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Wirtschaftswissenschaften Führende Wirtschaftswissenschaftler streiten via Twitter über Klima in der Ökonomie

Gibt es ein toxisches Klima in der Szene? Darüber haben Ökonomen heftig diskutiert. Während die Ökonominnen auf Deeskalation setzten, suchten ihre männlichen Kollegen den Konflikt.
03.08.2020 - 11:58 Uhr Kommentieren
Der DIW-Chef hat sich an einer Diskussion zum Klima in der Ökonomenszene auf Twitter beteiligt. Quelle: Photothek/Getty Images
Marcel Fratzscher

Der DIW-Chef hat sich an einer Diskussion zum Klima in der Ökonomenszene auf Twitter beteiligt.

(Foto: Photothek/Getty Images)

Frankfurt Der Anlass für den Twitter-Krieg schien harmlos. Lars Feld, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, retweetete (auf Englisch) einen Tweet des Ökonomieprofessors Jan Schnellenbach mit den Worten (übersetzt): „Dieser Tweet ist wundervoll. Schnellenbach vom Feinsten, klug, ernsthaft, klar. Und danke für die Blumen.“

Das beantwortete Marcel Fratzscher, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW, mit den Worten (übersetzt): „Nein, dieser Thread (Strang von Tweets) ist NICHT wunderbar. Er leugnet rundheraus, dass es Diskriminierung oder Schlimmeres in der Ökonomik in Deutschland gibt. Man muss nur auf die winzige Anzahl der Professoren weiblichen Geschlechts oder von Minderheiten schauen, um zu sehen, dass das nicht stimmt.“

Eine noch bösere Antwort kam von Christian Odendahl, dem Chef des Center for European Reform. Er schrieb an seine ebenfalls sehr große Twitter-Gemeinde: „Ein anekdotischer Thread über die positiven Erfahrungen eines weißen Mannes in der deutschen VWL. Genau was wir in dieser Debatte gebraucht haben.“

In der Folge entspann sich eine äußerst giftige Diskussion mit gegenseitigen Beleidigungen ausgerechnet um die Frage, ob es auch in der deutschen Ökonomenszene ein toxisches Klima gibt, das Frauen und Minderheiten abstößt. Was war geschehen?

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    Eine Ökonomin klagt an

    Die ehemalige Ökonomin bei der US-Notenbank Federal Reserve, Claudia Sahm, hatte unter dem Titel „Die Ökonomik ist eine Schande“ auf dem „Makronom“-Blog die gekürzte Version eines Protestbriefes an die gegenwärtigen und früheren Präsidenten der American Economic Association veröffentlicht.

    Darin beschreibt sie mit vielen Beispielen von zumeist Frauen, einschließlich ihrer selbst, und Angehörigen von Minderheiten, wie junge Ökonominnen und Ökonomen von etablierten männlichen Vorgesetzten diskriminiert, unangemessen behandelt und demotiviert worden seien. Die Übeltäter würden in aller Regel nicht belangt, Opfer, die sich wehrten, würden bestraft.

    Was Sahm anekdotisch beschreibt, war schon im vergangenen Jahr von einer Umfrage der American Economic Association unter ihren Mitgliedern statistisch belegt worden. Rund die Hälfte der weiblichen und der farbigen Mitglieder berichtete darin, sie seien schon Opfer von Diskriminierung geworden.

    Schnellenbach, der an der Universität Cottbus Mikroökonomie lehrt, bezog sich mit seinem Tweet-Strang auf den Blogbeitrag von Sahm. Anhand seiner eigenen positiven Erfahrungen in seiner Ökonomenkarriere äußert er die Vermutung, dass das Klima unter den Ökonomen in Deutschland besser sein könnte als in den USA

    Zwar räumte Schnellenbach in seinem Tweetstrang ein, dass er über die möglicherweise anderen  Erfahrungen von Frauen und Minderheiten nichts sagen könne. Aber dem maßen seine Kritiker im Kontext dessen, auf welchen Beitrag er damit reagiert hatte, nur Alibifunktion bei.

    Wüste Beschimpfungen

    Fratzscher musste sich für seinen kritischen Tweet von Schnellenbach sagen lassen, er habe diesen absichtlich falsch interpretiert, um eigene Tugendhaftigkeit zu signalisieren. Manfred Hübner, Geschäftsführer und Chefstratege des Instituts für Umfragen zum Kapitalmarktsentiment Sentix, setzte da an und forderte Fratzscher auf, gefälligst seinen Job an eine Frau abzutreten.

