Economist-Titel „Die deutsche Sicht ist verzerrt und selbstgefällig“

Deutschland sollte mehr Führungsstärke in Europa zeigen, argumentiert die britische Wirtschaftszeitung „Economist“ in ihrer Titelgeschichte. Hierfür müsse es jedoch seine traditionellen Sichtweisen überwinden.
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Deutschland als zaudernde Macht, auf der Titelseite des Economist. Quelle: Pressefoto

Deutschland als zaudernde Macht, auf der Titelseite des Economist.

(Foto: Pressefoto)

In ihrer Titelgeschichte setzt sich die britische Wirtschaftszeitung Economist kritisch mit der Rolle Deutschlands in Europa auseinander. Die Autorin Zanny Minton Beddoes beschreibt, dass Deutschland zum wirtschaftlichen Hegemon Europas geworden sei. Damit gehe eine große Führungsverantwortung einher, der Deutschland nicht gerecht werde, argumentiert sie.

Die Ursache dafür sieht Minton Beddoes in einer falschen Sichtweise, die sich in Deutschland durchgesetzt habe. Statt eigene Probleme anzupacken, werde mit dem Finger auf andere Länder gezeigt. Viele deutsche Politiker seien der Auffassung, die anderen Länder Europas müssten so werden wie Deutschland, um aus der Krise zu kommen. Das jedoch sei aus drei Gründen ein Trugschluss:

1. Historisch falsch

Deutschland sei nicht durch eine Sparpolitik stark geworden, sondern durch die Strukturreformen der Agenda 2010. Als es 2003 den Arbeitsmarkt liberalisierte, habe Deutschland gegen die Maastricht-Kriterien verstoßen. Damals habe es sich zu Recht für Strukturreformen entschieden und die Haushaltsvorschriften vernachlässigt. Zudem sei der Erfolg nicht allein auf Reformen und Sparsamkeit zurückzuführen, sondern auch auf den schwachen Euro. Außerdem habe Deutschland Glück gehabt, dass seine klassischen Produkte wie Autos, Maschinen und Chemikalien in China und anderen aufstrebenden Ländern so stark nachgefragt würden.

2. Zu stark auf Regeln fixiert

Deutsche Politiker würden eher auf die Einhaltung von Regeln und Prinzipien achten, als Probleme zu lösen. Ein Beispiel hierfür sei die Bankenunion. Es gebe unter Ökonomen einen breiten Konsens, dass eine Bankenunion nötig sei. Deutschland zögere aber und argumentiere plötzlich, dass es keine rechtliche Grundlage für eine gemeinsame Bankenabwicklung gebe.

3. Selbstgefällig

Es stimme nicht, dass Südeuropa die alleinige Verantwortung für die Krise trage. „Zwischen Merkels Besessenheit, die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu verbessern, und der Reformmüdigkeit im eigenen Land klafft eine Lücke,“ schreibt Minton Beddoes. Die deutsche Wirtschaft sei „überaus unausgeglichen“. Ein wichtiger Beweis dafür sei der Leistungsbilanzüberschuss von sieben Prozent der Wirtschaftsleistung. Das sei kein Ausweis wirtschaftlicher Stärke sondern Ausdruck für einen unnötig niedrig gehaltenen Lebensstandard und mangelnde Investitionen.

Das Fazit im Economist: Deutschland muss von der heutigen „kleinstaatlichen Zauderei“ abrücken und mutiger werden. Dabei sieht Minton Beddoes drei Prioritäten: Erstens müsse Deutschland eine Bankenunion vorantreiben, um die Kreditklemme in Südeuropa zu bekämpfen. Zweitens sollte es für Wachstumsimpulse in Europa eintreten. Drittens müsse es seine Wirtschaft stärker ins Gleichgewicht bringen. Reformen, die staatliche und private Investitionen förderten, seien gut für Deutschland und Europa.

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  • Eine andere Sichtweite will England von den Deutschen zur Lösung des Problems sehen. Führende Politiker Englands wollen verkünden den totalen Krieg gegen Germany: we must have a new -Dresden desaster- like 1945.

  • 2+4

  • Deutschland ist ein besetztes Land !!! Wir brauchen zunächst einen Friedensvertrag !! Und bist dahin die Füße stillhalten !!!

  • Ein typisch britischer Artikel.
    Diesmal wird aber nicht der der dumpfe Deutschenhass a´la Sun gepflegt, sondern er wird ins Intellektuelle gehoben.

    Noch dazu strotzt er vor Denkfehlern und populistischen Verallgemeinerungen, und diese sind keine Übersetzungsfehler. Im Original wird auch mit falschen monokausalen Schuldzuweisungen gearbeitet.

    Ganz beliebt und deshalb gebetsmühlenhaft wiederholt ist der Vorwurf der Regelfixierung der Deutschen – wo doch die Briten ganz souverän als Meister der Kompromisse die Gesamtergebnisse im Blick hätten. Die sich dann immer als Britenvorteile herausstellen. Diese gerade abzulehnen ist unsere Aufgabe.

    Zanny Minton Beddoes projiziert ein Bild Deutschlands an den europäischen Himmel, das der Realität nicht entspricht, aber Deutschland Verantwortung zuschanzen soll, um vom eigenen britischen Versagen abzulenken. GB ist mit deutscher Hilfe keine „Hegemonialmacht“ mehr. Und Deutschland (besser „die Deutschen“) will/wollen die Nachfolge auch nicht antreten. Nicht um nicht noch mehr zur Zielscheibe britischen Spotts zu werden, sondern weil es keinen Sinn macht.

    Soviel deutsche Souveränität darf schon sein.

    Die Zeiten nach Trafalgar haben sich geändert. Wirtschaftliche Macht und politische Macht bedingen sich nur im ausgestorbenen britischen Modell des „weltweiten fürsorglichen Gutsherren“. Das brauchen wir nicht.

