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Kenneth Rogoff „Die Ökonomie ignoriert den Faktor Macht"

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„Ökonomen ignorieren den Faktor Macht“

Ist es tatsächlich vorstellbar, dass sich die reifen Industriestaaten in ihrem Wachstum beschränken?

Das Bruttoinlandsprodukt hat einen großen Einfluss auf das Schicksal von Nationen. Wer auf Wachstum verzichtet, muss mit den machtpolitischen Folgen leben. Das ist ein spieltheoretisches Problem: Für die Welt als Ganzes wäre es gut, wenn wir das Wachstum einschränken würden, aber der Anreiz für jedes einzelne Land, trotzdem auf hohe Wachstumsraten zu setzen, ist sehr groß. Wenn sich Europa jetzt entscheiden würde, die nächsten hundert Jahre weniger zu wachsen als die USA, dann würde es sich selber sicherheitspolitisch schwächen. Die Geschichte hat gezeigt, dass sich in aller Regel die wirtschaftlich starken Länder durchsetzen.

Wie können Ökonomen die Debatte über neue wirtschaftspolitische Ziele beeinflussen?

Wenn man sich die vergangenen 75 Jahre vor Augen führt, dann muss man sagen, dass Volkswirte den größten Einfluss nicht mit ihren ökonomischen Modellen hatten, sondern damit, dass sie der Politik marktorientiertes Denken nahegebracht haben. Sie haben dazu beigetragen, dass sich die Regulierung von Märkten heute an Transparenz und freiem Wettbewerb orientiert. Weniger Erfolg hatten sie dort, wo es sehr mächtige, große und reiche Akteure gibt, zum Beispiel im Finanzsektor.

Weil Ökonomen oftmals den Aspekt wirtschaftlicher Macht übersehen?

Absolut. Sie ignorieren den Faktor Macht, der aber von enormer Bedeutung ist. Die meisten Ökonomen versuchen, Probleme mit mathematischen Modellen zu lösen, und übersehen dabei die strategischen Aspekte wie Macht und demokratische Stabilität. Sie sind davon überzeugt, dass sie nur immer bessere Mathematiker mit immer komplexeren Modellen werden müssten, um alle Probleme zu lösen. Doch das ist einfach die falsche Richtung. Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft, nicht einfach eine Wissenschaft. Sie muss Faktoren wie Politik und Geschichte berücksichtigen, um wirklich brauchbare Lösungen zu finden.

So wie Sie es zusammen mit Carmen Reinhart in Ihrem Bestseller "Beim nächsten Mal wird alles anders" getan haben?

Ja, da haben wir uns außerhalb des Mainstreams begeben. Wir hatten einen neuen, innovativen Datensatz. Der typische Ansatz wäre nun gewesen, diese neuen Daten in die ausgefeiltesten, komplexesten mathematischen Modelle einzuspeisen, die wir finden konnten, so dass die Schlussfolgerungen kein Laie mehr hätte verstehen können. Wir fanden es aber viel informativer, mit Hilfe von Methoden aus der Wirtschaftsgeschichte die groben Charakteristika dieser Daten herauszuarbeiten, so dass jeder etwas aus ihnen lernen kann.

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1 Kommentar zu "Kenneth Rogoff: „Die Ökonomie ignoriert den Faktor Macht""

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Welch Wohltat, diese Ansichten zu lesen. Wir benötigen in der VWL wesentlich mehr Berücksichtigung der psychlogischen und soziologischen Komponenten. Eine Wissenschaft findet keine breite Anerkennung und erst recht nicht die Bereitschaft, Empfehlungen anzunehmen, wenn man die Akteure des Wirtschaftens in ihrem komplexen Verhalten nicht realistisch abgebildet in den Theorien und Modellen wiederfindet.