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Bundesbanker in Düsseldorf Ein rotes Trikot für Axel Weber

Zehn Tage nach seiner Rücktrittsankündigung zeigt sich Bundesbank-Präsident Weber beim Vortrag in Düsseldorf kämpferisch: Nein zu Euro-Bonds, nein zum Kauf von Staatsanleihen. Fragen zu seiner Zukunft weicht er aus.
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Bundesbank-Präsident Axel Weber scheidet zum 30. April aus dem Amt. Quelle: dapd

Bundesbank-Präsident Axel Weber scheidet zum 30. April aus dem Amt.

(Foto: dapd)

DüsseldorfEs ist ein rotes Fußball-Trikot, das an diesem Abend in Düsseldorf zum Sinnbild wird für die Zäsur, die Axel Webers Karriere erfahren hat. Der Bundesbankpräsident bekommt es überreicht, als er die Stufen zum Podium erklimmt, um in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste einen Vortrag über die Schuldenkrise im Euro-Raum zu halten. Die Begrüßung des Akademie-Präsidenten Hanns Hatt gerät dabei fast zur Verabschiedung Webers in den Ruhestand. Wenn ihm denn künftig langweilig würde, dann sei er herzlich in der Professorenmannschaft der Uni Bochum willkommen.

Weber, im dunklen Anzug mit dunkler Krawatte, ergreift das Trikot. Er legt es vor sich auf das Rednerpult und nimmt es später sogar für die Diskussionsrunde mit zu einem Stehtisch. Und die ganze Zeit erinnert es an die Frage nach seiner Zukunft – eine Frage, auf die sich auch der prall gefüllte Saal an diesem Abend eine Antwort erhofft.

Genau zehn Tage ist es nun her, dass Weber seinen Rückzug von der Bundesbank-Spitze verkündete. Für eine zweite Amtszeit bei Deutschlands Notenbank ab dem Frühjahr 2012 steht er nicht mehr zur Verfügung. Auch aus dem Rennen um die Nachfolge von EZB-Chef Jean-Claude Trichet ist Weber ausgestiegen. Ein schlecht kommunizierter Rückzug, ein PR-Desaster, das für viel Aufregung, Ärger und Spekulationen sorgte. Und weiterhin sorgt.

Als Deutschlands oberster Währungshüter profilierte sich Weber stets als Garant für einen stabilen Euro. Als Falke kämpfte er für höhere Zinsen. Am Wochenende hatte Weber beim G20-Treffen in Paris noch vor steigenden Inflationsgefahren in der Welt gewarnt. Eine laxe Geldpolitik war mit ihm nicht zu machen. Und er verstand die emotionale Verhaftung gerade der Deutschen mit der Stabilität ihrer Währung.

Doch was dem harten Inflationsbekämpfer lange als klare Haltung ausgelegt wurde, sah man innerhalb der Europäischen Zentralbank zuletzt immer häufiger als Sturheit. Weber rügte das Programm zum Ankauf von Anleihen überschuldeter Staaten in der Eurokrise. Er kritisierte den EZB-Kurs und war dadurch isoliert. Auch die von Angela Merkel propagierte Wirtschaftsregierung der Euro-Staaten passte Weber nicht. Er vermisste zunehmend die Rückendeckung der Kanzlerin. Eine Stunde dauerte sein letztes Gespräch im Kanzleramt. Dann verkündete er offiziell seinen Rückzug. Sein Entschluss stand bereits vorher fest, war schon durchgesickert.

Weber wirkt frisch und kämpferisch

An diesem Abend in Düsseldorf ist Axel Weber ein Publikumsmagnet: Nie zuvor seit ihrer Gründung 1970 hat die Akademie in Düsseldorf einen ähnlichen Besucherandrang erlebt. 400 Plätze fasst der große Saal, 650 aber wären nötig gewesen, um alle Gäste aufzunehmen, darunter Manfred Neumann, Alt-Präsident der Akademie, Wirtschaftsnobelpreisträger Reinhard Selten und der Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium Helmut Dockter. So wird Webers Rede „Schuldenkrise im Euro-Raum: Erkenntnisse und Schlussfolgerungen“ über Video auch in die gut gefüllten Nebenräume übertragen.

Respektvoll schauen die Gäste auf den Zentralbankchef, aber auch neugierig. Wie gibt er sich nach seinem Rückzug? Ist er angeschlagen? Oder befreit?

Tatsächlich ist Weber ganz in seinem Element, er wirkt agil, frisch und kämpferisch. So als habe er den Stress der vergangenen Tage gut überstanden. Seine Worte zeigen, dass er noch immer für die gleiche Sache kämpft. „Die Grundfesten der Währungsunion sind ein unabhängiges Europäisches Zentralbankensystem, das für eine gemeinsame Geldpolitik verantwortlich ist, die vorrangig das Ziel der Preisstabilität verfolgt“, sagt Weber.

