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Schlussquartal 2018 Die Türkei schlittert in die Rezession – zu einer ungüstigen Zeit für Erdogan

2017 gehörte die Türkei noch zu den am stärksten wachsenden Ländern. Jetzt macht der Trend eine Kehrtwende. Für die Regierung stehen unangenehme Zeiten bevor.
Update: 11.03.2019 - 14:02 Uhr Kommentieren
Die Wirtschaftsleistung (BIP) des Landes war im Schlussquartal zum zweiten Mal in Folge rückläufig. Quelle: dpa
Container im Hafen von Izmir

Die Wirtschaftsleistung (BIP) des Landes war im Schlussquartal zum zweiten Mal in Folge rückläufig.

(Foto: dpa)

IstanbulDie türkische Wirtschaft ist Ende vergangenen Jahres so stark geschrumpft wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt sank zwischen Oktober und Dezember binnen Jahresfrist um drei Prozent, wie das nationale Statistikamt am Montag mitteilte. Im Gesamtjahr 2018 reichte es zwar noch zu einem Wachstum von 2,6 Prozent – dies war aber das schwächste Plus seit neun Jahren.

In der Türkei hat damit drei Wochen vor den Kommunalwahlen ein Kreislauf begonnen, den die Regierung nur noch schwer aufhalten kann. Die Inflation ist auf 20 Prozent gestiegen, während das Bruttoinlandsprodukt sinkt. Anders ausgedrückt: Fast alles wird teurer in dem Land, während die Unternehmen weniger verdienen und die Arbeitslosigkeit ansteigt.

Für die Regierungspartei AKP beginnt damit eine Phase, in der sie um ihre Unterstützung bangen muss. Viele ihrer Wähler votierten in der Vergangenheit für die AKP in der Hoffnung, dass sie in Zukunft finanziell bessergestellt werden.

Jetzt müssen die Parteifunktionäre unter Präsident Erdogan ihrer Basis klarmachen, dass sie immer noch ihr Kreuz bei den AKP-Kandidaten machen sollen. Die Vorzeichen dafür sind in der ersten Rezession seit zehn Jahren denkbar schlecht.

Im dritten Quartal 2018 war die türkische Wirtschaft im Vergleich zum Vorjahr noch um 1,8 Prozent gewachsen. Von einer Rezession sprechen Fachleute, wenn die Wirtschaft zwei Quartale in Folge schrumpft. Im Schlussquartal ließ vor allem die lange boomende Baubranche Federn: Sie schrumpfte um 8,7 Prozent, während es in der Industrie um mehr als sechs Prozent nach unten ging.

Auch die privaten Haushalte hielten sich merklich zurück und signalisierten mit einem Ausgabenrückgang von rund neun Prozent ein Schwächeln des Binnenkonsums. Grund dafür dürfte auch die hohe Inflation von knapp unter 20 Prozent sein. Im Oktober lag die Teuerung sogar auf einem 15-Jahres-Hoch von gut 25 Prozent. Pro Kopf gerechnet ist das Bruttoinlandsprodukt von knapp über 10.000 US-Dollar auf 9.632 Dollar geschrumpft.

Dies sei eine direkte Folge der „Erdonomics“ genannten Wirtschaftspolitik des türkischen Präsidenten 2018, meint Julian Rimmer von der Londoner Investec Bank: „Kurzfristiger politischer Vorteil anstatt ökonomischem Pragmatismus.“ Die Türkei sei 2017 zwar eines der am stärksten wachsenden Länder der Welt gewesen, meint der Ökonom Ziad Daoud, „aber das Wachstum war nicht nachhaltig“. Die hohen Staatsausgaben, kombiniert mit einem hohen Kreditwachstum, ließen die Wirtschaft so schnell wachsen, wie sie jetzt wieder abfällt.

Nach der Finanzkrise haben weltweit Investoren türkische Unternehmen und den Staat mit Geld vollgepumpt, in der Hoffnung, das Geld sei in dem Schwellenland gut aufgehoben. Da die Zentralbanken der EU und der USA die Zinsen niedrig hielten, lohnten sich Investments in den etablierten Industrieländern kaum noch.

Aufstrebende Länder wie die Türkei waren daher lukrativ – und einigermaßen sicher. Die Renditen waren auch lange üppig, das Wachstum ebenfalls: die türkische Wirtschaft wuchs seit 2009 im Schnitt um mehr als fünf Prozent pro Jahr.

Doch jetzt, wo die Weltwirtschaft erneut ins Stocken geraten ist, gerät auch die Türkei in einen gefährlichen Sog: Die Nachfrage nach Gütern wie Autos geht zurück. Deshalb werden weniger Autoteile produziert, was türkische Zulieferer direkt zu spüren bekommen.

„Ich rechne mit einer scharfen, aber kurzen Rezession in der Türkei“

Hinzu kommt: Die US-Notenbank hebt die Leitzinsen an, weshalb Investoren allmählich ihr Geld wieder nach Nordamerika verlagern. Das schadet der türkischen Wirtschaft – und auch die Währung verliert an Wert. Die türkische Lira gehörte 2018 zu den schwächsten Währungen weltweit.

2017 hatte die Konjunktur in dem Schwellenland noch mehr als sieben Prozent zugelegt. Im vorigen Jahr litt die Türkei allerdings unter dem Absturz der heimischen Währung um 30 Prozent. Finanzminister Berat Albayrak versprühte aber Optimismus. Die Wirtschaft habe des Schlimmste nun hinter sich, erklärte er auf Twitter. Das Wachstum für 2019 stehe im Einklang mit der Regierungsprognose von 2,3 Prozent.

Analysten sind skeptischer. „Im Gegensatz zu den bisherigen V-förmigen Erholungen der Türkei besteht ein erhebliches Risiko, dass die Erholung dieses Mal viel langsamer sein wird“, sagte Inan Demir, Ökonom bei Nomura International Plc in London, laut der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Die gesamte türkische Wirtschaft steht möglicherweise unter Druck, die Schulden zu reduzieren.“

Die Regierung in Ankara hat nur wenige Möglichkeiten, gegenzusteuern. Der Sog aus den USA ist stark. Zuletzt pumpte Ankara Milliarden in drei Staatsbanken, damit Firmen weiterhin Kredite erhalten und investieren können. Die Institute machen Werbung ohne Ende. Doch ob alle neu vergebenen Kredite auch wirklich nachhaltig sind, zeigt sich erst am Ende der Laufzeit.

Wie die Ratingagentur Moody’s Ende Februar bekanntgab, ist der Anteil der Kredite in dem Land, der womöglich nicht mehr beglichen werden kann, bereits im Jahr 2018 auf 3,87 Prozent bezogen auf alle Kredite angestiegen. 2017 lag der Wert bei 2,95 Prozent – ein Anstieg um rund ein Drittel also.

Die Maßnahmen der türkischen Regierung, trotzdem Investoren zu einer stärkeren Kreditaufnahme zu motivieren, seien kontraproduktiv, folgern die Rating-Experten.

Mit Material von Reuters und Bloomberg

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