Hans-Werner Sinn D-Mark-Rückkehr ist keine Drohkulisse

Bei einer Rückkehr zur D-Mark hätte Deutschland heute ein um etwa 50 Milliarden kleineres BIP, besagt eine Studie der KfW-Bank. Doch laut Hans-Werner Sinn stimmen diese Berechnungen hinten und vorne nicht. Deshalb fordert der Ifo-Chef: Deutschland kann und muss den Widerstand wagen.
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Prof. Hans-Werner Sinn: Der Autor ist Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com Quelle: Thorsten Jochim für Handelsblatt

Prof. Hans-Werner Sinn: Der Autor ist Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

(Foto: Thorsten Jochim für Handelsblatt)

Stark und Weber sind zurückgetreten, weil die EZB Deutschland gewaltige Vermögensrisiken aufbürdet, die die offiziellen Rettungspakete in den Schatten stellen. Der Club Med, der im Rat das Sagen hat, missbraucht die Bank für eine Kreditpolitik, die mit Geldpolitik im engeren Sinn nichts mehr zu tun hat und ihr Mandat überschreitet. Die Bundesrepublik kann sich das nicht länger bieten lassen. Sie sollte eine Neuverhandlung der Maastrichter Verträge verlangen.

Die EZB hat nicht nur für 130 Milliarden Euro Staatspapiere gekauft, was Bundespräsident Wulf als Umgehungstatbestand gegeißelt hat. Sie hat die Bundesbank zudem gezwungen, für weit mehr als 300 Milliarden Euro Target-Kredite an die Geschäftsbanken der GIPS-Länder statt an die deutschen Geschäftsbanken zu geben. Das hat Ex-Bundesbank-Präsident Schlesinger letzte Woche angeprangert. Das Maß ist voll.

Aber kann sich Deutschland überhaupt noch wehren? Ist es nicht erpressbar, weil es bei einem Austritt den größten Schaden hätte?

Dieser Meinung ist offenbar die KfW. Die Staatsbank hat dazu gerade eine Rechnung veröffentlicht, nach der Deutschland bei einer Rückkehr zur D-Mark wegen steigender Zinsen und eines steigenden Wechselkurses heute ein um etwa 50 Milliarden kleineres BIP hätte. So sehr ich noch immer für den Euro bin: Diese Rechnung stimmt hinten und vorne nicht.

Zunächst einmal ist es ja kein Nachteil für ein Land, sondern ein Vorteil, wenn der Zinssatz an seine Verhältnisse angepasst wird, statt den Erfordernissen einer Einheitswährung genügen zu müssen. Die Vorstellung, dass die Bundesbank einen für Deutschland schlechteren Zins gewählt hätte, als es die EZB tat, die alle Länder in den Blick nehmen musste, ist abwegig.

Wichtiger ist da schon das Wechselkursargument. In der Tat stünde die D-Mark heute unter Aufwertungsdruck, wenn Deutschland austräte, und das wäre sicherlich nicht gut für die Exporte. Die Schätzung der KfW, dass es zu einem Aufwertungseffekt von 15 Prozent kommen könnte, wenn der Wechselkurs freigegeben wird, ist nachvollziehbar. Dennoch eignet sich auch dieses Argument nicht als Drohkulisse.

Zum einen hätte nämlich eine Aufwertung nicht nur negative Auswirkungen für Deutschland. Positiv wäre, dass Industrie und Verbraucher importierte Vorprodukte und Konsumgüter billiger erwerben können. Der Terms-of-Trade-Gewinn einer Aufwertung von 15 Prozent liegt angesichts der deutschen Importquote von gut 40 Prozent bei sechs Prozent des BIP oder etwa 150 Milliarden Euro. Das ist das Dreifache der von der KfW berechneten Zahl.

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Deutschland kann und muss Widerstand wagen
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70 Kommentare zu "Gastbeitrag: D-Mark eignet sich nicht als Drohkulisse"

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  • Die Schweiz als sehr kleiner Wirtschaftsraum ist stark vom internationalen Warentausch abhängig da viele Produkte nur in grossen Mengen wirtschaftlich hergestellt werden können. Dabei steigt und fällt die Konkurrenzfähigkeit einzelne Industriebetriebe natürlich mit dem Wechselkurs. Wenn die ganze Welt plötzlich die "wenigen" verfügbaren Fränkli haben möchten steigt der Wechselkurs rapide und bereiten den Betrieben starke Probleme. Die (vorübergehende) Kettung an den Euro soll verhindern, dass die eigentlich sehr produktive Schweizer Industrie nicht aufgrund der Krise unter die Räder kommt. Arbeitsplätze verlieren geht schnell, der Wiederaufbau dauert sehr lange wenn die Läden erst mal zu sind.

    Für den grössten Teil der Bevölkerung bedeutet der starke Franken einen hohen Lebensstandard und hohe Kaufkraft. Dabei sei angemerkt, dass es relativ leicht ist eine Währung gezielt abzuwerten. Einfach kräftig drucken und gegen Fremdwährung eintauschen. Dann einkaufen gehen. Nicht besonders schwer, oder?

