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Konjunktur Ökonomen streiten über die Rezessionsgefahr für Deutschland

Konjunkturexperten des Kieler IfW sehen die deutsche Wirtschaft im Sinkflug. Das DIW allerdings vertraut auf die überaus starke Binnenkonjunktur.
Update: 13.06.2019 - 16:12 Uhr 2 Kommentare
Ein Warnsignal für eine Rezession sei die sinkende Einstellungsbereitschaft der Unternehmen. Quelle: dpa
Containerterminal in Hamburg

Ein Warnsignal für eine Rezession sei die sinkende Einstellungsbereitschaft der Unternehmen.

(Foto: dpa)

BerlinLässt die aktuelle Industrierezession am Ende die gesamte deutsche Wirtschaft in eine Rezession abrutschen? Dieses Szenario halten die Konjunkturexperten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) jetzt für möglich. Wahrscheinlicher aber sei es, dass der „Sinkflug“ der Konjunktur vorher stoppt und sich die Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2019 wieder leicht erholt.

Das IfW, das Berliner DIW und das IWH Halle haben am Donnerstag den Reigen der Sommer-Konjunkturprognosen eröffnet. Sie sind sich mit den Konjunkturexperten des Bundeswirtschaftsministeriums darin einig, dass die Industrie schwächelt; dies umso mehr, je stärker sie vom Export abhängt. Und sie sind sich ebenfalls einig, dass die Binnenkonjunktur gut läuft, dank privatem Konsum, weiterem Wachstum im Dienstleistungssektor und dem Boom am Bau.

Uneinig sind die Spitzenökonomen jedoch beim Blick in die Zukunft: Stefan Kooths vom IfW und Oliver Holtemöller vom IWH fürchten, dass die Industrie die gesamte Wirtschaft nach unten zieht. Ihr DIW-Kollege Claus Michelsen kommt zu einem optimistischeren Ergebnis: „Die deutsche Wirtschaft trotzt der schlechten weltweiten Stimmung“, ist Michelsen überzeugt. Der private Konsum sei eine kräftige Stütze der Wirtschaft. „Deutschland profitiert stark davon, dass viele Zuwanderer nach Deutschland gekommen sind“, sagte er.

Für das gesamte Jahr 2019 erwarten die Ökonomen aus Kiel jetzt ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,6 Prozent, mit dem Risiko, dass nach einem schrumpfenden zweiten Quartal die Wirtschaft weiter schwächelt. Ihre Kollegen aus Halle rechnen mit 0,5 Prozent. Beide Institute reihen sich damit bei der Mehrheit ein: So erwartet auch die Bundesbank laut Prognose vom vergangenen Freitag im Jahr 2019 ein Wachstum von 0,6 Prozent, während die Bundesregierung seit April mit 0,5 Prozent kalkuliert.

Das DIW ist klar optimistischer und sagt: 0,9 Prozent im Gesamtjahr sind möglich, und Schlimmeres als Stagnation ist in diesem Quartal nicht zu erwarten.

Die IfW-Experten um Abteilungsleiter Kooths befürchten jedoch, dass die derzeitige Industrierezession – seit drei Quartalen schrumpft die Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe – die Gesamtwirtschaft in die Rezession ziehen könnte. Das DIW hält dagegen und sagt: Die Binnenkonjunktur zieht die Gesamtwirtschaft nach oben.

Aber auch die Kieler sehen die Zukunft nicht nur schwarz. Grundsätzlich sehen sie die deutschen Unternehmen in einer robusten Verfassung. Die privaten Investitionen etwa seien nicht eingebrochen. Die Binnenkonjunktur, sagt auch Kooths, sei stabil, der Bau boome ungebrochen. Zudem stützten die anhaltende Niedrigzinspolitik der EZB und eine angesichts der Handelskonflikte noch immer „recht robuste Weltkonjunktur“ das Wachstum.

Rezessionsrisiko nimmt zu

„Gleichwohl ist das Risiko, dass die deutsche Wirtschaft in eine Rezession abgleitet, zuletzt gestiegen“, warnte Kooths. Wenn die weltweiten Turbulenzen durch eine weitere Eskalation der von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelskonflikte oder einen Chaos-Brexit zunähmen, „würde das den Abschwung beschleunigen“, so das IfW. Der Exporteinbruch im April etwa sei kein gutes Zeichen.

