Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Analyse Chinas BIP-Zahlen sind sehr stetig und immer nah am Regierungsziel – Wie geht das?

Die Wirtschaft in China liefert hohe und stabile Wachstumsraten. Doch das Wirtschaftswunder des Riesenreichs weckt Misstrauen – zu Recht.
Kommentieren
Größere Wachstumsschwankungen kommen in China laut Statistik seit Langem nicht mehr vor. Quelle: Reuters
Arbeiter stehen im Hafen von Qingdao, China

Größere Wachstumsschwankungen kommen in China laut Statistik seit Langem nicht mehr vor.

(Foto: Reuters)

Frankfurt China war lange Wachstumsweltmeister. Das ist kein kleiner Erfolg für ein Volk von 1,5 Milliarden Menschen. In den Neunziger- und Nuller-Jahren wuchs die Wirtschaft preisbereinigt mit zweistelligen Jahresraten. Aus dem Armenhaus der Welt wurde so innerhalb weniger Jahrzehnte ein Mitteleinkommensland.

Das ist eine Errungenschaft, die niemand in Zweifel zieht, weil der allgemeine Wohlstandsgewinn und die stürmische technologische Entwicklung des Landes zu offensichtlich sind. Für die konkreten jährlichen und vierteljährlichen Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gilt das allerdings nicht.

Seit einem Zwischenhoch von 10,6 Prozent im Jahr 2010 geht es stetig abwärts, auf zuletzt 6,6 Prozent im Jahr 2018. Nicht nur, dass die Jahresergebnisse regelmäßig sehr nahe am von der Regierung ausgegebenen Wachstumsziel liegen, macht misstrauisch.

Auch die große Stetigkeit der Abwärtsbewegung ist verdächtig. Wachstumsschwankungen im Konjunkturverlauf wie sie bei uns normal sind, kommen in dem Riesenreich laut Statistik seit Langem nicht mehr vor. Mit vernachlässigbaren Ausnahmen ist das Wachstum jedes Jahr wenige Zehntel-Prozentpunkte niedriger als im Vorjahr.

Auch die Wachstumsrate von 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr im zweiten Quartal 2019, die das Statistikamt am 15. Juli verkündete, hielt sich genau an die Vorgaben der Regierung und die damit übereinstimmenden Erwartungen der Analysten. Die Regierung hatte das Jahresziel im April auf sechs bis 6,5 Prozent gesetzt. Analysten erwarten derzeit 6,3 Prozent. Im Vorjahr hatte die Regierung 6,5 Prozent angepeilt, und es kamen 6,6 Prozent heraus.

Da schwer zu glauben ist, dass sich eine Marktwirtschaft in einem Riesenreich wie China derart genau steuern lässt, lädt das zu der skeptischen Frage ein, wie echt das Wirtschaftswunder Chinas ist. Wie viel davon steht vielleicht nur auf dem Papier?

Angriffspunkte für mögliche Manipulationen

Wei Chen, Xilu Chen, Chang-Tai Hsieh und Zheng Song von der Chinese University of Hong Kong und von der Universität Chicago haben den offiziellen Wachstumszahlen in einem aktuellen Fachaufsatz auf den Zahn gefühlt.

Ihre Beschreibung, wie das Bruttoinlandsprodukt in China ermittelt wird, lässt deutlich werden, wo die Angriffspunkte für mögliche Manipulationen liegen. Sie liegen nicht so sehr bei der Zentralregierung, die in der Vergangenheit immer wieder ihre Unzufriedenheit mit der Qualität der Daten kundgetan hat.

Zuständig für die Datensammlung sind die lokalen Büros des Statistikamts NBS. Formell sind diese lokalen Büros zwar Teil des Statistikamts. De facto unterstehen sie aber den Regionalregierungen, die vor allem auch über Besetzungsfragen entscheiden. Die Regionalregierungen wiederum sind gehalten, die Wachstums- und Investitionsziele der Zentralregierung zu erfüllen.

