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Digitale Cliquenfabriken boomen Gut vernetzt ist halb geschafft

Es ist kein Geheimnis: Connections können bares Geld wert sein. Trotzdem sind Netzwerke für Ökonomen ein vergleichsweise neues Thema. Die Forscher stehen hier noch vor zahlreichen „Verständigungsproblemen“.
  • Jens Tönnesmann
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Haben Ökonomen zu lange die Bedeutung von Netzwerken unterschätzt? Grafik: HB

Haben Ökonomen zu lange die Bedeutung von Netzwerken unterschätzt? Grafik: HB

DÜSSELDORF. Sie wachsen rasant, locken Manager und Studenten gleichermaßen und gelten als Geschäft der Zukunft: Auf Web-Plattformen wie Xing, LinkedIn, StudiVZ und Facebook knüpfen Millionen Menschen Kontakte, entstehen Netzwerke, kursieren Informationen über Jobs, Geschäfte, gute Gelegenheiten. Die Unternehmen, die hinter den digitalen Cliquenfabriken stecken, sind längst Millionen wert – Beispiel Xing: Das Unternehmen erlöste mit seinem Börsengang im Dezember 75 Millionen Euro.

Es ist kein Geheimnis: Connections können bares Geld wert sein. Trotzdem sind sie für Ökonomen ein vergleichsweise neues Thema: „Erst durch das Internet ist uns Wirtschaftswissenschaftlern klar geworden, wie wichtig Beziehungen und Kommunikation zwischen Individuen tatsächlich sind“, sagt Matthew Jackson, Ökonomieprofessor an der amerikanischen Elite-Universität Stanford. „Wir haben zwar geahnt, dass Netzwerke eine Rolle spielen – etwa bei der Vergabe von Jobs. Aber es hat lange gedauert, bis die Realität der Märkte von den Forschern eingeholt wurde.“

Die Empirie liefert immer wieder Belege, die zeigen, wie wichtig Netzwerke sind. So zeigte eine Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Juni, dass Netzwerke bei der informellen Suche nach Mitarbeitern den Vermittlern vom Arbeitsamt und Stellenanzeigen den Rang abgelaufen haben. Ein Drittel aller Neueinstellungen kommt über Kontakte zustande. Das Internet als Plattform könnte dabei immer wichtiger werden. Laut einer Studie von Fittkau & Maaß Consulting aus dem Jahr 2006 für den Xing-Vorläufer „Open Business Club“ schätzen gut zwei Drittel der deutschen Nutzer „Networking im Internet“ als wichtig ein und haben schon Geschäftskontakte über die Plattform Xing geknüpft – jeder sechste hat so sogar schon neue Geschäfte angebahnt.

„Wissenschaftliche Modelle, die Netzwerke mit einbeziehen, können Investitionen, Beschäftigung und soziale Mobilität oft besser erklären als knallharte ökonomische Modelle“, glaubt deswegen der US-Forscher Jackson. Unter der strengen Annahme, dass alle Informationen über Jobs nur durch Kontakte ausgetauscht werden, lasse sich erklären, wie in bestimmten Gesellschaftsschichten der USA Segmente der Arbeitslosigkeit entstehen, meint Jackson. Wer sich darin befinde, finde schon deswegen keine Arbeit, weil er nicht ins Netzwerk eingebunden sei und ihn schlicht die Informationen nicht erreichten. Jackson: „Das ist ein sich selbst verstärkender Prozess, der starke Ungleichheit generiert.“ Zum Vergleich: Die klassische ökonomische Theorie erklärt Arbeitslosigkeit vor allem mit einem zu hohen Lohnniveau, bei dem das Angebot die Nachfrage nach Arbeit übersteigt. Zurzeit erforscht Jackson ein ähnliches Problem: In Entwicklungsländern haben viele Menschen keinen Zugang zu Kleinkrediten, obwohl sie durchaus dafür in Frage kämen – der Grund: Ihnen fehlt das Netzwerk, das ihnen die Informationen zuspielt.