    Jeder soll erst mal für sich selber sorgen – und dabei sind wir solidarisch – aber nicht blöd.

  • Ich gebe "Neptun" recht, es geht doch nur ums zahlen und nicht ums führen. Und die die Strukturprobleme des Südens werden mal wieder verschwiegen.
    Hat der Experte auch für die Deindustrialisierung Englands geraten?

  • Einer der Irrglauben, welche sehr oft propagiert wird, dass Agenda 2010 verantwortlich sei, dass heute Deutschland wirtschaftlich besser geht. Dieses Märchen erzählt Onkel Schröder sehr gerne, der Vater der Agenda 2010, und irgendwelche Idioten plappern es nach.
    Die einfache ökonomische Logik heißt. Wo das Geld fließt, dort sind Investitionen, und wo Investitionen sind, entstehen Arbeitsplätze. Zur Zeit ist es so, dass durch die Krise in Südeuropa die weggelaufene Ersparnisse der Deutschen wieder Heimkehrt, die dank den Banken in USA und Südeuropa rumgeisterten. Außerdem wissen viele Reichen Südeuropas nicht wo sie ihr Geld sicher anlegen könne, und da kommt eben nur Deutschland in Frage. Das Ergebnis der Agenda 2010 ist nichts anderes als eine Steigung allgemeiner Armut und Abbau der Sozialsysteme.

  • "Diese permananten Hetzkampagnen gegenüber anderen Staaten sind wirklich als widerlich und abstossend zu bezeichnen."

    und zudem von Vorgestern.

    es ist doch nicht die Leistung des Staates, sondern jene der Entrepreneurs, Intrapreneurs und Mitarbeiter.

    ... und von dieser Leistung profitieren tendenziell immer weniger Menschen.
    Die Kosten für Altersvorsorge, Bildung der Kinder oder Eigenheim steigen für die meisten doch sehr viel schneller als die Einkommen.
    Welcher Familienvater kann sich heute als Alleinverdiener noch Familienurlaub, Eigenheim und das Studium für 3 Kinder finanzieren?

    Früher war das beinahe normal.
    Und heute, wo dank Produktivitätsfortschritte sehr viel mehr produziert wird?

    Richtig: es profitieren immer weniger - obwohl der Kuchen wächst.

    ... und die City-Banksters mit ihren Finanz"Produkten" profitieren durch die Ungleichverteilung ordentlich mit.


    ... und ob es selbstgefällig ist, permanent Leistung zu exportieren und als "Gegenleistung" einen Schuldschein zu akzeptieren, könnte auch noch diskutiert werden.

    De facto: Exportkolonie.
    Die Plantageneigner und Verwalter kassieren - die anderen schufften und liefern.
    ... und da sie auch noch finanzieren, und Zinsen anfallen, müssen die Knechte der Kolonie trotz Mehrleistung auch noch den "Gürtel enger schnallen"!

  • Typisch Engländer, sie wollen immer nur die Rosinen picken. Und wenn es brenzlig wird, ziehen sie sofort den Schwanz ein und schieben die Verantwortung den anderen zu. Dabei wollen sie ja nicht bei den Kosten beteiligt werden. Mit Führungsrolle ist gemeint Deutschland soll mehr, viel mehr Geld für Europa ausgeben.

  • Deutschland ist nicht durch die Agenda 2010 stark geworden: Nach dem Platzen der dotcom-Blase und 9/11 gab es einen Abschwung, der durch die verpatzte Steuerreform 2000 und Eichels folgende Ausgabenbremse zum Stopfen von Hausaltslöchern noch vestärkt wurde. Nicht zu vergessen, die Nullrunden bei Renten, Streichungen bei der GKV und die heimlichen STeuererhöhungen insbesondere bei der Lohnsteuer. Dieser Abschwung dauerte dadurch länger als "notwendig", aber irgendwann war die Talsohle erreicht und es folgte wieder ein Aufschwung.

    Die Agenda 2010 mit ihrer Lohnzurückhaltungs- und Niedriglohnpolitik hat vielmehr zu einer dauerhaften Nachfrageschwäche im Inland und damit zum ausufernden Leistungsbilanzüberschuss geführt. Der wird zwar immer beklatscht in der Presse. Allerdings schlägt er sich auch in unserem Targetsaldo nieder, der schon weniger beklatscht wird.

    Der Economist sollte mal klar die Fakten sortieren. Und wenn Deutschland eine Führungsrolle übernehmen soll (also Geld verjubeln), dann muss Deutschland für die Hilfsgelder auch Grundpfandrechte oder Gold erhalten. Mal sehen, wer dann noch nach Hilfen ruft.

  • Was kommt nach dem Euro? Diese Frage ist keine bloß akademische. Nicht mehr. Die Gemeinschaftswährung hat an so vielen Ecken Feuer gefangen, dass die selbsternannten Feuerwehrleute mit Löschen nicht mehr nachkommen. Außerdem verspritzen einige von ihnen nicht Wasser, sondern Benzin. Es gibt keine Alternative, tönt die Kanzlerin. Bis alles in Scherben fällt, Frau Merkel? Das sind Parolen aus dem Kanzlerbunker, während die Einschläge immer näher kommen.

    Dazu in Berlin eine spannende Veranstaltung am 22.6. - gerade im www gefunden:

    https://www.compact-magazin.com/werkstatt-geld/

    Wer weiß mehr dazu??? Ist Hingehen lohnenswert?

    Immerhin ja ein spannendes Line-Up: Wilhelm Hankel, Andreas Popp, Oliver Janich, Wolfgang Berger, Andreas Rieger, Abdullah Seymour u.a.

    Bin für Hinweise dankbar!

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