Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Ökonomie Das Problem der Schere zwischen Arm und Reich

Ungleichheit zwischen Arm und Reich war Volkswirten lange egal. Die meisten Ökonomen hielten die Einkommensunterschiede gar für eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Marktwirtschaft. Jetzt entdecken sie die Verteilungsfrage neu.
6 Kommentare
Einkommensunterschiede beeinträchtigen die Leistung einer Volkswirtschaft. Quelle: ap

Einkommensunterschiede beeinträchtigen die Leistung einer Volkswirtschaft.

(Foto: ap)

LONDON. Die Reise dauert gerade mal 50 Minuten. So lange braucht man mit dem Auto vom piekfeinen Montgomery County im amerikanischen Bundesstaat Maryland in die südöstlichen Stadtviertel der Hauptstadt Washington. Es ist eine Reise von einer der reichsten Regionen der USA in eine der ärmsten. Und das wirkt sich nicht nur auf den Bankkonten aus: Mit jedem Kilometer sinkt die Lebenserwartung der Menschen um sieben Monate – von 81 auf 60 Jahre.

Die große Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler hat solche Unterschiede lange Zeit kaltgelassen. Einkommensungleichheit war in der modernen Volkswirtschaftslehre nur ein Nischenthema. Die meisten Ökonomen sahen in der deutlichen Kluft zwischen Arm und Reich nicht nur eine Folge von hohem Wirtschaftswachstum. Sie hielten solch ein Gefälle gar für eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Marktwirtschaft gut funktionieren kann.

Zudem waren nicht nur liberale Ökonomen überzeugt: Wenn die Reichen noch reicher werden, wird das nach und nach auch zu den unteren Einkommensschichten durchsickern.

Niemand hat diese Haltung so gut umschrieben wie der britische Labour-Politiker Peter Mandelson, der 1998 gestand: „Uns ist es egal, ob Leute stinkend reich werden – solange sie ihre Steuern bezahlen.“

Inzwischen denken viele Volkswirte um. Denn es mehren sich die Belege dafür, dass krasse Gegensätze zwischen Arm und Reich nicht nur eine moralische Dimension haben, sondern handfesten ökonomischen Schaden anrichten. Einige Forscher sehen in der drastisch gestiegenen Einkommensungleichheit gar eine Ursache für die Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009.

Das neue ökonomische Bewusstsein für Verteilungsfragen hat handfeste Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik. Höhere Steuern für Reiche – liberalen Ökonomen traditionell ein Graus – erscheinen in einem neuen Licht, staatliche Transfers an ärmere Schichten ebenso.

„Große Einkommensungleichheit verursacht in reichen, hochentwickelten Volkswirtschaften zahlreiche Probleme“, ist zum Beispiel Adair Turner, Chef der britischen Finanzmarktaufsicht FSA, überzeugt. Die Ignoranz für Einkommensungleichheit sei einer der entscheidenden Fehler, den das Fach in den vergangenen Jahrzehnten gemacht habe. „Ungleichheit“, betont auch der Mannheimer Ökonom Hans Peter Grüner, „ist eine ganz zentrale volkswirtschaftliche Größe. Über die dürfen wir nicht einfach hinwegsehen.“

Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Ökonomie - Das Problem der Schere zwischen Arm und Reich

6 Kommentare zu "Ökonomie: Das Problem der Schere zwischen Arm und Reich"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Wir haben uns in Deutschland seit der Ära Ludwig Erhard von einer breitgeschichteten Massenkaufkraft immer weiter entfernt. Und wir entfernen uns noch immer davon.

    Wer heutzutage meint, zur Mittelschicht oder gar Oberschicht zu gehören, weil er ein (angeblich) durchschnittliches beziehungsweise überdurchschnittliches Einkommen hat, ist in Wirklichkeit Mitglied einer “kaufkraftbefreiten” Unterschicht. Nur wenige gehören heute wirklich noch zur Mittel- beziehungsweise Oberschicht.

