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Konjunktur Droht China die Rückkehr in die Schuldenfalle? – Sorgen vor neuer Finanzkrise wachsen

Chinas Wirtschaft schwächelt. Die Zentralbank steuert gegen und hat einen neuen Kreditboom entfacht. Das schürt die Sorge vor einer neuen Finanzkrise.
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Besonders Schattenbanken gelten als hochverschuldet. Quelle: REUTERS
Chinesische Lichtspiele

Besonders Schattenbanken gelten als hochverschuldet.

(Foto: REUTERS)

PekingWenn Chinas Premier Li Keqiang am Dienstag auf dem Nationalen Volkskongress das neue Wachstumsziel seines Landes verkündet, beginnt damit auch ein volkswirtschaftlicher Drahtseilakt: Auf der einen Seite soll die zuletzt schwächelnde Konjunktur nicht weiter in Mitleidenschaft gezogen werden. Um das zu erreichen, muss das Land aber auf der anderen Seite wieder auf Kredite setzen – und schürt damit die Furcht vor einer Eskalation des chinesischen Schuldenbooms.

„Gigantische Kreditrisiken“ hätten regionale Regierungen in China außerhalb ihrer offiziellen Bilanzen aufgehäuft, schlug die US-Ratingagentur S&P bereits vor einigen Monaten bereits Alarm. Insgesamt seien allein die Provinzen mit sechs Billionen Dollar oder rund 60 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung verschuldet. Zudem gebe es nur „begrenzte Fortschritte“ der Zentralregierung, die Schulden abzutragen.

China sitzt auf einem riesigen Kreditberg

Chinas Wirtschaftswachstum war bereits 2018 von 6,9 auf 6,6 Prozent gefallen – den tiefsten Wert seit Jahrzehnten. Daher setzte Peking zuletzt auf eine monetäre und steuerliche Lockerung, was prompt Wirkung zeigte: Laut Zahlen der Zentralbank vergaben Chinas Banken im Januar Kredite in Rekordhöhe von fast 480 Milliarden Dollar. Das wiederum befeuerte die Sorgen, dass die auf 34 Billionen Dollar gestiegene Gesamtverschuldung des Landes ungezügelt weiterwachsen könnte.

„Der Schuldenabbau ist tot“, meint Alicia Garcia Herrero, Asien-Pazifik-Chefökonomin der Investmentbank Natixis. Erst vor Kurzem hatte Premier Li auf einer Staatsratssitzung den „rapiden Anstieg“ der Kreditvergabe gerügt und vor einer „neuen potenziellen Gefahr“ durch kurzfristige Schulden gewarnt.

Analysten erwarten, dass sich Chinas Führung auf eine Spanne von sechs bis 6,5 Prozent Wirtschaftswachstum festlegen wird, um sich Handlungsspielraum zu sichern. Schließlich schwört Li seit Monaten, dass es keine „flutartigen Stimulus-Pakete“ geben werde. Schützenhilfe könnte die Regierung durch ein Handelsabkommen mit den USA erhalten, das laut US-Medienberichten kurz vor dem Abschluss steht. Im Erfolgsfall dürfte ein solcher Deal für beide Länder wachstumsfördernd wirken.

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Eigentlich hatte es sich die Zentralregierung in den vergangenen zwei Jahren zur Aufgabe gemacht, die Finanzrisiken stärker zu bekämpfen und das Kreditwachstum einzudämmen. Doch zuletzt haben die Ängste vor Chinas Schuldensucht wieder neue Nahrung erhalten: Weil sich das Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr deutlich abgeschwächt hat, hat die Zentralbank seit Jahresbeginn die Geldschleusen wieder aufgedreht.

Das Ergebnis: Im Januar wurden in China Kredite in Rekordhöhe von 476,69 Milliarden Dollar vergeben – fast sechs Prozent mehr als im Vorjahresmonat und fast das Dreifache der 160,8 Milliarden Dollar, die im Dezember 2018 vergeben wurden.

Der gesamte Kreditberg Chinas ist riesig: Die Schulden privater Haushalte, der Unternehmen und öffentlicher Stellen betrugen nach Berechnungen des Wirtschaftsinstituts der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften Ende vergangenen Jahres fast 244 Prozent. Damit sind sie binnen eines Jahrzehnts um rund die Hälfte nach oben geschossen. Besonders Schattenbanken, Immobilienunternehmen, Staatsunternehmen sowie eben die regionalen Provinzen gelten als zum Teil hochverschuldet.