Grafik

Offenbar nutzen sie dafür auch ihren Einfluss auf die regionalen Statistikämter. Das scheint auch das NBS so zu sehen. Es hat Zugang zu den Rohdaten der regionalen Ämter und korrigiert die Daten, die diese veröffentlichen, bei der Aufsummierung regelmäßig nach unten. Die Summe der Wirtschaftsleistungen der Regionen ist also regelmäßig deutlich größer als die am Ende veröffentlichte Wirtschaftsleistung der Nation.

Der Unterschied hat vor allem zwei Quellen, die Industrieproduktion und die in China traditionell sehr hohen Investitionen des Staates und der privaten und öffentlichen Unternehmen. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die Übertreibungen durch die Regionalregierungen ab 2008, also ab Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise der westlichen Welt, deutlich größer geworden sind.

Wachstumsrückgang stärker als ausgewiesen?

Das nationale Statistikamt habe diese größeren Übertreibungen aber nicht durch höhere Abschläge kompensiert. Sie schätzen, dass das jährliche Wirtschaftswachstum seit 2010 um knapp zwei Prozentpunkte zu hoch angesetzt sei und die Investitions- und Sparquote 2016 um etwa sieben Prozentpunkte niedriger war als die ausgewiesen rund 40 Prozent.

Auch wenn der Wachstumsrückgang seit 2010 dieser Schätzung zufolge stärker gewesen wäre als offiziell ausgewiesen, tun diese Forschungsergebnisse der Wachstumswunder-Story Chinas keinen Abbruch. In den Neunzigern mit ihren im Durchschnitt zweistelligen Wachstumsraten bestand dieses Problem nämlich offenbar noch nicht.

Damals war die Summe der regionalen Wirtschaftsleistungen nach Berechnungen der Autoren sogar um fünf bis sechs Prozent niedriger als die nationale Rate, die das nationale Statistikamt schließlich veröffentlichte.

Dass die regionalen Statistikbüros sich offenbar bei ihren Meldungen nach den zentralen Plänen richten, haben bereits im letzten Jahr Changjiang Lyu, Kemin Wang, Frank Zhang und Xin Zhang gezeigt. Sie stellten fest, dass Meldungen knapp unterhalb der Pläne sehr viel seltener vorkommen als Meldungen, die genau den Plänen entsprechen oder etwas darüberliegen. Als Ursache machten sie aus, dass zum einen die regionalen Regierungen ihre Investitionssteuerung nach den Plänen richten, dass zum anderen aber auch die Daten entsprechend zurechtmassiert werden.

Mit einer etwas anderen Methodik als in der aktuellen Studie waren auch Emi Nakamura, Jón Steinsson und Miao Liu im Jahr 2015 zu dem Ergebnis gekommen, dass die offiziellen Statistiken eine in der Größenordnung korrekte, aber stark geglättete Version der Realität abbilden.

Offenbar bemüht sich das Statistikamt redlich, die Übertreibungen der regionalen Büros zu kompensieren und sich dem wahren Wert anzunähern. Es wäre kaum verwunderlich, dass es die Freiheitsgrade, die dabei entstehen, auch nutzt, um ein politisch gefälliges Ergebnis zu veröffentlichen. Wenn es so wäre, könnte die Regierung intern bekannte Abweichungen vom Wachstumsziel bei der Festlegung des nächsten Ziels berücksichtigen, und so verhindern, dass sie sich langfristig allzu sehr kumulieren.

Mehr: Wohnung, Auto, Smartphone: China wandelt sich von einer Sparer- zu einer Kreditnehmernation. Das birgt viel Wachstumspotenzial – aber auch immense Risiken.

Startseite

Mehr zu: Analyse - Chinas BIP-Zahlen sind sehr stetig und immer nah am Regierungsziel – Wie geht das?

0 Kommentare zu "Analyse: Chinas BIP-Zahlen sind sehr stetig und immer nah am Regierungsziel – Wie geht das? "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote