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Neoklassiker Ritterschlag für empirische Makroökonomen

Mit Thomas Sargent und Christopher Sims zeichnet das Nobelpreiskomitee zwei Vertreter der traditionellen Mainstream-Makroökonomie aus, die mit für die globale Finanz- und Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht wird.
10.10.2011 - 14:05 Uhr 13 Kommentare
Die Ökonomie-Nobelpreisträger 2011: Christopher Sims (l.) und Thomas Sargent. Quelle: AFP

Die Ökonomie-Nobelpreisträger 2011: Christopher Sims (l.) und Thomas Sargent.

(Foto: AFP)

London Thomas Sargent hat zusammen mit Robert Lucas, der bereits 1995 den Nobelpreis erhielt, den Keynesianismus vom Sockel gestoßen. Die Makro-Modelle, die Lucas und Sargent propagierten, suggerierten vor allem eins: Der Staat hat wenig Handlungsspielraum, um mit Geld- oder Konjunkturpolitik die wirtschaftliche Entwicklung positiv zu beeinflussen.

Kritiker werfen diesen Modellen heute Realitätsferne vor – so gibt es in den Makro-Modellen von Sargent zum Beispiel überhaupt keinen Bankensektor. Denn die Forscher unterstellten, dass das Finanzsystem stets reibungslos funktionierte. Zudem nahmen sie an, dass sich alle Akteure stets vollständig rational verhalten.

In der Begründung für den Preis hebt das Stockholmer Komitee nicht die Modelle hervor, sondern die empirischen Arbeiten von Sargent. Dieser hat Methoden entwickelt, um die Prognosekraft von theoretischen Makromodellen zusammen mit Daten aus dem richtigen Leben besser beurteilen zu können. Auch Christopher Sims hatte Anfang der 80er Jahre eine Methode entwickelt, um Ursache und Wirkung bei wirtschaftspolitischen Maßnahmen wie zum Beispiel Konjunkturprogrammen oder Leitzinsänderungen klarer messen zu können. Er fand einen Weg, um lange Zeitreihen von Daten zu untersuchen, ohne sie vorher in ein enges theoretisches Korsett pressen zu müssen. Makroökonomen sprechen von “vektorautoregressiven Modellen”. Anders als bei traditionellen makroökonomischen Modellen versuchen Volkswirte dabei, reale Daten mit minimalen Annahmen zu verstehen.
Beide Methoden ermöglichten es Volkswirten, Ursache und Wirkung von wirtschaftspolitischen Enscheidungen wie Steuersenkungen oder Zinserhöhungen besser abschätzen zu können, heißt es in der Begründung aus Stockholm.

In der breiteren Öffentlichkeit bekannt ist vor allem Sargent. Er und seine Mitstreiter propagierten in den 70er Jahren die so genannte "Mikro-Fundierung" makroökonomischer Modelle- gesamtwirtschaftliche Ergebnisse müssten aus den Aktionen der einzelnen Akteure hergeleitet werden. In den bis dahin üblichen keynesianischen Modellen seien die makroökonomischen Zusammenhänge nicht stringent aus Annahmen über das wirtschaftliche Verhalten der Verbraucher und Unternehmer abgeleitet. Dabei müssten vor allem die Erwartungen, die die Menschen an die Zukunft haben, berücksichtigt werden. Sargent und Lucas postulierten dabei, dass die Menschen ihre Erwartungen „rational“ bilden und sich stets alle verfügbaren Informationen in den Erwartungen niederschlagen.
Wirtschaftliche Entscheidungen sollten nur mit ökonomischem Kosten-Nutzen-Kalkül erklärt werden. Andere Faktoren - zum Beispiel kulturelle Vorlieben oder Fairness-Überlegungen - sollten ausgeklammert werden. Zudem wird in den Makro-Modellen angenommen, dass sich Menschen rational und egoistisch verhalten. Preise und Löhne, so eine weitere Prämisse, seien flexibel und passten sich schnell an. Zudem liegt diesen Modelln die Grundannahme zugrunde, dass es ein eindeutiges stabiles Gleichgewicht in der Gesamtwirtschaft gebe. In wichtigen Punkten lehnt sich diese Denkschule an die vor Keynes gängige, „klassische“ Theorie an und wird daher auch „Neoklassik“ genannt.

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    Die Forschung von Christopher Sims ist weniger stark politisch aufgeladen. Er hat Anfang der 80er Jahre eine Methode entwickelt, um Ursache und Wirkung bei wirtschaftspolitischen Maßnahmen wie zum Beispiel Konjunkturprogrammen oder Leitzinsänderungen klarer messen zu können.

    "Staatliche Interventionen sind wirkungslos"
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    13 Kommentare zu "Neoklassiker: Ritterschlag für empirische Makroökonomen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank zu dieser kleinen, feinen Richtigstellung. Hier schreibt - in wohltuend unaufgeregter Weise - wohl jemand, der über fundierte ökonometrische Bildung verfügt. Freue mich auf mehr derartiger Beiträge in diesem Forum, welches sich sonst eher in Dogmenstreitigkeiten verliert.

    • Unter Umständen wirkt nicht einmal deficit spending: Wir sehen gerade in den USA, daß Konjunkturprogramme ziemlich wirkungslos verpuffen, weil easy money gespart bzw. gehortet wird.

      Bemerkenswert ist dabei, daß im Bereich von Rohstoffen und Halbfabrikaten die Preise deutlich kräftiger steigen (z.T. auch auch Kostengründen im Einkauf), diese inflationäre Tendenz in den Endverbraucherprodukten weniger stark zum Tragen kommt - sie sind nicht durchsetzbar, weil die Nachfrage schwächelt. Näheres zu CPI und PPI hier: http://www.bls.gov/cpi/

    • k.h.a.
      hat Recht, insofern als die Politik Defizitspendingsummen in der nachfolgenden Konjunkturphase niemals aus dem Wirt-schaftskreislauf herausgezogen hat, wie Keynes es verlang-
      te. Keynes hat Recht, weil ein starker Wirtschaftseinbruch
      ohne Defizitspending angesichts des dann verstärkten Zwan-ges zum Sparen zu einer Deflation führt, die schlimmer als eine Inflation wäre.

    • Chapeau! Da hat man doch die Richtigen ausgezeichnet. Ehre wem Ehre gebührt. Denn es gelingt ja wirklich Wenigen, die ganze Welt zu verarschen und in dauerhafter Krisen und demnächst Kriege zu schicken. Außerdem wurden so sehr viele Chefsessel in Wirtschaftsredaktion gerettet. Mal abgesehen von Lehrplänen und Professoren Stellen an den Universitäten. Eine ganze Entscheider Generation steht jetzt wieder aufrecht. Die haben doch schon um psychologische Hilfe gebeten in Anbetracht der indoktrinierten Lebenslügen des Neoliberalismus. Das Komitee verfolgt stringent die Mainstream Linie die Brandstifter Karriere machen zu lassen oder zur Feuerwehr zu erklären. Das ist doch im Handelsblatt nicht anders.

    • Der sog. "Nobelpreis" für Wirtschaftswissenschaften macht sich so lächerlich wie es die neoklassische VWL ist. Eine Theorie, die "mikrofundiert", die also auf der neoklassischen Mikroökonomie basiert, ist ganz sicher falsch, denn die neoklassische Mikroökonomie ist ganz sicher falsch. Ihre Annahmen sind empirisch widerlegt und sie enthält geradezu hanebüchene logische Fehler. Es ist wirklich unglaublich, daß sich diese sektenhafte Pseudowissenschaft nach wie vor an den Universitäten hält, Forschungsgelder verschwendet und staatliche Preisgelder erhält.
      Konzepte wie ein "representative agent" oder "rational expectations" sind so dermaßen schwachsinnig, daß man offenbar erst einen mehrseitigen, mit Formeln durchsetzten Text schreiben muß, damit nicht mehr auffällt, was man da eigentlich tut. Unglaublich!

    • Die crux aller makroökonomischen Modelle, die von vollkom-men rational vorgehenden und bestens informierten Wirt-schaftsteilnehmern sowie stets effizienten Märkten ausge-hen (wie Malkovitch) ist, daß diese Annahmen nicht stim-
      men. Daher entstand die Behavioral Finance, die der Reali-tät entspricht und eher einen Nobelpreis verdient hätte.

