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Konjunktur Europa driftet ökonomisch auseinander – und Osteuropa fällt positiv auf

Während sich im Westen Handelskriege und Rezessionssorgen ausbreiten, wächst die Wirtschaft in Osteuropa weiter. Wachstumstreiber sind vor allem die steigenden Löhne.
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Konjunktur: Europa driftet ökonomisch auseinander Quelle: ddp images/robertharding/Karol K
Einkaufszentrum in Warschau

Vor allem in Polen kann man schon von einem kleinen Wirtschaftswunder sprechen.

(Foto: ddp images/robertharding/Karol K)

Berlin Aus Sicht Westeuropas kommen aus dem Osten des Kontinents mit zuverlässiger Regelmäßigkeit schlechte Nachrichten. In Paris, Berlin und vor allem auch Brüssel werden Klagen laut über zunehmenden Nationalismus, autokratische Regierungsstile vor allem in Polen und Ungarn sowie Angriffe auf Justiz und Pressefreiheit.

Was neu ist: Nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch driftet der Kontinent auseinander. Dieses Mal sind die positiven Effekte auf der östlichen Seite des Kontinents zu beobachten. Ökonomen wie Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (Wiiw) sprechen von einer „Abkopplung“ der elf mittel- und osteuropäischen EU-Staaten vom Westen.

Vor allem in Polen kann man schon von einem kleinen Wirtschaftswunder sprechen. Das Land, in dem die nationalkonservative, gegenüber Brüssel kritische Regierung im Oktober wiedergewählt werden dürfte, ragt mit einem erwarteten Wirtschaftswachstum von 4,6 Prozent heraus. Auch 2020 sollen es noch 3,7 Prozent sein.

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Zuletzt musste das auf die Region spezialisierte Wiiw die Wachstumsprognosen für Osteuropa deutlich anheben. Für die gesamte Region der osteuropäischen EU-Staaten erwarten die Wiiw-Experten Julia Grübler und Astrov 3,9 Prozent Wachstum für 2019.

In Deutschland, der größten Volkswirtschaft Europas, wird mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von nur 0,6 Prozent gerechnet. Osteuropa könne seinen Wachstumsvorsprung gegenüber Westeuropa mit 2,4 Prozentpunkten weiter ausbauen, heißt es in der im Juli veröffentlichten jüngsten Wiiw-Konjunkturprognose.

Es habe sich „vom Abschwung im Euro-Raum und insbesondere von Deutschland recht deutlich abgekoppelt“, befindet Astrov. In Rumänien gebe es sogar weiter Anzeichen einer Überhitzung. Denn in Rumänien – wie auch in Polen vor der Sejm-Wahl am 13. Oktober – werde weiter eine „großzügige Fiskalpolitik“ betrieben.

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„Die Konjunkturabflachung im Euro-Raum hatte bislang kaum Auswirkungen“ auf die mittel- und osteuropäischen Staaten, so die Wiener Experten. Vor allem habe die Slowakei – nach der Errichtung eines weiteren Jaguar-Land-Rover-Werks – ihre Rolle als „weltgrößter Autohersteller pro Kopf“ verfestigen können.

Und so sind die von US-Präsident Donald Trump angedrohten Strafzölle für EU-Autos durchaus auch eine Gefahr für Osteuropa. In Polen haben VW, Mercedes und Fiat, in Ungarn Audi und Mercedes große eigene Werke, in Tschechien die VW-Tochter Skoda ihren Sitz. Die mitteleuropäischen EU-Mitglieder sind vollständig in die Produktionsketten großer westeuropäischer Marken eingebunden.

Löhne steigen stark

Das Erstaunliche: Wachstumstreiber im Osten bleiben die stark wachsenden Löhne. Sie trieben die Binnennachfrage und stellten keine Gefahr dar. Denn es sei ein „positiver Kreislauf aus steigenden Löhnen und Investitionen“ entstanden, der lange anhalten könne. Die gestiegenen Lohnkosten hätten auch die Wettbewerbsfähigkeit nicht verschlechtert – im Gegenteil: In diesem Bereich habe der Osten weit zum Westen aufgeschlossen. Produktivitätsfortschritte förderten sogar weiteres Lohnwachstum.

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Trotz aller Kritik an den nationalistischen Tendenzen: „Die osteuropäischen EU-Staaten verfügen heute über bessere Institutionen, unabhängigere Medien, ein besseres Ausbildungsniveau und höhere Umweltstandards als bei ihrem Beitritt“, bilanziert Richard Grieveson vom Wiiw. Die EU-Mitgliedschaft sei – mit Ausnahme Tschechiens – in der gesamten Region populär. In keinem dieser Länder gebe es signifikante Bewegungen, die auf den Austritt aus der EU drängten.

