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Polen Lieber Chef als arbeitslos

In Polen entstehen viele Unternehmen schlicht aus der Angst vor der Arbeitslosigkeit. Einige der so entstandenen Firmen exportieren längst nach Deutschland. Die jungen Unternehmen werden aber auch von dem anhaltend hohen privaten Konsum ihrer Landsmänner gestützt.
Abschlussfeier von Uni-Absolventen: Bildung ist zu einem wichtigen Standortfaktor in Polen geworden. Quelle: Caro / Jandke

Abschlussfeier von Uni-Absolventen: Bildung ist zu einem wichtigen Standortfaktor in Polen geworden.

WARSCHAU. Wer ein polnisches Arbeitsamt von innen gesehen hat, weiß, warum niemand dorthin möchte: Ausgelatschte Linoleum-Beläge und eine "Stütze", von der niemand leben kann. Das erklärt eine sensationelle Zahl: Allein im ersten Halbjahr wurden in Polen 208 000 Firmen gegründet. Nach Berechnungen des polnischen Statistikamtes GUS ist das noch ein Drittel mehr als in den ersten sechs Krisenmonaten des Vorjahres.

"Polen wollen lieber der Chef einer kleinen Firma sein als arbeitslos", sagt Rafal Antczak, Polen-Vize der Unternehmensberatung Deloitte. Und so haben die gut 38 Mio. Polen inzwischen laut GUS 3,8 Mio. Firmen registriert - damit wäre jeder zehnte Pole Unternehmer oder Selbständiger.

Gute Chancen für kleine Firmen

Die absolute Mehrheit der neuen Firmen sind kleine und kleinste Firmen - vor allem im verarbeitenden Gewerbe, in der Energie-, Gas- und Wasserversorgung. "In Polen haben Kleinunternehmer keine Angst zu scheitern", begründet Bohdan Wyznikiewicz vom Institut für Marktwirtschaft den Gründerboom. Und wenn sie doch scheiterten, bauten sie etwas Neues auf.

Auch Bert Rürup sieht in seiner Handelsblatt-Länderanalyse die polnische Firmenstruktur und die Dominanz der Kleinen als "Nebenbedingung des ökonomischen Erfolgs Polens". Zudem würden die Kleinen und mittelgroßen Unternehmen helfen, die in den post-kommunistischen Transformationsgesellschaften oft verbreiteten "Anpassungsschmerzen" im nötigen Strukturwandel abzufedern.

Und der hat erst begonnen, meinen Experten. Laut Knut Dethlefsen von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Warschau stünden gerade in der schlesischen Schwerindustrie Zechensterben und Rationalisierungen in Großmaßstab erst noch bevor.

Noch eines hat sich in den 20 Jahren seit dem Zusammenbruch des Kommunismus und vor allem in den letzten Jahren geändert, sagt Malgorzata Krzyszloszek-Starczew-ska vom Arbeitgeberverband Lewitan: "Inzwischen wollen zwei Drittel, dass immer mehr Polen Firmen gründen sollen."

Die jungen Unternehmen werden von dem anhaltend hohen privaten Konsum der Polen gestützt. Die gesamte Binnennachfrage stieg vergangenes Jahr trotz Krise um mehr als zwei Prozent und leistete einen Wachstumsbeitrag von 1,4 Prozentpunkten. Gut sei, dass in Polen "die Arbeitslosigkeit wieder fällt und so das notwendige Einkommen für die Konsumausgaben gesichert" werde, sagt Osteuropa-Experte Simon Quijano-Evans.

Längst beschränkt sich Polens unternehmerischer Enthusiasmus nicht mehr auf das eigene Land: Allein im ersten Halbjahr gaben polnische Firmen 2,3 Mrd. Euro aus, um im Ausland zu expandieren, berichtet die Zeitung "Dziennik". Im Fokus steht neben den osteuropäischen Märkten, die ausgeweitet werden sollen, Deutschland. Erst übernahm der Ölkonzern PKN Orlen Teile des Aral-Tankstellennetzes von BP, später kaufte die Breslauer Odratrans die Deutsche Binnenreederei und formte das größte Binnenschifffahrtsunternehmen Europas. "Nun positionieren sich polnische Unternehmen weiter gern durch Firmenübernahmen auf dem deutschen Markt", stellt German Trade and Invest (GTAI) fest. Dabei nutzten sie gern den Erwerb von Marken und Vertriebsnetzen und vor allem das Gütesiegel "Made in Germany".

Vor allem im Chemiesektor und in der IT-Industrie sind polnische Investoren stark, zeigen Beispiele. So hat das Chemieunternehmen ZAT jüngst das deutsche Unternehmen Unylon Polymers übernommen. Und so hat der Softwarekonzern ComArch aus Krakau, seit Mai Sponsor des Fußballvereins 1860 München, SoftM in München gekauft. Zuletzt hatte der Anlagenbauer Makrum aus Bydgoszcz die bankrotte Heilbronn Pressen erworben.

Polen sind die fleißigsten Europäer

Polnische Firmen haben inzwischen fast eine Mrd. Euro in Deutschland investiert, heißt es in der Wirtschaftsabteilung der polnischen Botschaft in Berlin. 44 000 Polen haben in Deutschland eine Firma.

Gestärkt wird die Flexibilität auf dem polnischen Arbeitsmarkt durch den "positiven Standortfaktor Bildung", sagt Rürup. Wie lernwillig die Polen sind, lässt sich an der Zahl der Studierenden ablesen: Mit fast zwei Millionen Studierenden verfüge Polen über fast die gleiche Zahl von an Hochschulen Eingeschriebener wie die Bundesrepublik.

Doch auch die polnischen Arbeitnehmer tragen unermüdlich zum Aufschwung ihres Landes bei. Auch wenn es der landläufigen Meinung widerspricht: Polen sind, das belegen die Arbeitszeiten, die fleißigsten Europäer.

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