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VW-Lackieranlage

Von der Pandemie ist in Italien der industriestarke Norden des Landes betroffen, der sehr stark in die Automobilproduktion und in den Maschinenbau in Deutschland integriert ist.

(Foto: dpa)

Corona-Rezession Ökonom: „Italien ist in manchen Sektoren wichtiger für deutsche Industrie als China“

Europäische Gesamthilfen unterstützen auch Deutschland, sagt Spitzenökonom Felbermayr. Verflochtene Lieferketten machen es schwer, die Rezession allein zu überwinden.
02.04.2020 - 09:42 Uhr 2 Kommentare

Berlin Für Deutschland wird es schwer, die Corona-Rezession zu überwinden – solange dies nicht auch den übrigen Europäern, China und den USA ebenfalls gelingt. „Wenn sich ein Land besonders stark für eine gemeinsame Krisenbewältigung einsetzen sollte, dann ist das Deutschland, im wohlverstandenen Eigeninteresse“, sagte Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). „Wenn Spanien und Italien die Krise nicht überwinden können, wird das auch bei uns den Wiederaufschwung gewaltig bremsen“, sagte der Ökonom dem Handelsblatt.

Das IfW hat Daten darüber gesammelt, welcher Sektor in welchem Land in welchem Ausmaß Vorprodukte aus welchem Sektor des eigenen oder anderer Länder verwendet. Es sitzt auf einem Schatz ellenlanger „Input-Output“-Tabellen, mit deren Hilfe es nachzeichnen kann, wie sich ein Produktionsausfall eines Landes durch die Weltwirtschaft frisst.

Wenn also in China die Produktivität um zehn Prozent abstürzt, bedeutet das für die Branche Elektronik und Optik in Deutschland einen Wertschöpfungseinbruch von zwölf Prozent, weil viele Vorlieferungen aus China kommen. „In der Automobilindustrie wären es nur fünf Prozent, weil die Lieferketten differenzierter sind und nicht so stark allein an China hängen“, sagte Felbermayr.

Eine weitere Erkenntnis des Ökonomen: „Gerade Italien ist in manchen Sektoren sogar wichtiger für die deutsche Industrie als China.“ Denn: Von der Pandemie sei besonders der industriestarke Norden des Landes betroffen, der sehr stark in die Automobilproduktion und in den Maschinenbau in Deutschland integriert sei.

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    „Auch für den deutschen Textilsektor spielt Norditalien eine wichtige Rolle“, sagte er und schließt daraus: „Wenn wir über die Euro-Zone helfen, dass Italien schnell wieder auf die Beine kommt, dann helfen wir uns selbst.“

    Die Coronakrise ist „ein Megaschock“

    Die Coronakrise nennt der Ökonom „einen Megaschock“, der alle Märkte sowohl auf der Angebots- als auch der Nachfrageseite schädige. Welches Land wie stark in seinen Lieferketten und Kundenbeziehungen getroffen wird, hängt dabei vor allem von seiner Geografie und der Produktionsstruktur vor der Krise ab.

    Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) bezeichnet die Coronakrise als „Megaschock“ für die Wirtschaft. Quelle: AFP
    Gabriel Felbermayr

    Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) bezeichnet die Coronakrise als „Megaschock“ für die Wirtschaft.

    (Foto: AFP)

    Die USA etwa werden nur langsam vom Wiederaufschwung Chinas profitieren, weil die Transportwege zwischen beiden Ländern lang sind. Die Krise in Europa komme dagegen wegen der kürzeren Transportwege und der direkteren Kundenbeziehungen schneller in den USA an.

    In Deutschland wiederum trifft der Lockdown in den USA die Industrieproduktion fast gar nicht, weil die USA kaum Vorprodukte und auch überhaupt nur wenige industrielle Güter exportierten. Als Kunden für ihre Produkte jedoch sind die US-Bürger unverzichtbar für deutsche Firmen.

    „Leider gibt es in den USA keine großen automatischen Stabilisatoren wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Krankengeld, die den Konsumeinbruch bremsen könnten“, bedauert Felbermayr die weitgehende Abwesenheit eines Sozialstaats.

    Deutschland wiederum bezieht viele Dienstleistungsgüter aus den USA, etwa Software. In diesem Markt bleibt der Einbruch bisher aus. „Dort gibt es zum Glück keine größeren Produktionsausfälle“, so Felbermayr.

    Grafik

    Welcher Produktionsausfall wo wie viel Schaden anrichtet, ist allerdings meist nicht auf den ersten Blick eindeutig. Wenn etwa ein Eisenerzminen-Betreiber seine Produktion einschränken muss, hat der Stahlsektor sofort ein massives Problem.

