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Konjunktur Abschwung oder Krise? – Der weltweite Wirtschaftsboom endet

Handelskonflikte machen der Weltwirtschaft zu schaffen: In Deutschland schwächelt die Industrie, und auch weltweit steigt die Rezessionsgefahr. Vor allem Schwellenländer leiden.
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Die Exportnation Deutschland leidet unter ihrer Industrieschwäche. Quelle: Mauritius
Hamburger Hafen

Die Exportnation Deutschland leidet unter ihrer Industrieschwäche.

(Foto: Mauritius)

Berlin, Paris, Washington Die deutsche Industrie schwächelt seit knapp einem Jahr, wichtige Branchen wie die Autoindustrie und der Maschinenbau schicken Beschäftigte in Kurzarbeit. „Die Industrieschwäche wird Auswirkungen haben auf die Gesamtwirtschaft“, erwartet Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft. „Die Lohnsteigerungen werden sich abschwächen, in der Industrie werden Arbeitsplätze wegfallen. Das wird auf den Konsum zurückwirken, der sich ebenfalls abschwächen wird“, prophezeit er.

Noch wächst die Wirtschaft, wenn auch deutlich langsamer als in den vergangenen Jahren. Viele Indikatoren signalisieren einen kräftigen Abschwung. Aber es gibt auch Hoffnungsschimmer. Einem Abgleiten in die Rezession stünden „eine nach wie vor boomende Bauindustrie und wachsende Konsumnachfrage entgegen, die von einer gesamtwirtschaftlich immer noch steigenden Beschäftigung und Lohnzuwächsen unterstützt werden“, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest dem Handelsblatt.

Olaf Scholz (SPD) hält entsprechend wenig von Konjunkturpessimismus. „Deutschland wächst noch, die Welt auch, wenn auch langsamer“, sagte der Bundesfinanzminister am Donnerstag zum Abschluss des G7-Finanzministertreffens im französischen Chantilly. Deutschland habe einen Höchststand an Beschäftigten, und die Beschäftigung werde sogar noch weiter zunehmen. Es gebe einen Mangel an Fachkräften und zu wenige Baufirmen, die öffentliche Aufträge übernehmen könnten. Alarmismus sei deshalb fehl am Platz, so Scholz.

So positiv sahen in Chantilly jedoch nicht alle die Konjunkturaussichten. Für den französischen G7-Vorsitz stellte Notenbank-Gouverneur François Villeroy de Galhau fest, dass die konjunkturelle Verlangsamung „die Schwellenländer mehr trifft als die entwickelten, Europa mehr als die USA und den Rest der Euro-Zone stärker als Frankreich“. Das Wachstum des Welthandels sei „fast völlig zum Erliegen gekommen, mit der politisch verursachten Unsicherheit als wichtigster Ursache“, analysierte er die Weltwirtschaftslage.

Sorgen bereitet vor allem die angespannte geopolitische Lage. Ob es konjunkturell zu einem Dämpfer oder einer Krise kommt, hängt davon ab, ob sich die Handelskonflikte abschwächen und wie hart der Brexit wird. Es sei vordringlich, belastende politische Faktoren „zu beseitigen und nicht noch draufzusatteln“. Doch das Problem greift noch tiefer.

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Die schwache Weltkonjunktur belastet die Exportnation Deutschland. Seit einem Jahr leidet die Industrie unter Auftragsschwund und sinkender Produktion. „Je länger die Industrieschwäche dauert, desto stärker wird sich die Konjunktur abkühlen. Leider gibt es bisher wenige Signale, dass sich Risiken wie Handelskonflikte oder Brexit abschwächen würden“, sagte Ifo-Konjunkturexperte Timo Wollmershäuser dem Handelsblatt.

Die Sommerprognosen der deutschen Institute hält er deshalb für wahrscheinlich zu optimistisch. Sie gingen im Juni noch fest von nachlassenden Handelskonflikten aus, als sie für 2019 eine Wachstumsrate zwischen einem halben und einem Prozent und einen Wiederaufschwung 2020 weissagten.

