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Weltwirtschaft sendet Notsignale Wie sich ein Absturz der deutschen Wirtschaft vermeiden ließe

Die Gefahr einer globalen Rezession ist real, doch mit den richtigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen wäre eine Krise vermeidbar. Fünf Vorschläge.
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Das Klima für den Welthandel wird immer rauer. Wenn die deutsche und internationale Politik untätig bleibt, droht eine globale Rezession. Quelle: Imago/Westend61
Transportschiff

Das Klima für den Welthandel wird immer rauer. Wenn die deutsche und internationale Politik untätig bleibt, droht eine globale Rezession.

(Foto: Imago/Westend61)

Frankfurt Die Perspektiven für die Weltwirtschaft trüben sich immer stärker ein. Das vom Ifo-Institut vierteljährlich erhobene Weltwirtschaftsklima fiel, wie am Montag bekannt wurde, im dritten Quartal um 7,7 auf minus 10,1 Punkte. Grundlage ist eine Umfrage unter knapp 1200 Experten aus 116 Ländern.

Erstmals seit 2012 waren sowohl die Lagebeurteilung als auch die Erwartungen für die weitere Entwicklung negativ. Erst im Juli hatte der Internationale Währungsfonds seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft zum dritten Mal in diesem Jahr gesenkt.

„Die Verschärfung des Handelskonflikts belastet die Weltkonjunktur beträchtlich“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die beiden größten Volkswirtschaften USA und China überziehen sich seit Monaten gegenseitig mit höheren Zöllen und Einfuhrbeschränkungen.

Auch die Akteure an den Finanzmärkten stellen sich immer mehr auf eine globale Rezession ein. Sogar für Bundesanleihen mit 30 Jahren Laufzeit ist die Verzinsung unter null gesunken. Das bedeutet, dass die Anleiheinvestoren mit einer so schwachen Wirtschaftsentwicklung rechnen, dass die Notenbanken auf sehr lange Sicht die Leitzinsen extrem niedrig halten werden.

Der Ölpreis ist im letzten Monat wegen der erwarteten Nachfrageabschwächung um rund zwölf Prozent gesunken, Aktienkurse stehen weltweit unter Druck. Am Mittwoch veröffentlicht das Statistische Bundesamt eine erste Schätzung des deutschen Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal.

Ein Rückgang gegenüber dem Vorquartal gilt unter Ökonomen als nicht unwahrscheinlich. Denn die Industrie hat im Quartal bis Juni deutlich weniger produziert als im ersten Vierteljahr. Ob die Dienstleistungsbranchen und die Bauwirtschaft, wo die Geschäfte bisher noch besser laufen, diesen Rückgang weiterhin ausgleichen können, ist unsicher.

1. Ein Friedenssignal im Handelskrieg

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Der beste Beitrag, den die Politik zur Vermeidung einer Rezession leisten könnte, wäre, einfach all das zu unterlassen, was die Wirtschaftsentwicklung hemmt – oder gar bedroht. An erster Stelle sind da die eskalierenden Handelskonflikte. Das gilt sowohl für den US-chinesischen als auch den transatlantischen Streit.

Ökonomen sind alarmiert: Ifo-Chef Clemens Fuest warnt vor dem wachsenden „Risiko eines globalen Handels- und Währungskrieges und einer Erosion der multilateralen Ordnung der Weltwirtschaft“. IfW-Präsident Gabriel Felbermayr sieht sich an „die 1930er-Jahre“ erinnert, als ein „Handelskrieg zu Abwertungswettläufen führte“.

Was also tun? Auch wenn es politisch naiv klingt: Vielleicht könnte ein einseitiges Friedenssignal aus Europa die Vergeltungsspirale durchbrechen. Warum den USA nicht eine Freihandelszone anbieten, womöglich sogar eine einseitige Senkung der Zölle auf null? So schwer ein solcher Schritt angesichts des aggressiven Gebarens Donald Trumps auch fallen mag.

Denn schon jetzt sind die Folgen der Handelskonflikte überall sichtbar: Der IWF hat seine Wachstumsprognose 2019 für die Weltwirtschaft wiederholt gesenkt. Besonders hart trifft es Deutschland mit nur noch 0,7 Prozent. Sollte Trump wirklich Ernst machen und Strafzölle auf europäische Autoimporte erheben, scheint die Rezession unausweichlich.

Das Schlimmste: Der Streit beschränkt sich inzwischen nicht mehr nur auf die drei größten Handelsblöcke USA, China und EU. Das Modell Trump, Handelsbarrieren zu errichten, um wirtschaftspolitische Forderungen durchzusetzen, findet mittlerweile überall Nachahmer – zuletzt im Streit zwischen Japan und Südkorea.

