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Geldpolitik Das Comeback des Monetarismus

Exzessive Kreditvergabe führt zu Spekulationsblasen. Immer mehr Volkswirte sind sich einig, dass Geldpolitik grundlegend umdenken muss. Dabei besinnt sich das Fach auf eine alte Denkschule zurück: den Monetarismus.
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Milton Friedman ist der bekannteste Vertreter des Monetarismus. Quelle: ap

Milton Friedman ist der bekannteste Vertreter des Monetarismus.

(Foto: ap)

Frankfurt Eigentlich haben die Notenbanken in den vergangenen 30 Jahren alles richtig gemacht. Sie haben die Inflation in Schach gehalten, ohne dabei das Wachstum abzuwürgen. Genau das ist nach gängiger Meinung von Volkswirten der Auftrag von modernen Zentralbanken.

Grund zum Jubeln gibt es für die Notenbanker trotzdem nicht. Die Industriestaaten sind in die tiefste Wirtschafts- und Finanzkrise seit der "Großen Depression" gefallen, und ein Ende der Misere ist noch lange nicht in Sicht.

Was bedeutet das für die Geldpolitik der Zukunft? Müssen Notenbanken ihre Strategie überdenken? Sollten sie neben der Inflation auch andere ökonomische Größen im Blick behalten?

Immer mehr Volkswirte sind davon überzeugt. Mit Blick auf die Aufgaben und Instrumente von Notenbanken vollzieht sich in der Disziplin ein radikales Umdenken. "Die alte Sichtweise, dass Stabilisierung der Verbraucherpreise ausreicht, um wirtschaftliche Stabilität zu sichern, ist diskreditiert", sagt Moritz Schularick von der FU Berlin.

Das Fach besinnt sich zurück auf eine Denkschule, die in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend aus der Mode gekommen war: den Monetarismus. Diese Schule postuliert, die Notenbank müsse die Geldmenge strikt kontrollieren, um wirtschaftliche Stabilität zu sichern.

Die Neo-Monetaristen orientieren sich teilweise an dem bekanntesten Vertreter des Monetarismus, Milton Friedman - sie entwickeln seine Theorie aber deutlich weiter: Nicht die klassische Geldmenge, sondern ihr Gegenstück, die Kreditvergabe, halten sie für zentral. Kreditzyklen sind für sie eine wichtige Ursache für das konjunkturelle Auf und Ab - Banken, die übermäßig Darlehen vergeben, bedrohten die Stabilität von Finanzsystem und Realwirtschaft.

So gehen sämtliche Finanzkrisen der vergangenen Jahrzehnte auf geplatzte Kreditblasen zurück, hat FU-Ökonom Schularick zusammen mit zwei US-Kollegen gezeigt. Mit Daten von 140 Jahren in 14 großen Industrieländern weisen sie außerdem nach, dass Kredit auch im normalen konjunkturellen Auf und Ab eine treibende Rolle spielt: Auf einen Aufschwung, in dem das Kreditvolumen boomt, folgt regelmäßig ein tiefer und langer Abschwung.

Diese Befunde stellen die theoretische Basis der heutigen Zentralbankpolitik grundsätzlich infrage. Denn in den Modellen, mit denen die Zentralbanken derzeit arbeiten, hat weder die Geldmenge noch das Kreditvolumen Platz - beide Größen werden in den heutigen Standard-Modellen nicht abgebildet.

"Diese Modelle waren eine Flucht vor den Problemen, auf die der Monetarismus in den 80er-Jahren gestoßen war", ist Richard Werner überzeugt, deutscher Ökonom an der Universität Southampton. Damals stellten Ökonomen fest, dass es zwischen Geldmenge, Wirtschaftsleistung und Inflation nur einen sehr losen und stark schwankenden Zusammenhang gibt. Die Versuche, die Inflation über die Geldmenge zu steuern, scheiterten daher. Makroökonomen verbannten daraufhin das Geld aus ihren Modellen - die Notenbanken sollten die Wirtschaft über die Zinsen steuern, lautete das neue Paradigma.