Als Abkühlungsbeschleuniger wirkt aktuell die Kurzarbeit. Im Durchschnitt des verarbeitenden Gewerbes lassen laut Unternehmensumfrage des Ifo-Instituts 3,8 Prozent der Firmen kurzarbeiten – es sind aber bereits 8,5 Prozent, die in den nächsten drei Monaten Kurzarbeit planen. Weitaus stärker betroffen sind die wichtigen Branchen Automobil, Maschinenbau und Chemie. Zudem planen immer mehr Betriebe einen Stellenabbau.

Schnelle Erholung unwahrscheinlich

„Wenn Unternehmen Kurzarbeit fahren, bedeutet dies ja, dass ihre Beschäftigten Einkommensverluste hinnehmen müssen. Das ist der erste Schritt einer Übertragung der Industrierezession auf konsumnahe Branchen“, so Wollmershäuser.

Diese Spirale abwärts stoppt erst, wenn sich die Industrie wieder erholt. Ein Ende der von US-Präsident Donald Trump begonnenen Handelskonflikte würde helfen, ein sanfter Brexit ebenso. „Die deutsche Industrie ist nicht krank“, betont IfW-Präsident Felbermayr. Sie müsse sich teilweise neu orientieren, vor allem die Autoindustrie. Dann könne sie sich auch schnell erholen.

Allerdings: Die Neuorientierung muss ziemlich umfassend sein. Das spricht eher dafür, dass die Erholung nicht schnell kommen wird. Denn in den größten Wirtschaftsnationen USA und China vollziehen sich tief greifende Veränderungen, die rund um den Globus wirken.

China, das in den letzten anderthalb Jahrzehnten Treiber der Weltwirtschaft war, werde diese Rolle immer weniger erfüllen, erwartet Felbermayr. Dass China für das zweite Quartal im Vergleich zum Vorjahr mit 6,2 Prozent das niedrigste Wachstum seit 27 Jahren meldete, hält der Ökonom für einen Trend. Auch wenn die Börsen am Montag die gute Entwicklung von Industrieproduktion und Einzelhandel als Anzeichen eines wieder anziehenden Wachstums feierten.

Felbermayr begründet seine Erwartung eines dauerhaft sinkenden Wachstums in China mit mehreren Langfristtrends: Die Infrastrukturinvestitionen dürften nach Jahren des Neubaus von Flughäfen, Bahnstrecken und Straßen auslaufen. Die Gesellschaft altert auch dort. Die Verschuldung in China sei immens. Und die Regierung hat angekündigt, sich auf den Binnenmarkt zu fokussieren und Hightech selbst zu entwickeln. „Die Wachstumsraten werden also zurückgehen“, sagt Felbermayr.

Tom Rafferty, China-Direktor der Economist Intelligence Unit, wies ebenfalls darauf hin, dass China mit seiner Wachstumsrate von 6,2 Prozent „noch voll im grünen Bereich des Wachstumsspektrums liegt, das es sich dieses Jahr für seine Konjunktur gesetzt hat“. Dämpfend wirkt aber, dass noch immer unklar ist, wann und wo die nächsten Handelsgespräche zwischen Washington und Peking geführt werden: Sollte es bei den hohen Zöllen zwischen beiden Staaten bleiben, dürfte dies Chinas Wachstum eher weiter schwächen.

US-Wirtschaft wächst noch

Mit Blick auf das Herkunftsland der Handelskonflikte, die USA, sind sich Ökonomen uneinig über die künftige Konjunkturentwicklung. Aktuell glänzt die größte Volkswirtschaft der Welt mit einer konstanten Wachstumsrate von drei Prozent, mit Rekordbeschäftigung und starkem Konsumklima. Steuersenkungen für Konzerne und Bürger haben Investitionen und Kaufkraft angekurbelt.

Führende Ökonomen vom Internationalen Währungsfonds (IWF) bis zur US-Notenbank gehen jedoch davon aus, dass die Konjunktur dem globalen Trend folgen und sich spätestens bis zum Präsidentschaftswahljahr 2020 verlangsamen wird. Denn Garantien, erklärte der Harvard-Ökonom Jeffrey Frankel auf seinem Blog, gebe es nicht.