Wie sehr es sich auszahlt, besonders gut in Netzwerke integriert zu sein, zeigt eine Untersuchung dreier US-Forscher um Alexander Ljungqvist von der Business School der New York University. Sie beobachteten, dass Netzwerke eine wichtige Rolle auf Finanzmärkten spielen und Risikokapitalgeber von einem weiten Beziehungsradius profitieren. Die Forscher konnten zeigen, dass Risikokapitalgeber, die einflussreichere Positionen im Netzwerk einnehmen, eine deutlich bessere Performance erzielen. Davon profitieren auch die Firmen, in die das Kapital fließt: Je besser die Beziehungen des Risikokapitalgebers, umso größere Chancen haben die Firmen, zukünftige Finanzierungsrunden zu meistern. „Der wirtschaftliche Einfluss der Netzwerkeffekte ist riesig“, schreiben die Autoren.

Auch Michael Kosfeld, Ökonomieprofessor an der Universität Zürich, ist überzeugt, dass die Wirtschaftswissenschaft die Märkte lange zu vereinfacht modelliert und betrachtet hat. Zurzeit untersucht Kosfeld mit einer Mischung aus Feldforschung und Experiment, welchen Einfluss Netzwerke auf das Vertrauen in einer Gesellschaft und damit auf die Effizienz einer Volkswirtschaft haben.

Bis vor einigen Jahren waren es vor allem die Soziologen, die sich dem Thema verschrieben hatten – allen voran der US-Forscher Mark Granovetter, der schon 1973 feststellte, dass viele lockere Beziehungen deutlich nützlicher sein können als einige wenige starke. Wer solche Phänomene ausschließe oder versuche, sie in ökonomische Modelle zu pressen, „riskiert seine wissenschaftliche Aussagekraft“, so Granovetter, der inzwischen in angesehenen ökonomischen Fachzeitschriften publiziert.

So zeigen Untersuchungen, dass Firmen, die persönliche und langfristige Kontakte zu Bankern oder Kanzleien haben, geringere Zinsen und Honorare zahlen müssen. Unternehmen, die nur unpersönliche Beziehungen zu ihren Subunternehmern unterhalten, sind häufiger vom Scheitern bedroht als solche, die eine gute Mischung aus lockeren und engen Beziehungen haben. Eine andere Studie hat gezeigt, wie Freundschaften unter Hotelbesitzern diese vor ruinösen Preiskriegen bewahren konnten. Und Konzerne sind mitunter profitabler, wenn ihre Bereichsmanager ins soziale Netz der Firma gut integriert sind, berichtet Granovetter. Drei britische Forscher untersuchten den E-Mail-Verkehr in einem Netzwerk von Angestellten und fanden heraus: Je intensiver man per Internet kommuniziert, desto produktiver ist man in der Regel. Die Macher der digitalen Cliquenfabriken Xing, LinkedIn und Co. dürfte das Ergebnis der drei Forscher nicht überraschen, baut doch ihr Geschäftsmodell auf dem Wert der Vernetzung auf.

Auch wenn nach den Soziologen nun die Ökonomen die Bedeutung von Netzwerken erkennen, ist die Sichtweise unterschiedlich. Während einige Soziologen annehmen, dass Individuen gänzlich von ihrem sozialen Umfeld bestimmt werden, sehen Ökonomen in Netzwerken bestenfalls einen zusätzlichen Faktor, der helfen kann, bestimmte Phänomene besser zu erklären. Ein Verständigungsproblem zwischen den Forschern gibt es auch schon bei der Frage, was Netzwerke eigentlich sind: „Es gibt so viele verschiedene Definitionen von Netzwerken, wie es Forscher gibt, die sich mit dem Thema beschäftigen“, stellt Ezra Zuckermann, Professorin für Strategisches Management vom renommierten Massachusetts Institute of Technology fest.

Bei der Erforschung von Netzwerken profitieren die Ökonomen davon, dass ihr Methoden-Arsenal immer besser wird. Dank der Kombination von mathematischen Verfahren und ökonomischen Modellen könne man Netzwerke leichter abbilden, meint etwa Matthew Jackson von der Stanford University. Und Professor Kosfeld aus Zürich greift seit einiger Zeit zur experimentellen Methode, um zu erforschen, wie Netzwerke funktionieren. Trotz der Fortschritte stehen die Ökonomen noch vor zahlreichen Hürden. Manche Netzwerke seien so groß, dass man sie kaum erfassen könne, meint der US-Forscher Matthew Jackson.

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