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Coronakrise Deutschland vor der Rezession: Die drei Szenarien der Wirtschaftsweisen

Der Sachverständigenrat Wirtschaft geht von einem deutlichen Rückgang des BIP in Deutschland aus. Die Prognose ist allerdings weniger pessimistisch als die des Ifo-Instituts.
30.03.2020 Update: 30.03.2020 - 13:46 Uhr 3 Kommentare
Corona: Wirtschaftsweise rechnen mit Rückgang des BIP Quelle: dapd
Hamburger Hafen

Die Auswirkungen der Coronakrise treffen die Wirtschaft hart.

(Foto: dapd)

Berlin Das Coronavirus hat die beginnende Konjunkturerholung im Februar abrupt gestoppt. Eine Rezession ist jetzt nicht zu vermeiden. Aber: Die Wirtschaftsweisen halten eine schnelle Erholung für wahrscheinlich, wenn über den Sommer der Stillstand nach und nach wieder aufgehoben wird. In einem Sondergutachten für Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat der Sachverständigenrat Wirtschaft drei Szenarien über den weiteren Verlauf der Konjunktur skizziert:

  • Szenario: Schnelle Erholung Im Basisszenario gehen die Ökonomen von einem scharfen Einbruch im März und April aus, rechnen dann aber nach fünf Wochen Stillstand auch mit einer schnellen Erholung ab Mai. Aufs ganze Jahr gerechnet würde das Bruttoinlandsprodukt um 2,8 Prozent schrumpfen – und 2021 um 3,7 Prozent steigen. Weil die Datenlage unübersichtlich ist und der Coronavirus um die Welt zieht wie kaum eine Epidemie zuvor, sind allerdings alle Annahmen „mit erheblichen Unsicherheiten behaftet“, betonen die Wirtschaftsweisen Lars Feld, Achim Truger und Volker Wieland.
  • Szenario: Großflächiger Stillstand Berechnet haben sie deshalb auch zwei Risikoszenarien. Das erste beschreiben sie als ein tieferes V: Nach dem Stillstand der Reise-, Veranstaltungs- und Gastronomiebranche kommt es innerhalb von sieben Wochen Stillstand auch zu großflächigen Produktionsstilllegungen; über den Sommer dann aber dennoch zu einer schnellen Erholung. In diesem Szenario würde das BIP 2020 um 5,4 Prozent schrumpfen und 2021 um 4,9 Prozent wachsen. „Dahinter verbirgt sich durchaus eine sehr tiefe Rezession im ersten Halbjahr mit einem Wachstumsrückgang von zehn Prozent“, sagte Wieland. Der Einbruch sei tiefer als während der Finanzkrise, aber auch die Erholung käme, wie nach Naturkatastrophen üblich, schneller. „Wir sind ja nicht im Krieg, nach dem der Kapitalstock hinterher zerbombt wäre“, so Wieland. Die Produktion könne daher schnell wieder anlaufen.
  • Szenario: Viele Insolvenzen Das zweite Risikoszenario ist das langfristig gefährlichste. In ihm sähe die BIP-Kurve aus wie der Buchstabe U. Aufs ganze Jahr gesehen betrüge der Wachstumsrückgang nur vermeintlich milde 4,5 Prozent. Aber weil der Shutdown über den ganzen Sommer hinaus anhielte, käme es zu mehr Insolvenzen und dauerhaften Schäden für viele Unternehmen: Die Erholung würde dann sehr viel länger dauern. Der Wiederaufschwung 2021 wäre mit einer Wachstumsrate von einem Prozent zu schwach für eine baldige Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität.

Alle Szenarien der Weisen jedenfalls führen auf mittlere Frist nicht zu einer schlimmeren Rezession als die Finanzkrise, in der 2009 das BIP in Deutschland um 5,7 Prozent schrumpfte.

Wirtschaftsweise optimistischer als das Ifo

Die Wirtschaftsweisen bleiben damit optimistischer als einige der großen Wirtschaftsforschungsinstitute. Das Institut für Weltwirtschaft erwartet in seiner Frühjahrsprognose einen BIP-Rückgang zwischen 4,5 und 8,7 Prozent.

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    Das Münchener Ifo-Institut schockte vergangene Woche die Republik sogar mit Extremszenarien, in denen die Wirtschaft in diesem Jahr zwischen 5,4 und 20,6 Prozent schrumpfen könnte.