Trumps Handelskrieg mit China gilt als größter Risikofaktor auch für die USA, weil er fast alle Segmente der US-Wirtschaft betrifft: Produktionskosten klettern, Verbraucherpreise steigen, Bauern verlieren aufgrund von Vergeltungszöllen ihre Exportmärkte. Die Direktinvestitionen aus dem Ausland, die zuletzt um 13 Prozent sanken, gelten als erster Indikator, dass die Importschranken abschreckend wirken, das verarbeitende Gewerbe beginnt, unter dem Handelskrieg zu leiden.

IfW-Ökonom Felbermayr blickt jedoch anders auf die US-Wirtschaft. „Wir reden uns in Europa ja gerne ein, dass die Trumponomics nur ein Strohfeuer sind. Das stimmt nicht“, sagte er. „Wir übersehen, dass der Dollar die Weltleitwährung ist: Die USA können sich deshalb fast beliebig verschulden, was für keine andere Volkswirtschaft der Welt jemals möglich wäre“, betonte er. Trump werde alles daransetzen, dass die Konjunktur bis zum Wahltag im November 2020 nicht schwächele.

Es bleibt jedoch die Frage, ob daraus Aufträge für die deutsche Industrie entstehen. Denn: „Trump tut viel, dass seine Ankurbelungseffekte möglichst wenig anderen Staaten nutzen“, so Felbermayr. Der Nachfrageeffekt der Steuersenkungen und Infrastrukturinvestitionen auf China und Deutschland sei daher kleiner als früher. „Solange es gegenüber Europa bei Zöllen auf wenige Produkte bleibt, kann die deutsche Wirtschaft das aber verkraften“, sagt der Ökonom.

Rezessionsrisiko steigt

Nur: Wie es im Zollstreit weitergeht, weiß momentan niemand, und Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft, weil sie Unternehmer in eine abwartende Haltung versetzt – mit der Folge, dass Investitionen erst einmal nicht getätigt werden. Die Konjunkturbeobachter im Ministerium von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zeigen sich denn auch skeptischer als Finanzminister Scholz. „Die schwache Auftragslage und das eingetrübte Geschäftsklima signalisieren, dass die deutlich gedämpfte Industriekonjunktur anhalten dürfte“, schrieben sie zu Wochenbeginn in ihrem monatlichen Lagebericht. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum sanken demnach die Auftragseingänge im März, April und Mai jeweils deutlich, was sinkende Produktionsraten in der Folge wahrscheinlich werden lässt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die deutsche Wirtschaft in den nächsten drei Monaten in eine Rezession gerät, ist denn auch in diesem Juli gestiegen, meldete am Mittwoch das gewerkschaftsnahe IMK-Institut. Sein Konjunkturindikator weise auf eine Rezessionswahrscheinlichkeit von 36,6 Prozent hin, im Juni waren es erst 30,9 Prozent. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) wiederum meldete am Donnerstag ein Absinken seines Verbrauchervertrauensindexes: „Die leichte Eintrübung auf dem Arbeitsmarkt überträgt sich nun auf die Kauflaune“, so das IW.

IMK-Experte Thomas Theobald betonte allerdings auch: Zwangsläufig sei eine Rezession dank noch immer guter Binnenkonjunktur nicht. Erst bei 70 Prozent Rezessionswahrscheinlichkeit erreiche sein Indikator die Warnstufe Rot. Im Entwurf der Abschlusserklärung des G7-Treffens stehen Sätze, die nur wenig Zuversicht für eine baldige Erholung ausdrücken. „Das weltweite Wachstum scheint sich zu stabilisieren und wird 2020 moderat zulegen, doch die Risiken sind weiterhin abwärts gerichtet“

Mehr: Die Industrieaufträge sind zwar stark eingebrochen, die Konjunkturprognosen sinken. Dennoch verbreiten Wirtschaftsforschungsinstitute gefährlichen Zweckoptimismus.

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