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Wirtschaftsforschung Aufruhr im DIW – Kritik an Präsident Marcel Fratzscher wächst

Umstrittene Personalentscheidungen, Strategiediskussion, Finanzprobleme: Im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung herrscht große Unruhe.
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Der Ökonom ist seit 2013 Präsident des DIW. Quelle: dpa
Marcel Fratzscher

Der Ökonom ist seit 2013 Präsident des DIW.

(Foto: dpa)

Berlin In der Wissenschaft herrscht normalerweise ein sachlicher Umgangston. Umso bemerkenswerter ist die Mail, die der Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der HU Berlin, Daniel Klapper, am 18. November an die zwölf Abteilungsleiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) schickte.

Das Dekanat werte das „Vorgehen seitens des DIW-Vorstands als starken Vertrauensbruch, der eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem DIW über die vertragliche Ausgestaltung der Berlin School of Economics (BSE) derzeit unmöglich macht“, schreibt Klapper.

Der Auslöser für die Wut-Mail liegt zu diesem Zeitpunkt fünf Tage zurück. Am 13. November hatte das DIW Georg von Weizsäcker, der von der HU Berlin an das Institut abgestellt ist, vor die Tür gesetzt. Von Weizsäcker werde sich künftig „anderen Aufgaben widmen“, hieß es in einer Mail an die DIW-Mitarbeiter.

Die Kündigung sorgte nicht nur im Institut für Unruhe, sondern in der gesamten Berliner Wissenschaftsszene. Denn von Weizsäcker ist nicht irgendein Ökonom. Er ist der designierte Vorsitzende des „Vereins für Socialpolitik“, der größten Ökonomenvereinigung Deutschlands.

Als Dekan organisierte er zudem die Doktorandenausbildung am DIW und soll auch eine wichtige Rolle an der neu gegründeten „Berlin School of Economics (BSE)“ einnehmen, in der acht renommierte Institute ihre Nachwuchsprogramme gebündelt haben.

Die Personalie von Weizsäcker ist der Aufhänger, aber nicht der einzige Grund, warum das DIW, eines der größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute, derzeit in Aufruhr ist. Neben der umstrittenen Personalentscheidung soll das Institut nach Handelsblatt-Informationen auch in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Von bis zu einer Million Euro Verlust ist die Rede.

Zudem gibt es Diskussionen über die strategische Ausrichtung. Vergangenen Donnerstag hat das DIW-Kuratorium, eine Art Aufsichtsgremium, eine externe Kommission eingesetzt, die Ausrichtung und Finanzlage des Instituts prüfen soll. Bei all diesen Themen im Fokus: Institutschef Marcel Fratzscher, einer der bekanntesten Ökonomen Deutschlands.

Steile Thesen des DIW-Chefs

Als Fratzscher das DIW in der Berliner Mohrenstraße 2013 übernahm, ging seine Strategie, dem ordnungspolitischen Ökonomen-Mainstream in Deutschland etwas entgegenzusetzen, schnell auf. Fratzscher wurde zu einem der gefragtesten Gesprächspartner für Politik und Medien. Mit der Forderung nach höheren Investitionen trat er zu Beginn seiner Amtszeit eine Debatte fast im Alleingang los.

2014 machte ihn der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) zum Chef einer entsprechenden Regierungskommission. Fratzscher war auf dem Ökonomen-Olymp angekommen. Wenn ein Job bei der EZB oder der Bundesbank besetzt werden soll, wird immer auch sein Name genannt.

Der Erfolg brachte Neider, durch manches Vorgehen schuf sich Fratzscher aber auch selbst Gegner, auch im eigenen Haus. Exemplarisch dafür stehen seine letzten Bücher: Dass Fratzscher sein Werk „Deutschland-Illusion“ 2014 von SPD-Chef Gabriel vorstellen ließ, sah manch einer im Institut als Zeichen für mangelnde Distanz zur Politik, insbesondere zur SPD.

Denn das Institut wird zu gut 60 Prozent aus öffentlichen Mitteln finanziert, auf Bundesebene ist das Wirtschaftsministerium für das DIW zuständig, das seinerzeit von SPD-Chef Gabriel geführt wurde. Auch das nächste Fratzscher-Buch sorgte für Verstimmung, diesmal wegen der Inhalte. Die These, Deutschland sei eines der ungleichsten Industrieländer der Welt, ist auch etlichen DIW-Mitarbeitern zu steil.

