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IfW-Präsident im Interview Gabriel Felbermayr warnt vor den Folgen des Coronavirus für die Weltwirtschaft

IfW-Chef Felbermayr schätzt die Risiken des Coronavirus als enorm ein. Die jetzige Krise könne der Beginn einer weniger globalisierten Weltwirtschaft sein.
21.02.2020 - 09:01 Uhr Kommentieren
„Die Zeichen stehen klar auf Entschleunigung des Welthandels.“ Quelle: dpa
IfW-Chef Gabriel Felbermayr

„Die Zeichen stehen klar auf Entschleunigung des Welthandels.“

(Foto: dpa)

Washington Der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr, sieht in der Corona-Epidemie „die größte Bedrohung für die Weltwirtschaft, sowohl was den Handel als auch das Wachstum angeht“. „Die jetzigen Entwicklungen in China zeigen plötzlich, wie fragil das System ist“, sagt Felbermayr im Interview mit dem Handelsblatt. „Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das Virus sich als Lehman-Moment erweisen könnte“, so der Wirtschaftswissenschaftler.

Wie bei der Pleite der US-Investmentbank 2008 sei „das Selbstverständliche plötzlich nicht mehr selbstverständlich“. Auch das Exportland Deutschland werde damit „klarkommen müssen, dass stabile Lieferketten keine Selbstverständlichkeit mehr sind und dass China nicht immer ganz selbstverständlich tolle Wachstumsraten liefert“.

Im Gegenteil: Felbermayr warnt vor einem nachhaltigen Effekt der Epidemie auf Chinas Konjunktur. „Da die Volksrepublik wichtiger Teil der globalen Wertschöpfungsketten ist, verlieren aber auch Länder wie Japan, Korea und Taiwan stark an Dynamik – und auch das trifft am Ende Deutschland stark“, so Felbermayr.

„Die Bedrohung trifft auf eine Weltwirtschaft, die schon jetzt zwei Schwächen aufweist: Einerseits befinden wir uns am Rande einer globalen Industrierezession, wobei Deutschland überdurchschnittlich belastet ist. Andererseits war auch der Welthandel im vergangenen Jahr schon rückläufig, als es die Epidemie noch gar nicht gab“, erklärt der Ökonom. Jetzt komme noch dieser Schock dazu.

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    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Messen werden abgesagt, Lieferketten gestört, Unternehmen kassieren ihre Umsatzziele – wie gefährlich ist die Corona-Epidemie für die Weltwirtschaft?
    Die Epidemie ist gegenwärtig die größte Bedrohung für die Weltwirtschaft, sowohl was den Handel als auch das Wachstum angeht. Die Handelskonflikte geraten mit dem jüngsten Waffenstillstand zwischen den USA und China aus dem Fokus, ebenso der Brexit. Das Coronavirus und die Unsicherheit, die damit einhergeht, sind derzeit ohne Zweifel das Thema Nummer eins in den Unternehmen.

    Wo konkret sehen Sie das größte Risiko?
    Gerade die deutsche Wirtschaft ist international so vernetzt und produziert stark in China. Es wird zu Produktionseinschränkungen in den kommenden Wochen, womöglich sogar zu Produktionsstopps kommen und damit auch zu Lieferproblemen – und zwar in einer ganzen Reihe von Branchen. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern auch in Korea, Taiwan und Japan, abgeschwächt sogar in den USA.

    Können Sie uns die Dimension anhand von Zahlen oder Prognosen verdeutlichen? 
    Die Bedrohung trifft auf eine Weltwirtschaft, die schon jetzt zwei Schwächen aufweist: Einerseits befinden wir uns am Rande einer globalen Industrierezession, wobei Deutschland überdurchschnittlich belastet ist. Andererseits war auch der Welthandel im vergangenen Jahr schon rückläufig, als es die Epidemie noch gar nicht gab. Jetzt kommt noch dieser Schock dazu. Das ist eine Mischung, die vor allem für exportorientierte Länder wie Deutschland eine Bedrohung darstellt. 