Auf den Verwendungszweck des Darlehens kommt es an

Die gewaltige Kreditblase, sie sich bis 2007 bildete und deren Platzen eine neue Weltwirtschaftskrise auslöste, konnten diese Modelle nicht erfassen. Ökonom Werner führt dieses Versagen der Monetaristen und Zentralbanker auf einen Denkfehler zurück: "Es wird so getan, als ob es für Wachstum und Stabilität gleichgültig wäre, wofür Geld und Kredit verwendet werden, aber das stimmt nicht." Mit dem Verwendungszweck stehen und fallen die ökonomischen Effekte des Kredits.

Für die Geldmenge hat ein Kredit an einen Unternehmer oder einen Immobilienspekulanten den gleichen Effekt - sie steigt. Verleiht eine Bank 1000 Euro, dann räumt sie dem Schuldner ein Guthaben in dieser Höhe ein, mit dem dieser seine Rechnungen bezahlen kann. Es entsteht neues Geld.

Je nach Verwendungszweck des Darlehens sind die ökonomischen Folgen aber sehr unterschiedlich, argumentiert Werner. Fließt das Geld in neue Unternehmensinvestitionen, sorgt es dafür, dass mehr Güter und Dienstleistungen produziert werden - dabei entsteht Einkommen, mit dem der Kredit zurückgezahlt werden kann. Geht der Kredit an Konsumenten, steigert er vor allem die Konsumnachfrage und allenfalls indirekt die Produktion. Dann sind die Inflationsgefahren höher als bei Darlehen an Unternehmen. Noch bedenklicher sind Kredite für Spekulationen, also solche an Finanzinvestoren und Immobilienkäufer. Sie treiben nicht die Verbraucherpreise in die Höhe, sondern die Preise für Aktien, Immobilien und andere Vermögenswerte.
Werner ist überzeugt: Wenn solche Kredite stark zunehmen, kommt es zur Krise. Schon 1991 entwickelte er eine modifizierte Quantitätsgleichung, in der Kredit eine zentrale Rolle spielt. Damit sagte er die Krise in Japan voraus und warnte vor der gegenwärtigen Krise.

Traditionelle Notenbanker wenden stets ein, der Geldpolitik seien im Kampf gegen Spekulationsblasen die Hände gebunden - wer die Zinsen erhöhe, um eine Aktien- oder Immobilienblase unter Kontrolle zu bringen, würde gleichzeitig die Investitionen abwürgen.

Werner dagegen stellt fest: "Diese Ohnmacht existiert nur, wenn die Notenbank die Wirtschaft ausschließlich über den Zins steuert und jeden Kredit als gleichwertig betrachtet." Zentralbanken könnten Fehlentwicklungen diagnostizieren und stoppen, wenn sie die Kreditstruktur analysieren und bei Bedarf lenkend eingreifen.

Wenn Kredite für Investitionen stark steigen, könne die Notenbank das gelassen sehen. Nehmen dagegen Kredite für Konsum oder Spekulationen übermäßig zu, sollten sie gegensteuern - nicht oder nicht nur mit höheren Zinsen, betont Werner. Wichtiger seien Vorgaben an die privaten Banken. Die Zentralbank solle die Geldinstitute dazu bringen, ihre Kreditvergabe stärker an den Erfordernissen eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums auszurichten statt am kurzfristigen Gewinn.

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15 Kommentare zu "Geldpolitik: Das Comeback des Monetarismus"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Nun ich finde die Diskussion ja interessant, das geht aber
    alles an der Frage vorbei,woher kommt denn der Zins für einen geschöpften Kredit? -aus einem neuen Kredit- oder?
    Der Rest ist dann Mathe- Zins und Zinseszinsrechnung. Wenn dann die Nullen nicht mehr ausreichen kommt es zum Absturz, also Inflation, Währungsreform ec. oder Krieg. Wenn ich die Presse verfolge werden gerade die Fahnen
    für letzteres aufgestellt, denn dann interessieren einem
    Patrioten die Nullen nicht mehr.

