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Arbeiter in einer Raffinerie in Schwedt

Internationale Handelskonflikte, Brexit-Drama und die Schwäche der Weltkonjunktur belasten die deutsche Wirtschaft. Trotzdem konnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nun ein Wachstum verzeichnen.

(Foto: dpa)

Bruttoinlandsprodukt Überraschendes Wachstum: Deutsche Wirtschaft entgeht knapp der Rezession

Entgegen den Erwartungen fast aller Konjunkturbeobachter ist das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal leicht gewachsen – um 0,1 Prozent.
Update: 14.11.2019 - 08:54 Uhr Kommentieren

Berlin Es ist eine positive Überraschung: Im dritten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland im Vergleich zum zweiten Quartal um 0,1 Prozent gewachsen. Fast alle Konjunkturbeobachter hatten erwartet, dass die Wirtschaftsleistung nach dem zweiten Quartal auch im dritten Quartal schrumpfen würde. Mit einem Wachstumsrückgang in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen wäre Deutschland dann in eine sogenannte technische Rezession gerutscht.

Das ist nun nicht der Fall. Das schlechte Quartal dieses Jahres bleibt damit das zweite: Für dieses korrigierte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden sein Zahlenwerk: Nicht 0,1 Prozent, sondern 0,2 Prozent betrug das Minus im vergangenen Frühjahr. Die Statistiker korrigierten auch die Wachstumsrate für das erste Quartal: Das Wachstum zu Jahresbeginn war demnach mit 0,5 Prozent um 0,1 Prozentpunkte größer als bisher veröffentlicht.

„Wir haben keine technische Rezession, aber die Wachstumszahlen sind noch zu schwach“, sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in der ARD.

Das Wachstum im dritten Quartal ist vor allem dem Konsum zu verdanken. Die Menschen kauften mehr als im zweiten Quartal, auch der Staat steigerte seine Konsumausgaben. Zudem wurde mehr in Bauten investiert. Sogar die zuletzt schwachen Exporte legten wieder stärker zu. Die Investitionen in Ausrüstungen allerdings sind im Vergleich zum Vorquartal gesunken – ein Zeichen dafür, dass die Unternehmen ihre Geschäftserwartungen eher verhalten einschätzten.

Die große Frage der Konjunkturbeobachter ist nun, ob die Talfahrt der Wirtschaft, vor allem der Exportindustrie, damit beendet ist. Mit einer baldigen Wiederbelebung der hiesigen Wirtschaft rechnen seit einem Monat jedenfalls die Konjunkturforscher der fünf wichtigsten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer Gemeinschaftsdiagnose. „Wir sind weit entfernt von einer Wirtschaftskrise“, sagte Ifo-Konjunkturexperte Timo Wollmershäuser dem Handelsblatt. „Wir erwarten, dass sich die Lage im vierten Quartal normalisiert und im nächsten Jahr die Wirtschaft wieder stärker wächst“, sagte er.

Die Frühindikatoren des Ifo-Instituts zeigten zuletzt allerdings ein gemischtes Bild. „Die ersten Meldungen aus der Industrie zeigen uns, dass es dort nach 18 Monaten Rückgang jetzt nicht weiter abwärts geht“, sagte Wollmershäuser. Im Kontrast zum optimistischen jüngsten Ifo-Geschäftsklimaindex für Deutschland zeigte das Ifo-Weltwirtschaftsklima, eine weltweite Expertenbefragung, am Montag erneut eine Eintrübung an. „Die Weltkonjunktur kühlt sich weiter ab“, so das Fazit des Instituts.

„Die Erwartungen sind nun positiv“

Ifo-Konjunkturexperte Wollmershäuser schaut allerdings stärker auf die Hoffnungssignale des Geschäftsklimaindexes, einer regelmäßigen Unternehmensbefragung. Besonders positiv wertet er, dass die optimistischeren Antworten vor allem aus der Autoindustrie kamen – und damit aus der Branche, die bisher für den Abschwung prägend war. „Es gibt dort wieder mehr Manager, die die Lage ihres Unternehmens positiv sehen, als solche, die sie negativ beurteilen. Und die Erwartungen sind nun positiv“, so Wollmershäuser.

Altmaier: „Dieses erste positive Signal ist noch keine Entwarnung“

Auch an der Börse schöpften die Experten in dieser Woche Hoffnung: Die regelmäßig vom ZEW befragten Börsenprofis schätzen die Konjunkturaussichten so gut ein wie seit einem halben Jahr nicht mehr. ZEW-Präsident Achim Wambach begründete dies mit nachlassender Angst vor dem Brexit und den Handelskonflikten. „Die Chancen auf ein Abkommen zwischen Großbritannien und der EU und damit auf einen geregelten Austritt Großbritanniens sind inzwischen erkennbar größer geworden", sagte er.

