Geschichte eines Wirtschaftsklassikers Der Keynes-Versteher

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Die schlechte deutsche Übersetzung der "Allgemeinen Theorie", sie ist damals schon ein großes Thema unter den Keynes-Kennern. Ein gewisser Fritz Waeger hat das komplexe Werk des Briten 1936 unter Hochdruck übersetzt. "Das Buch enthielt völlig neue, auch im Englischen nicht leicht verständliche Gedanken", sagt Kromphardt, "Waeger hat den Text nicht in allen Fällen richtig interpretiert."

Der berühmteste Schnitzer unterlief ihm bei der englischen Formulierung "euthanasia of the rentier". Bei Waeger starb an dieser Stelle ein Pensionär (siehe: "Der sanfte Tod des Rentners"). Was Keynes tatsächlich meinte, war der "funktionslose Investor", der nicht mehr von den Zinsen ("Rente") seines Kapitalbesitzes leben könne. Generationen von Studenten haben sich über die deutsche Übersetzung amüsiert.

"Mit gutem Gewissen", erinnert sich Kromphardt, "konnte man die deutsche Fassung niemandem zur Lektüre empfehlen." Stets habe er Bauchschmerzen gehabt, wenn ein besonders ehrgeiziger Student ihm stolz erzählte, er lese Keynes' Buch auf Deutsch.

Auch um das zu ändern, hat Kromphardt zusammen mit Freunden und Kollegen 2003 die Keynes-Gesellschaft gegründet - zunächst eine versprengte Gruppe von 13 Ökonomen. Sie wollten Keynes rehabilitieren. "Unser erstes Anliegen war: Keynes muss ins Internet", sagt Kromphardt. Als der Webauftritt steht, finanziert die Keynes-Gesellschaft das Überarbeiten der Übersetzung.

Kromphardt holt sich Stephanie Schneider dazu, eine damals 28-jährige Volkswirtin, die kurz vorher ihre Diplomarbeit bei ihm geschrieben hat. Satz für Satz gehen die beiden Original und Übersetzung durch, diskutieren über unverständliche Passagen, suchen nach besseren Worten und treffenderen Formulierungen.

Zu einer Zeit, als sich niemand mehr für Keynes interessierte, feilen sie an der Waeger-Übersetzung, mindestens einmal die Woche, Monat für Monat, fast ein Jahr lang. "Wir haben uns jeden Satz gegenseitig laut vorgelesen", erzählt Stephanie Schneider, heute wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Berlin, "und diskutiert, was Keynes meinte und ob man die Übersetzung versteht."

Für viele Begriffe, die Keynes einführte, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Wirtschaftswissenschaft Fachausdrücke etabliert, die der Keynes-Übersetzer 1936 noch nicht ahnen konnte. Die "money wages" heißen nicht "Geldlöhne", sondern Nominallöhne. Und für den in der Keynes'schen Theorie zentralen Begriff "effective demand" hat sich die deutsche Übersetzung "effektive Nachfrage" etabliert. Waeger dagegen übersetzte das mit "wirksamer Nachfrage".

Das Ergebnis von Kromphardts und Schreibers Arbeit, die "zehnte, verbesserte Auflage" der "Allgemeinen Theorie", erscheint 2006 bei Duncker & Humblot, Berlin. Doch das Buch will keiner haben. Es verkauft sich schleppend.

Das ändert sich erst im Sommer 2007 mit Ausbruch der Finanzkrise. Keynes verkauft sich antizyklisch. Ein Muster, dass Duncker & Humblot-Verleger Florian Simon seit Jahren kennt: "Je größer die Krise, desto größer das Interesse an Keynes." Im Oktober 2008, nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers, steigt das Interesse erneut. 800 Exemplare hat der Verlag im vergangenen Jahr verkauft, im ersten Quartal 2009 waren es schon 500. Insgesamt sind es damit seit 1936 rund 20 000 Stück.

Zeitweise hat Duncker & Humblot ernsthafte Lieferschwierigkeiten, die Buchhandlungen müssen längere Wartezeiten in Kauf nehmen. Inzwischen ist die zehnte Auflage nahezu ausverkauft. Ende Juni soll die elfte auf den Markt kommen.

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