    „Wir halten nichts davon, immer extremere Schreckszenarien aufzuzeichnen“, sagte Feld, der Vorsitzende des Sachverständigenrats. Ihr Gutachten hätten die Weisen bereits vor einer Woche fertiggestellt. Und seither hätten, bei aller Unsicherheit der Lage, die neuen Daten das eigene Basisszenario durchaus bestätigt, betonte Feld. 

    Das Minus-20,6-Szenario, des schlechteste von 18 Szenarien des Ifo, beruht auf der Annahme, dass etliche Branchen drei Monate lang einen kompletten Umsatzausfall erleiden. „Das halten wir für wenig wahrscheinlich“, so Feld.  

    Grafik

    Die Weisen gehen stattdessen aktuell von einem Nachfragerückgang der Reisebranche von 90 Prozent aus. Die Verpflegungs-, Freizeit- und Kulturdienstleister seien mit Umsatzverlusten von 75 Prozent betroffen. „Dabei wird berücksichtigt, dass Restaurants zwar von eingeschränkten Öffnungszeiten beeinträchtigt sind, aber weiterhin Mahlzeiten zum Verzehr außer Haus anbieten können“, heißt es in dem Gutachten.

    Bei Gebrauchsgütern, die derzeit nicht in Läden erworben werden können, dürfte ein großer Teil online verkauft werden, glauben die Weisen. Für Elektronikartikel und Bekleidung erwarten sie daher einen Umsatzrückgang von 30 Prozent. Bei Fahrzeugen und Möbeln hingegen, die weniger online gehandelt werden, falle der Rückgang mit 60 Prozent wiederum stärker aus. „Viele Käufe, etwa von Autos, dürften aber später nachgeholt werden“, sagte Wieland.

    Einig sind sich die Ökonomen darin, dass die Tiefe der Rezession vor allem von der Dauer des Stillstands abhängt. „Eine Woche Stillstand kostet die Volkswirtschaft 40 Milliarden Euro“, sagt Ifo-Chef Clemens Fuest – so viel, wie Deutschland jährlich für Verteidigung ausgibt. Und die Verluste werden von Woche zu Woche des Stillstands größer werden, sagt auch der nach den Abgängen von Christoph Schmidt und Isabel Schnabel auf drei Ökonomen geschrumpfte Rat.

    Gesundheit zuerst!

    Trotz der verheerenden Auswirkungen auf die Wirtschaft betonen alle Spitzenökonomen hierzulande bisher einmütig: Gesundheit zuerst! Auch die Wirtschaftsweisen halten die Kontaktverbote aktuell für richtig. „An erster Stelle steht der Schutz der Gesundheit und damit das Ziel, Erkrankte gut zu versorgen und die Ausbreitung des Virus effektiv zu begrenzen“, sagte Feld. Die Zeit des Stillstands müssten die Regierungen von Bund und Ländern daher nutzen, Krankenhäuser auszubauen und „personelle Reserven und Notkapazitäten zu aktivieren“.

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    Und einmal mehr betonten sie – wie auch das Ifo und das IfW –, dass es jetzt darauf ankomme, von Südkorea zu lernen, wie ohne flächendeckende Ausgangssperren die Infektion eingehegt werden kann: über große Testprogramme und schnelle Isolierung der Infizierten. „Wir sehen doch in Asien, dass es geht, den kompletten Stillstand auch wieder zurückzunehmen“, sagte Wieland. 

    Die Hilfspakete für die Wirtschaft, die Bundestag und Bundesrat vergangene Woche in Kraft gesetzt haben, begrüßen die Weisen ausdrücklich: „Es kommt zur richtigen Zeit“, heißt es in dem Gutachten. Kurzarbeit und Zuschüsse für Kleinstbetriebe würden helfen, den Einbruch einzudämmen.

    Die Weisen schlagen zusätzlich vor, dass Betriebe die Zeit des Stillstands für Weiterbildung nutzen sollten – und dafür, die Digitalisierung voranzutreiben. Und bei den Bauprojekten sollten diejenigen priorisiert werden, die sich während des Stillstands besonders schnell umsetzen lassen: der Ausbau von Autobahnen etwa oder die Renovierung von Schulen.