    Den Politikern mögen die falschen Informationen über die Mittelschicht und deren Einkommen recht sein, denn dies sorgt für künstliche Zufriedenheit in der Bevölkerung und sichert die eigene Wiederwahl. Aus wirtschaftspolitischer Sicht sind sowohl die Einkommensstatistiken als auch die Einkommensentwicklungen der breiten Bevölkerung eine Katastrophe. Wohlstand für alle ist längst wieder Geschichte und die Konjunktur steht weiter vor dem Absturz. Möglicherweise steht uns deshalb auch wieder eine politische Katastrophe bevor.

    http://www.kiwifo.de/html/breitgeschichtete_massenkaufkr.htm

  • island: "Wobei es Volkswirtschaftlich sehr sinnvoll ist wenn man in branchen aktiv wird die keinen Einheimischen Anbieter besitzen. (Mineralölindustrie, Gaswirtschaft, Computerindustrie, Softwareindustrie etc.) "

    Riesenunfug!!! Sie haben jedenfalls nicht VWL studiert.

    in der Theorie spricht die komparative Faktoraufteilung stark dagegen! Spezialisierungs- und Lerneffekte ebenfalls. Ebenso wie die lukrative Möglichkeit, im Ausland günstigere Preise anbieten zu können. Alles, aber auch wirklich alles spricht dagegen.

    in der Empirie beobachtet man ebenfalls ein massives Scheitern solcher Maßnahmen (Computer/Elektronikbranche brasilien, Flugzeugbau Russland, Autobau China, etc.). Alles große Verlustgeschäfte.
    Und wo zum Teufel soll Deutschland Öl herkriegen?

    Sie sind Jurist oder Politikwissenschaftler oder sowas stimmts?

  • ich bin kein Ökonom, aber der Zusammenhang ist mir schon früh aufgefallen. in den ersten Jahrhunderten nach der Entdeckung Amerikas galt der reiche Süden als der „gute“ und wohlhabende Teil des Kontinents. Dort standen wenige sehr reiche Kapitaleigner und Großgrundbesitzer einer Vielzahl von Habenichtsen gegenüber. Aber es war der damals „bettelarme“ Norden, mit der heutigen USA und Canada, der sich aufgrund der dort herrschenden größeren Gleichheit wirtschaftlich dynamischer entwickelte. Auch den wirtschaftlichen Rückstand Russland kann man (unter anderem) unter diesem blickwinkel sehen. Die ehemals kommunistischen baltischen Staaten, Polen, Slowakei, Tschechien etc. scheinen auf dem besseren Weg zu sein, als das an Rohstoffen doch so viel reichere ehemalige Zarenreich, mit seiner hauchdünnen Oberschicht.

    Das große Kapital mag für einige wirtschaftliche Unternehmungen erforderlich sein. Doch tendenziell entzieht es sich der besteuerung (d.h. einer Finanzierung der infrastruktur derjenigen Gesellschaften, auf deren boden es wächst), begünstigt die bildung monopolistischer Strukturen, die den kreativen, wachstums- und fortschrittsfördernden Wettbewerb behindern, und erschwert die optimale „Ressourcenallokation der Humankapitals“. Die nämlich ist der eigentliche Kern der Marktwirtschaft!!! Finanzkapital mag schlecht verteilt sein, doch es ist durchaus kein knappes Gut. Ja im Gegenteil, die Geldschwemme ist eine ungeheure Gefahr für die Weltwirtschaft. Was fehlt sind die sinnvollen investitionsmöglichkeiten für die großen Privatvermögen. Deren Eigner tun sich aus mancherlei Gründen schwer mit der volkswirtschaftlich und gesellschaftlich sinnvollen Finanzallokation.

