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Debatte des Monats: Finanzkrise Krisenbewältigung: Verpasste Chancen?

Die internationale Finanzmarktkrise ist gefährlicher und weitreichender als jede Krise seit 1929. Eine sorgfältige Ursachenanalyse ist erforderlich, um die richtigen Maßnahmen gegen die Folgen der Krise zu ergreifen. Hans-Peter Burghof und Felix Prothmann von der Uni Hohenheim befürchten, dass hier schon jetzt Chancen verpasst wurden.
  • Hans-Peter Burghof, Felix Prothmann

Die Krise der Finanzmärkte, die derzeit die Weltwirtschaft heimsucht, ist von ihrer Dimension und ihrer Gefährlichkeit her die bedeutendste seit der Weltwirtschaftskrise ab 1929. Zum ersten Mal wieder sind alle relevanten Länder und Märkte gleichzeitig betroffen. Ein Auslöser für die Krise ist die Entwicklung der US-Immobilienpreise. Aufgrund von steigenden Zinsen waren viele Immobilienbesitzer in den USA nicht mehr in der Lage, ihre Hypothekenkredite zu bedienen.

Viele Hauskredite waren aber auch von vorneherein darauf angelegt, aus einer Verwertung der Immobilie und nicht aus dem Einkommen des Kreditnehmers bedient zu werden. In diesem sogenannten Subprime-Segment des Hypothekenmarktes mit Schuldner schwächerer Bonität wurde auf einen Anstieg der Immobilienpreise spekuliert und Lockangebote formuliert, die möglichst viele eigentlich nicht kreditwürdige Kunden durch anfänglich sehr geringe Belastungen anlocken sollten.

Diese beiden Faktoren bildeten mit der amerikanischen Immobilienkrise einen explosiven, sich selbst verstärkenden Wirkungszusammenhang. Immobilienkredite wurden in den USA auch deshalb äußerst großzügig vergeben, weil man sie ohne echten Rückbehalt veräußern konnte. Die bei diesem Kreditrisikotransfer gebildeten Kreditportefeuilles waren nur über den hohen Leveragegrad am Markt finanzierbar, da ein relevantes Eigenkapitalvolumen dafür gar nicht zur Verfügung steht. Und die RatingAgenturen stützten die Fiktion, dass dieses Fremdkapital sicher angelegt sei, was als wesentliche Voraussetzung dafür anzusehen ist, dass es gelang, zur Finanzierung äußerst suspekter Portefeuilles die globalen Kapitalmärkte anzuzapfen und das Risiko amerikanischer Subprime-Kredite bis in den letzten Winkel der Erde zu streuen.

Die Dynamisierung der Krise

Und so zeigten die Kreditrisikotransfermärkte insbesondere in diesem kritischen, sogenannten Subprime-Segment zunächst ein stürmisches Wachstum. Auf den absehbaren Zusammenbruch des Subprime-Marktes folgte dann aber eine für viele überraschende Dynamisierung der Krise. Der hohe Leveragegrad und die breite Streuung der Subprime-Risiken verursachten einen weltweiten Einbruch des Vertrauens in die Solidität von Finanzintermediären. Mit dem Vertrauensverlust, an erster Stelle übrigens zwischen den Banken, brach im Sommer 2007 die Möglichkeit der Refinanzierung zwischen den Banken in wichtigen Marktsegmenten zusammen. Seit diesem Zeitpunkt läuft nur noch eine Art Notprogramm. Die Kreditinstitute werden von den Zentralbanken in viel größerem Ausmaß als in der Vergangenheit mit Liquidität versorgt, was die Liquidität des Interbankenmarktes ersetzt. Im Herbst dieses Jahres kamen diese Instrumente aber an ihre Grenzen. Die Krise ließ sich nicht mehr in Liquidität ertränken.

Neben dieser Liquiditätsunterstützung durch ihre Zentralbanken mussten die Staaten in einer Reihe von Einzelfällen eingreifen und die Insolvenz von Kreditinstituten verhindern, die als „too big to fail“ angesehen wurden oder deren Zusammenbruch aus anderen Gründen als Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems erachtetet wurde. Dabei wuchs der Unmut der Öffentlichkeit darüber, dass die Staatshaushalte mit immer neuen Risiken aus Rettungsaktionen bis hin zu Verstaatlichungen belastet wurden. Neben der Idee des „too big to fail“ erschien die böse Option eines „too big to rescue“., d.h. einer Situation, in der die Rettung eines sehr großen Kreditinstituts so teuer ausfällt, dass die negativen Auswirkungen der Rettungsmaßnahmen auf den Staatshaushalt, auf die Bonität des betreffenden Landes und damit auch die Gesamtwirtschaft und die gesellschaftliche Kohärenz weniger gravierend sind als die Auswirkungen des einzelnen Konkurses. Es blieb den USA überlassen, dieses Argument auszutesten und schlagend zu widerlegen.

Lehman Brothers waren eine der fünf großen US-Investmentbanken und mit Assets von knapp 700 Mrd. US-$ weit innerhalb der Gruppe der Institute, deren Bestand nach dem Kriterium des „too big to fail“ gesichert werden sollte. Mitte September 2008 ließ die US-Regierung dennoch zu, dass Lehman Insolvenz anmeldete und seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkam. Eine Isolierung des Schadens aus diesem Konkurs war nicht möglich, die Betroffenheit weltweit und im Einzelfall kaum kalkulierbar. Die Finanzkrise wurde damit vollkommen unberechenbar und nahm rasch an Geschwindigkeit zu. Die Schockwellen der Lehman-Pleite gefährdeten in den Folgetagen nicht nur die Stabilität ganzer Bankensysteme, sondern auch die Kreditwürdigkeit ganzer Nationen. Die Finanzmarktkrise wuchs sich damit zu einer existentiellen Bedrohung aus.

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