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Konjunkturprognose Der Boom ist vorbei, doch die Rezessionsgefahr bleibt gering

Die neuen Konjunkturprognosen von DIW und IfW sind verhalten optimistisch: Das Wachstum wird schwächer sein, aber nicht in eine Rezession münden.
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DIW und IfW korrigieren ihre Vorhersagen für das Wachstum der Wirtschaftsleistung nach unten. Quelle: dpa
Containertransport

DIW und IfW korrigieren ihre Vorhersagen für das Wachstum der Wirtschaftsleistung nach unten.

(Foto: dpa)

Berlin Den Großteil der Abkühlung hat die deutsche Konjunktur im Sommer bereits hinter sich gebracht. Ab jetzt dürfte die Wirtschaft recht stetig mit niedrigeren Raten weiterwachsen. Das jedenfalls erwarten die Konjunkturexperten der beiden Forschungsinstitute DIW und IfW. „Man darf zuversichtlich bleiben“, sagte DIW-Experte Claus Michelsen. IfW-Experte Stefan Kooths erwartet eine „Erholung nach dem Sommerloch“.

In Wachstumsraten ausgedrückt legt das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 1,5 Prozent zu. Vor drei Monaten hatten die DIW und IfW für 2018 noch 1,8 bis 1,9 Prozent Wachstum erwartet. 2019 wächst das BIP etwas mehr: um 1,6 Prozent laut DIW, um 1,8 Prozent laut IfW. Diese Rate erwarten die Forscher auch für 2020. Für beide Institute ist dies eine Korrektur nach unten.  

Die neuen Wachstumsraten sind weit weg von einer Rezession, betonen beide Institute. Überhitzungsgefahren, vor denen das IfW noch vor einem Jahr warnte, drohen nicht mehr. Auch die Wirtschaftsweisen waren Anfang November in ihrem Jahresgutachten für 2018 von 1,6 Prozent und 2019 von 1,5 Prozent ausgegangen.

Den Wachstumsrückgang des Sommers – im dritten Quartal war die Wirtschaft um 0,2 Prozent geschrumpft – führen beide Institute zum großen Teil auf das Problem der Autoindustrie zurück, die sich zu spät auf den neuen Abgasstandard eingestellt hatte und somit Umsätze von 7,5 Milliarden Euro einbüßte. „Niemand hätte erwartet, dass ausgerechnet die deutsche Automobilindustrie als einzige die Umstellung zum 1. September nicht schaffen würde“, sagte der DIW-Experte.  

Die Forscher gehen aber davon aus, dass ein Großteil dieses Einbruchs ab Dezember bis ins zweite Quartal 2019 hinein aufgeholt werden kann. Darauf deuteten die Auftragseingänge hin – und der wachsende Konsum in den meisten Volkswirtschaften der Welt. Auch den Exportrückgang des Sommers führt das DIW auf die Autoindustrie zurück: In allen anderen Branchen sei das Exportwachstum auf einem ähnlichen Niveau wie in den Vorquartalen geblieben.

Einen leicht dämpfenden Effekt auf die Konjunktur in diesem Sommer sieht das IfW auch durch die Dürre und das Niedrigwasser vor allem des Rheins. Die Binnenschifffahrt sei damit als Transportweg fast ausgefallen. Zulieferungen für die Industrie seien verspätet eingetroffen – oder teurer geliefert worden. „Einen leicht dämpfenden Effekt“ auf das Wachstum dürfte dies gehabt haben, so Kooths.

Ihre generelle Zuversicht, dass die Nachholeffekte sowie ein Konjunkturprogramm der Bundesregierung die Konjunktur 2019 vor allem im ersten Halbjahr anschieben, ist allerdings gedämpft durch erhebliche Unsicherheiten. Diese reichen von Handelskonflikten mit den USA über den Brexit, Frankreichs Unruhen und Italiens Haushaltsproblemen bis hin zu Fachkräftemangel und Börsengeschehen.

Da niemand weiß, was davon wie eintritt, lassen sich die Effekt nicht berechnen. „Wenn es 25 Prozent Zölle im Handel zwischen den USA und der EU gibt, haben wir eine Rezession“, sagte Michelsen.

Mit den Unsicherheiten lebe Deutschland aber schon lange, und bisher seien sie nicht wahrscheinlicher als vor zwei Jahren. Das DIW geht in seiner Prognose auch weiterhin von einem „sanften Brexit“ aus, trotz aller politischen Turbulenzen bis dahin. Das IfW hält demgegenüber einen harten Brexit für wahrscheinlicher als noch vor drei Monaten. In den Zahlen der Institute spiegelt sich dazu bisher jedenfalls nichts wider.

Ein weiteres Konjunkturrisiko, die Kursrückgänge an den Börsen in diesem Jahr, schätzt das DIW bisher ebenfalls noch als eher gering ein. Von „Normalisierung“ spricht Michelsen. Anders als beim Platzen der Dotcom-Blase zu Beginn des Jahrhunderts seien die Unternehmen nicht hoch verschuldet, die Gewinne seien stabil, trotz steigender Löhne. Und der Ölpreis, der in diesem Jahr die Kosten trieb, sinke bereits wieder.

Der stärkste Treiber der Konjunktur in den kommenden zwei Jahren kommt nach Überzeugung der Institute aus dem Binnenmarkt. Auch wenn die Bauwirtschaft an ihre Kapazitätsgrenzen – Stichwort Arbeitskräftemangel – stoße, wachse die Binnenwirtschaft dank steigender Löhne kräftig. Zusätzliche Jobs sollen weiterhin entstehen. Profitieren werden davon die heute Arbeitslosen, weil es Zuwanderung aus der EU dank guter Konjunktur auch in anderen europäischen Ländern kaum geben werde.

Auch den starken Rückgang der Zeitarbeit werten die Institute dieses Mal nicht als Frühindikator für einen Konjunktureinbruch: Er setzte abrupt mit der Reform des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes ein, so das IfW. Die hohe Zahl offener Stellen, die Zunahme der Erwerbstätigkeit und der Rückgang der Arbeitslosenquote sprächen dafür, dass Leiharbeit durch Stammbeschäftigung ersetzt werde, argumentiert auch das DIW.

Die DIW-Forscher erwarten auch nicht, dass das Lohnplus durch eine steigende Inflation aufgefressen wird. Steigende Wohnkosten seien zwar für die unteren 20 Prozent auf der Einkommensskale eine echte Last. Insgesamt aber erwartet das DIW im Schnitt einen Reallohnzuwachs von einem Prozent.

Die Kaufkraft der privaten Haushalte profitiere auf jeden Fall durch die Beschlüsse der Großen Koalition: Niedrigere Sozialbeiträge für Arbeitnehmer, der Abbau des Solidaritätszuschlags und weitere leichte Steuersenkungen summierten sich auf eine Entlastung von zehn Milliarden Euro. Dies sei durchaus ein Konjunkturprogramm, so das DIW.

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