    Die Kritik Odendahls an Schnellenbachs Tweet wurde von Thomas Vierhaus, Chef des Verbands Technischer Handel, als „idiotischer Kommentar eines weißen Kölners“ tituliert. Schnellenbach warf ihm eine manipulative Art zu diskutieren vor.

    Der Ökonom Kai Gehring von der Universität Zürich hielt Odendahl vor, einerseits eine toxische Kultur zu beklagen, andererseits nicht davor zurückzuschrecken, „Kollegen durch verkürztes Zitieren und absichtliche Fehldarstellung an den Pranger zu stellen“. Das beantwortete Odendahl mit der Aufforderung, Gehring solle nicht das rechtsliberale Schneeflöckchen spielen. Der Urheber der Tweets sei ein Twitter-bekannter Austeiler, der pointierte Kritik schon mal aushalten müsse.

    Zu den Beispielen für das Austeilen durch Schnellenbach gehört ein Tweet vom 17. Juli, als er auf Kritik eines Bündnisses für eine pluralere Ökonomik an der universitären Lehre in der Zeitung „Taz“ per Twitter antwortete: „Ihr Pluralo-Ideologen habt doch nicht mehr alle Tassen im Schrank.“

    Frauen als Deeskalierer

    Die Frauen, die sich an dieser Diskussion um die Anklageschrift einer Ökonomin beteiligten, versuchten, zu argumentieren oder die Gemüter zu beruhigen. Dominika Langenmayr, Ökonomieprofessorin in Eichstätt, versuchte mit mäßigem Erfolg zu deeskalieren.

    Sie schrieb, dass es in Sachen Klima große Unterschiede gebe, auch zwischen Universitäten in den USA. Darauf hinzuweisen sei legitim von Schnellenbach gewesen. Daraufhin räumte Odendahl immerhin ein, seine Kritik sei vielleicht etwas zu zugespitzt gewesen. Er hätte auch gar nicht auf Schnellenbach reagiert, wenn der Sachverständigenratschef Schnellbachs Tweets nicht „über den grünen Klee gelobt hätte“.

    Weniger Glück hatte die Sozialwissenschaftlerin und Politikerin Nadine Milde bei ihrem Versuch, Fratzschers Kritik an Schnellenbachs Tweets mit sachlichen Argumenten zu unterlegen. Ihr Argument, Schnellenbach habe eine grundsätzliche Kritik Sahms auf die anekdotische Ebene gezogen und dort aus der Sicht eines erfolgreichen männlichen Ökonomen argumentiert, antwortete der Kritisierte mit dem Vorwurf, sie könne nicht richtig lesen, und im weiteren Verlauf mit der Aufforderung, so zu argumentieren, als habe sie „noch einen kleinen Funken intellektuellen Anstand in sich“.

    Als Odendahl daraufhin bemerkte, hier schreie jemand, der behaupte, „es gibt kein toxisches Klima in der deutschen VWL“, eine Frau an, die ihn diskursiv herausfordert, ätzte Schnellenbach zurück, das „Anschreien“ spiele sich „natürlich nur in Herrn Odendahls Kopf ab“.

    Was zu beweisen war

    Anke Hassel, Professorin für Public Policy an der Hertie School, resümierte treffend: „Deutsche Ökonomen attackieren sich gegenseitig über einen Blogbeitrag von Claudia Sahm über toxische Kultur in der Ökonomik. Was zu beweisen war.“ Sie habe oft den Eindruck, die Diskussion unter den Ökonomen sei aggressiv, werde aber von diesen als hart zur Sache („tough and thorough“) wahrgenommen.

    Dem Sachverständigenratsvorsitzenden Feld waren die giftigen Geister erkennbar unheimlich, die er mit seinem lobenden Retweet heraufbeschworen hatte. Im Diskussionsstrang zur Fratzscher-Kritik betonte er, er habe Schnellenbachs Tweets nur „wundervoll“ genannt, weil sie eine andere, positive Erfahrung darstellten und dabei den anekdotischen Charakter offen ansprächen. Im Strang zur Odendahl-Kritik distanzierte er sich noch etwas mehr und schrieb, er habe Schnellenbach eigentlich nur per Twitter gedankt, weil dieser ihn so nett erwähnt habe.

    Auch Fratzscher verabschiedete sich mit einem „Alles gut, Lars“ versöhnlich aus der erhitzten Debatte.

    Irrtümlich wurde in einer früheren Version dieses Artikels ein Tweet dem Grünen-Abgeordneten Kai Gehring zugeschrieben, anstatt dem gleichnamigen Ökonomen an der Universität Zürich. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

    Mehr: Professor Uhlig von der Uni Chicago wettert gegen Paul Krugman.

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