Wie dynamisch der Aufholprozess der neuen EU-Länder im Osten verläuft, zeigt ein Blick in die langen Zahlenkolonnen des europäischen Statistikamts Eurostat. Vor allem Tschechien, Slowenien, Litauen und Estland sind in Reichweite des EU-Durchschnitts beim BIP pro Kopf aufgerückt. In Sachen Arbeitsproduktivität liegen die Osteuropäer – bis auf Slowenien — aber bis heute bei höchstens der Hälfte des Durchschnitts aller 28 Mitgliedstaaten. Die Reallöhne sind im Osten seither im Schnitt um etwa 50 Prozent gewachsen, im Rest gerade einmal um zehn Prozent.

Sehr positiv wirken sich auch die 365,2 Milliarden Euro aus, die die osteuropäischen Neumitglieder von 2004 bis 2020 aus Brüssels Struktur- und Kohäsionsfonds bekommen – jährlich durchschnittlich 2,6 Prozent ihres jeweiligen Bruttoinlandsprodukts. Im Ergebnis ist das BIP pro Kopf in den jungen Mitgliedstaaten zwischen 2003 und 2017 auf durchschnittlich 84 Prozent des EU-Mittels gestiegen.

Goldenes Zeitalter in Polen

„Polen erlebt ein goldenes Zeitalter, wir haben ein so hohes Bruttoinlandsprodukt wie nie zuvor und sind von der dritten in die erste Liga aufgestiegen“, schwärmt Ireneusz Bil. Der Energie-Ökonom der Warschauer „Amicus Europae“-Stiftung rechnet vor, dass etwa die Hälfte des polnischen BIP-Wachstums Resultat der EU-Mitgliedschaft und der Fördermittel sei.

Doch die Enttäuschung über den gefühlt zu langsamen Aufstieg sei in der Bevölkerung groß: „Die Polen haben sehr viel erwartet und sind enttäuscht“, so Bil.

Davon hätte die rechtsnationalistische Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) profitiert: Während die Vorgängerregierung um den in Kürze abtretenden EU-Ratspräsidenten Donald Tusk eine liberale Wirtschaftspolitik gemacht und wenig Wert auf Soziales gelegt habe, habe die heute regierende PiS „die Sozialpolitik der Linken übernommen. Mit dem Stopp der Privatisierungen, mit der Verstaatlichung von Banken und mehr staatlichem Kapital für Konzerne ist die PiS teilweise fast sozialistisch“, meint Bil.

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Vergleicht man die Erfolge der EU-Osterweiterung global, so sei das Wachstum „imposant“ gewesen, meint Willem Buiter, der frühere Chefökonom der Osteuropaförderbank EBRD und jetzige Special Economic Adviser der Citigroup.

Vor dem Beitritt hätten die osteuropäischen EU-Staaten ein BIP auf dem Niveau von 36,5 Prozent der G7-Industriestaaten gehabt, 2018 seien es bereits 58,1 Prozent gewesen pro Kopf. „Die EU war eine Konvergenzmaschine für Polen und ganz Osteuropa“, lobt auch der polnische Ökonom Ignacy Morawski.

Allerdings hat die Region einen menschlichen Aderlass erlebt. Millionen Osteuropäer würden heute als Schlosser oder Kellner in England, Erntehelfer in Spanien oder Pflegerinnen und Ärzte in Deutschland arbeiten. Das hat heute zwar zu einer rasant gesunkenen Arbeitslosigkeit im Osten geführt: In Polen beträgt sie nur noch 3,7, in Tschechien sogar nur 2,2 Prozent. Aber wegen Fachkräftemangel wurden bereits einige Investitionsprojekte in der Region gestoppt.

Praktiker wie Thomas Ilkow, Geschäftsführer von Bosch Rexroth in Warschau mit Verantwortung für die Region Osteuropa und Mittlerer Osten, sehen da durchaus Probleme: Es herrsche mittlerweile „Personalnot in bestimmten Marktsegmenten“ wie Softwaretechnikern und Mechatronikern. Firmen, die solche Leute brauchen, wandern inzwischen in die Ukraine oder auf den Balkan weiter. Und Ilkow warnt: „Die Erosion des Kostenvorteils in Osteuropa kann nur durch höhere Effizienz kompensiert werden.“

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Fakt ist: Für Westeuropa ist die starke Konjunktur im Osten ein Segen. „Die Länder liefern der deutschen Wirtschaft in einem immer schwieriger werdenden außenwirtschaftlichen Umfeld wichtige Wachstumsimpulse“, sagt Adrian Stadnicki vom Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. „Zudem sind Standorte und Zulieferer in osteuropäischen Staaten inzwischen „unverzichtbarer Bestandteil der Wertschöpfungsketten“ westeuropäischer Unternehmen, sagt Ökonom Morawski.

Mehr: Die schwache Weltkonjunktur macht den 23 Staaten Osteuropas zu schaffen: Westliche Unternehmen fahren ihre Investitionen zurück. Doch es gibt auch positive Ausreißer.

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  • Hoffentlich vergessen diese Länder nicht, wem sie ihren aufstrebenden Wohl - zumindest teilweise - zu verdanken haben!

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