    Für besonders wichtig halten die Weisen allerdings auch eine gute Kommunikationsstrategie der Bundesregierung. Sie müsse nun eine Normalisierungsstrategie in Abhängigkeit von den Infiziertenzahlen entwickeln, diese am besten europaweit mit den Nachbarländern abstimmen, und die Strategie dann auch gut erklären. Denn das würde die Unsicherheit bekämpfen: Psychologie ist in Krisenzeiten enorm wichtig für das Wirtschaftsgeschehen, wie schon Ludwig Erhard in den 1950er-Jahren betonte. 

    Dies gelte auch für die Finanzmärkte. Um die „Erwartungen zu stabilisieren“, müssten die Euro-Staaten ein klares Signal senden, dass sie den ESM ab sofort zur Verfügung stellen. Dies sei auch deshalb wichtig, weil dann den Ländern, die ESM-Kredite nutzen, auch die Europäische Zentralbank helfen kann, indem sie deren Anleihen über ihr OMT-Programm gezielt aufkauft. 

    Zu den von Südeuropa geforderten Corona-Bonds, gemeinsamen Anleihen aller Euro-Staaten, äußerten sich die Weisen nicht, weil sie sich darüber nicht einig sind. Der gewerkschaftsnahe Rat Achim Truger würde sie befürworten, seine beiden Kollegen nicht. Feld und Wieland sind strikt gegen jede gemeinsame Schuldenhaftung in der Euro-Zone.

    Mehr: Alle Entwicklungen zum Coronavirus im Newsblog.

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    3 Kommentare zu "Coronakrise: Deutschland vor der Rezession: Die drei Szenarien der Wirtschaftsweisen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Guten Morgen,

      ich glaube mich ebenfalls zu erinnern, dass der Sachverständigenrat eigentlich fast immer falsch lag. Das liegt aber nicht an deren Kompetenz, sondern an dem Komplexon Wirtschaft. Es ist nicht mit konstruierten Modellrechnungen als mehr oder weniger geschlossenes Konstrukt abzubilden - wie im Studium.
      Und - 50 % von Wirtschaft ist Psychologie und die ist wenig greifbar sondern subjektive Einschätzungen von ganz vielen. Da hat jeder seine Sicht der Umstände, der Zukunft, seine eigene Situation und und …
      Auch spielt der individuelle Lebensstil eine wesentliche Rolle.

      Aber ich denke, wir haben eine sehr gute wirtschaftliche Basis, die auf kleine und mittlere Unternehmen sich begründet und da gibt es ganz viele Unternehmertypen und andere Leistungsträger mit sozialer Kompetenz, die ihre Mitarbeiter:innen mitnehmen und Sicherheit (soweit dies geht) geben.
      Die nicht sagen - wir schaffen das - sondern die es in vielen Jahren auch bewiesen haben.

      Wenn Corona für was gut gewesen sein soll, so ist es die Tatsache, dass das digitale Arbeiten und die Sicht auf diese Wichtigkeit des Themas in vielen Bereichen zwangsweise einen Pusch bekommen hat.

      Ich freue mich auf unsere Zukunft und bleibt gesund.

    • Hallo zusammen,
      haben die "Weisen" mit den Vorhersagen eigentlich immer richtig, manchmal richtig oder eher falsch bzw. immer falsch gelegen? Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, aber soweit ich mich erinnern kann waren die Orakelsprüche nicht immer so berauschend und vor allem meistens falsch...

    • @Lars Feld; habt ihr auch Szenarien durchgespielt in denen sich die Wirtschaft nach einem W-Muster entwickelt? Meiner Meinung nach ist es wahrscheinlicher bzw. realistischer, dass sich die Wirtschaft bei einer Normalisierung relativ schnell erholen wird (die Menschen wollen das kaufen bzw. tun was sie davor monatelang nicht konnten).
      Auf eine kurze Erholung folgt jedoch eine zweite Krise. Entweder in Form einer zweiten Virus-Welle (da Länder international unterschiedlich gegen das Virus vorgehen z.B. Brasilien) oder einer Schuldenkrise europäischer Länder (Italien, Spanien etc.), welche wiederum die Gemeinschaftswährung bedroht und Europa vor eine Zerreißprobe stellt.

      PS: Grüße aus Freiburg ;)

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