    Nicht etwa das große Kapital der, vor 30 Jahren als kommender, allmächtiger iT-Supermacht gefürchteten, ibM hat das Rennen gemacht, sondern das kleine, aber vorhandene (!) Kapital, kreativer Neugründungen: Unternehmen wie Apple, Microsoft, Google und Facebook haben die Maßstäbe gesetzt. Deutschland profitiert in der Wirtschaftskrise weniger von den großen Playern, sondern gerade von seiner mittelständischen Struktur. Eine vitale Wirtschaft muss ständig von unten her nachwachsen. Genau hier muss angesetzt werden. Die Großen zu päppeln und zu pampern, wie es leider aktuelle Politik zu sein scheint, ist nicht nur moralisch, sondern auch ökonomisch gesehen, der falsche Weg. Große Vermögen, akkumuliert von der Geldaristokratie bis hin zu den den Pensionsfonds, sind der Treibsatz geworden für eine ausufernde Geldschöpfung der Finanzindustrie, deren gigantische Fehlinvestitionen und ebenso unproduktiven wie gefährlichen Spekulationsgeschäfte die aktuelle Wirtschaftskrise ausgelöst haben.

  • Das Problem der Schere zwischen Arm und Reich


    in diesen bericht wird ein Teilaspekt des Kapitalismus angesprochen. Es ist einer der Systembedingten Schwächen des Systems das sich immer mehr Kapital (Produktivmittel) sich in immer weniger Händen sich befindet.

    Dieser Prozess beschleunigt sich im Laufe der Zeit.

    Ein Staat kann durch höhere Steuern für Reich und Transferleistungen für Arme entgegensteuern.

    Das kann aber nur ein Teil der Lösung darstellen, weder ist es sinnvoll das große Teile der bevölkerung „Alimentiert“ wird noch das die „Reichen“ sehr hohe Steuern bezahlen. beide Gesellschaftlichen Gruppen suchen dann Lösungen außerhalb dieses Staates (Revolution und neue Parteien)

    Ein anderer Lösungsansatz ist die Förderung von neuen „Selbständigen“ besonders in branchen mit Oligopol oder Monopolen.

    Dabei könnte eine veränderte Steuerpolitik flankierend wirken (Personengesellschaften die ihre Gewinne nicht ausschütten müssen nur ein bruchteil der einbehaltenen Gewinner versteuern)

    Wobei es Volkswirtschaftlich sehr sinnvoll ist wenn man in branchen aktiv wird die keinen Einheimischen Anbieter besitzen. (Mineralölindustrie, Gaswirtschaft, Computerindustrie, Softwareindustrie etc.)

  • Es ist ausgemachter Humbug, die Einkommensungleichheit als Grund für die Finanzmarktkrise anzusehen. Die Einkommensungleichheit ist ebenso wie die Finanzmarktkrise eine Wirkung, die auf Konzentrationsprozesse in der Wirtschaft und mangelnde Funktionsfähigkeit des Wettbewerbs zurückzugehen scheint. Vor den Crashs von 1907 und 1929 war exakt dasselbe zu beobachten: eine starke Unternehmenskonzentration mit eindeutigen Monopolisierungstendenzen quer durch die US-Wirtschaft. Eine interessantere Frage wäre es deswegen, einmal systematisch den Zusammenhang zwischen Unternehmenskonzentrationsprozessen und Einkommensverteilung zu untersuchen. Es ist durchaus naheliegend, dass einer extremen Einkommensungleichheit effektiver durch marktstrukturelle Veränderungen (Dekonzentration) und eine Förderung wirksamen Wettbewerbs entgegengewirkt werden könnte, denn durch Umverteilungspolitik (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2010/12/die-amerikanische-krise-wie-die-us.html). Letztere ist eine End-of-the-Pipe-Lösung. Sie ändert nichts an den Ursachen der Einkommensungleichheit.

  • Noch eine Anmerkung:
    Wesentlich zur instabilität trägt auch das Verhalten von z.b hoch spekulativen Hedgfonds bei. Gespeist werden diese überwiegend von sog. Superreichen, für diese spielt das Risiko keine Rolle. So wird das Geld und damit die gesamte Volkswirtschaft zu einem Spielball weniger Superreicher. Der Einzige, der hier Einhalt gebieten kann ist der Staat, tut er das nicht bald kommt es zu pol. Verwerfungen: Aufstieg radikaler Parteien, bankrott von Staaten, Währungsverfall. Die USA werden in wenigen Jahren nicht wiederzuerkennen sein, die Zukunft ist verspielt.

Serviceangebote