Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Entwicklungsökonomie Der Stadtplaner als Welt-Retter

Der US-Ökonom Paul Romer will mit Retortenstädten die Entwicklungshilfe revolutionieren. Nicht besiedelte Gebiete in Entwicklungsländern sollen zu staatenlosen Sonderzonen, so genannten "Charter Cities", werden. Romer verspricht sich davon eine ungeahnte Wachstumsdynamik, Kritiker bezeichnen ihn als "Neokolonialist".
  • Johannes Pennekamp
6 Kommentare
US-Ökonom Paul Romer will mit Retortenstädten die Entwicklungshilfe revolutionieren. Als Beispiel dient ihm Hongkong. Quelle: dpa

US-Ökonom Paul Romer will mit Retortenstädten die Entwicklungshilfe revolutionieren. Als Beispiel dient ihm Hongkong.

(Foto: dpa)

KÖLN. Nobelpreisträger Paul Krugman adelte ihn einst als "einen der einflussreichsten Theoretiker". Heute muss sich Paul Romer, Mitbegründer der neuen Wachstumstheorie, für seine ungewöhnlichen Reformvorschläge zur Entwicklungshilfe von Kritikern als "Neokolonialist" beschimpfen lassen. Ein Autoritätsverlust, der für den Top-Ökonom nicht unerwartet kommt: "Ich habe mit harscher Kritik gerechnet", sagt Romer, "aber ich verbringe meine Zeit lieber damit, zu versuchen, die Welt zu verbessern."

Das Konzept des 54-Jährigen ist radikal und so einfach, dass man kein Wirtschaftsstudium braucht, um es zu verstehen: Der Stanford-Ökonom will Entwicklungsländer dazu bewegen, nicht besiedelte Gebiete in staatenlose Sonderzonen umzuwandeln, in denen am Reißbrett geplante Retortenstädte entstehen sollen.

Polizei, Behörden und Institutionen sollen mit Hilfe westlicher Partnerländer verwaltet werden und für Rechtssicherheit sorgen. Romer ist überzeugt, dass diese Rechtssicherheit als Anschubinvestition ausreicht. Menschen und Investoren würden dann von alleine in die von ihm als "Charter Cities" bezeichneten Städte ziehen und in Entwicklungsländern eine ungeahnte Wachstumsdynamik auslösen.

"Die Adaption effektiver Regeln hat das Potenzial, das menschliche Wohlergehen dramatisch zu verbessern", ist Romer überzeugt. Menschen könnten in sicherer Umgebung arbeiten, ihre Kinder auf gute Schulen schicken und von Rechtsstaatlichkeit profitieren.

Die neuen Städte könnten so zu Vorbildern und Wachstumsmotoren für die jeweilige Region werden. Der Vorschlag, dass westliche Partnerstaaten in den Sonderzonen über Gesetze und Regeln wachen, bringt Romer den Vorwurf ein, koloniale Strukturen schaffen zu wollen. Für den Ökonom ein Missverständnis: Der Kolonialismus hätte benachteiligten Menschen Freiheiten genommen. In die Charter Cities könnten Menschen dagegen freiwillig ziehen.

Hinter seinem Konzept steht die wissenschaftliche Erkenntnis, dass sich Institutionen und Rechtssysteme in schlecht regierten Ländern nur sehr schwer aus sich selbst heraus wandeln können. Darum will Romer in den künstlichen Metropolen von vorneherein neue Strukturen schaffen: Verlässliche Regeln, keine Korruption und verbesserte Infrastruktur sind für den Wachstumstheoretiker, der regelmäßig zu den Anwärtern auf den Wirtschaftsnobelpreis gezählt wird, die Grundvoraussetzung für Investitionen und höheres Bildungsniveau.

Seite 1234Alles auf einer Seite anzeigen

6 Kommentare zu "Entwicklungsökonomie: Der Stadtplaner als Welt-Retter"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • [1] Manfred Albrecht,
    Die Rückeroberung verlorengegangener Gebiete durch Ordensritter ist nichts für afrikanische Staaten, die sich noch gut an die Kolonialzeit erinnern können.
    Städtegründungen nach dem Modell Masdar sind richtig, aber bei Einbuße der staatlichen Hoheitsrechte geht nichts.

