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Interview mit Gerd Gigerenzer „Wir sollten dem Bauch vertrauen“

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Sie raten von zu viel Beratung im Geschäft ab?

Unsere Gesellschaft, unsere Wissenschaft, auch unsere Unternehmen haben eine Illusion der Komplexität erzeugt, frei nach dem Motto: Komplexe Probleme erfordern komplexe Lösungen. Unsere Forschungen zeigen jedoch, dass es wirklich oft besser ist, wenn eine Entscheidung ansteht, auf die unbewusste Intelligenz zu setzen, also auf den Bauch zu hören. Und wann genau dies besser ist, das untersuchen wir mit Hilfe von Experiment, Computersimulation und analytischen Methoden.

Das beliebteste Bild zur Beschreibung der Lage ist bei Managern die Nebelbank, durch die wir fahren. Und da könnte eine Bauchentscheidung helfen?

Sie entschuldigen, aber gute Experten arbeiten mit unbewusster Intelligenz. Es gibt einfach viele Fähigkeiten, die können Sie in Sprache nicht ausreichend ausdrücken. Ich berate den Vorstand einer Bank, und die Sensibilität für die Qualität von Bauchentscheidungen hat sich dort erheblich verändert. Früher wurden diese als indiskutabel abgetan. Heute, wenn ein Vorstandskollege ein ungutes Gefühl äußert, denkt man über die Frage nach, ob dieser ein Experte auf seinem Gebiet ist. Wenn ja, dann nimmt man sein Gefühl ernst, selbst wenn er es nicht in Sprache ausdrücken kann.

Also Gigerenzer als Berater, das ist kein herausgeschmissenes Geld?

Es mag paradox klingen, aber ich untersuche am Max-Planck-Institut mit analytischen Methoden, wann man Bauchentscheidungen vertrauen kann und wann nicht. Als Zweites untersuchen wir, in welchen Situationen eine schnelle Heuristik zu besseren Ergebnissen führt als langes Nachdenken und Abwägen. Wir haben zum ersten Mal nachgewiesen, dass in Situationen mit hoher Unsicherheit Entscheidungen besser werden, wenn man diese mit einem guten Grund trifft als aufgrund von vielen Gründen oder einem komplexen statistischen Programm. In unseren unsicheren und bewegten Zeiten ist daher ein klares Verständnis von Intuition und schnellen heuristischen Prozessen besonders gefordert.

Gefühl hilft Kopf

Der Autor

Der Psychologe Gerd Gigerenzer gehört zu den erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Sozialwissenschaftlern Deutschlands. Das liegt sicher auch daran, dass er zu einem der erfolgreichsten Wissenschaftsautoren Europas geworden ist. Reihenweise hat er mit seinen populärwissenschaftlichen Arbeiten, darunter „Das Einmaleins der Skepsis“ und zuletzt „Bauchentscheidungen“ Buchpreise eingeheimst und Auflagenrekorde gebrochen. Bauchentscheidungen wurde 2007 in Deutschland Wissenschaftsbuch des Jahres, für das Einmaleins der Skepsis erhielt er einen der renommiertesten amerikanischen Buchpreise im Bereich Verhaltenswissenschaften. Die elegante Prosa des Autors sollte den Leser jedoch nicht dazu verleiten, die wissenschaftliche Ernsthaftigkeit des Forschers zu unterschätzen.

Der Forscher

Seit nunmehr zwölf Jahren leitet Gigerenzer den Forschungsbereich Adaptives Verhalten und Kognition am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Dort hat der Psychologe, der 1947 in München zur Welt kam, ein Forscherteam aus verschiedenen Fachrichtungen versammelt, darunter Ökonomen, Mathematiker und Biologen. Sie versuchen, die Frage zu beantworten, wie Menschen (und auch Tiere) Entscheidungen treffen. Vor allem interessiert die Forscher, wie unter verschärften Bedingungen – etwa Zeitdruck oder unvollständiges Wissen – Urteile gefällt und Entscheidungen getroffen werden.

Im Max-Planck-Institut kann das Team um Gigerenzer auf eine Vielzahl an Methoden zurückgreifen, um das zu finden, was „adaptive Heuristiken“ genannt wird: die vergleichsweise simpel anmutenden Werkzeuge, die uns in zugespitzten Situationen häufig erstaunlich erfolgreich entscheiden lassen. Ein weiteres Thema ist die Risikokommunikation, die Gigerenzer im vor wenigen Wochen in Berlin eröffneten Harding-Center for Risk Literacy erforschen will.

Studiert hat Gigerenzer in München, dort promovierte er und habilitierte sich. 1992 erhielt er nach Stationen in Konstanz und Salzburg einen Ruf an die University of Chicago. 1995 gelang es dem Münchener Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung, ihn zurück nach Bayern zu holen, seit 1997 forscht Gigerenzer in Berlin.

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