Ein Warnsignal sei auch das rückläufige Ifo-Beschäftigungsbarometer, das sinkende Einstellungsbereitschaft der Unternehmen nicht nur in der Industrie, sondern inzwischen auch bei den Dienstleistern signalisiere. „Wir erwarten, dass sich der Beschäftigungsaufbau im laufenden und kommenden Jahr spürbar verlangsamt“, so die Kieler Ökonomen, und: 2020 werde er „praktisch zum Erliegen“ kommen.

Das Bundeswirtschaftsministerium warnte am Donnerstag ebenfalls vor einer schwächeren Dynamik am Arbeitsmarkt: Dass die Arbeitslosenquote im Mai gestiegen ist, sei nicht nur einer Veränderung der Statistik geschuldet.

DIW-Experte Michelsen vertraut dagegen auf die Kraft der Binnenkonjunktur. „Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist nach wie vor sehr gut“, sagte er. Der Beschäftigungsaufbau gehe weiter, wenn auch langsamer. Für 2020 erwartet Michelsen mit 4,6 Prozent einen neuen Tiefstand der Arbeitslosenquote. Die Industrie melde zwar weniger offene Stellen. „Das ist aber immer noch Jammern auf hohem Niveau“, sagt er.

Die Binnenkonjunktur läuft laut DIW auch deshalb so gut, weil zwischen 2011 und 2018 im Jahresdurchschnitt – ohne Asylbewerber – 350 000 Menschen zugewandert sind: die meisten von ihnen aus EU-Staaten, um hier zu arbeiten. Sie hätten jährlich ein zusätzliches Wachstum von 0,2 Prozentpunkten ausgelöst.

Nettoeinkommen steigen

Der private Konsum werde außerdem von steigenden Einkommen beflügelt. Laut DIW dürften die Nettoeinkommen in diesem Jahr wie im letzten um 3,1 Prozent zulegen: Die Löhne steigen stärker als die weiterhin niedrige Inflation, die Krankenkassenbeiträge sind gesunken und die Renten gestiegen.

Die entscheidende Frage beim Blick in die konjunkturelle Zukunft ist die Frage, wie abhängig der Arbeitsmarkt heute noch von der Industrie ist. In früheren Abschwungphasen schlugen Produktionsrückgänge schnell auf die Beschäftigung durch: Massenarbeitslosigkeit würgte dann auch den Konsum und damit die Binnenkonjunktur ab.

Dies sei heute anders, sagen auch die Kieler Ökonomen: „Die Engpässe auf dem Arbeitsmarkt, die demografisch bedingt auch struktureller Natur sind, dürften dazu beitragen, dass Produktionsveränderungen langsamer auf die Beschäftigung durchschlagen.“

Unterm Strich lässt sich also aus den ersten Sommerprognosen ablesen, dass sowohl ein schneller Wiederaufschwung nach einem schwachen Sommer möglich ist als auch eine weitere Verschlechterung bis hin zur Rezession.

Auch das optimistische DIW schreibt über „ausgeprägte Unsicherheiten“ durch Handelskonflikte und Brexit, über Schwächen besonders der Autoindustrie sowie die Möglichkeit, dass die Dienstleister in den Abwärtssog der Industrie geraten könnten. Klar ist nur: So gut wie bis Mitte 2018 geht es der deutschen Wirtschaft längst nicht mehr.

Mehr: Zuletzt haben sich die Konjunkturaussichten weiter eingetrübt. Das Institut IMK hält aber das Risiko für eine Rezession in Deutschland für gering.

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2 Kommentare zu "Konjunktur: Ökonomen streiten über die Rezessionsgefahr für Deutschland "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Klar - vielleicht wird man dann seitens der Industrie wieder mehr kreativ. Unsere Regierung würde dann vielleicht auch wieder etwas umdenken und die Milliarden nicht mehr Gießkannenförmig verteilen.

  • Ein wenig Rezession würde der deutschen Gesellschaft und der Wirtschaft ganz gut tun.

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