Handelskonflikt, Abwertungswettlauf – und am Ende womöglich ein globaler Wirtschaftskrieg. Nur die ökonomische Vernunft und vielleicht ein kleines Friedenssignal können die Eskalation noch verhindern. Das Prinzip der Abschreckung hat schon im Streit über Stahlzölle nicht funktioniert.

Trump („Handelskriege lassen sich leicht gewinnen“) mit einem solch altruistischen Schritt zu irritieren ist nur ein Versuch, möglicherweise aber einer, der sich lohnt – im Sinne der Weltwirtschaft.

2. Ein Deal ist besser als kein Deal

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Der neue britische Premierminister Boris Johnson droht mit einem ungeordneten Brexit am 31. Oktober. Die plötzliche Einführung von WTO-Zöllen und Grenzkontrollen würde nicht nur Großbritannien, sondern auch den Rest Europas treffen. In Deutschland würde wohl der Export von Autos, Maschinen und Chemieprodukten zurückgehen, auch der Lebensmittelhandel wäre betroffen.

Laut einer Simulation von Forschern aus Halle wären bis zu 100.000 Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet. Zwar hat die Bundesregierung bereits mehr als fünfzig Gesetze verabschiedet, um diese Folgen abzumildern. Doch Kostensteigerungen für Unternehmen wären unvermeidlich, ganze Lieferketten müssten umgebaut werden.

Es gibt nur zwei Wege, den ungeordneten Brexit zu verhindern: Entweder einigen sich die EU-27 und Johnson auf einen geänderten Ausstiegsvertrag, den das britische Parlament zu ratifizieren bereit ist. Die Europäer könnten etwa Johnsons Forderung erfüllen und den umstrittenen irischen Backstop aus dem Vertrag streichen oder aufweichen. Danach sieht es bisher nicht aus.

Oder die britischen Abgeordneten müssten ihre Regierung zwingen, in Brüssel einen weiteren Aufschub der Brexit-Frist zu beantragen, um mehr Zeit für Verhandlungen zu gewinnen. Johnson schließt einen weiteren Aufschub aus und scheint nicht bereit, seinen Kurs zu ändern.

Notfalls müssten die Parlamentarier ihn daher vor dem 31. Oktober durch ein Misstrauensvotum stürzen und einen neuen Premier installieren. Ob es dafür eine Mehrheit gäbe, ist höchst ungewiss.

3. Der Finanzminister kann gegenhalten

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Eine Rezession droht, wenn das Angebot nicht genug kaufkräftige Nachfrage findet und niemand verhindert, dass es zu sich selbst verstärkenden Rückkopplungen kommt. Die Unternehmen fahren Produktion, Investitionen und Beschäftigung zurück.

Die Arbeitnehmer verlieren Arbeitsplatz und Einkommen, oder sie haben Angst davor und geben deshalb weniger aus. Das drückt die Nachfrage weiter. Wenn der Staat seine Ausgaben bei sinkenden Steuereinnahmen zurückfährt, trägt er ebenfalls zu dieser Negativspirale bei.

Deshalb gibt es seit geraumer Zeit aus dem Ausland und seit Kurzem auch in Deutschland vehemente Forderungen nach einer flexibleren Haushaltspolitik. Der Staat soll sich zur Konjunkturstabilisierung vom Ziel des ausgeglichenen Haushalts verabschieden.

Mehr Geld für den Klimaschutz, für das Militär und für die Pflege fordern die einen, völlige Streichung des Solidaritätszuschlags die anderen. Noch stemmt sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) gegen das Ansinnen vor allem aus den eigenen Reihen, neue Schulden zu machen.

Aber wenn konjunkturpolitisch ohnehin eine großzügige Finanzpolitik angezeigt ist, fällt es immer schwerer, sich all dem zu widersetzen. Würde der Bundesfinanzminister nachgeben, wäre dies aus Sicht einiger Ökonomen Grund zur Hoffnung, dass die Nachfragekrise der Industrie nicht zu einer Rezession mit deutlich steigender Arbeitslosigkeit wird.

Eine kleine Lockerung der Bremse, so die Meinung mancher Experten, der Übergang von der schwarzen zur roten Null, würde dafür allerdings kaum genügen. Und bald müsste es auch sein.

4. Verantwortungsvolle Tarifpolitik

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Wenn Kanzlerin Angela Merkel über die Krisenjahre nach 2008 redet, dann lobt sie meist die deutsche Sozialpartnerschaft: weil Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam Verantwortung übernommen hätten, sei Deutschland damals relativ glimpflich durch das konjunkturelle Tal gekommen.