  • Wir brauchen eine ehrliche Dabatte über Afrika und die Erfolge und Misserfolge bisheriger Entwicklungszusammenarbeit. Angesichts der Probleme zähle ich dazu auch unorthodoxe und politisch heute angeblich völlig illusionäre ideen, wie wir es besser machen könnten. Keiner der Vorschläge wird als alleiniges Rezept funktionieren.
    bei den "Charter Cities" von Paul Romer geht es weniger um beton, als um klare Regeln für das Zusammenleben und private investitionen. ich war geschockt, das ein Hauptargument der Wissenschaft und Politikberatung in Deutschland dagegen war: Keine Chance auf Realisierung, und Wenn die Chinesen wollen, dann sollen sie die Regeln setzen. Zeigt nicht gerade die Finanz- und Eurokrise, wie schnell Dinge möglich werden, wenn nur die Probleme zum Handeln zwingen. Könnte es sein, dass auch manche Probleme in Afrika größer sind, als wir wahrhaben wollen, nur eben noch nicht - ja fast im wörtlichen Sinne - vor der europäischen Haustür stehen. Müsste die Politikberatung nicht Mut machen zu offenen Diskussionen, anstatt der Politik zu erklären, wozu sie, die Politiker, sowieso nicht in der Lage sind. insofern freue ich mich, dass es Menschen wie Paus Romer gibt.

    Günter Nooke

  • Wer in Afrika gelebt hat, weiß dass die bisherige Entwicklungshilfe Afrika schwächt. Sie verhindert aktiveres Tun der afrikanischen Eliten. Deshalb Schluß mit Hilfen die die Lethargie fördern. Dass Afrika Entwicklungshilfe braucht ist eine Erfindung von Hilfsorganisationen, die davon leben. Sie hämmern uns immer wieder ein, wie unabdingbar sie sind. Warum also nicht die das Konzept Romers in einem Pilotprojekt auf Herz und Nieren überprüfen.Schlimmer kann es nicht werden. An Geld sollte es nicht fehlen, denn Mittel für Entwicklungshilfe sind -anders als immer wieder behauptet- reichlich vorhanden.
    Was in dem Artikel zu brain Gain geschrieben steht ist nach meinen Erfahrungen in 17 Jahren in Afrika Unsinn. Wo wird denn in Abwanderungsregionen mehr in bildung investiert? Das fundamentale Problem Afrikas die bildung wird von nur sehr wenigen afrikanischen Regierungen (Ruanda, botswana, Mosambik und Senegal) ernsthaft in Angriff genommen. Erst wenn die Regierungen -wie versprochen- 20 % ihres nationalen budgets in bildung investieren wird sich etwas ändern. Heute geben die afrikanischen Staaten südlich der Sahara nach UNESCO Angaben nur 10-15 % des Weltdurchschnitts für staatliche bildungseinrichtungen aus. Dabei kenne ich kein Problem Afrikas, das nicht direkt oder indirekt auf die fehlende bildung zurückzuführen wäre.
    Volker Seitz botschafter a.D. und Autor des buches "Afrika wird armregiert"

  • @ pusher:
    Einfacher wäre es vielleicht. Aber dadurch greifen Sie vermutlich zwingend in das Rechtssystem ein und oktroyieren der Region ein bestimmtes Regime. Dies können Sie weder bei Geber noch Empfänger kommunizieren.

  • Wäre es nicht einfacher, finanzielle Resourcen in den Aufbau institutioneller Strukturen existierender Städte zu stecken, anstatt in beton für neue Städte zu investieren? Angesichts der Probleme im Gesundheits-, Rechts- und bildungssystem in Entwicklungsländern wäre der direkte (Grenz-) Nutzen höher. Alles andere wäre spekulativ - schließlich geht der brit. Einfluss Hongkongs bis ins 19. Jh. zurück.

  • Die idee von Romer ist brillant, weil sie bereits im Mittelalter erfolgreich war. Die Charter Cities des Mittelalters waren Städte nach lübischen und Magdeburger Recht (und dessen Varianten Kulmer und Neumarker Recht). Städte mit diesen Stadtrechten wurden in ganz Osteuropa und dem Ostseeraum gegründet bzw von bereits bestehenden Städten übernommen.

Serviceangebote