Diskussion unter Ökonomen Hat US-Präsident Trump doch recht mit seiner Zollpolitik?

Harvard-Volkswirt Dani Rodrik wirft seinen Kollegen vor, den Nutzen der Globalisierung zu überschätzen – und stützt damit Trumps Schutzzölle.
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USA: Hat Donald Trump doch recht mit seiner Zollpolitik? Quelle: imago/ZUMA Press
Dani Rodrik

„Der Wachstumseffekt der Nafta auf die US-Konjunktur ist kaum nachzuweisen“, sagt Rodrik.

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FrankfurtSind Ökonomen naiv? Ja, meint Dani Rodrik. Der Professor in Harvard kritisierte auf einer Konferenz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt seine Kollegen scharf. „Wer die Lehrbücher der Ökonomie kennt, darf sich eigentlich nicht über die Welle des Populismus wundern“, sagt er. Denn seiner Meinung nach wird häufig der Nutzen der Globalisierung überschätzt und der Schaden, den sie anrichtet, übersehen.

Rodrik, der sich schon seit den 1990er-Jahren mit dem Thema beschäftigt, macht auf einen grundlegenden Punkt aufmerksam: „Der Einfluss der Zölle auf das Wachstum ist eine quadratische Funktion, ihr Einfluss auf die Umverteilung dagegen eine lineare Funktion.“ Das bedeutet: Wenn hohe Zölle gesenkt werden, hat das zunächst einen sehr stark positiven Effekt auf das Wachstum. Wenn sehr niedrige Zölle noch weiter gesenkt werden, dann ist dieser Effekt nur noch klein und tendiert gegen Null. Auf der anderen Seite ist der Umverteilungseffekt auch bei niedrigen Zöllen noch recht stark.

Der Professor nennt als Beispiel die Nordamerikanische Freihandelszone (Nafta), die zurzeit auf Betreiben von US-Präsident Donald Trump neu verhandelt wird. „Der Wachstumseffekt der Nafta auf die US-Konjunktur ist kaum nachzuweisen“, sagt er. Dabei verweist er auf eine Studie, nach der dieser Freihandel die jährliche Wachstumsrate in den USA gerade mal um 0,04 Prozentpunkte erhöht.

Kehrseite niedriger Zölle jedoch sind heftige Lohneinbußen in Branchen wie dem Autobau, wo billige Importe aus Mexiko in Konkurrenz zu einheimischer Produktion treten.

Rodrik räumt zwar ein, dass es bei solchen Umverteilungen immer auch Gewinner gibt. Aber weil die USA mehr importieren als exportieren, ist es naheliegend, dort Umverteilung durch Zollsenkung mehr oder minder pauschal als gesellschaftlichen Schaden anzusehen. Und dieser Schaden überwiegt seiner Meinung nach bei einer weiteren Senkung ohnehin schon niedriger Zölle bei weitem den gesamtwirtschaftlichen Nutzen.

Hat Trump also recht mit seiner Zollpolitik? Rodrik geht nicht so weit, diese Frage zu bejahen. Er empfiehlt aber, bei jeder Verhandlung über Zollsenkungen schädliche Nebenwirkungen mit zu berücksichtigen.

Anders als Trump hält er allerdings wenig von bilateralen Handelsverträgen zwischen einzelnen Staaten, sondern ist – ganz der Liberale – für großräumigere Vereinbarungen. Sie können seiner Meinung nach vor allem unter Staaten mit ähnlichem Entwicklungsstand sinnvoll sein. Rodrik glaubt auch nicht, dass es sinnvoll ist, neue Zollschranken aufzubauen – die dann ja wieder zu schwer überschaubaren Umverteilungseffekten führen können.

Hart ins Gericht geht der Professor mit Kollegen, aber auch mit Politikern, die die These vertreten, man sollte Zölle senken, dann aber den Betroffenen einen finanziellen Ausgleich verschaffen. „Darüber wird geredet, und dann passiert nichts“, sagt er. Seiner Meinung nach sind solche Ausgleichsprogramme zudem wenig effektiv und dämpfen im Zweifel noch einmal den ohnehin schon geringen Wachstumseffekt, den die Zollsenkung erzielen sollte.

Auch den Einwand, man müsse mit besserer Bildung dafür sorgen, dass von negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt Betroffene neue, höher qualifizierte Jobs finden, wischt er beiseite. „Das hilft ja dann höchstens der nächsten Generation“, sagt er.

Rodrik ist relativ pessimistisch, dass sich die populistischen Tendenzen in der Politik rasch abschwächen. Seiner Beobachtung nach schließen sich jetzt liberale Ökonomen und Politiker vor allem mit ideologischen statt wissenschaftlich fundierten Argumenten gegen Trump & Co. zusammen nach dem Motto: „Wollt ihr das? Da sind wir doch die bessere Alternative.“

Das aber, glaubt er, verringert noch die Bereitschaft, die eigenen ökonomischen Rezepte zu hinterfragen. Wenn aber Experten und Politiker weiterhin die negativen Effekte der Globalisierung ignorieren, könnte das am Ende zu noch mehr Populismus führen.

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