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Zweiter Weltkrieg Steinmeier in Fivizzano – „Italien ist Ihnen dankbar“

1944 ermorden deutsche SS-Soldaten in Fivizzano mehr als 400 Menschen. 75 Jahre später wird Steinmeier in dem Ort mit großem Applaus empfangen.
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Allein in der Region um Fivizzano in der nördlichen Toskana wurden vor 75 Jahren bei einem mehrtägigen Massaker fast 400 Menschen von den Deutschen ermordet. Quelle: dpa
Frank-Walter Steinmeier (M), seine Frau Elke Büdenbender (r) und Sergio Mattarella (l)

Allein in der Region um Fivizzano in der nördlichen Toskana wurden vor 75 Jahren bei einem mehrtägigen Massaker fast 400 Menschen von den Deutschen ermordet.

(Foto: dpa)

Fivizzano Es ist Sonntag, kurz vor ein Uhr in Fivizzano, beste Mittagessenszeit in Italien. Doch die Piazza Vittorio Emanuele II ist voll von Menschen. Auch an den Fenstern und auf den Balkonen der Gebäude rund um den Marktplatz stehen die Einwohner. Dann brandet Beifall auf. Beifall für die Präsidenten Italiens und Deutschlands, Sergio Mattarella und Frank-Walter Steinmeier. Sie sind in diesen Ort im Norden der Toskana gekommen, um am Gedenken für ein schreckliches Verbrechen teilzunehmen – Massaker an der Zivilbevölkerung, „die unsere Erde mit Blut getränkt haben“, wie Bürgermeister Gianluigi Giannetti sagt.

Angehörige von Wehrmacht und Waffen-SS begingen in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs 1944/1945 an vielen Orten Italiens Kriegsverbrechen. In Fivizzano ermordeten sie in den August-Tagen 1944 mehr als 400 Dorfbewohner. „Sogar Schwangere und kleine Kinder wurden bestialisch abgeschlachtet“, wie Steinmeier später sagt. 2012 gelangte eine deutsch-italienische Historikerkommission zu der Einschätzung, dass landesweit bis zu 15.000 italienische Zivilisten ermordet wurden.

Es sind Geschichten von unvorstellbarer Grausamkeit, die die wenigen noch lebenden Zeitzeugen und Nachfahren der Opfer in Fivizzano erzählen können. Etwa Luisa Chinca und Andrea Quartieri, die als Kinder die Massaker überlebt, aber viele Verwandte verloren haben. Am Sonntag berichten sie Steinmeier von ihren Erlebnissen.

Oder Roberto Oligeri: Sein Vater besaß damals die einzige Trattoria am Ort und musste den verantwortlichen SS-Sturmbannführer Walter Reder und seine Offiziere bewirten. Die Familie hatte sich vor den Deutschen versteckt, wurde aber mit anderen Bewohnern des Dorfes aufgespürt. Die Soldaten ließen sich von Reder den Erschießungsbefehl ausstellen und brachten, während dieser noch bei Oligeris Vater zu Mittag aß, dessen Frau und fünf Kinder um. Vom „pranzo della morte“, dem Mittagessen des Todes, spricht man bis heute in Fivizzano.

Das faschistische Mussolini-Italien war zunächst ein wichtiger Verbündeter des nationalsozialistischen Hitler-Deutschlands gewesen. Nach der Landung der Alliierten auf Sizilien und dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 schloss die neue Regierung erst einen Waffenstillstand mit Großbritannien und den USA. Schließlich erklärte Italien im Oktober 1943 Deutschland den Krieg. Deutsche Truppen besetzten Italien, das nun an der Seite der Alliierten stand. Partisanen leisteten ihnen Widerstand – die Deutschen rächten sich mit brutalen Vergeltungsaktionen an der wehrlosen Zivilbevölkerung.

„Sie alle verbinden mit den Geschehnissen von damals unendliches Leid und unendlichen Schmerz“, sagt Steinmeier den Menschen in Fivizzano auf Italienisch – eine besondere Geste. „Sicher empfinden einige von Ihnen das Leid als noch größer, weil die meisten Täter nie zur Rechenschaft gezogen wurden“, ergänzt er und räumt ein: „Deutschland ist damit seiner Verantwortung nicht gerecht geworden.“

Tatsächlich blieben die meisten Beteiligten der Massaker von Fivizzano unbestraft. Der für noch weitere Massaker verantwortliche Reder wurde zwar von einem italienischen Militärgericht 1951 zu lebenslanger Haft verurteilt, 1985 aber auf Betreiben der Regierung in Wien vorzeitig entlassen und in seine österreichische Heimat abgeschoben. Seine zuvor bekundete Reue widerrief er umgehend.

Steinmeier und Mattarella eint die Überzeugung, dass die Erinnerung an die Gräueltaten wach gehalten werden muss – auch, um die richtigen Lehren für Gegenwart und Zukunft daraus zu ziehen. „Wir dürfen nicht vergessen, damit unser Bewusstsein nicht wieder verführt wird und sich verdunkelt“, sagt Steinmeier in Fivizzano.

Seine Rede wird immer wieder von Beifall unterbrochen. Auch als er den Bürgern sagt: „Ich bitte Sie um Vergebung für die Verbrechen, die Deutsche hier verübt haben.“ Matterella sagt später zu ihm: „Italien ist Ihnen dankbar dafür, dass Sie heute hier sind.“

Das auf den Trümmern des Weltkrieges neu errichtete, vereinte Europa gründet aus Sicht Steinmeiers wie Mattarelles auf einem klaren „Nie wieder!“. Dieses sei „ein Auftrag, der jeden Tag unser Dasein als Bürger begleiten muss“, verlangt Mattarella.

„Nie wieder!“ bedeutet für Steinmeier: „nie wieder entfesselter Nationalismus, nie wieder Krieg auf unserem Kontinent, nie wieder Rassismus, Hetze und Gewalt!“ Gerade in Zeiten, „in denen das Gift des Nationalismus wieder einsickert in Europa“, müsse man sich daran erinnern. „Und wir müssen streiten für Freiheit und Demokratie, für Menschenrechte und Menschlichkeit, für unser vereintes Europa – heute vielleicht sogar stärker als zuvor“, lautet die Botschaft des Bundespräsidenten 75 Jahre nach dem Gemetzel in Fivizzano. Auch für diese erhielt er langen Beifall.

Mehr: Griechenland fordert von Bundesregierung Verhandlungen über Reparationen.

  • dpa
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