An der Personalie von Weizsäcker bricht sich nun offenbar angestauter Frust im DIW Bahn. Fratzscher und von Weizsäcker sollen schon länger über Kreuz liegen. Von Weizsäcker hatte bereits im Frühjahr erklärt, seinen noch zwei Jahre laufenden Vertrag am DIW nicht zu verlängern. Im Rahmen der Gründung der „Berlin School of Economics“ soll es erneut zu Streit gekommen sein. Ob dieser der Grund für die Kündigung war, dazu will das DIW auf Anfrage des Handelsblatts keine Stellungnahme abgeben, ebenso wenig von Weizsäcker.

Mangelhafte Kommunikation

Dass Fratzscher keinerlei Begründung für die Demission des anerkannten Wissenschaftlers liefert, stößt vielen beim DIW auf. „Die Kommunikation ist grottenschlecht. So geht das nicht“, sagt nicht nur ein Mitarbeiter. Noch verunsicherter ist der Nachwuchs. Sie sehen sich „unzureichender Kommunikation vonseiten des Vorstands ausgesetzt“, den Ruf des Instituts und „die Nachwuchsförderung am DIW und im Kontext der Berlin School of Economics gefährdet“, heißt es in einem Brief von rund 80 Doktoranden an das Kuratorium.

Unberechtigt sind die Sorgen nicht. Die HU Berlin hat wegen der Kündigung von Weizsäckers Verhandlungen mit dem DIW über den Kooperationsvertrag zur Berlin School of Economics „ausgesetzt“ und „zweifelt die Rechtmäßigkeit der Kündigung des Vertrages zwischen DIW mit HU an“, heißt es in der Mail von Dekan Klapper, die dem Handelsblatt vorliegt.

Der DIW-Vorstand teilt, auf die Kritik angesprochen, mit, Ziel sei es, „den Wissenschaftsstandort Berlin, die starken Partnerschaften mit den Universitäten und außeruniversitären Forschungsinstituten unter anderem durch die Berlin School of Economics weiter zu vertiefen“.

Als wäre die Aufregung um von Weizsäcker nicht schon groß genug, kämpft das DIW dazu offenbar noch mit Geldsorgen. Mehrere mit den Finanzkennzahlen betraute Personen schildern, vor einem Jahr sei man im DIW noch von einem Minus im niedrigen sechsstelligen Bereich ausgegangen, von gut 150.000 Euro ist die Rede. Nun soll sich der Verlust für das laufende Jahr auf angeblich rund eine Million Euro belaufen.

Dafür ist Fratzscher nicht allein verantwortlich, sondern die gesamte DIW-Geschäftsführung, ebenso Abteilungsleiter, die Drittmittel einwerben müssen. Auch ist das DIW keineswegs das einzige Wirtschaftsforschungsinstitut in Geldnöten. Auch in anderen Häusern steigen die Gehälter schneller als die Zuweisungen. So soll das Defizit des IfW Kiel vor nicht allzu langer Zeit noch höher gelegen haben.

„Der Haushalt des DIW Berlin steht auf soliden Füßen, das Kuratorium hat das Programmbudget 2020/2021 genehmigt“, teilt das DIW dazu mit. Der Abschluss für 2019 werde erst Mitte 2020 vorliegen. Erst dann könnten geprüfte Zahlen veröffentlicht werden.

Geldnöte und leere Versprechen

Die knappen Mittel sollen jedoch ein Grund dafür sein, warum Versprechen, was Mitarbeiter und Projekte angeht, nicht eingehalten werden konnten, was zu Frust unter der Belegschaft geführt hat, klagen Mitarbeiter. „Die Frage ist auch, wie man als Institutsspitze mit Finanzproblemen umgeht, die schon länger bekannt sind“, sagt ein Abteilungsleiter.

Der Vorstand hätte bis heute nicht angemessen auf die Finanzprobleme reagiert. Ein Abteilungsleiter soll seinem Ärger in einer Sitzung einmal mit den Worten Luft gemacht haben: „Drittmittel brauche ich nicht mehr einzutreiben, die kommen eh nicht bei mir an.“

Zugleich muss Fratzscher sich nicht nur extern, sondern auch intern immer wieder den Vorwurf anhören, unter seiner medialen Dauerpräsenz leide zuweilen die wissenschaftliche Leistung des Instituts. Als die Bundesregierung 2016 die Konjunkturprognose der Forschungsinstitute ausschrieb, belegte das DIW den letzten Platz und blieb angeblich nur an Bord, weil das SPD-geführte Wirtschaftsministerium damals beide Augen zugedrückt haben soll.

