Eurokrise Weidmann kritisiert Europas Regierungen

Der Bundesbank-Präsident meldet sich kritisch zu Wort, warnt vor der Transferunion und tadelt die EZB für den massiven Ankauf von Staatsanleihen. Doch Weidmann hat auch einen Vorschlag zur Lösung der Schuldenkrise.
Update: 01.09.2011 - 14:36 Uhr 62 Kommentare
Bundesbank-Präsident Jens Weidmann bei einem Treffen mit CDU-Abgeordneten. Quelle: dapd

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann bei einem Treffen mit CDU-Abgeordneten.

(Foto: dapd)

Hannover/BerlinBundesbank-Präsident Jens Weidmann hat die Ergebnisse des Euro-Gipfels vom Juli scharf kritisiert und die Staatsschuldenkrise als „die größte Belastungsprobe“ seit dem Bestehen des Euro bezeichnet. Er warnte die Staaten eindringlich vor einem Marsch in die Transferunion.

Indem umfangreiche zusätzliche Risiken auf die Hilfe leistenden Länder und deren Steuerzahler verlagert würden, habe der Euroraum einen großen Schritt hin zu einer Vergemeinschaftung von Risiken im Falle unsolider Staatsfinanzen und gesamtwirtschaftlicher Fehlentwicklungen gemacht, bemängelte er am Donnerstag in Hannover.

„Im Gegenzug wurden die Kontroll- und Einflussmöglichkeiten auf die nationalen Finanzpolitiken jedoch nicht spürbar verstärkt. Damit droht der institutionelle Rahmen der Währungsunion zunehmend an Konsistenz zu verlieren“, warnte Weidmann.

So sei das wieder gestiegene Misstrauen an den Finanzmärkten vor allem auf die Unsicherheit über den politischen Prozess zur Lösung der Staatsschuldenkrise zurückzuführen. Darin zeige sich die Dringlichkeit einer langfristigen und nachhaltigen Lösung der Verschuldungs-Probleme. Eine solche Lösung komme um strukturelle Anpassungen und rasche, glaubwürdige Konsolidierungsmaßnahmen in den betroffenen Ländern nicht herum. „Und sie muss gewährleisten, dass zukünftig ausreichend Anreize zu soliden Staatsfinanzen innerhalb der Währungsunion bestehen“, sagte der Bundesbank-Präsident.

Zugleich erneuerte er seine Kritik an den Staatsanleihe-Ankäufen der Europäischen Zentralbank, durch die „die Grenzen zwischen der Verantwortung der Geldpolitik und der Finanzpolitik verwischt“ worden seien. „Auf die Dauer belastet dies das Vertrauen in die Notenbanken, und für die Geldpolitik gilt es deshalb, die übernommenen Risiken wieder zurückzuführen.“

Er deutete damit auch auf die Praxis der Europäischen Zentralbank (EZB) hin, die in den vergangenen Wochen nach mehrmonatiger Pause wieder damit begonnen hatte, Staatsanleihen von Euro-Ländern aufzukaufen. Auf die Dauer belaste dies das Vertrauen in die Notenbanken, sagte Weidmann. Für die Geldpolitik gelte es deshalb, die übernommenen zusätzlichen Risiken wieder zurückzuführen.

Ein europäisches Steuersystem könnte nach seiner Auffassung zur Bekämpfung der Staatsschuldenkrise beitragen. Eine Möglichkeit, die Krise nachhaltig zu lösen, sei, „den Schritt zu einer echten Fiskalunion und damit einer Entmachtung der nationalen Finanzpolitik zu machen“, sagte Weidmann. Wolle oder könne die Währungsgemeinschaft diesen Weg nicht beschreiten, so müsse das vertraglich vorgeschriebene System des gegenseitigen Haftungsausschlusses unter den Mitgliedstaaten gestärkt werden, betonte der Notenbank-Präsident.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
  • afp
  • rtr
  • dpa
Startseite

Mehr zu: Eurokrise - Weidmann kritisiert Europas Regierungen - und die EZB

62 Kommentare zu "Eurokrise: Weidmann kritisiert Europas Regierungen - und die EZB"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Herr Weidmann hält den zaudernden Politikern nur den Spiegel vor: es gibt nur die 2 Möglichkeiten! Entweder ein starker Stabiilitätspakt, der auch gegen französischen Widerstand mit automatischen Sanktionen arbeitet (die politischen haben ja nie funktioniert!). Oder eine Fiskalunion, die wir Wähler natürlich nicht wollen. Das was jetzt läuft bzw. laufen soll - beliebiger Schuldenein-stand ohne jeglichen Einfluß auf das Haushaltsgebaren - ist für die Zahlerländer (Achtung: in der radikalten Minderheit!!!) die schlimmste aller Welten. Wenn die Politiker behaupten, die EU gehe unter, nur weil der Euro nicht funktioniert, dann ist das glatt gelogen.

  • Wieviele Länder sollen in Zukunft noch unter den Rettungs-
    schirm und wie weit soll dieser dann noch erweitert werden?

    Welche Staaten bleiben am Ende noch übrig um ZU RETTEN???!!!

    Wieviele Papiere will die EZB noch aufkaufen?

    Keine guten Prognosen für den Erhalt des EURO!!!

