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Zypern Ein Land kriegt die Kurve

Die Mittelmeerinsel, die noch vor fünf Jahren am Abgrund des Staatsbankrotts stand, lässt die Krise hinter sich. Jetzt will der Finanzminister sogar die Steuern senken. Aber die Wirtschaft Zyperns hat eine Achillesferse.
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Die kleine Größe der zyprischen Volkswirtschaft, ihre mangelnde Diversifizierung und das hohe Schuldenniveau machten Zypern „anfällig für Risiken“, warnt Moody's. Quelle: dpa
Zypern

Die kleine Größe der zyprischen Volkswirtschaft, ihre mangelnde Diversifizierung und das hohe Schuldenniveau machten Zypern „anfällig für Risiken“, warnt Moody's.

(Foto: dpa)

AthenEs ist auf den ersten Blick eine erstaunliche Erfolgsgeschichte: Im Frühjahr 2013 stand das Finanzsystem Zyperns vor dem Zusammenbruch. Mit einem eilig geschnürten Hilfspaket bewahrten die Euro-Partner die Inselrepublik vor dem Untergang. Heute gilt Zypern als Paradebeispiel einer geglückten Rettung. Der Finanzminister hat den Haushalt im Griff, die Staatsschulden sinken. Alles scheint gut - wären da nicht die enormen Schulden des Privatsektors.

Beim Wirtschaftswachstum liegt das einstige Krisenland in der Spitzengruppe aller EU-Staaten. Im Budget 2017 hatte Finanzminister Harris Georgiades das Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch bei 2,8 Prozent angesetzt. Nachdem Zyperns Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um vier und im dritten Vierteljahr um 3,8 Prozent zulegte, erwartet Georgiades jetzt für das Gesamtjahr einen Zuwachs von rund vier Prozent. „Unsere Bemühungen zahlen sich aus, wir sind in guter Verfassung“, stellt der zyprische Finanzminister zufrieden fest.

Der Aufschwung ist vor allem dem Tourismus geschuldet, der sich immer mehr zu einem starken Wachstumsmotor für Zyperns Wirtschaft entwickelt. Zwischen Januar und Oktober stieg die Zahl der ausländischen Urlauber gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent. Der Fremdenverkehr trägt etwa ein Viertel zur Wirtschaftsleistung auf der Insel bei. Der Reise-Boom spiegelt sich auch in der Arbeitslosenstatistik: Lag die Arbeitslosenquote im Krisenjahr 2013 noch bei 16,2 Prozent, fiel sie inzwischen auf 10,6 Prozent. Für das kommende Jahr erwartet die Regierung einen weiteren Rückgang unter die Zehnprozentmarke.

Während das benachbarte Griechenland nach sieben Jahren Krise immer noch am Tropf der Euro-Hilfskredite hängt, konnte Zypern das im Frühjahr 2013 aufgelegte Anpassungsprogramm nach drei Jahren planmäßig beenden. Von den bereitstehenden zehn Hilfsmilliarden musste das Land nur 7,3 Milliarden in Anspruch nehmen.

Dass Zypern die Kurve gekriegt hat, ist vor allem einem Umstand geschuldet: Anders als die Regierungen in Athen, machte sich der im Februar 2013 auf dem Höhepunkt der Krise gewählte zyprische Staatschef Nikos Anastasiades das Anpassungsprogramm nach kurzem Zögern zu Eigen. Dabei kam dem konservativen Anastasiades zugute, dass er dank der Präsidialverfassung der Inselrepublik weitgehend unabhängig von parlamentarischen Mehrheiten regieren kann. Das erleichterte die Umsetzung der Strukturreformen. Als Glücksfall erwies sich auch die Berufung des in England ausgebildeten Ökonomen Georgiades zum Finanzminister. Anders als sein griechischer Amtskollege Euklid Tsakalotos setzte der Zyprer bei der Konsolidierung der Staatsfinanzen nicht auf Steuererhöhungen sondern auf konsequenten Ausgabenkürzungen.