    Gezieltes aufwerten ist dagegen schlicht unmöglich, wenn keiner die Papierfetzen mehr will. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich lieber ne starke Währung in der Tasche habe.

    Ach ja, schon mal drüber nachgedacht was mit unseren Euroschulden passiert wenn unsere DM 2.0 soooooooooo stark aufwertet? Richtig, zur Begleichung reicht die Portokasse. Wär auch nicht schlecht.

  • Gut argumentiert, da mit Fakten belegt und schlüssig dargelegt. In einem zeigt Sinn aber Angst vor der eigenen Courage: Einerseits werden die Vorzüge einer Aufwertung dargelegt. Dafür braucht es eine eigene Währung, also die DM. Andererseits ist er aber weiter für den EURO. Damit geht es nicht. Wogegen sollen wir also Widerstand leisten? Gegen den Euro insgesamt um diesem Kardinalmangel abzuhelfen oder nur gegen seine gleichfalls beschriebenen aber kurierbaren Auswüchse?

  • Was für ein Quatsch. Das würde bedeuten, dass keiner mehr etwas für seine alten Tage zurücklegen darf. Konsumverzicht solange man leistungsfähig ist damit man irgendwann nicht in die Altesarmut abrutscht wäre damit unmöglich. Wie wärs denn gleich mit Komunismus?

    Ich jedenfalls vertraue Norbert Blüm nicht meine Zukunft an und sorge lieber für meinen eigenen "Generationenvertrag". Vielleicht freuen sich aber ja auch die Erben! :-)

  • Bei EURO-Auflösung betrüge nach meiner Lesart der deutsche Anteil nur 28% von 350 Milliarden oder ?

  • "Würde die Bundesbank nach einem Zusammenbruch des Währungssystems offen intervenieren, um die D-Mark zu stützen, stünde sie viel besser da, denn sie hätte die Möglichkeit, die hereinkommenden Devisen im Rest Europas in marktgängigen Wertpapieren anzulegen und damit genau das zu tun, was die Notenbank der Schweiz angekündigt hat."

    In welche Wertpapiere will er den seine Devisen anlegen, wenn das Finanzwesen sich verabschiedet hat und die Tueren geschlossen bleiben? Nur wenn der weise Ahab gartantieren kann dass bei einem Austritt Deutschlands die Banken Europas nicht reihenweise umfallen, sollte man seinen Rat in Erwaegung ziehen. Das scheint mir im besten Fall eine waghalsige Kamikazeaktion zu sein. Niemanden gefaellt dieser abwegige Transfer von Wohlstand, aber bisher gibt es keine ueberzeugenden Argumente, dass die Alternativen nicht noch verherendere Auswirkungen haben. Einer fuer alle und alle fuer einen, das war und ist unsere Gemeinschaftswaehrung, der Euro. Damit muessen wir uns abfinden, ganz egal ob es Sinn gefaellt oder nicht.

  • Sinn’s sense makes sense

    Lange genug hat es gedauert. Endlich hat er sich bekehrt. Hoffentlich schaffen es noch mehr, über ihren Schatten zu springen. Ich bitte um Mitgefühl: Diesen Herrschaften fällt es ungeheuer schwer, die eigene Eitelkeit zu überwinden, und sich und der Welt einzugestehen, mit der eigenen Einschätzung völlig daneben gelegen zu haben. Doch wie heißt es in der Bibel so schön: Der Herr freut sich über einen reuigen Sünder mehr als über Milliarden für Griechenland.

  • Den Passus, wie die Bundesbank die drohende D-Mark(II)-Aufwertung "abblocken" können sollte, verstehe ich nicht. "Dazu bräuchte sie nur die hereinströmenden Devisen gegen D-Mark einzutauschen....."
    Sie würde also die hereinströmenden Drachme und Lira gg D-Mark(II) umtauschen und dies mit einer Geldverknappung bei Kreditvergabe an Geschäftsbanken "neutralisieren". Problem: Keine Kredite, keine Investititonen, Gefahr des Wirtschaftsabschwungs, oder?
    Variante 2: Neutralisierung durch Aufnahme von Krediten. Mit anderen Worten: Deutschland kauft schwache Drachme und Lira auf Kredit. Problem: Kredite kosten (Zins), mithin Zunahme der Staatsschulden. Die Inflationsbekämpfung gäbe es nicht zum Nulltarif. Auch für die Schweiz wird die Ankoppelung an den EURO teuer. Letztlich ist es eine Gratwanderung zwischen einer Unterstützung der Exportwirtschaft durch eine halbwegs billige D-Mark(II) und den Kosten für das künstliche Abwerten der D-Mark(II).

    Vorteil: Deutschland hätte es selbst in der Hand und könnte die Feinjustierung unmittelbar anpassen, daher scheint mir dieses Szenario SINNvoller.

    Herrn Sinn, kann denn niemand genau berechnen, wie groß de Vor- und Nachteile des EURO in den Jahren seit seiner Einführung für D waren? Ich glaube an das Ammenmärchen, daß D am meisten profitiert hat schon lange nicht mehr. Zumal alle EUR-Länder dies behaupten. Das kann ja wohl in einer Zeit, in der man sich Marktanteile mühsam erkämpfen muß nicht sein. Und zB Schweden hat - OHNE EUR - in der letzten Dekade einen eindrucksvollen Aufschwung hingelegt.