      Würde die erste Annahme stimmen, hätte es Warren Buffett nicht zu einem zweistelligen Milliardenvermögen gebracht
      (weil er unterbewertete Titel kauft und, sobald der Markt den realen Wert erkennt, wieder abstößt). Georg Soros hätte nicht so erfolgreich gegen das britische Pfund speku-lieren können, was ihm 1,5 Milliarden Dollar einbrachte.
      (Der Grund war, daß die Bank of England das Pfund in einer Range halten wollte, die nicht den wirklichen Wert angab).

      Ich halte mich an den Hauverstand, der sagt, daß Schulden
      negativ, Werte aber etwas Positives sind. Sind die Schul-den zu hoch, muß sich das eines Tages rächen. Aber für der-artige Selbstverständlichkeiten gibt es keinen Nobelpreis!
      Auch wenn diese Aussage stimmt, was man von Nobelpreisträ-gern der Ökonomie nicht immer sagen kann.

    • Ich denke nicht, dass der Nobelpreis in diesem Falle für die wirtschaftspolitische Ideologie vergeben wurde. Vielmehr für das Voranbringen der eher technischen Aspekte, welche neben der Anwendung in der "traditionellen Mainstream-Makroökonomie" auch Berücksichtigung in der sogenannten "New Keynesian economics“ finden. Konkret, im Falle von Thomas Sargant, welcher maßgeblich an der Entwicklung beteiligt war, ist hier das Konzept der "rational expectations" zu nennen. Dieses Konzept wurde sowohl von Lucas als auch dem "New Keyensian" Stanley Fischer verwendet. Darüber hinaus widmet sich auch ein beträchtlicher Teil seiner Arbeit der Zeitreihenanalyse, einer rein technischen Disziplin in der Ökonometrie. Wie auch im Falle von Christopher Sims, seines Zeichen Ökonometriker, ist hier wohl das Voranbringen sog. VAR-Modelle (Vektor Auto Regression) maßgeblich gewesen. Diese Art von Modellen werden in der empirischen Wirtschaftsforschung verwendet und haben grundlegend zunächst keinerlei politische Motivation. Unterstrichen wird diese Einschätzung mit der Begründung des Nobel-Komitees: "…for their empirical research on cause and effect in the macroeconomy…". Hier wurden keine Preise für Wirtschaftspolitik oder Wirtschaftsphilosophie vergeben. Hier wurden Preise für Ökonometrie, für empirische Forschung in der Makroökonomie verliehen. Vielen Dank.

    • .
      "Ich habe leider keine einfache Antwort"



      übersetzt heißt das,

      -Ihr habt mir zwar den Preis verliehen, ob ich weiss worüber ich lehre und schreibe kann ich euch mit Gewissheit auch nicht sagen-

      Aber bevor ich mich schlagen lasse, nehme ich die Million.
      .

    • Die IKB und die Commerzbank waren keine Landesbanken. Im Übrigen saßen alle Koryphäen im Aufsichtsrat der Landesbanken, die heute in Talkshows sitzen und smarte Ratschläge geben.

    • Es ist geradezu grotesk, wie Medien mit Tatbeständen umgehen. Anstatt zu berichten, geben sie Wertungen ab, die hanebüchen sind. Dass Oslo bestimmte Menschen aufgrund ihrer Leistungen auszeichnet sagt nichts über den Wert oder Unwert dieser Entscheidung. Und die Tatsache, dass bestimmte Theoretiker ausgezeichnet werden, sagt nichts darüber aus, ob, wie im vorliegenden Falle diese ökonomische Theorien richtig oder falsch sind. Die Krise hat gezeigt, dass die Theorien von Sargent und Sims mit der Realität nicht übereinstimmen. Es hat sich gezeigt, dass der Staat der letzte Handlungsfähige ist, egal was passiert. Und hätten die Staaten die Banken nicht mit Geld und die Wirtschaft nicht mit Konjunkturprogrammen gerettet, wären alle samt ihrer Volkswirtschaften und deren Theorien in den Orkus gegangen. Aus der Verleihung einen Ritterschlag für widerlegte Theorien zu machen und damit latent deren Weiterführung zu suggerieren, ist dreist und und dumm.

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