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#womensupportingwomen Wie ein Hashtag aus der Türkei die Sozialen Medien erobert

Derzeit teilen weltweit Frauen Schwarzweißfotos in sozialen Medien. Dabei droht die Ursprungsidee der Aktion immer mehr in Vergessenheit zu geraten.
03.08.2020 - 11:08 Uhr Kommentieren
Hashtags wie #womensupportingwomen oder #blackandwhitechallenge wurden in den sozialen Medien millionenfach geteilt. Quelle: dpa
Soziales Netzwerken

Hashtags wie #womensupportingwomen oder #blackandwhitechallenge wurden in den sozialen Medien millionenfach geteilt.

(Foto: dpa)

Istanbul Pinar Gültekin hatte eingewilligt, ihren Ex-Freund noch ein einziges Mal zu treffen. Fünf Tage später wird die türkische Studentin in einem Wald nahe ihrer Universität aufgefunden – tot, in eine Tonne gedrückt, halb verbrannt. Die 27-Jährige wurde Opfer eines Femizids, also eines Mordes mit einem einzigen Motiv: weil sie eine Frau ist.

Die Polizei gibt an, dass Gültekin geschlagen und später stranguliert worden sei. Danach hatte der mutmaßliche Mörder Metin A. versucht, die Leiche in einem nahe gelegenen Forst zu verbrennen. Als dies nicht klappte, soll er die Leiche in die Tonne geworfen und diese anschließend zubetoniert haben. Aufmerksam wurde die Polizei auf den Mann, weil er zum Tatzeitpunkt an einer Tankstelle Benzin in einen Kanister gefüllt habe.

In der Türkei sind solche Morde kein Einzelfall. Allein im vergangenen Jahr wurden in dem Land 474 Frauen Opfer solcher Verbrechen, wie die Organisation „Kadin Cinayetlerini Durduracagiz Platformu“ („Wir-stoppen-Femizide-Plattform“) bekanntgibt.

Seit 2012 hat sich diese Zahl in der Türkei verdoppelt. In diesem Jahr zählt die Plattform bisher rund 160 Femizide. Zum Vergleich: In Deutschland werden jährlich rund 130 Frauen Opfer solcher Verbrechen.

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    In der Türkei werden daher täglich Schwarz-Weiß-Fotos von getöteten Frauen in Zeitungen und Nachrichtensendungen gezeigt. Und so entstand eine Idee, um sich mit diesen Opfern zu solidarisieren: Frauen veröffentlichten ein Schwarz-Weiß-Foto von sich in sozialen Medien und forderten eine oder mehrere Freundinnen dazu auf, dasselbe zu tun. Auch die Instagram-Seite „beezleboobz“ teilt Fotos von getöteten Frauen aus der Türkei. In einem Posting macht die Seite auf die Ursprünge der Aktion aufmerksam.

    Die Hashtags für die Aktion waren schnell gefunden: #womensupportingwomen sowie #challengeaccepted, später kam #blackandwhitechallenge hinzu. Innerhalb weniger Tage wurden fünf Millionen Fotos mit diesen Hashtags geteilt. Doch inzwischen haben vor allem prominente Frauen die Aktion genutzt, um auf sich selbst aufmerksam zu machen, anstatt auf die ursprüngliche Aktion.

    In den USA bringen viele Menschen und auch einige Medien den Hashtag inzwischen mit der Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez in Verbindung. Die Politikerin der Demokraten hatte Ende Juli in einem Video bekanntgemacht, dass ein männliches Mitglied des Repräsentantenhauses sie mit Worten sexuell belästigt haben soll.

    Selbstdarstellung statt Solidarisierung

    So postete die US-amerikanische Sängerin Nicole Scherzinger Mitte vergangener Woche ein Schwarz-Weiß-Foto mit folgendem Text: „#womensupportingwomen zu sehen ist so bestärkend. Nichts ergibt mehr Sinn als das. Wir sind die Einzigen, die wirklich wissen, was wir erleben. Lasst uns damit weitermachen, uns weiter unterstützen und aufeinander aufpassen. Ich bin so dankbar für die starken, göttlichen Frauen, die so viel Licht und Stärke in mein Leben gebracht haben. Und Dank an die tollen, schlauen, talentierten Frauen, die den Kontakt zu mir gesucht haben.“

    Die US-Reality-Show-Teilnehmerin Khloe Kardashian schreibt auf Instagram: „An alle meine Königinnen – Lasst uns Liebe verbreiten und daran denken, ein bisschen freundlicher miteinander umzugehen. #womensupportingwomen.“

    Da ist von Solidarität die Rede, aber nicht von den Hintergründen der Aktion. Vor allem steht in den Texten nichts vom Kampf gegen Gewalt und Femizid in der Türkei oder anderswo in der Welt. Nun gibt es auf Hashtags weder ein Patent noch einen Zwang, ihn für einen bestimmten Anlass zu nutzen. Und das Stichwort #challengeaccepted ist darüber hinaus schon vier Jahre alt. Damals wurde er genutzt, um auf Krebserkrankungen aufmerksam zu machen.

