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Banken Einfach nicht lernfähig

Banken, die in der Krise 1998 vor dem Kollaps standen, hat auch die jüngste Finanzkrise schlimmer getroffen als andere Institute.
  • Olaf Storbeck

London Es kommt nicht häufig vor, dass ein Gewerkschafter Unternehmen öffentlich lobt. Im Mai 2009 war so eine seltene Ausnahme: "Verglichen mit der letzten großen Flaute, haben die Arbeitgeber dazugelernt", sagte Baden-Württembergs IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Die Firmen hätten die alten Fehler nicht noch einmal gemacht.
Für eine Branche gilt das nicht: die Finanzindustrie. Banken wiederholen ihre Patzer auch dann, wenn sie sich einmal eine blutige Nase geholt haben. Das zeigt eine neue Studie von Rüdiger Fahlenbrach (Swiss Finance Institute), Robert Prilmeier und René Stulz (beide: Ohio State University).
"Die Performance einer Bank in schwierigen Zeiten hat starke Vorhersagekraft dafür, wie das gleiche Institut einen Sturm überlebt, der fast zehn Jahre später beginnt", lautet das Fazit der Arbeit. "Aus Schaden wird man klug" - in der Finanzbranche gilt dieses Prinzip nicht.


"Survival of the fattest"

Die Forscher haben analysiert, wie 347 amerikanische Banken durch die Asienkrise von 1998 und durch die Weltfinanzkrise von 2007 bis 2009 gekommen sind. "Aus der Sicht der Banken waren die Situationen ähnlich. In beiden Fällen blickten viele dem Tod ins Auge", so die Forscher. Und die Ökonomen stießen auf eine beklemmende Parallele: Geldinstitute, deren Aktienkurs Ende der neunziger Jahre besonders stark unter die Räder gekommen war, stürzten auch ein Jahrzehnt später wieder besonders heftig ab. Das galt nicht nur für die auf besonders waghalsige Geschäfte spezialisierten Investmentbanken, sondern auch für die eigentlich in ruhigerem Fahrwasser tätigen Geschäftsbanken.
Zudem waren Geldhäuser, die 1998 unmittelbar vor der Pleite standen, zehn Jahre später häufiger zahlungsunfähig. Die Wahrscheinlichkeit, dass solch ein Institut insolvent wurde, war 67 Prozent höher als bei den anderen Banken. Der Zusammenhang zwischen der Performance 1998 und heute sei "auffällig stark", schreiben die Ökonomen.

Mit persönlicher Inkompetenz des Führungspersonals lässt sich das Phänomen allein nicht erklären, stellen die Forscher fest. Es ist unabhängig davon, ob ein Institut in beiden Krisen den gleichen Vorstandschef hatte.

Zum Download der im Text zitierten Studien, klicken Sie - hier.


Die Forscher erklären ihre Ergebnisse mit einer grundsätzlicheren Ursache: Den Problembanken fehle ein tragfähiges, solides Geschäftsmodell. Um Geld zu verdienen, gingen sie hohe Risiken ein. In guten Zeiten führe das zu hohen Gewinnen, in schlechten aber werden diese Praktiken zum Bumerang.
Die chronischen Problembanken setzten vor der Asien- und vor der Weltfinanzkrise auf die gleichen waghalsigen Strategien. Viele dieser Geldhäuser hatten sich stark verschuldet, agierten nur mit einem hauchdünnen Eigenkapitalpuffer und spekulierten fast ausschließlich mit fremdem Geld. "Die schlechtesten Performer hatten vor Beginn der Probleme auf den Finanzmärkten in beiden Fällen jeweils einen rund 30 Prozent höheren Verschuldungsgrad als ihre Wettbewerber", schreiben die Ökonomen. Zudem waren die Wiederholungstäter überproportional stark darauf angewiesen, sich in sehr kurzen Abständen auf dem Geldmarkt zu refinanzieren.
Und eine dritte Gemeinsamkeit fiel den Ökonomen auf: Die Problembanken waren oft in den Jahren vor der Krise besonders schnell gewachsen - und sie waren überdurchschnittlich groß.
All das bestätigt den Befund eines Forscherteams um Ray Barrell, Makroökonom an der Londoner Denkfabrik NIESR. Die Ökonomen stellten fest: Sowohl große als auch schnell wachsende Geldinstitute häuften überproportional viele faule Kredite an und mussten später deutlich mehr Zahlungsausfälle verkraften als kleinere Banken.
Die ausgeprägte Lernschwäche der Banken ist ein weiteres Indiz dafür, dass viele Geldinstitute sich im Stillen auf Vater Staat verlassen. Denn der Kollaps einer Großbank würde das gesamte Finanzsystem durcheinanderwerfen und wäre Gift für die Realwirtschaft. Finanzkonglomerate sind "too big to fail". Der Staat kann es sich nicht erlauben, sie pleitegehen zu lassen.
In mehreren empirischen Arbeiten haben Ökonomen gezeigt: Dieses Phänomen ist hochgradig relevant. So ist der staatliche Schutz so attraktiv, dass Geldinstitute systematisch versucht haben, den "Too big to fail"-Status zu erreichen - unter anderem durch das Übernehmen von Konkurrenten.
Ökonomen aus Chicago und der Federal Reserve Bank of Philadelphia wiesen nach: Um eine Fusion einzufädeln, mit der eine Bank die "Too big to fail"-Schwelle überschritt, nahm diese höhere Preisaufschläge in Kauf. Diese unausgesprochenen Staatsgarantien sind letztlich eine versteckte Subvention. Forscher der University of California, Los Angeles, schätzen diese auf 4,7 Milliarden Dollar pro US-Großbank und Jahr.
Die Studie von Fahlenbrach und Co. liefert zudem wichtige Einblicke in die Ursachen der Krise und zeigt, dass eine gängige Erklärung zu kurz greift. Viele Beobachter prangern an, dass die US-Regierung 1999 die Trennung zwischen Investment- und Geschäftsbanken aufhob. Doch das allein kann die Misere ab 2007 nicht erklären. Grundlegende Probleme waren schon 1998 akut, zeigt die Studie.
Die mangelnde Lernfähigkeit der Banken macht auch deutlich: Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die Marktkräfte schlecht geführte Banken bestrafen. In der Finanzbranche gilt nicht das Prinzip des "survival of the fittest" - hier gilt "survival of the fattest".

Zum Download der im Text zitierten Studien, klicken Sie - hier.

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