In seinem knapp einstündigen Vortrag skizziert er die Ursachen der Schuldenkrise, kritisiert die mangelnde Haushaltsdisziplin der Euro-Staaten und  ungenügende Sanktionsmaßnahmen der Politik. Weber: „Um die Währungsunion dauerhaft zu stabilisieren ist es erforderlich, die finanzpolitischen Fehler der Vergangenheit zu korrigieren und zukünftigem Fehlverhalten entschiedener entgegenzutreten.“ Die finanzielle Solidarität der europäischen Bürger dürfe nicht überfordert werden.

Die Aufarbeitung der Krise vergleicht der passionierte Läufer mit seinem Lieblingssport: „Verglichen mit einem Marathonlauf haben die Problemländer  die ersten zehn oder 15 Kilometer geschafft. Die schmerzhaftesten Passagen kommen zu einem späteren Zeitpunkt.“

Klare Bilder, klare Argumentation. So etwas will man von Weber, der seit vergangenem Jahr Mitglied der Akademie ist, in Düsseldorf an diesem Abend offenbar hören. Die Gäste sind angetan. Akademie-Präsident Hatt hat ihn zu Beginn als einen „Mann der offenen Worte, der sich für die Karriere nicht weichspülen lässt“, angepriesen.

Unausgesprochen hängt die Frage im Raum: Was wird aus der Bundesbank, wenn mit Weber der Hüter der Währungsstabilität, der geldpolitische Falke geht? Von Kritik an seiner Person, dass er die Bundesbank im Stich lässt und Deutschland der Chance beraubt, einen aussichtsreichen Kandidaten für die EZB-Spitze ins Rennen zu schicken, ist in Düsseldorf wenig zu spüren.

Euro-Bonds schwächen Marktdisziplin

Bleibt die Frage nach Webers Zukunft. Geht Weber zurück an die Uni Köln, wo er als Ökonomie-Professor derzeit beurlaubt ist? Oder wechselt er nach einjähriger Wartezeit zur Deutschen Bank, um Josef Ackermann zu beerben? Was hält er von seinem designierten Nachfolger als Bundesbank-Chef Jens Weidmann?

Doch darauf will Weber an diesem Abend keine Antworten geben. „Kein Kommentar!“

Stattdessen kehrt Weber den „Mister Hartgeld“ heraus. Der für Griechenland aufgespannte Rettungsschirm sei richtig gewesen, da ungeordnete Insolvenz eines Mitgliedslandes zu schweren Verwerfungen im Euro-Raum und darüber hinaus hätte führen können. Doch die Europäische Union dürfe nicht zur Transferunion werden. „Strikt abzulehnen sind deshalb etwa gemeinschaftlich begebene Anleihen“, betont Weber. Euro-Bonds schafften fatale Anreize sowohl für Gläubiger als auch für Schuldner. „Finanzpolitische Solidität wird dann nicht mehr belohnt.“

Kanzlerin Angela Merkel und Axel Weber. Quelle: dapd

Kanzlerin Angela Merkel und Axel Weber.

(Foto: dapd)

Die Stimme des Bundesbankpräsidenten wird lauter bei diesem Teil seiner Rede. Es wird klar: Den prinzipiellen Ausschluss gegenseitiger Haftung in der Euro-Zone sieht Weber in Gefahr. Und die mit Euro-Bonds verbundene Angleichung der Zinsen werde die Marktdisziplinierung schwächen, warnt er. „Davon brauchen wir aber mehr und nicht weniger.“

Auch den Kauf von Staatsanleihen durch die Zentralbank lehnt Weber weiter konsequent ab. Diese eiserne Meinung ließ ihn im Mai 2010 zum Außenseiter im EZB-Rat werden, als die Mehrheit der Notenbanker den Kauf griechischer Anleihen beschloss. Weber sagt: „Wir sollten alles vermeiden, was zwar kurzfristig wirksam ist, weil sich damit Zeit kaufen lässt, aber für die dauerhafte und nachhaltige Krisenbewältigung kontraproduktiv ist.“

Das Auditorium bedankt sich bei Weber mit viel Applaus. Und Weber begutachtet eindringlich sein Geschenk, das Fußball-Trikot. Dann faltet er es ordentlich zusammen und legt es zwischen die Seiten seiner Rede über die Schuldenkrise. Er wird es tragen. Wenn nicht zum Kicken dann bei der Vorbereitung für den nächsten Marathonlauf.

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