchenbeschleuniger, Satelliten oder Fusionsanlagen – China investiert ebenfalls massiv in Großanlagen.

    Doch man müsse stets nach einer Balance suchen zwischen fairer Partnerschaft und Konkurrenz, Synergien und der Überwindung systembedingter Hindernisse, zwischen der Sorge um Know-how-Abfluss und den Chancen innovativer Projekte, so die Chinaspezialisten bei Helmholtz. Dazu kämen noch unterschiedliche ethische, rechtliche und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen. Um den Spagat zu bewältigen, hat die Gemeinschaft in einem mühevollen anderthalbjährigen Prozess ein internes Leitlinienpapier für Forscher und Verwaltung erstellt und einen Arbeitskreis „Handlungssicherheit in internationalen Kooperationen“ einberufen.

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    Auch die anwendungsorientierte Fraunhofer-Gesellschaft prüft jede potenzielle Kooperation mit China darauf, „ob die Gefahr des unkontrollierten Know-how-Abflusses besteht“ – „in enger Absprache mit dem Bundesforschungsministerium“.

    Die Forschungskooperation ist inzwischen Thema auf höchster politischer Ebene. Bei einem Treffen mit hochrangigen Wirtschaftsvertretern in Schanghai im November mahnte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU), China und Deutschland könnten nur dann gut zusammenarbeiten „wenn man es schafft, sich auf gemeinsame Regeln zu verständigen.“ Karliczek sprach die Wissenschaftsfreiheit an und die Arbeitsbedingungen deutscher Einrichtungen in China. Ganz wichtig sei auch die Trennung von ziviler und militärischer Forschung.

    Am Tag darauf traf sie ihren chinesischen Amtskollegen Wang Zhigang. Man sei sich einig, dass man vor allem bei Klima, Gesundheit und Umwelt kooperieren wolle, hieß es im Ministerium. Dazu müssten aber die Rahmenbedingungen für diverse Felder „verbessert werden“. Die Liste reicht von Wissenschaftsfreiheit, Datensicherheit und Datentransfer über die Arbeitsfähigkeit der deutschen Wissenschaftsorganisationen in China, den Schutz des geistigen Eigentums bis zur Trennung ziviler und militärischer Forschung.

    China nutzt zivilen Sektor für militärische Vormacht

    Um die Kräfte zu bündeln, haben Forschungs- und Außenministerium mit den Forschungsorganisationen einen runden Tisch China gegründet, an dem bei Bedarf auch das Wirtschaftsministerium und das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) sitzen.

    „Die Kommunistische Partei Chinas baut Verbindungen zwischen Chinas zivilen Universitäten, Militär- und Sicherheitsbehörden auf“, warnt der australische Thinktank für Sicherheitspolitik Australian Strategic Policy Institute (ASPI). Diese Bemühungen, militärische Macht durch Nutzung des zivilen Sektors zu maximieren, seien zwar bekannt, hätten sich in den letzten zehn Jahren aber beschleunigt. Damit wachse die Gefahr, dass die chinesische Volksbefreiungsarmee oder Sicherheitsbehörden die Zusammenarbeit mit chinesischen Universitäten für Überwachungs-, Menschenrechtsverletzungs- oder militärische Zwecke nutzen, heißt es in der Analyse.

    Amazon-Chef Jeff Bezos hat gerade auf einem Treffen von US-Militärführern und Rüstungsunternehmern vor einem Verlust der technologischen Vormachtstellung der USA gewarnt. Chinas Bestrebung, einen Vorsprung in wichtigen Technologien zu erlangen, stelle eine neue Art von Bedrohung für die militärische Vorherrschaft der USA dar, die seit Jahrzehnten auf einer klaren technologischen Überlegenheit beruhe, sagte Bezos.

    Ein ASPI-Report mit dem Titel „Picking Flowers, Making Honey“ hatte schon Ende 2018 die Forschungscommunity in Aufruhr versetzt. Danach zielt die Regierungsdirektive „Im Ausland Blumen pflücken, um in der Heimat Honig herzustellen“ in der Forschung darauf, vermeintlich harmlose chinesische Forscher ins Ausland zu senden, die de facto für die Armee arbeiten.

    Der Autor deckte auf, dass diverse nicht existente chinesische Institute als Heimat entsandter Forscher angegeben wurden, um ihre Zugehörigkeit zum Militär zu verschleiern. Danach wurde ein Forscher von einer norwegischen Uni ausgeschlossen, weil seine Forschung auch für Überschall-Marschflugkörper genutzt werden könnte. Dessen Betreuer, ein Generalmajor namens Hu Changhua unterhalte auch Beziehungen ins Ausland – etwa zur Uni Duisburg-Essen.

    Dort erinnert sich sein Kontaktpartner nicht mehr, woher genau Herr Hu, der vor zehn Jahren in Duisburg forschte, gekommen war, es sei aber eine Militärhochschule gewesen, teilte die Uni mit. Aufgeschreckt hat die Uni-Leitung nun für ihre Professoren Informationen „über den Umgang mit sensiblem Wissen“ zusammengestellt. Langfristig ist ein internes Regelwerk für Datenversendung, Dienstreisen und Kooperationen geplant.

    Das Bundesforschungsministerium verspricht, am Thema dranzubleiben. Man wolle die verschiedenen Themen „auf Arbeitsebene“ bei der nächsten Sitzung der Wissenschaftlich-Technologischen Zusammenarbeit (WTZ) in China im Frühjahr 2020 vertiefen. Die Sorge in der Wissenschaftscommunity wird das vorerst nicht dämpfen.

    Mehr: Hans-Christian Pape, Präsident der Humboldt-Stiftung, beobachtet eine Phase der Re-Ideologisierung in China. Das bedrohe die Unabhängigkeit der Wissenschaft – und gefährde gemeinsame Projekte.

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