  • "Nicht die klassische Geldmenge, sondern ihr Gegenstück, die Kreditvergabe, halten sie für zentral. Kreditzyklen sind für sie eine wichtige Ursache für das konjunkturelle Auf und Ab - Banken, die übermäßig Darlehen vergeben, bedrohten die Stabilität von Finanzsystem und Realwirtschaft."
    War die Ausdehnung der umlaufenden Geldmenge in Zeiten des Goldstandards noch direkt abhängig von der Fähigkeit der Notenbank, jeden Geld-Schuldschein in Gold einzutauschen, hat heute die Finanzwirtschaft die virtuelle Geldschöpfung zum Geschäftsmodell gemacht zum Betreiben von virtuellen Wettgeschäften (vgl. Derivate). Die Finanzindustrie hat mit der Wirklichkeit (Realwirtschaft) nichts mehr zu tun. Abhilfe bietet nur noch eine Regulierung dergestalt, dass jede Bank zur Aufnahme billigen Geldes bei der Notenbank die eigene Existenzberechtigung damit nachzuweisen hat, dass mindestens 80% der eigenen Bilanzsumme aus Finanzierung der Realwirtschaft bestehen. Damit wäre die Zockerei sofort am Ende.

  • Diese Erkenntnisse hatte Ludwig von Mises im Wesentlichen bereits im Jahre 1912 in seiner "Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel" und in seiner "Geldwertstabilisierung und Konjunkturpolitik" aus dem Jahr 1928 (beides unter mises.org downloadbar).
    Die gleichen Gedanken hatte auch F.A Hayek.
    Da beide aber die Banken und Bankpolitiken stark kritisiert hatten wurden sie von den (gelenkten) Mainstraem-Ökonomen totgeschwiegen.
    Beide belegen stichhaltig, dass die Geldschöpfung der Banken Hauptursache für die meisten Krisen ist.
    (interssant dazu ist auch der empirische Beweis in Jesus Huerta de Soto: Money Bank Credit and Economic Cycles).

  • Das sehe ich auch so! Das Problem wird hier korrekt geschildert, eine Lösung aber nicht angeboten! Wenn der - ich nenne ihn mal - "Spekulationskredit" eben 15% bringt, der lumpige Unternehmenskredit aber nur 6% dann wird wohl jeder Banker den Spekulationskredit vorziehen. Es ist eben auch ein Unterschied, ob man ein Haus / Wohnung kauft um selber drinn zu wohnen, es bestenfalls noch zu vermieten oder aber nur darauf wartet, bis irgendein Trottel das Objekt zu einem 20% höheren Preis übernimmt. Erschwerend hinzu kommt noch, dass eine Bank bei Vergabe der Mittel oft die spätere Entwicklungen gar nicht steuern kann.

  • Permanent wird an der eigentlichen Ursache unserer Misere (In Europa wie in USA wie in Japan bald auch in China)vorbei argumentiert. Wir geben seit Jahrzehnten mehr aus als wir einnehmen. Wenn das für echte Investitionen bestimmt wäre (Sachanlagen, Bildung), wäre das völlig o.k., so wie es die Verfassser unseres Grundgesetzes bestimmt hatten. So doof waren die gar nicht... Die Notenbanken haben in dem Spiel gar nichts verloren, die sollen sich auf ihre eigentliche Geldmengenkontrolle konzentrieren, so wie die alte DM-Bundesbank.

  • Auf den Verwendungszweck (der Kredite) kommt es an. Diese Teilüberschrift bringt es auf den Punkt. Aber das hätte meine Oma auch vermutet! Dazu braucht man weder Wirtschaftswissenschaftler noch Neo-Monetaristen.

    Die Frage ist, wie stellt man es sicher. Rating hat im Kern versagt. Das steht fest. Das Problem ist zu einem großen Teil, dass wir in vielen Bereichen zu sehr und zu Apparatchiks werden - zu (Geschäfts-)Prozessknechten - die nur Formalismen erfüllen und weitgehend den eigenen Verstand und die Verantwortung abschalten. Wirtschaft wird in den oberen Etagen als Konsenzveranstaltung statt als Wettbewerb betrieben. Das ist ein Fehler.

