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Ökonom Felbermayr im Interview „Trump nützt der deutschen Wirtschaft durchaus“

Der Präsident des Kieler IfW hält eine Erholung der Weltwirtschaft für möglich und eine Rezession in Deutschland für eher unwahrscheinlich.
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Seit März leitet der Handelsexperte das Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Quelle: dpa
Gabriel Felbermayr

Seit März leitet der Handelsexperte das Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

(Foto: dpa)

Die Bundesregierung senkt ihre Wachstumsprognose auf 0,5 Prozent, die IWF-Tagung steht ganz im Zeichen von Handelskonflikten. Gabriel Felbermayr, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, glaubt dagegen nicht an einen immer tieferen Abschwung. „Ich teile den Pessimismus von Frau Lagarde eher nicht“, sagte Felbermayr zu Aussagen von IWF-Chefin Christine Lagarde, die vor einer weltweiten Rezession warnte. Nach Felbermayrs Überzeugung sind die Chancen auf eine Erholung genauso groß wie die Risiken einer weiteren Abkühlung.

„Das Wachstum könnte genauso gut auch wieder nach oben gehen, wenn sich Problemfelder wie der China-USA Konflikt oder der Brexit plötzlich in Wohlgefallen auflösen“, sagte er dem Handelsblatt. Positiv sei auch, dass China der EU letzte Woche mehr Marktöffnung versprochen habe. Schlimmer als Strafzölle sei die grassierende Unsicherheit für die Konjunktur. Denn jedes Exportgeschäft sei auch ein Investitionsgeschäft. „Sie müssen das anbahnen, möglicherweise in Vorleistung gehen. Und wenn dann plötzlich die Unsicherheit entsteht, ob neue Hürden errichtet werden, dass vielleicht nur noch amerikanisches Material verbaut werden darf: Dann zögern Unternehmer“, sagte er.

Lesen Sie hier das gesamte Interview.

Herr Felbermayr, die IWF-Tagung steht in diesem Frühjahr ganz im Zeichen von Handelskonflikten. IWF-Chefin Christine Lagarde fürchtet, dass deswegen die Weltkonjunktur kippen könnte. Hat Sie recht?
Wir stehen in der Tat an einem Wendepunkt, nach einer Zeit der Seitwärtsbewegung. Es ist aber nicht ausgemacht, dass sich die Konjunktur weiter abkühlt. Das Wachstum könnte genauso gut auch wieder nach oben gehen, wenn sich Problemfelder wie der China-USA-Konflikt oder der Brexit plötzlich in Wohlgefallen auflösen. Ich teile den Pessimismus von Frau Lagarde eher nicht.

Bis zum vergangenen Sommer lief die Konjunktur in Europa hervorragend. Wieso dämpfen Trumps altbekannte Drohungen mit Strafzöllen nun doch das Wachstum?
Wir erleben, dass sich reale Verschlechterungen wie die Einführung von Strafzöllen auf Stahl im Juni 2018 mit etwas Zeitverzögerung in den Zahlen niederschlagen. Dazu kommt, dass das eigentliche Gift nicht die Zölle sind, sondern die große Unsicherheit, was noch kommt. Jedes Exportgeschäft ist auch ein Investitionsgeschäft. Sie müssen das anbahnen, möglicherweise in Vorleistung gehen. Und wenn dann plötzlich die Unsicherheit entsteht, ob neue Hürden errichtet werden, dass vielleicht nur noch amerikanisches Material verbaut werden darf, dann zögern Unternehmer. Diese Unsicherheit ist nach wie vor da.

Gibt es Berechnungen, wie viel Wachstum das schon gekostet hat?
Wir haben vor eineinhalb Jahren berechnet, was verschiedene Konfliktszenarien kosten könnten. Wir haben uns zum Beispiel angeschaut, was passieren würde, wenn die USA die Welthandelsorganisation WTO verlassen würden. In Deutschland würde dies langfristig eineinhalb Prozent Wirtschaftsleistung kosten. Denn das würde nicht nur unseren Handel mit den USA betreffen, sondern auch den Handel anderer mit den USA, was auf die Vorleistungen bei uns wirkt. Die bisherigen Zölle auf Stahl und Eisen dagegen tun uns nicht weh, eine negative Wirkung ist fast nicht messbar. Sollte Trump Autozölle verhängen, sähe es natürlich anders aus.

Also leidet die Wirtschaft vor allem an der Unsicherheit?
Ja, auf jeden Fall. Aber was wir auch sehen müssen: Trump nützt der deutschen Wirtschaft durchaus auch. Seine Steuerreform und vor allem die Deregulierungen sind von Vorteil. Die Deregulierung ist zwar mit Blick auf die Umwelt nicht zu begrüßen, aber es ist mehr als ein bloßes Strohfeuer, wenn man ohne große Auflagen eine Genehmigung für eine neue Chemiefabrik bekommen kann. Im Außenhandel mit den USA finden wir noch keine wirklichen Bremsspuren. Der Boom dort hat uns eher genutzt.

Für wie wahrscheinlich halten Sie eine Rezession in Deutschland?
Nicht sehr. Es sind ja nicht alle Branchen von der Abkühlung betroffen. Der Dienstleistungssektor zum Beispiel läuft überraschend gut. Die alte Schwäche Deutschlands ist plötzlich umgedreht.

Kann es denn tatsächlich sein, dass Deutschland eine Industrierezession erlebt, die nicht die Gesamtwirtschaft ins Minus zieht?
Es gibt natürlich ein Überschwappen auf andere Branchen, wenn die Industrie nachhaltig schrumpft. Aber bisher haben wir das Glück, dass die Industrie wohl ein paar Quartale schrumpfen kann, ohne dass man es am Arbeitsmarkt groß merkt. Wir haben immer noch Fachkräftemangel, und die Zuwanderung ist nicht mehr besonders hoch. Und die durchaus kräftigen Lohnsteigerungen sollten den Konsum stärken. Das Angstsparen, weil man womöglich arbeitslos wird, ist heute weniger verbreitet als im Jahr 2009. Die Angst kommt heute eher aus der politischen Unsicherheit.

Die EU hat sich diese Woche mit China geeinigt, dass China seinen Markt öffnet und die EU ihren nicht verschließt. Wie glaubwürdig ist die Vereinbarung?
Ich glaube, sie ist glaubwürdiger, als viele jetzt denken. Trotzdem muss man natürlich aufpassen, dass die Versprechen umgesetzt werden. Die Chancen sind besser als je zuvor, weil China unter Druck steht, von den USA, aber auch von der EU, die neuerdings ja auch eine sehr viel härtere Kante zeigt. Es gibt Fortschritte: BASF zum Beispiel baut ein riesiges Werk in China, das ihr zu 100 Prozent gehört. Da hat die KP gewisse Kontrollrechte aufgegeben.

Was wird eigentlich aus der WTO?
Tja. Die WTO ist in einer Krise. Aber für eine Institution, die so unter Druck steht, ist sie doch sehr präsent. Den Rahmen für die Airbus-Boeing-Diskussion etwa setzt noch immer die WTO. Wir brauchen aber auch in der EU eine klarere Politik für die WTO. Wir haben auf die US-Zölle mit neuen Schutzzöllen gegen alle reagiert, nicht nur gegen die USA. Dagegen klagt jetzt Brasilien, weil brasilianische Stahlkocher von EU-Zöllen betroffen sind. Die EU muss gegenüber den 163 Ländern, die gerne die WTO behalten würden, konzilianter sein.

Herr Felbermayr, vielen Dank für das Gespräch.

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