Hans-Olaf Henkel „Sarrazin scheut vor der Therapie zurück“

Thilo Sarrazin legt in seinem Buch zwar den Finger in die richtige Wunde, sagt Euro-Kritiker Hans-Olaf Henkel im Interview mit Handelsblatt Online. Aber selbst der Provokateur schrecke vor der logischen Antwort zurück.
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Der ehemalige BDI-Chef Hans-Olaf Henkel. Im Gespräch mit dem Handelsblatt sprach er über Eurofanatiker und Merkels Krisenstrategie. Quelle: dpa

Der ehemalige BDI-Chef Hans-Olaf Henkel. Im Gespräch mit dem Handelsblatt sprach er über Eurofanatiker und Merkels Krisenstrategie.

(Foto: dpa)

Handelsblatt: Herr Henkel, mit Thilo Sarrazin eint Sie das Misstrauen gegenüber dem Euro. Sarrazin hat nun ein Buch zum dem Thema vorgelegt, das ein Bestseller werden könnte. Können Sie da in einer schwachen Minute neidisch über den Erfolg des anderen werden?

Hans-Olaf Henkel: Im Gegenteil, ich bin froh darüber, dass sich immer mehr Ökonomen, Wirtschaftsführer und mit Sarrazin nun auch ein ehemaliger Bundesbanker zu der von mir schon vor 18 Monaten erstellten Diagnose und Prognose für den Europatienten bekennen. Allerdings verschreibt auch Sarrazin keine echte alternative Therapie. Er kritisiert die Europolitik zwar kräftig, scheut sich aber, die logische Konsequenz daraus zu ziehen und den Austritt aus der Eurozone vorzuschlagen, wie ich das getan habe.

Wieviel Provokation braucht es, um gehört zu werden?

Wenn das Rütteln am Einheitseuro zum Tabu erklärt wurde, wird die Beschreibung der Realität automatisch zur Provokation. Insofern sagt Ihre Frage schon alles über die Diskussionskultur in diesem Lande.

Bislang hat sich keine der mittlerweile sechs in Bund und Ländern vertretenen Parteien die Abschaffung des Euro auf die Fahnen geschrieben. Warum sind politische Köpfe wie sie und Sarrazin bei den Parteien so erfolglos?

Die Öffentlichkeit wird ständig durch zwei unzulässige Gleichsetzungen verängstigt. Die eine heißt „Scheitert der Euro, scheitert Europa“. Damit wird parteiübergreifend so getan, als hätten wir den Frieden in Europa dem Euro zu verdanken. Wir haben den Frieden aber wegen der Demokratien in Europa und nicht wegen des Euro. Im Gegenteil, jetzt müsste doch jedem klar sein, dass der Euro eher zu Zwist als zu Eintracht in Europa geführt hat. Die andere: ständig wird der Euro mit dem Binnenmarkt gleichgesetzt. Damit werden Ängste vor einem Zusammenbrechen unserer Exporte für den Fall einer anderen Europolitik geschürt.

Der BDI sagt zum Beispiel: „60 Prozent unserer Exporte gehen nach Europa!“ und setzt damit den Euro mit dem Binnenmarkt gleich. Ich sage: „Nur noch 40 Prozent unserer Exporte gehen in die Eurozone, Tendenz sinkend“. In der Diskussion um die Europolitik versagt die Elite dieses Landes kläglich, insbesondere unsere Wirtschaftsredaktionen, die diese Demagogie entlarven sollten. Stattdessen machen sie die Eurokritiker zu Demagogen, wie man an den ersten Reaktionen auf Sarrazins Buch erkennen kann.

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46 Kommentare zu "Hans-Olaf Henkel: „Sarrazin scheut vor der Therapie zurück“"

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  • Das Mindeste, was man derzeit machen sollte: Diese Petition unterzeichnen

    Finanzpolitik - Keine Ratifizierung des ESM-Vertrages und des Fiskalpaktes
    https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=24314

    derzeit 1961 Unterzeichner; notwendig sind 50000 bis zum 22.6.12

  • Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass unsere Herrschaften mit all Ihren Beratern nicht das nötige Verständnis für die
    Gesamtsituation (politisch, wirtschaftlich und sozial) mitbringen. Allen Ernstens ....welche Absicht wird verfolgt und warum - was also steckt dahinter?
    Sollten die die Argumente wirklich bereits 1949 festgelegt worden sein????

  • Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass unsere Herrschaften mit all Ihren Beratern nicht das nötige Verständnis für die
    Gesamtsituation (politisch, wirtschaftlich und sozial) mitbringen. Allen Ernstens ....welche Absicht wird verfolgt und warum - was also steckt dahinter?
    Sollten die die Argumente wirklich bereits 1949 festgelegt worden sein????

  • @Walter : Ihre Beschreibung ist weitestgehend richtig. Nur in einem Punkt treffen Sie eine unzutreffende Unterscheidung, nämlich in der Perspektive „sozialistisch“ oder „nicht sozialistisch“.
    Die in unserem Bundestag vertretenen Parteien reden doch alle den gleichen Unsinn und sind gleichermaßen unwillig die wirklich grundsätzlichen Fragen unserer Schuldgeld-- Zinseszins- Ökonomie anzugehen. Wenn Sie von den Gesichtern in den Talkshows einmal absehen und unsere Politikersprüche "blind verkosten" würden, so würden Sie feststellen, dass sie alle derselben Euro-Partei angehören und den "internen" Streit um die I-Tüpfelchen in irgendwelchen Verträgen als demokratischen Wettbewerb um die Wählergunst inszenieren. - Wir brauchen im Sinne der politischen Hygiene vollkommen neue Parteien! Meine schlimmste Befürchtung für die nächste Bundestagswahl ist, dass wir anstelle einer CDU/FDP Regierung eine SPD/ Grüne Regierung erhalten, weil der ach so unaufgeklärte und obrigkeitsgläubige Wähler meint, damit würde sich irgendetwas Wesentliches ändern.
    Ändern müsste sich in Deutschland die Untertanenmentalität, die darin besteht, die immer gleichen Parteien zu wählen, obwohl sie doch alle etablierten Parteien an den Fehlentwicklungen der letzten 20 Jahre schwere Verantwortung tragen. Gerne zeigt man mit dem Finger auf die Griechen, die sich jahrzehntelang im Wechsel ihre beiden großen wie gleichermaßen korrupten Parteien gewählt haben. Doch was machen wir in Deutschland? Wir wählen ebenso brav entweder eine SPD-Regierung oder eine CDU-Regierung... bis zum finalen Zusammenbruch .... und werden uns dann bitterlich beklagen, dass uns die Politiker getäuscht haben. Fortlaufend getäuscht haben wir uns jedoch selbst über diese Politiker.

  • Herr Henkel, wenn Sie weiter hier so schreiben, kann das HB fuer mich die Kommentare abschaffen. Bei dem was Sie schreiben, kann ich nur zustimmen.

  • Sahnehäubchen, umfassende Immunität gegen Strafverfolgung auch bei Veruntreuung und Geldverdummung. Wer dies im normalen Leben tut, wird üblicherweise als nachweislich unzurechnungsfähig entmündigt. Und dabei geht es beim ESM sogar um hunderte Milliarden, wenn nicht Billionen.

    Aber genau diese Dinge scheinen unsere Abgeordneten mehrheitlich nicht zu begreifen, obschon 74 % der Bundesbürger mit gutem Grund ganz entschieden und grundsätzlich gegen weitere Rettungsmaßnahmen in astronomischer Höhe sind, deren angebliche Alternativ-losigkeit sie völlig zu Recht nicht glauben. Sie unterstellen vielmehr zutreffend, dass diese vorrangig Politikern und Banken nützen.

    Es ist ein schwerer Trugschluss zu glauben, es handele sich hier auf Dauer nur um Garantien. Wenn dies so wäre, bräuchte man sie nicht abzugeben! Tritt der Garantiefall ein, wovon jeder vernünftiger Mensch ausgehen wird (denn das Risiko besteht ja), müssen die Bürger zahlen – nicht die politischen Entscheidungsträger!