Kampagne gegen die Überschuldung

Wenn sich die mehr als 3.000 Delegierten am Dienstag in Peking zum Nationalen Volkskongress versammeln, um dem jährlichen Arbeitsbericht von den Premier Li Keqiang zu lauschen, werden sich internationale Ökonomen daher vor allem Antworten auf die Frage erhoffen: Schlittert China tiefer in die Schuldenfalle?

Dabei gab es eigentlich bereits erste Fortschritte beim Abbau der Schulden. Dass die Konjunktur zuletzt stark schwächelte, liegt nämlich auch an der seit zwei Jahren andauernden Kampagne gegen die Überschuldung der Staatsbetriebe und Lokalregierungen.

Zu diesem in China als „regulatorischer Sturm“ bezeichneten Feldzug gegen die Risiken im Finanzsystem gehörte die Bekämpfung des Schattenbanksystems, das eine maßgebliche Kreditquelle für viele Privatfirmen ist, die Beschränkung zwischenbanklicher Aktivitäten sowie strengere Auflagen für Online-Kreditvergabe-Plattformen, die sich vor allem an Kleinunternehmer und Konsumenten richten. „Man kann keine solche Kampagne fahren und gleichzeitig eine hohe Wachstumsrate beibehalten“, sagt Wirtschaftswissenschaftler George Magnus vom China Center der Oxford Universität.

Um die Wirtschaft anzukurbeln, drehte Peking zuletzt wieder den Kredithahn auf: Die Regierung sicherte Privatunternehmen, die Jobs halten oder neue schaffen, finanzielle Unterstützung zu, erhöhte die Ausgaben für Infrastrukturprojekte, lockerte die Vorgaben für die Kreditvergabe und senkte die Reserveanforderungen für Banken und setzte damit 300 Milliarden Dollar an Liquidität frei.

Beobachter befürchten, dass China die alten Tricks der Finanzkrise anwenden und nochmals mit einem auf riesigen Schulden basierenden Bauboom die Wirtschaft ankurbeln wird. Dabei waren die Spätfolgen dieser Kreditorgie bereits im vergangenen Jahr deutlich spürbar: So erreichten die Ausfälle von Unternehmensanleihen einen Rekordwert, und die Quote der notleidenden Kredite von Banken stieg auf ein Zehnjahreshoch.

Die Sorge der Ökonomen wurde befeuert durch einen öffentlichen Streit zwischen Premier Li und der chinesischen Zentralbank. So warnte Li auf einer Sitzung des Staatsrats Ende Februar, dass die Kreditvergabe „nach den Signalen der Reservesenkungen rapide gestiegen“ sei und durch die hauptsächlich kurzfristigen Darlehen „neue potenzielle Risiken“ erwachsen könnten.

Für Analysten war es ein Zeichen, dass die Banken nicht mehr willens waren, längere Projekte zu finanzieren. Noch am gleichen Tag wies die Zentralbank im scheinbar öffentlichen Widerspruch zu Li auf ihrer Webseite darauf hin, dass die Kredite „eine wichtige Finanzhilfe für die Realwirtschaft“ seien.

Angestrengte Entspannungssignale

Die Beratungsfirma Trivium glaubt jedoch, dass die Angst vor einer erneuten Überschuldung Chinas oder einer Wiederholung der Taktiken des Jahres 2008 übertrieben sei. Sowohl Li wie auch Vertreter der Zentralbank haben in den vergangenen sechs Monaten immer wieder zugesichert, dass es keine „flutartigen Stimuluspakete“ geben werde.

Ähnliche Entspannungssignale sendete die Banken- und Versicherungsaufsicht (CBIRC) in der vergangenen Woche. Wang Zhaoxing, Vizevorsitzender der CBIRC, verkündete auf einer Pressekonferenz, die selbst gesteckten Ziele beim Schuldenabbau erreicht zu haben. „Nach zwei Jahren anstrengender Arbeit haben wir es geschafft, verschiedene Finanzrisiken einzudämmen“, sagte er. „Damit haben wir die von einigen internationalen Kommentatoren getätigten Prognosen widerlegt, dass ein rasant wachsender Schattenbanksektor und ein überhitzter Immobilienmarkt zu systemischen Finanzrisiken oder gar einer Finanzkrise führen werden.“