    Manche Ökonomen prognostizieren bereits ein schrumpfendes erstes Quartal in China. Was bedeutet das für die Weltwirtschaft, zu deren Wachstum China ein Drittel besteuert? 
    Das mag man sich gar nicht vorstellen. China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und steht für fast 20 Prozent der globalen Nachfrage. Wir rechnen mit der Daumenregel, dass sich das Wachstum hier in Deutschland um 0,1 Prozentpunkte verringert, wenn sich das BIP-Wachstum in China um einen Prozentpunkt verlangsamt. Da die Volksrepublik wichtiger Teil der globalen Wertschöpfungsketten ist, verlieren aber auch Länder wie Japan, Korea und Taiwan stark an Dynamik – und auch das trifft am Ende Deutschland stark.

    Das heißt für Ihre Wachstumsprognose?
    In der Summe rechne ich aus jetziger Sicht für Deutschland in diesem Jahr mit Wachstumseinbußen von 0,2 Prozentpunkten auf dann nur noch 0,9 Prozent. Voraussetzung allerdings ist, dass die Effekte von Corona sich auf das erste Quartal beschränken und dass China trotz der Krise immer noch im Gesamtjahr um fünf Prozent wächst. Das allerdings scheint aus jetziger Sicht wenig wahrscheinlich.

    Wie erklären Sie sich, dass sich die Börsen trotz dieser Szenarien so schnell erholt haben?
    Gute Frage, eine wirklich gute Erklärung fällt mir da schwer. Schon seit zwei, drei Jahren haben sich die Aktienmärkte von der Realwirtschaft abgekoppelt. Ich kann mir das eigentlich nur mit Liquiditätsschwemme durch die Notenbanken erklären. Die Märkte erwarten, dass die Zentralbanken die Zinsen noch weiter drücken.

    Mich würde es nicht wundern, würde die EZB bei einer weiteren Verschärfung der Chinakrise den Leitzins auf bis zu minus 0,5 senken. Das heißt, die Notenbanken schaffen die Basis für diese Entkopplung von der Realwirtschaft.

    An den Rohstoffmärkten ist die Corona-Krise allerdings deutlich spürbar...
    Nicht nur dort, auch die direkt betroffenen Branchen wie Automobil und Logistik sind schon in Mitleidenschaft gezogen worden.

    Wird China in der jetzigen Krise überhaupt in der Lage sein, die Zusagen zu erfüllen, die es im Phase-1-Deal gegenüber den USA gemacht hat, etwa den Kauf von zusätzlichen US-Waren und Rohstoffen im Wert von 200 Milliarden Dollar in den kommenden zwei Jahren? 
    Das wird es mit ziemlicher Sicherheit nicht erfüllen können. Das war schon ohne das Coronavirus unrealistisch. Aber den US-Präsidenten wird es nicht stören. Er hat das Abkommen ja so terminiert, dass er zum Wahltag Anfang November immer noch behaupten kann, er hätte den größten Deal aller Zeiten geschlossen. Denn abgerechnet wird ja erst nach der Wahl.

    Der Coronavirus hält die Weltwirtschaft derzeit in Atem. Quelle: LAM YIK FEI/The New York Times/R
    Mann mit Atemmaske am Hongkonger Flughafen

    Der Coronavirus hält die Weltwirtschaft derzeit in Atem.

    (Foto: LAM YIK FEI/The New York Times/R)

    Wenn man sich das Krisenmanagement des chinesischen Politbüros anschaut, gewinnt man nicht den Eindruck, dass das politische System zunehmend an seine Grenzen stößt?
    Das stimmt. China war immer unter der Voraussetzung politisch stabil, dass es sein Wachstumsversprechen einlösen kann. Im Moment stellt sich die Frage, ob die Kommunistische Partei das künftig noch leisten kann.

    Sollte es eine deutliche Verringerung des Wachstums oder sogar eine Rezession geben, wird das die Handlungsspielräume der Regierung in Peking massiv einschränken. Solche Aufstände, wie wir sie in den vergangenen Monaten in Hongkong gesehen haben, könnte es dann in vielen der reicheren Küstenstädte geben. Das ist ein enormes Stabilitätsrisiko für das Regime und führt zu einer latenten Instabilität. 

    Ist nicht auch die Kultur der Angst, die ein zunehmend autokratisch agierender Xi Jinping verbreitet, Ursache für die dramatischen Ausmaße dieser Epidemie?
    Das ist natürlich ein Faktor. Hinzu kommt, dass man den Zahlen, die die Regierung veröffentlicht, nicht trauen kann. Sie sind weitgehend Fantasieprodukte. Das gilt ganz allgemein für die Wirtschaftsdaten, und das gilt auch für die Corona-Statistiken. Ich habe von Anfang an auch bei der Epidemie vor diesem Problem gewarnt. Man muss immer befürchten, dass die Zahl der Infizierten viel höher ist, das gilt auch für die Angaben Pekings zu Produktionsausfällen.