Tatsächlich stellten beide Seiten damals Beschäftigungssicherung über Lohnprozente, auch wenn sich die moderate Tarifpolitik wegen der oft Jahre im Voraus geschlossenen Verträge erst nach dem Rezessionsjahr 2009 widerspiegelte.

In großen Industriebranchen wie Chemie und Metall stehen in diesem und im kommenden Jahr wieder Tarifrunden an. Ob die Gewerkschaften angesichts des sich von Tag zu Tag verschärfenden Abschwungs zur Mäßigung bereit sind, ist fraglich.

Denn gerade bei einer schwächelnden Exportwirtschaft hält der Binnenkonsum die Konjunktur am Laufen – und der lässt sich am besten mit kräftigen Lohnerhöhungen befeuern. Momentan drängen Arbeitgeber und Gewerkschaften den Gesetzgeber – wenn auch mit unterschiedlicher Akzentsetzung – vor allem zu Änderungen beim Kurzarbeitergeld, um Entlassungen im Abschwung zu verhindern.

Allerdings drohen Beschäftigungsverluste nicht nur wegen der Konjunktur, sondern auch wegen des Strukturwandels. Das betrifft vor allem die Autoindustrie und deren Zulieferfirmen. Hier können die Sozialpartner tarifpolitisch gestalten, etwa mit Tarifverträgen zur Beschäftigungssicherung oder Weiterbildung.

5. Entschlossenheit ist in der Geldpolitik Trumpf

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Geld hilft, die Wirtschaft in Gang zu halten. Und spätestens seit der Finanzkrise vor gut zehn Jahren hat sich gezeigt, dass mehr Geld von den Notenbanken nicht automatisch zu mehr Inflation führt. Die US-Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) sind daher entschlossen, alle Mittel gegen eine mögliche Rezession einzusetzen.

Die Fed hat bereits einmal die Zinsen gesenkt, und sie kann noch zwei Prozentpunkte nach unten gehen, bis sie bei null landet. Die maßgeblichen Zinsen der EZB liegen schon unter null, aber sie wird wahrscheinlich im September noch etwas tiefer gehen und zugleich Anleihekäufe in Aussicht stellen.

Sie hofft, mit dieser Kombination noch etwas ausrichten zu können. Viele andere Notenbanken weltweit, etwa in Neuseeland, Thailand und Indien, haben ebenfalls schon die Zinsen gesenkt. Wenn es den Geldpolitikern gelingt, die Situation unter Kontrolle zu halten, dann gibt es Hoffnung für die Weltkonjunktur.

Viel kommt dabei auf eine geschickte Kommunikation an. Fed-Chef Jerome Powell muss deutlich machen, dass er energisch eingreift, wenn es nötig ist, ohne zugleich die Sorgen vor wirtschaftlichen Problemen noch zu verstärken. Das ist nicht ganz leicht. Wie der US-Ökonom Mohamed El-Erian anmerkt: Die Märkte wollen immer noch mehr von der Geldpolitik, als sie ihnen gibt.

Powell wiederum will nicht wirken, als richte er sich zu sehr nach den Märkten. Gelingt ihm der Balanceakt – dann besteht Hoffnung. Die EZB hat weltweit weniger Einfluss als die Fed und nur noch wenige Mittel zur Verfügung. Aber auch sie darf keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit lassen.

Mehr: Einmal mehr gibt es ein deutliches Zeichen dafür, dass die Weltwirtschaft vor einer schweren Rezession steht. Doch anstatt zu reagieren und Schulden zu machen, hält Deutschland weiterhin an der schwarzen Null fest.

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1 Kommentar zu "Weltwirtschaft sendet Notsignale: Wie sich ein Absturz der deutschen Wirtschaft vermeiden ließe"

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  • Nun ja, Punkt 2 ist richtig, wichtig und sicher bemerkenswert:
    Dazu gibt es aber noch einen dritten Weg:
    Die EU kann ein bestimmtes Szenario vorschlagen:
    Die Briten verabschieden ein Gesetz, das die Briten verpflichtet, das Ergebnis einer Volksabstimmung in Nordirland über die Vereiniging mit Irland als bindend anzuerkennen. Die EU müsse das Ergebnis auch anerkennen und die Abstimmung muss innerhalb von 2 Jahren stattfinden.
    Dann wäre der Backstop hinflällig und man könne ihn aus dem Vertrag streichen und die Briten geordnet mit Vertrag am 31.10 rausgehen.

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