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Insolvenzen Zahl der Firmenpleiten steigt im August – Verband sieht über eine Million Unternehmen bedroht

Die hohen Energiepreise und anhaltende Probleme bei den Lieferketten machen den Unternehmen zu schaffen. Mittelständler befürchten schon das Schlimmste.
12.09.2022 Update: 12.09.2022 - 14:05 Uhr Kommentieren
Leerstand, Gewerbefläche Quelle: dpa
Leere Gewerbefläche

Nach einer langen Zeit mit niedrigen Insolvenzzahlen hat eine Trendwende eingesetzt.

(Foto: dpa)

Wiesbaden Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) warnt angesichts stark steigender Energiekosten vor einer Pleitewelle. Bundesgeschäftsführer des Verbands, Markus Jerger, sagte dem Handelsblatt: „Eine Insolvenzwelle unter kleinen und mittleren Unternehmen ist ein Szenario, mit dem wir mittlerweile rechnen müssen. Viele Betriebe stehen mit dem Rücken zur Wand und wissen schon jetzt nicht mehr, wie sie die höheren Kosten bewältigen sollen.“

Jerger verwies auf eine aktuelle Umfrage seines Verbands. Danach hätten vier von zehn Unternehmen geantwortet, dass allein die stark steigenden Energiepreise eine existenzielle Bedrohung darstellen. „Wenn man die Zahlen deutschlandweit hochrechnen würde, wären das bei 3,5 Millionen existierenden Unternehmen in Deutschland 1,4 Millionen bedrohte Unternehmen“, sagte Jerger. „Das zeigt, welches Ausmaß die aktuelle Krise hat.“

Die Zahl der Firmenpleiten ist im August gestiegen. Wie das Statistische Bundesamt auf Basis vorläufiger Daten am Montag mitteilte, meldeten im vergangenen Monat 6,6 Prozent mehr Unternehmen Insolvenz an als im Juli.

Im ersten Halbjahr hatten die Amtsgerichte noch vier Prozent weniger Firmenpleiten registriert als ein Jahr zuvor.

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    Die Statistiker wiesen am Montag darauf hin, dass die Insolvenzanträge oft erst mit Zeitverzug in die Statistik einfließen. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) geht nun von weiter steigenden Zahlen aus.

    Trendwende habe eingesetzt

    Nach einer langen Zeit mit niedrigen Insolvenzzahlen habe eine Trendwende eingesetzt, erklärte IWH-Forscher Steffen Müller in der vergangenen Woche. Grund dafür seien in erster Linie stark steigende Preise zum Beispiel für Energie und Probleme in den Lieferketten. Von einer drohenden Pleitewelle könne jedoch derzeit nicht gesprochen werden, so Müller.

    Endgültige Zahlen liegen dem Bundesamt inzwischen für das erste Halbjahr vor. In den sechs Monaten meldeten die Amtsgerichte 7113 Unternehmensinsolvenzen und damit vier Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

    Die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger bezifferten die Gerichte auf knapp 8,2 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2021 waren sie mit rund 31,8 Milliarden Euro deutlich höher, weil es mehr größere Fälle gab.

    Insolvenzexperten erwarten keine Pleitewelle. Man sehe aber einen „deutlich gestiegenen Beratungsbedarf vor allem bei Unternehmen aus energieintensiven Branchen“, sagte Jutta Rüdlin, Insolvenzverwalterin und Vorstandsmitglied des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID).

    >> Lesen Sie auch: Droht eine Insolvenzwelle? Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten

    Gleichwohl sei auch nicht auszuschließen, dass bei anhaltend hohen Energiepreisen und entsprechend steigenden Preisen für Rohstoffe oder Logistik die betroffenen Unternehmen in die Verlustzone geraten.

    Das sei auch dem Umstand geschuldet, so Rüdlin, dass die Entlastungspakete der Bundesregierung bisher keine pauschalen Hilfszusagen enthielten und weitergehende Hilfen, wie sie während der Coronapandemie ermöglicht wurden, bisher nicht vorgesehen seien.

    „In der Folge könnten die Unternehmensinsolvenzzahlen innerhalb der nächsten zwölf Monate um bis zu 40 Prozent steigen“, erläuterte die Expertin. „Dies wäre allerdings auf der historisch niedrigen Basis keine Insolvenzwelle, sondern eine Normalisierung der Zahlen.“

    CDU-Politikerin wirft Bundesregierung „unterlassene Hilfeleistung“ vor

    BVMW-Bundesgeschäftsführer Jerger warnte indes: Dem Mittelstand drohe „dauerhafter und womöglich unwiderrufbarer Schaden durch die Energiepreisexplosion“. Daher müsse die Bundesregierung für Entlastungen auf breiter Front sorgen – und zwar „pragmatisch und ideologiefrei in allen Bereichen“.

    Notwendig sei ein „Schutzschirm für kleine und mittlere Unternehmen“. Zudem brauche es Hilfsprogramme für energieintensive Betriebe, einen „Wirtschaftsstromtarif“ sowie eine Senkung der Stromsteuer auf die Mindestvorgabe der EU. Auch die Gasbeschaffungsumlage sei in der jetzigen Lage „Gift für die Unternehmen“, betonte Jerger.

    Die Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), Gitta Connemann (CDU), fordert aufgrund der Energiekrise strukturelle Entlastungen für die Wirtschaft sowie die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

    Jedes zweite Unternehmen sei bereits stark von den hohen Energiepreisen betroffen, und mehr als 84 Prozent der Firmen erwarteten den Verlust von Arbeitsplätzen. „Lauter können die Betriebe nicht nach Hilfe rufen“, doch von der Bundesregierung kämen nur Ankündigungen, sagte Connemann dem TV-Sender Phoenix. „Das grenzt an unterlassener Hilfeleistung.“

    Staatliche Interventionen

    Die CDU-Politikerin schlägt staatliche Interventionen vor, um in Schieflage geratenen Energieversorgern zu helfen, statt mit der geplanten Gasumlage alle Gasverbraucher zur Kasse zu bitten: „Die Gasumlage führt die Betriebe zum Exitus“, sagte Connemann. Die Regierung solle nun die Steuer auf Gas und die CO2-Abgabe senken, da die Energiepreise der Grund der „rasanten Inflation“ seien.

    Grafik

    Um eine Pleitewelle infolge der Pandemie abzuwenden, hatte der Staat die Pflicht zum Insolvenzantrag bei Eintritt von Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit zeitweise ausgesetzt. Seit dem 1. Mai 2021 gilt die Insolvenzantragspflicht wieder in vollem Umfang. Ausnahmen gab es noch bis 31. Januar 2022 für Betriebe, die im vergangenen Sommer Schäden durch Starkregen oder Überflutungen erlitten hatten. Im vergangenen Jahr hatte es so wenige Firmenpleiten wie noch nie seit Einführung der aktuellen Insolvenzordnung 1999 gegeben.

    Mit Agenturmaterial

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