Vor allem dieser Strategie war es zu verdanken, dass Georgiades die Defizite rasch in den Griff bekam, ohne die Wirtschaft mit hohen Steuern in die Knie zu zwingen, wie es die griechische Regierung tat. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete der zyprische Kassenwart einen Überschuss von gut 82 Millionen Euro. Das entsprach knapp 0,5 Prozent des BIP. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres belief sich der Überschuss bereits auf nahezu 500 Millionen. Georgiades erwartet, den diesjährigen Haushalt mit einem Plus von mindestens einem Prozent des BIP abschließen zu können.

Dank der starken Konjunktur und der hohen Steuereinnahmen kommt Zypern auch beim Abbau des Schuldenbergs schneller voran als erwartet. Während die EU-Kommission in ihrem jüngsten Herbstgutachten Zyperns Schuldenquote für Ende 2017 bei 103 Prozent des BIP ansetzt, liegt die Quote jetzt bereits unter der 100-Prozent-Marke. Im November zahlte die staatliche Schuldenagentur PDMO vorzeitig Kredite von 614,9 Millionen Euro an die Zentralbank des Landes zurück. Die Tilgung bedeutet eine erhebliche Entlastung beim Schuldendienst, weil der Finanzminister für die Zentralbankkredite rund drei Prozent Zinsen zahlen muss. Nachdem Zyperns Staatsschuldenquote noch Ende 2016 bei 107,8 Prozent des BIP lag, erwartet Finanzminister Georgiades, „dass wir dieses Jahr mit einem Schuldenstand zwischen 98 und 99 Prozent des BIP abschließen werden“.

Nicht nur die Schulden kann der Finanzminister schneller zurückzahlen als geplant. Er sieht auch Spielraum für „Steuersenkungen und Maßnahmen, um die Wirtschaft und die Beschäftigung zu stützen“. Damit, so Georgiades, „geben wir eine greifbare soziale Dividende an unsere Mitbürger weiter“. Inselpräsident Anastasiades stellt zufrieden fest: „Die Republik Zypern steht wieder auf soliden Fundamenten.“ Am 28. Januar will sich der 71-Jährige um eine zweite Amtszeit bewerben. Er hofft, dass ihm der wirtschaftliche Aufschwung bei der Wahl Rückenwind geben wird. Tatsächlich ist die Stimmung gut. Das Zentrum für ökonomische Forschung der Universität Zypern ermittelte im November einen neuen Bestwert beim Wirtschaftsklima. Der Index stieg gegenüber dem Vormonat um 2,8 Punkte auf ein bisheriges Allzeithoch von 119,5.

Aber die Insel ist nicht sorgenfrei. Die Ratingagentur Moody’s warnte jetzt, Zyperns Wirtschaft stehe trotz des starken Wachstums und der guten fiskalischen Entwicklung vor Herausforderungen: Die kleine Größe der zyprischen Volkswirtschaft, ihre mangelnde Diversifizierung und das hohe Schuldenniveau machten Zypern „anfällig für Risiken“, warnt die Ratingagentur. Bei den Schulden blicken die Analysten nicht nur auf die Verbindlichkeiten des Staates. Die eigentliche Achillesferse der zyprischen Wirtschaft sind die hohen Schulden der Unternehmen und der privaten Haushalte. Sie beliefen sich nach Berechnungen von Eurostat Ende 2016 auf 344.6 Prozent des BIP. Das war der höchste Wert aller EU-Staaten, deren Privatsektor im Schnitt mit 133 Prozent des BIP verschuldet ist.

Ein Risikofaktor, der eng mit der hohen Verschuldung der zyprischen Unternehmen und Privathaushalte zusammenhängt, sind die faulen Kredite, auf denen die zyprischen Banken sitzen. Nach Angaben der Zentralbank sind 44 Prozent aller ausgereichten Darlehen notleidend oder ausfallgefährdet. Es geht um eine Summe von 21,9 Milliarden Euro, was immerhin 120 Prozent des BIP entspricht. Der unter anderem als Gastprofessor in Harvard lehrende zyprische Ökonomieprofessor Savvakis Savvides meint, Zyperns Unternehmen und Haushalte seien „überwältigt von Schulden, die sie wahrscheinlich niemals zurückzahlen können“. Die Überschuldung des Privatsektors könnte Zypern „über kurz oder lang in eine lange und schwere Rezession ziehen“, fürchtet der Ökonom.

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