    Es dehnt sich aber von dort weiter aus, etwa in die stahlverarbeitende Industrie, zum Beispiel den Maschinenbau, der wiederum Vorprodukte, Bagger etwa, an den Eisenerzförderer liefert. Wenn dieser keine Maschinen bekommt, kann er wiederum weniger fördern. Die Maschinen fehlen aber auch der Baubranche, die ebenfalls weniger produzieren kann und womöglich weniger Leute beschäftigen wird, deren Konsum dann ebenfalls ausfällt.

    Kommt es zu einer längeren Rezession?

    Weil die Lieferketten weltweit vernetzt sind und viele Branchen voneinander abhängen, fürchtet Felbermayr, dass es womöglich doch nicht zu einem schnellen Wiederaufschwung nach dem tiefen Schock der pandemiebedingten Stillstände kommen wird.

    Ökonomen sprechen bei einer kurzen, tiefen Rezession von einem  „V“-förmigen Verlauf, im Gegensatz zum „U“, bei dem nach dem steilen Absturz die Schwächephase eine Weile anhält, bevor ein Wiederaufschwung einsetzt. „Ich fürchte, dass wir den V-förmigen Verlauf der Rezession nicht schaffen und daraus dann doch ein langes U wird“, sagte Felbermayr. Denn schon Anfang März sei in Deutschland die Autoindustrie durch die Quarantäne in China in Mitleidenschaft gezogen worden.

    Die deutschen Chancen auf einen Wiederaufschwung sind jedenfalls umso größer, je mehr Ländern es gleichzeitig wirtschaftlich wieder besser geht. Felbermayr spricht sich deshalb als Hilfe für schwächere Euro-Länder wie Italien, Spanien, Portugal und Griechenland für die zeitlich begrenzte Ausgabe europäischer Corona-Bonds aus.

    „Im Unterschied zu Krediten des ESM würden die Corona-Bonds den Schuldenstand in Italien nur geringfügig erhöhen, und sie würden ein echtes Transferelement beinhalten“, sagte Felbermayr. Sie sollten allein zur Bewältigung der Krise dienen. Denn damit wären sie „keine Euro-Bonds, die eine Gemeinschaftshaftung für Altschulden begründen würden“, sagte er.

    Mehr: Kommt mit den Riesen-Rettungspaketen die Inflation?

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    2 Kommentare zu "Corona-Rezession: Ökonom: „Italien ist in manchen Sektoren wichtiger für deutsche Industrie als China“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Dann möge doch bitte die Industrie den betroffenen Zulieferanten helfen, damit sie zügig die Vorprodukte fertigen können. Aber doch bitte nicht allgemein der Steuerzahler, der nicht auf den neuen Mercedes, BMW oder VW wartet.
      Alle EU-Staaten haben es versäumt, ihre Schuldentragfähigkeit dem Leben nach 2009 anzupassen und haben stattdessen mit hohen Sozialleistungen Wählerstimmer erkauft. In Deutschland ist die Infrastruktur verrottet und wartet seit Jahren auf dringen notwendige Investitionen. Vor einem schnellen Internet ganz zu schweigen.
      Wenn wir wirklich Überschüsse hätten, dann könnten diese für Hilfen verwendet werden. Diese Überschüsse haben wir nicht, sondern eine breite Verschuldung, die das Corona-Ereignis nur mit noch mehr Schulden bedienen kann.
      Wacht auf liebe Bundesbürger. Keiner unserer Politiker hat sich Deutschlands Bilanz angesehen und faselt vom reichen Land.

    • Eurobonds, ja oder nein? Jürgen Habermas sagt: "Neue Probleme ergeben sich aus der Notwendigkeit, kognitive Dissonanzen zu bearbeiten, die ein intersubjektiv geteiltes Selbst- und Weltverständnis erschüttern. Solche Dissonanzen entstehen aus zwei verschiedenen Quellen: zum einen aus neuen Erkenntnissen über die objektive Welt, zum anderen aus Krisen der Gesellschaft." (Jürgen Habermas, "Auch eine Geschichte der Philosophie")
      Nun, wir teilen mit den Italienern ein "Selbst- und Weltverständnis" und klar, haben die Italiener nicht den schönsten Staatshaushalt, aber es gibt trotzdem gewichtige Gründe, die dafür sprechen. Letztendlich bringt es auch nicht soviel, sich zuviel an irgendwelchen Zahlen festzuhalten, Wirtschaft und der damit verbundene Wohlstand und die Stabilität der EU sind zum großen Teil Psychologie, wir müssen allen Mitgliedern der EU zeigen, dass es Sinn mancht Mitglied zu sein und alle gemeinsam motivieren, nach der Krise wieder Gas zu geben und da darf dieses Gefühl, das einige die größeren Verlierer sind, auf keinen Fall aufkommen.

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