  • Deutscher Staatsbankrott?

    Ja, auc hdas ist nicht auszuschliessen. Aebr unsere Politiker, allen voran SPD und Grüne, scheinen das nicht mal ansatzweise in ihren Überlegungen drinn zu haben. Vermutlich können die sich das gar nicht vorstetllen.

    Hochachtung habe ich vor den Parlamentarieren, die sich gegen das neue Rettungspaket aussprechen. Leider ein bisschen spät. Man hätte Deutschland viel Ersparen können, hätte man von Anfang an einfach den Dingen Ihren Lauf gelassen. Es ist kein Naturgesetz, dass der Euro verschwindet, wenn Griechenland pleite geht. Auch mit Portugal und Irland wäre das keine Katastrophe gewesen. Verwerfungen an den Finanzmärkten - klar. Aber die haben wir jetzt auch schon und das seit über 2 Jahren. Damals einen sauberen SChnitt, kurz und heftiger Krach und dann geht es weier aufwärts.

    Mag sein, dass die eine oder andere "Systemwichtige Bank" gestrauchelt wäre. Es wäre jedenfalls interesant gewesen zu sehen, was Systemwichtig denn nun bedeutet.

    Ich frage mich sowieso, weswegen vor 10 Jahren die Kredite an Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und co. zu so günstigen Zinsen vergeben wurden. Hatte den Investoren denn niemand gesagt, dass im EU-Vertrag ganz klar steht, dass jedes Land für seine Verbindlichkeiten selbst aufkommen muss??

    Genau diese Politik hätte die deustche Bundesregierung von Anfang an verfolgen sollen und klar machen, dass der Euro nicht davon abhängt, ob einzelne Länder ihre Schulden nicht mehr bezahlen können, es dort einen Schuldenschnitt gibt etc.

    Wenn ein großes europäisches unternehme npleite gehen würde und seine Schulden ausfallen, käme ja auch keienr auf die Idee den Euro in Frage zu stellen. Der Euro "gehört" sozusagen der EZB, nicht einzelnen Mitgliedsländern.

    Nun ja. Es wurde einfach zuviel falsch gemacht in den letzten 10 Jahren, inklusive dem Vertrag zum Euro.

  • Der Hinweis von Prof Sinn ist wichtig, den anderen Euro-ländern zu zeigen, dass es kein Denktabu gibt. Die Rück-kehr zur DM wäre m.E. nur die Ultima Ratio, aber sie wäre theoretisch möglich. Das würde die anderen Mitspieler - und hoffentlich auch das eigene Volk - vielleicht etwas nachdenklicher machen. Es muß eine Rote Karte geben, sonst hält sich niemand an Regeln!

  • Leider hat Herr Sinn da recht!

    Leider sehen das die verantwortlichen Politiker aber anders. Möglich, dass die mehr wissen, als wir alle. Wahrscheinlicher aber, dass sie eher weniger verstehen von den Zusammenhängen und gar nicht begreifen, was da gerade abgeht.

    Die Staatsbank KFW erstellt ein "Gutachten" dazu, welchen "Sacheden" Deutschland ohne Euro hätte. Mal ehrlich: glaubt jemand, dass diese Bank objektiv sein kann?

    Ist das Bundesverfassungsgericht objektiv?

    Man könnte den Ausführugnen von Herrn Sinn noch hinzufügen, dass Deutschland sogar enorm profitieren würde von der Rückkehr der DM. Schliesslich haben wir auch enorme Schulden, allerdings in Euro. Kommt die DM und die DM wertet auf, dann kann man die Euro-Schulden wesentlich schneller und günstiger zurück zahlen.

    Planspiele natürlich. Prinzipiell bin ich auch für einen Erhalt des Euros und der Eurozone. Die Frage ist allerdings zu welchem Preis. Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen, die "Schuldigen" sind auch klar ermittelt. Zurück auf Null und in ein paar Jahren einen neuen Anlauf mit einem neuen Euro nehmen, das funktioniert sicher nicht.

    Einen Kern-Euro schaffen? Auch nicht praktikabel. Andererseits: so wie sich die Politik derzeit von den Märkten treiben lässt, das kann auch nicht funktionieren. Die Regulierung der Banken und vor allem der Finanzmärkte im großen Stil ist ein großes Thema und auch das ist ein elementarer Punkt, ohne den die Neuordnung nicht erfolgreich sein kann.

    Unglaublich viel zu tun, unglaublich viel aufzuarbeiten. Unglaublich viele Fehler, die gemacht wurden, angefangen in den USA. Aber auch von unseren, zumeist unfähigen Politikern in Europa.

    Schaut man auf Europa von einem internationalen Blickwinkel, sieht man die Dinge vermutlich anders. Entsprechend reagieren die Finanzmärkte. Das Scheibchenweise zugsetehen, dass es so nicht geht und man immer weiter stützen muss, also das Spiel auf Zeit unserer Politiker, hat alles erst so schlimm gemacht.

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