  • In Zeiten der Not siegt wieder einmal der Verstand über die Gier. Das wird sich allerdings erfahrungsgemäß spätestens dann wieder ändern, wenn sich die Boni der leitenden Personen an den von Aktionären gesetzten, gewinnmaximierten Zielen orientieren. Der Mensch ist eben so - wo man viel verdient muss doch noch mehr zu holen sein. So entstehen die Blasen von denen gesprochen wird. Nämlich in den Köpfen derer, die einfach den Hals nicht voll bekommen können. Dagegen ist allerdings bislang kein Kraut gewachsen. Somit ist es in der Natur der Sache, dass sich das neue Wirtschafts- /Banken- Geldsystem wie ein Phoenix aus der Asche erheben, sich im Laufe der Zeit verändern und zum Schluss wieder in einem großen Knall vergehen wird.

  • Zentralbanken steuern direkt lediglich das Verhalten der Privatbanken; dies vermögen sie auch nur bedingt zu tun. Ihre Instrumente zielen darauf ab, die Menge an Zentralbankgeld und den Zins für Zentralbankgeld bei den Privatbanken zu beeinflussen. Dabei sind die restriktiven Wirkungen in der Regel wirksamer als die extensiven.

    Auf Geld und Zins im Bereich der Unternehmen, der Privathaushalte, der Finanzintermediäre (ohne Banklizenz) und nicht zuletzt der Staatshaushalte haben sie nur indirekt und damit auch nur höchst unvollkommen Einfluß. Dies bedeutet weiterhin, daß sie Umfang und Konditionen von Krediten innerhalb dieser Nichtbankenbereiche ebenfalls nicht sicher steuern können bzw. eher bedingt restriktiv.

    Es ist eine Grundwahrheit, daß jeder Kredit seinen ökonomischen Sinn lediglich aus seinen zukünftigen Einkommensentstehungen heraus findet. Dies kann auch indirekt geschehen, wenn z. B. heutige Konsumkredite zu höheren bzw. mehr Einkommen in der Zukunft führen.

    Wenn heutige Kredite nicht mehr Einkommen schaffen werden, dann belasten sie lediglich spätere Einkommen über Zins und Tilgung und schränken andere Verwendungen in der Zukunft deutlich ein. Darlehensverwendungen sind damit der wichtige Dreh- und Angelpunkt; aber die Zentralbanken sind reichlich überfordert, von ihnen hier wirksame Kontrollen zu verlangen.

  • Seit 12 Jahren bin ich als selbstständiger "Immobilienspekulant" der Bad Boy meiner Bank. Vorher war ich der Berater in Immofragen derselben Bank. Alle Kredite pünktlich bezahlt, steigende Werte änderten nichts. Es führte dazu alles mit erheblichen Gewinnen zu verkaufen und im Ausland nun engagiert zu sein. Wenn nun der altersschwache Monetarismus als heilsbringende Zukunft dargestellt wird, muss hier niemand die Folgen darstellen. Eines ist sicher: Europa ist ein schnell sinkendes Schiff, schlimm ! Noch schlimmer ist die Konzeptionslosigkeit von Konsorten die hier kolportiert werden oder Politikern, deren Namen man sich kaum nennen traut. Es ist jeder Fachmann geworden auf dem Schiff, welches sinkt. Der Kapitän ist von der FDJ. Er rammt den Eisberg. Wir sind unsinkbar, wir müssen nur die Köpfe heben, dann sehen wir die Wasseroberfläche.

  • Und wo bitte ist hier das Problem der gierigen Politiker gelöst, die endlos Schulden machen (müssen) und den Staat zum Raubtier hochpäppeln?

    Können die Monetaristen auch verhindern, dass der Staat Zinsen bietet, die oberhalb des realen Wirtschaftswachstums liegen und somit entscheidend zur Geldknappheit beiträgt und nebenbei dadurch den Steuerzahler sanft enteignet?

    Und zu guter Letzt, wie soll so verhindert werden, dass sich Großkapitalisten nicht nur über das Geldverleihen an den Staat durch Zinseszinsen exponentiell bereichern, sondern auch durch den Einfluss auf die Geldmenge entscheiden können, wann die nächste Wirtschaftskrise stattfindet?

    An wen gehen die zig Milliarden Zinsen, die jedes Jahr der Bund zu zahlen hat?

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