    Trotzdem überrascht es, wie schnell Prominente – und ihre Manager – heutzutage auf Trends aufspringen und in eigene Publicity umwandeln. Aus Solidarität wird Selbstdarstellung.

    Frauenmorde hören nicht auf

    Nach der Tötung der türkischen Studentin Gültekin hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Gewalt an Frauen verurteilt. „Ich verfluche alle Verbrechen gegen Frauen“, schrieb der türkische Präsident in einer Reihe von Tweets am Mittwoch. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass der Mörder, der Pinar Gültekin getötet hat, die schwerste Strafe erhalten wird, die er verdient.“ Aktivisten äußern derweil ihre Sorge, die AKP-Regierung könne den Schutz von Frauen vor Gewalt verschlechtern.

    Der Tod der 27-Jährigen hat derweil eine Diskussion über Gewalt gegen Frauen in der Türkei ausgelöst. In mehreren türkischen Städten waren Menschen Demonstrationsaufrufen der Organisation „Wir werden Frauenmorde stoppen“ gefolgt. Neben Wut und Empörung drückten viele Demonstrierende auch ihre Sorge aus über einen Austritt aus der sogenannten Istanbul-Konvention zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen. Mehrere türkische Medien hatten in den vergangenen Wochen immer wieder über angebliche Austrittspläne der Regierung berichtet.

    „Gewalt gegen Frauen ist überall ein Problem. In der Türkei haben wir eine starke Frauenrechtsbewegung, aber wir sind auch mit viel Widerstand konfrontiert „, erklärte Fidan Ataselim, Generalsekretärin der türkischen Plattform „Wir stoppen Femizid“, der britischen Zeitung „The Guardian“. „In den letzten 20 Jahren hat sich die Gesellschaft stark verändert: Immer mehr Frauen fordern ihr Recht, zu arbeiten und zur Universität zu gehen. Je mehr Auswahlmöglichkeiten wir haben, desto mehr Rückschläge müssen wir verkraften.“

    In anderen Teilen der Welt beschäftigt man sich derweil weiter mit dem Phänomen dahinter, anstatt das Problem aktiv zu bekämpfen. In einem Artikel der „FAZ“ vom 31. Juli wird breit über den Hashtag diskutiert. Ein Hinweis auf den aktuellen Ursprung der Aktion fehlt allerdings. Und das sogar, obwohl die Autorin offen fragt, „wer den Hashtag überhaupt in die Welt gesetzt hat“. Sie weiß es offenbar selbst nicht mehr.

    Die US-Schauspielerin Demi Moore veröffentlichte vor wenigen Tagen ein Schwarz-Weiß-Foto, ohne auf die Hintergründe aufmerksam zu machen. Später aktualisierte sie den Post und machte auf den Ursprung der Aktion aufmerksam. Sie rief dazu auf, einander aufzuklären und zu unterstützen. „UPDATE: I recently learned that this challenge is originated in Turkey to stand in solidarity with the hundreds of women killed. Their photos would appear in newspapers in black and white. I’ve shared more in stories, and you can learn more at @auturkishculturalclub. Let’s all continue educating, supporting, and uplifting each other!“

    Unterdessen hören die Frauenmorde nicht auf. Die jüngsten Nachrichten zu diesem Thema kommen aus Lateinamerika, Jordanien und dem Rest der Welt – und weiterhin auch aus der Türkei. Dort starb am Wochenende in der Hauptstadt die 20-jährige Emine Yanıkoğlu im Streit mit ihrem Ehemann. Das Motiv des mutmaßlichen Mörders ist bisher unbekannt. Klar ist lediglich: Auch ein millionenfach geteilter Hashtag konnte diese Morde nicht verhindern.

    Mehr: Der Kampf um Gleichberechtigung wird im Internet ausgetragen. Ein Kommentar.

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