Anfang dieses Jahres bewarb sich das DIW dann darum, das Institut auszubauen und zu einer Schnittstelle zwischen Finanzmärkten und Makroökonomik zu machen. Geplant war ein Netzwerk mit dem IWH Halle und dem Finanzforschungsinstitut Safe. Während die Anträge des IWH und des Safe durchgingen, scheiterte der des DIW. „Die gewählten Einzelthemen sind weder innovativ noch Erfolg versprechend“, urteilte der Wissenschaftsrat, der die Bewerbung evaluierte.

Es ist aber nicht so, dass Fratzscher keine Erfolge vorweisen kann. Regelmäßig müssen sich Forschungsinstitute wie das DIW einer Evaluierung der Leibniz-Gesellschaft unterziehen und ihre wissenschaftliche Exzellenz beweisen, wovon wiederum die Mittel abhängen.

Andere Institute wie das Ifo oder das ZEW seien zwar nach wie vor stärker, allerdings habe sich das DIW unter Fratzscher verbessert, heißt es. Im Handelsblatt-Forschungsranking belegte das DIW zuletzt Rang vier und schnitt damit von allen Wirtschaftsforschungsinstituten sogar am besten ab.

Auch aus diesen Gründen sehen nicht alle Abteilungsleiter die Lage kritisch. Angeblich sei unter ihnen immer wieder mal diskutiert worden, einen Brief an DIW-Kuratoriumschef Axel Weber zu schreiben, um ihren Unmut auszudrücken, berichten Mitarbeiter. Es gibt aber auch Abteilungsleiter, die den Vorstand und Fratzscher in Schutz nehmen. „Die Kommunikation ist ausreichend, die Institutsspitze ist stets lösungsorientiert, es herrscht ein gutes Arbeitsklima“, sagt einer.

Uneinigkeit bei der Strategie

Ein Kuratoriumsmitglied sagt: „Es wäre ja schön, wenn es eine Schwarz-Weiß-Geschichte gäbe. Dann wäre der Wahnsinn DIW leichter zu managen.“ In der Kuratoriumssitzung am vergangenen Donnerstag übten die Abteilungsleiter jedenfalls keine offene Kritik.

Offen zur Sprache kam dagegen die Finanzlage. In der Kuratoriumssitzung wurde auf Initiative des DIW-Vorstands eine fünfköpfige externe Beratergruppe eingesetzt, die das Institut in Strategiefragen, bei Planung und Ausgestaltung der Struktur beraten soll. Seit vielen Jahren versucht die DIW-Spitze eine strategische Neuausrichtung, bislang glückte das nicht.

Während einige Mitarbeiter dafür Fratzscher verantwortlich machen, der „zwar klare wirtschaftspolitische Positionen, aber keinen Plan für eine strategische Ausrichtung“ habe, gibt es im Kuratorium Stimmen, die die Schuld eher bei der Beharrungskraft etlicher führender Mitarbeiter unterhalb der Vorstandsebene sehen.

Die neue Advisory Group solle den angestoßenen „Prozess der Strategie 2025 beratend begleiten“, teilt der DIW-Vorstand auf Anfrage des Handelsblatts mit. Der Strategie- und der Strukturprozess würden derzeit intern inhaltlich intensiv diskutiert. „Unterschiedliche Standpunkte dabei sind normal, da das ganze Haus in den Prozess eingebunden wird“, so das DIW.

Das Kuratorium entschied in seiner Sitzung, die Berater eng an das Aufsichtsgremium zu binden, auch sollten sie sich die Finanzen näher ansehen. Manch einer im DIW meint, die Kommission habe damit implizit einen weiteren Auftrag bekommen: zu prüfen, ob Fratzscher über 2023 hinaus eine dritte Amtszeit bekommen soll.

Mehr: Der Ifo-Index hat sich von niedrigem Niveau etwas erholt, und die Bauwirtschaft hat einen Auftragsrekord eingefahren. Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft verbessert sich.

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2 Kommentare zu "Wirtschaftsforschung: Aufruhr im DIW – Kritik an Präsident Marcel Fratzscher wächst"

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  • Sehr richtig bemerkt Herr Oser!

  • Das DIW mit Präsident Marcel Fratscher ist die sog. wissenschaftliche, sofern man hier noch von wissenschaftlich sprechen kann, Kampftruppe der daniederliegenden SPD und soll Enteignungen, Steuererhöhungen usw. als ökonomisches Feigenblatt "wissenschaftlich" rechtfertigen.
    Präsident Marcel Fratscher mit dem DIW ist die wissenschaftliche APO der SPD, die rein gar nichts mit Ökonomie am Hut hat. Das DIW betreibt meines erachtens nur Politik und keine Wissenschaft.