Damit rief die CBIRC aber nicht das Ende der Anti-Schulden-Kampagne aus. Gemeint war bloß, dass die erste Etappe geschafft sei. So sagte Zhou Liang, ein zweiter Vizevorsitzender der CBIRC, dass das Schuldenniveau 2018 stabilisiert wurde. Zuvor war es um mehr als zehn Prozent pro Jahr gewachsen. Zudem ist nach Angaben der CBIRC in den vergangenen zwei Jahren der Wert der Hochrisikoanlagen um 1,79 Billionen Dollar geschrumpft, und die Banken konnten faule Kredite in Höhe von 520 Milliarden Dollar entsorgen.

Tatsächlich verbrachte das CBIRC den Großteil der Pressekonferenz damit zu erklären, was noch zu tun bleibt. „Viele der potenziellen Risiken sind noch nicht vollkommen abgeschafft“, sagte Wang, „und die bisherigen Lösungsansätze wie auch Anfangserfolge müssen konsolidiert werden.“

Bescheidenere Wachstumsziele

Konkret bezog er sich auf die Ertragsschwäche mancher Banken, eine bessere Steuerung des Liquiditätsrisikos bei kleinen und mittelständischen Unternehmen, weitere Wachsamkeit wegen möglicher Finanzrisiken durch den Immobilienmarkt sowie die Bekämpfung von sogenannten „entrusted loans“, einem typischen Produkt aus der chinesischen Schattenbankwelt. Dabei vergibt ein liquides Unternehmen unter der Obhut einer Bank einer nicht liquiden Firma ein Darlehen.

Wie und ob es weitergehen soll mit der Eindämmung der Schuldenflut, darauf erhoffen sich internationale Beobachter Antworten vom Nationalen Volkskongress in dieser Woche. Dort werden die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Vorgaben für das nächste Jahr vorgestellt. Dazu gehört auch, welche fiskalischen und monetären Anreize die Regierung setzen will und welches Wachstumsziel sie sich für 2019 gesteckt hat.

Im Jahr 2018 hatte China das Ziel von ungefähr 6,5 Prozent trotz einer starken Abkühlung im zweiten Jahr geschafft. Jetzt erwarten Analysten eine Wachstumsspanne von sechs bis 6,5 Prozent für das Bruttoinlandsprodukt. Um Xis Versprechen zu erfüllen, von 2010 auf 2020 das BIP pro Kopf verdoppeln zu können, muss China die nächsten zwei Jahre durchschnittlich 6,2 Prozent wachsen.

Um das zu erreichen, soll dieses Mal vor allem die Binnennachfrage der Konsumenten durch Steuerkürzungen und Senkung der Sozialabgaben angekurbelt werden. „Dieses Mal wird die chinesische Regierung nicht mehr so kopflos einfach in sinnlose Infrastrukturprojekte und Immobilien investieren“, meint Victor L. L. Chu, Vorsitzender der First Eastern Investment Group. „Man wird gezielter vorgehen und zum Beispiel versuchen, die Vernetzung von smarten Städten voranzutreiben und den Technologiesektor zu fördern.“

Außerdem sollen Privatunternehmen entlastet werden. So berichtete Bloomberg am Montag unter Berufung auf eine mit der Angelegenheit vertrauten Quelle, dass China den Mehrwertsteuersatz für das verarbeitende Gewerbe um drei Prozentpunkte senken will. Den privaten Unternehmen soll aber auch der Zugang zum Kredit erleichtert werden.

So teilte die CBIRC vergangenen Montag auf ihrer Webseite mit, dass sie die Finanzinstitute angewiesen hätte, ihre finanzielle Unterstützung für solche Firmen zu verstärken. Denn obwohl sie für mehr als die Hälfte des Wirtschaftswachstums und der Jobs zuständig sind, sehen sie sich höheren Hürden und Kosten als Staatsunternehmen bei der Kreditvergabe ausgesetzt.

Doch nun sollen Großbanken eine Vorbildfunktion einnehmen und die Gesamtsumme der Kredite für Privatunternehmen um 30 Prozent erhöhen.

Die Maßnahmen scheinen zu wirken: Erstmals seit Monaten zeigt Standard Chartereds Geschäftsklima-Umfrage von Kleinunternehmen wieder einen Aufwärtstrend.

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