  • Der Fiskalpakt ist ein gezieltes Täuschungsmanöver um die extremen Gefahren des ESM-Vertrages zu verschleiern. Den Bürgern und ihren Abgeordneten wird mittels Fiskalpakt vorgegaukelt, die Länder der Eurozone, wie etwa Portugal, Griechenland oder Italien würden sich zukünftig scharfen Defizitregeln unterwerfen und Defizitsünder würden hart bestraft. Durch den Fiskalpakt werde, in Verbindung mit den finanziellen Aktivitäten der zukünftigen ESM-Bank, die Staatsschuldenkrise samt Bankenkrise nunmehr endgültig eingedämmt.

    Nichts davon ist wahr. Weshalb sollten ausgerechnet die Krisenverursacher in der Lage sein sie zu beenden. Sowenig ein Betrunkener durch zusätzliches Trinken nüchtern wird, sowenig wird die Kreditschuldenkrise durch weitere Kredite an Banken und Staaten gelöst werden.

    Vor diesem Hintergrund werden die ungeheuerlichen Milliardensummen der Rettungsschirme zukünftig ebenso versickern wie in der Vergangenheit. Doch es gibt einen wesentlichen und gefährlichen Unterschied zu früher: Bislang mussten Milliarden-Garantien immer von den Parlamenten einzeln abgesegnet werden. Mit der unkontrollierbaren ESM-Bank hingegen, die zukünftig Europa finanziell beherrschen wird, entsteht ein Zwangs-Zahlungs-Mechanismus von zunächst € 700 Milliarden, der die Deutschen – vor allem die kleinen Leute – finanziell bis auf die Knochen ruinieren wird.

    Die Kündigung des Fiskalpaktes oder des ESM ist nicht möglich. Kein vernünftiger Bürger unterschreibt in Gelddingen, speziell bei Bürgschaften und Garantien, einen Vertrag auf Ewigkeit, verzichtet auf Rechenschaft, überlässt die Honorarfestsetzung seines Beauftragten diesem selbst und gewährt ihm zusätzlich, gewissermaßen als Sahnehäubchen, umfassend

  • Sie haben nur noch vergessen, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt.

    Was haben wir nicht alles an Schlimmen gehört als die Krise in GR begann: wir müssen helfen, GR muss im Euro bleiben, es gibt einen Dominoeffekt usw.

    Und nun? Es hat ein Schuldenschnitt mit Ansagen gegeben, so dass die Banken ihren Schrott vorher bei der EZB abladen konnten, GR wird wohk nicht im Euro bleiben, Hermesbürgschaften für Lieferungen an GR werden nicht mehr gegeben (das wird uns bei 2% Export nach GR aber schwer treffen).

    Die Südländer aktuell Spanien kommen in Schwierigkeiten, aber nicht wegen GR sondern weil ihre Banken sich beim Bauboom und damit der Vermögensbildung der Reichen übernommen haben. Denn die Darlehen, die Bankia ausgezahlt hat wurden ja an die Bauträger ausgezahlt.

    Also Panik machen geht nicht mehr, raus aus dem Euro, zurück zur DM!!!

  • Vermutlich, weil sie Wahrheit nicht von Lüge unterscheiden können.

  • Sowohl die Herren Helmut Schmidt, P.Steinbrück, Frau Merkel u.v.m. verwiesen auf den verlorenen Krieg und den Frieden, den wir Dank dem Euro geniesen seit 1945, was völlig abwegig ist.Jetzt war es eine Bedingung Frankreichs zur Wiedervereinigung Deutschlands, dass wir den Euro einführten. Das kann einfach nicht wahr sein! Hätte man die DDR denn Polen zuschlagen wollen? Doch sicher nicht!
    Aber es benötigt einfach einer gewissen Härte und Konsequenz erfolgreich Politik zu machen, und die fehlt gänzlich in Deutschland und endlich scheint der Michel aufzuwachen und sich gegen diese Politik zu wehren, selbst wenn die Medien weiterhin linientreu schreiben.

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