    Das Paradoxe ist ja, dass die Allmacht der Regierung die Krise einerseits möglich gemacht hat und dass sie andererseits bei der Bekämpfung zwingend gebraucht wird. Per Fingerzeig setzt Xi mal eben ganze Städte unter Quarantäne. So was wäre im Westen doch gar nicht denkbar, oder?
    Die Regierung ist zu solchen Maßnahmen gezwungen. Das Land hat in den betroffenen Regionen eine enorme Bevölkerungsdichte und ist immer noch Schwellenland – es verfügt in Teilen des Landes gar nicht über die Technologien und die medizinische Versorgung, um die Epidemie effizient zu bekämpfen.

    Die jetzigen Entwicklungen in China zeigen plötzlich, wie fragil das System ist.

    Fakt ist: Nicht nur die Handelskonflikte bremsen den internationalen Warenaustausch, sondern auch Pekings Kampf gegen die Epidemie. Sehen Sie nachhaltige Effekte? Erleben wir derzeit womöglich eine Zeitenwende, eine Rückabwicklung der Globalisierung?
    Diese Wende erleben wir schon mindestens seit zehn Jahren. Seit 2008 wächst die globale Industrieproduktion schneller als das Volumen des Welthandels. Vorher war es jahrzehntelang genau umgekehrt. Seit 2008 erleben wir also eine Deglobalisierung, wenn auch in den Auswirkungen noch recht moderat. Vor Donald Trump waren es die nicht tarifären Handelsbarrieren, die bremsend wirkten, mit Trump kommen die steigenden Zölle hinzu.

    Und dann gibt es noch den Trend, dass die Höhe der Löhne nicht mehr ganz so entscheidend ist für die Höhe der Kostenpositionen der Unternehmen, da die Produktionsmethoden kapitalintensiver sind. Auch die Angst vor einer Epidemie wird die Mobilität der Menschen einschränken. Manager werden sich überlegen, welche Reiserisiken sie noch eingehen. Dieser psychologische Effekt wird den Deglobalisierungstrend verschärfen.

    Werden all diese Entwicklungen, die Sie eben aufzählten, die globale Wirtschaftsdynamik nicht empfindlich dämpfen, weil die Effizienzgewinne, die durch die internationale Arbeitsteilung entstehen, verschwinden? 
    Den Trend sehen wir ja schon länger, und das Coronavirus wird ihn beschleunigen. Der nächste Rückschlag für den Welthandel ist schon absehbar, nämlich wenn wir zu einer realistischen Bepreisung der CO2-Emissionen im internationalen Transport kommen werden. Die Containerschiffe verbrennen steuerfrei Diesel, Flugzeuge verbrauchen steuerfrei Kerosin. Das wird nicht so bleiben. Die Zeichen stehen also klar auf Entschleunigung des Welthandels.

    Und das Virus könnte so eine Art Game-Changer der Globalisierung sein?
    Ja, die jetzigen Entwicklungen in China zeigen plötzlich, wie fragil das System ist. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das Virus sich als Lehman-Moment erweisen könnte. Wie bei der Pleite der US-Investmentbank 2008 ist das Selbstverständliche plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Auch das Exportland Deutschland wird damit klarkommen müssen, dass stabile Lieferketten keine Selbstverständlichkeit mehr sind und dass China nicht immer ganz selbstverständlich tolle Wachstumsraten liefert. 

    Das heißt, die neuen Unsicherheiten könnten so schwere Folgen haben wie die Finanzkrise?
    Allein das Bewusstsein für eine neue Fragilität kann einschneidende Effekte haben. Auch die Lehman-Pleite hatte nicht nur das Austrocknen der Finanzmärkte zur Folge, sie veränderte das Denken. Die Unternehmen fingen plötzlich an, mehr auf Eigenkapital zu setzen und sich zu entschulden. Die Folgen dieser Entwicklungen sehen wir jetzt zwölf Jahre später immer noch.

    Herr Felbermayr, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Die WHO betrachtete wochenlang den Corona-Ausbruch als rein chinesisches Problem. Jetzt hechelt der globale Gesundheitswächter der immer schlimmer werdenden Krise hinterher.

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