    MFG; KARIN

  • Einerseits weist Weidmann richtig auf das Problem "Euro-Rettung" - "staatsverschuldung" und kritisiert deshalb zu Recht, dass "die Grenzen zwischen der Verantwortung der Geldpolitik und der Finanzpolitik verwischt" worden sein. Aber eben nicht nur und vor allem nicht zuerst von der EZB. Das Verständnis, dass zwischen Geldpolitik und Finanzpolitik zu unterscheiden ist, ist eine wichtige Grundlage, die Ursache der Krise zu verstehen. Leider ist Weidmanns Vorschlag „den Schritt zu einer echten Fiskalunion und damit einer Entmachtung der nationalen Finanzpolitik zu machen“, deshalb nur "halbherzig"
    (s.a.http://diskussion.erkenntniswiderspruch.de)

  • @Machiavelli
    Der Spruch mag älter sein, die französische Form, die Sie gewählt haben, benutzten die französischen Revolutionäre in ihrer terroristischen Phase, um ihr blutiges Handwerk zu rechtfertigen. Dass die Nationalsozialisten Anhänger dieder Vorgehensweise waren, werden auch Sie nicht bestreiten.
    Zu deutsch heiß er simpel "Der Zweck heiligt die Mittel"
    Er ist grundfalsch. Richtig ist der Umkehrschluß, "Die angewandten Mittel entlarven den Zweck".
    Wenn die angewandten Mittel "quasi diktatorisch" sind und den beteiligten Staaten "aufgezwungen" werden obwohl eine Fiskalunion, die zentralgesteuert ist, gar nicht ihren "individuellen" Bedürfnissen entspricht, dann sind diese Mittel geeignet, das gesamte Projekt in die Luft zu sprengen.
    Aber soweit scheinen Sie nicht denken zu können oder Sie haben damit aufgehört, nämlich dann als Sie die enormen Risiken entdeckt haben, die Sie nicht zur Kenntnis nehmen wollen.
    Ein anderer Spruch heißt "Augen zu und durch". Die Konsequenz sind meistens blutige Köpfe. Möglicherweise ist Ihnen das noch nicht einmal unsympatisch, was ich Ihnen aber nicht unterstelle, da Sie mir persönlich nicht bekannt sind.

  • @ Zeitzeuge,
    Sie schreiben "Vor der Währungsunion hatte niemand solche Probleme" mag sein, wir haben aber die Währungsunion und eine Währungunion ohne Fiskalunion ist nicht lebensfähig.
    Wir wollen die Währungsunion und Europa also wollen wir auch die Fiskalunion.
    Sie anscheinend nicht! Dann sprechen wir eine andere Sprache, sowas kommt in den besten Familien vor.
    Viel Glück!

  • @ R.Rath,
    der Spruch ist viel älter als Sie denken, er stammt von den Römer (angeblich von Julius Caesar), ich schätze aber dass er sogar noch älter ist.
    Aber egal von wem er stammen, er bleibt wahr.
    Ich muss zuerst wissen was ich erreichen will erst dann weiß ich welche Mittel die richtige sind.
    Diese sogenannte gültige Verträge führen nicht zum Ziel, weil das Ziel heißt Europa und nicht Exportreservat für die deutsch-französische Industrie und Wirtschaft.

  • @Machiavelli
    "Das Ziel ist wichtig, nicht die Mittel die zum Ziel führen". Dieser Ausspruch hat einen höchst widrigen und blutigen Beigeschmack, erstammt aus der terroristischen Phase der französischen Revolution und auch die Nationalsozialisten waren Anhänger dieser Denktradition.
    Wenn Sie Ihn bemühen, sollten Sie wissen in welche Gesellschaft Sie sich begeben, aber vielleicht wissen Sie es ja.

  • @Blinse
    Undenkbar ist sie nicht, sonst würde sie ja nicht angedacht werden z. B. von Herrn Weidmann
    Denkbar ist sie als ultima ratio in einer absoluten Krisensituation, wo alle Beteiligten quasi "gezwungen" würden ihr zuzustimmen. Deshalb auch der bemerkenswerte Ausspruch von Strass-Kahn vor seiner "Krise", eine Krise ist auch immer eine Chance.

  • Da wird sich der Herr Weidmann aber freuen, wenn Sie ihm vertrauen... Meinen Sie nicht, daß sein Name ggf. auch mit auf der Liste derer steht, die die Überschrift: "Verwendunsgzweck: Aufhängen!" trägt?

    Der Herr Sanio hatte davon schon lange eine gewisse Vorstellung:

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article13381320/Sonst-kommen-die-Steuerzahler-und-haengen-uns-auf.html

  • @Steuerschätzer
    Die Antwort ist einfach. Der Euro ist nicht eine Währung, die in erster Linie aus ökonomischen Gründen in die Welt gesetzt wurde sondern sie ist eine "politische" Währung und der Preis den Deutschland für die Wiedervereinigung zahlen musste, deshalb gibt man sie auch nicht auf, sondern hält an ihr fest und versucht mit allen möglichen und umöglichen Mitteln eine einigermaßen tragfähige Struktur in diese Projekt
    zu bringen. Tatsächlich wäre eine Lösung, wenn man den Euro nicht gäzlich abschaffen will, eine Teilung in einen stabilitätsorientierten Kern-Euro und in einen weicheren abwertungsfähigen Peripherie Euro zu machen. Es sind wieder nur rein politische Gründe, nicht ökonomische Gründe, die diesen Schritt verhindern. Der Euro soll die EU "zusammenschweißen", alles was nach einer Lockerung aussieht, will man verhindern und handelt entsprechend. Das Ziel ist die EU als Biundesstaat und nicht mehr als Staatenbund und ein Bundesstaat kann nicht zwei Währungsräume gebrauchen, so ist zumindist die gängige Meinung, die man aber nicht teilen muß.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%