Statistisches Bundesamt Deutschlands Exporte sinken überraschend

Noch bilden Bauboom und Kauflaune ein Gegengewicht zum drohenden Abschwung. Doch die deutschen Exporte geben bereits nach. Das hat auch hausgemachte Gründe.
Update: 08.11.2018 - 11:31 Uhr Kommentieren
Deutschland: Exporte sinken überraschend Quelle: dpa
Exporte

Die deutschen Exporte fielen im September um 0,8 Prozent geringer aus als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

(Foto: dpa)

BerlinHarte Zahlen des Statistischen Bundesamts verstärkten Sorgen, die Deutschlands Industrie seit dem Frühjahr hegt. Die traditionelle Exportstärke der Industrie könnte ins Wanken geraten. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, die Bundesregierung und zuletzt diese Woche auch der Sachverständigenrat haben ihre Wachstumserwartungen für dieses und nächstes Jahr deutlich nach unten korrigiert. Sie alle begründeten das mit schwächeren Exporterwartungen.

Der Handelskrieg zwischen den USA und China, ein fehlender Brexit-Vertrag, der Haushaltsstreit Italiens mit der EU sowie Schwellenländerkrisen sind übereinstimmend die Hauptursachen. Und nun legt auch noch das Statistische Bundesamt nach.

Im September sind die deutschen Exporte überraschend gesunken. Sie fielen um 0,8 Prozent geringer aus als im August. Von Reuters befragte Ökonomen hatten zuvor mit dem Gegenteil gerechnet: einem Plus von 0,3 Prozent. Die Importe fielen um 0,4 Prozent und damit den zweiten Monat in Folge.

Vergleicht man allerdings die ersten drei Quartale des Jahres mit dem Vorjahreszeitraum, erzielten die Exporteure ein sattes Plus von 3,5 Prozent. Sie verkauften von Januar bis September 2018 Waren im Wert von 988 Milliarden Euro ins Ausland.

Vor allem das Geschäft mit EU-Ländern legte mit 4,6 Prozent überdurchschnittlich zu, das mit der Euro-Zone sogar um 5,4 Prozent. Die Ausfuhren in die Drittländer, darunter die USA und China, nahmen demgegenüber mit 2,1 Prozent schwächer zu.

Experten rätseln noch, wie stark der Exportrückgang mit einem unerwartet großen Problem der Autoindustrie zusammenhängt. Denn insgesamt registrierte das Bundeswirtschaftsministerium im dritten Quartal eine temporäre Schwächephase der Industrie. „Der Rückgang der Industrieproduktion im dritten Quartal ging nahezu vollständig von der Kfz-Industrie aus“, meldete das Ministerium.

Die Ursache dafür seien die Umstellungsprobleme der Autohersteller auf den neuen Abgas-Testzyklus WLTP. „Die WLTP-Problematik dürfte schrittweise überwunden werden. Damit ist eine Belebung der Industrieproduktion zum Jahresende zu erwarten“, teilt das Ministerium mit.

Allerdings erwarten viele Experten, dass die Ausfälle des dritten Quartals nicht vollständig im vierten Quartal aufgeholt werden können. Denn wegen des Fachkräftemangels könne die Produktion nicht schnell so stark hochgefahren werden.

Und bei den Problemen Handelshürden, Brexit, Italien und Schwellenländer gibt aktuell niemand Entwarnung, was sich in den Umfragen unter Unternehmern zur Lage und den Geschäftserwartungen widerspiegelt.

Das Ifo-Wirtschaftsklima Euro-Raum für das vierte Quartal etwa fiel auf den niedrigsten Wert seit Mitte 2016, von 19,9 auf 6,6 Saldenpunkte: In Italien und Spanien, für das die Unternehmensexperten Ansteckungseffekte befürchten, sind die Erwartungen deutlich pessimistischer geworden.

In Deutschland und Frankreich verzeichnen sich die Firmen über aktuell gute Geschäfte, erwarten aber eine leichte Verschlechterung. Insgesamt aber landeten die Konjunkturerwartungen des Ifo-Barometers für den Euro-Raum erstmals seit dem Höhepunkt der Euro-Krise 2012 wieder im Bereich „Abschwung“.

Vor allem bei den Großunternehmen trübten sich die Erwartungen ein, stellte am Donnerstag das Kfw-Ifo-Mittelstandsbarometer fest: Die Exporterwartungen der Großindustrie sanken sogar in den negativen Bereich.

Der Mittelstand allerdings blickt weiter optimistisch in die Zukunft: Die seit Monaten exzellente Geschäftslage schätzt der Mittelstand noch besser ein, und auch für die nahe Zukunft werde sich das Geschäft positiv entwickeln, erwartet er.

Für Deutschland insgesamt rechnen alle Konjunkturexperten auch deshalb (noch) nicht mit einem Abschwung, sondern mit einer Abkühlung der Hochkonjunktur. Das Potenzialwachstum, das die Wachstumsrate bei einem normalen Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten beschreibt, sehen die Wirtschaftsweisen für Deutschland bei 1,5 Prozent.

Für dieses Jahr rechnen die meisten Konjunkturexperten mit einem Wachstum von 1,6 bis 1,8 Prozent, für nächstes Jahr zwischen 1,4 und 1,9 Prozent – zuletzt allerdings eher mit der Tendenz Richtung 1,4 Prozent.

In die Erwartungen eingerechnet sind allerdings nicht größere Eskalationen im Handelsstreit und ein tatsächlich ungeordneter Brexit im März. Am kommenden Mittwoch veröffentlicht das Statistische Bundesamt die Wachstumszahl für das dritte Quartal, die vermutlich schwächer als im zweiten und ersten sein wird.

Der Blick aufs vierte Quartal ist durch Unsicherheit getrübt, umso mehr, je stärker er sich auf die Exporte richtet. Die Binnenkonjunktur in Deutschland allerdings sieht deutlich besser aus. Der Bauboom und die dank steigender Löhne hohe Konsumbereitschaft bilden ein Gegengewicht – jedenfalls bisher.

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