Hinzu komme, dass Strafzölle auf Autoimporte aus der EU in die Vereinigten Staaten weniger wahrscheinlich seien als vor einigen Wochen. „Eine Einigung im Handelskonflikt zwischen den USA und China scheint etwas näher zu rücken", sagte Wambach.

Der Sachverständigenrat dagegen blieb in seinem Jahresgutachten, das vergangene Woche veröffentlicht wurde, vorsichtiger: Die fünf Wirtschaftsweisen rechnen für dieses und nächstes Jahr mit gleichbleibend schwachem Wachstum. Für das Jahr 2019 soll es 0,5 Prozent betragen; im nächsten Jahr falle die Wachstumsrate nur deshalb mit 0,9 Prozent höher aus, weil es mehr Arbeitstage gebe als 2019. Allerdings sind auch die Weisen zuversichtlich, dass es keine Rezession geben werde.

Die Wirtschaftsweisen begründen ihre Skepsis hinsichtlich einer schnellen Erholung der deutschen Wirtschaft ähnlich wie die internationalen Organisationen IWF und OECD: Deren Chefökonominnen Gita Gopinath und Laurence Boone sehen die Volkswirtschaften weltweit im synchronen Abschwung. Mit Folgen für Deutschland: Eine so exportlastige Wirtschaft wie die deutsche müsse, auch angesichts des noch immer schwachen Welthandels, mit einer längeren Schwächephase rechnen. Vehement fordern beide Ökonominnen daher von der Bundesregierung ein umfassendes mehrjähriges Investitionsprogramm.

Auch Banken-Ökonomen warnten in dieser Woche vor zu viel Euphorie: Man solle sich nicht allzu sicher sein, dass die Handelskonflikte wirklich gelöst würden. Die deutsche Autoindustrie habe ihre Umstellung vom Verbrennungsmotor auf Elektroantriebe noch lange nicht bewältigt. „Davon betroffen sind auch nachgelagerte Industrien wie der Maschinenbau“, sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank.

Gute Arbeitsmarktzahlen

Im Bundeswirtschaftsministerium sah man die Schwäche der deutschen Industriekonjunktur zuletzt ebenfalls als noch nicht überwunden an. „Die aktuelle leichte Besserung bei den Auftragseingängen und den Geschäftserwartungen haben den Ausblick auf das vierte Quartal aber ein wenig aufgehellt“, hieß es.

Bisher ist die Industrierezession jedenfalls noch nicht in großem Ausmaß auf die Binnenkonjunktur übergeschwappt: Baukonjunktur und Konsum verzeichnen weiterhin gute Wachstumsraten. Am Arbeitsmarkt stiegen zwar aus der Industrie die Anträge auf Kurzarbeit, die Zahl der Zeit- und Leiharbeiter sinkt, und erste industrienahe Dienstleister erwarteten zuletzt keine großen Zuwachsraten mehr. Die amtlichen Zahlen zum Arbeitsmarkt sind aber weiterhin gut: Im dritten Quartal lag die Zahl der Erwerbstätigen mit 45,4 Millionen um 365.000 Personen höher als ein Jahr zuvor, meldeten die Statistiker.

Im Handwerk allerdings dauert die konjunkturelle Hochphase derzeit noch an. ZDH-Generalssekretär Holger Schwannecke beschreibt die aktuelle Geschäftslage als „weiterhin hervorragend.“ Allerdings: Erste Abkühlungen in einzelnen Gewerken würden auf eine auch im Handwerk nachlassende Konjunkturdynamik hinweisen. 2020 werde das Handwerk voraussichtlich nicht mehr so stark wachsen wie in den vergangenen Jahren, „jedoch auf einem im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen immer noch hohen Niveau“, so Schwannecke.

„Das ist als Konjunkturimpuls auch völlig ausreichend“

Ifo-Experte Wollmershäuser jedenfalls ist optimistisch: „Ich erwarte nicht, dass die Industrierezession noch stark auf die Binnenkonjunktur übergreifen wird“, sagte er. Konsum und Bau seien weiterhin robust. „Wenn der Industrieabschwung jetzt erst einmal stoppt, dürften die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt begrenzt bleiben“, sagte er.

Die Bundesregierung müsse daher aktuell auch nicht mehr tun, als sie bereits vorbereitet habe. „Sie hat ja im Koalitionsvertrag Entlastungen wie den Soli-Abbau und mehr Investitionen vorgesehen“, sagte er. Etwas komme jetzt durch das Klimapaket noch hinzu. „Das ist als Konjunkturimpuls auch völlig ausreichend“, sagte er.

Mehr: Die Weltkonjunktur kühlt sich immer stärker ab. Der vom Ifo-Institut berechnete Indikator ist auf ein Zehnjahrestief gesunken. Die Aussichten? Trüb.

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