"Ökonomie neu denken" Volkswirtschaftslehre scheitert im Praxistest

Die Ökonomie-Ausbildung ist zu theoretisch und speziell, bemängeln Kritiker. Auf der Konferenz „Ökonomie neu denken“ diskutierten Experten darüber, was sich in den Hörsälen verändern muss.  
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Ein Hörsaal der Ruhr-Universität in Bochum. Quelle: dpa

Ein Hörsaal der Ruhr-Universität in Bochum.

(Foto: dpa)

FrankfurtWenn Justus Haucap in Düsseldorf vor seinen Erstsemester-Studenten steht, dann beschleicht ihn hin und wieder ein ungutes Gefühl. „Bei manchen Themen habe ich schon Bauchschmerzen, das muss ich zugeben“, sagte der Wettbewerbsforscher. Einige Inhalte, die auf dem Lehrplan stehen, seien sehr speziell und würden später fast nie mehr gebraucht. „Da müsste man schon entrümpeln“, so Haucap.

Die Bauchschmerzen des Volkswirts sind nur ein Symptom einer Krankheit, unter der die Disziplin seit längerem leidet: Die ökonomische Ausbildung in den Hörsälen ist zu speziell und theoretisch – darüber waren sich die Wissenschaftler und Praktiker einig, die am Dienstag bei der vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und dem Handelsblatt veranstalteten Konferenz „Ökonomie neu denken“ in Frankfurt über die Zukunft von Lehre und Forschung an den Hochschulen diskutierten.

Anstatt ein Bewusstsein für das große Ganze zu schaffen, zwinge gerade die Ausbildung in den ersten Semestern die Studenten zu einem Tunnelblick. „Interessierte Studenten müssen sich diese Dinge selbst erschließen“, bemängelte Linda Kleemann, Nachwuchsforscherin am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Die Bologna-Reform mit der Umstellung auf das eher verschulte Bachelor- und Mastersystem habe diese Fehlentwicklung noch verschärft.

Wozu diese Praxisferne führt, machte Thomas Hueck, verantwortlicher Volkswirt beim Großunternehmen Robert Bosch, deutlich. VWL-Absolventen seien zwar in der Lage, mit komplexen, mathematischen Modellen zu hantieren, an dem gesunden Menschenverstand, die Instrumente im richtigen Zusammenhang anzuwenden, mangele es jedoch häufig. „Solche Fähigkeiten darf die Uni den Studenten nicht austreiben“, mahnte Hueck. Der Amerikaner Robert Johnson, der das Institute for New Economic Thinking leitet, drückte diesen Missstand so aus: „Es gibt sehr viele gute Wirtschaftsstudenten, die aber sehr wenig von der Wirtschaft wissen.“

Aber welche Auswege gibt es? Wie können Wirtschaftsstudenten fit für die Praxis gemacht werden? Wettbewerbsforscher Haucap setzt in seinen Vorlesungen in erster Linie auf möglichst viele realitätsnahe Beispiele: „Die Studenten interessieren sich sehr für die Anwendung und können sich die Dinge auf diese Weise auch besser merken“, ist Haucap sicher. Die Lehre von theoretischem Ballast zu befreien, sei dagegen nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick scheine, warnten die Akademiker: Weil die Lehrpläne verschiedener Universitäten miteinander kompatibel sein müssten, um Studenten beispielsweise nach dem Bachelor den Wechsel der Hochschule zu ermöglichen, könne eine einzelne Uni nicht einfach aus ihrer Sicht unnötige Inhalte streichen.

Der Wirtschaftsethiker Andreas Suchanek (Handelshochschule Leipzig) und Marketingprofessor Thomás Bayón (German Graduate School of Management and Law) forderten, mehr darauf zu achten, Studenten für die gesellschaftlichen Folgen ihres Handelns zu sensibilisieren. „Ein Ökonom muss auch moralisch begründen können, was er tut“, sagte Suchanek. Die Krise habe zwar den Druck erhöht, ethische Themen im Hörsaal aufzugreifen, der große Durchbruch für sei für die Wirtschaftsethik jedoch ausgeblieben, bedauerte Bayón: „Ich bin mir sicher, das solche Themen fest in der Persönlichkeit verankert sein müssen und langfristig zu einer besseren Unternehmensführung beitragen“, sagte der Ökonom.

Um die Ausbildung der angehenden Wirtschaftswissenschaftler nachhaltig zu verbessern, waren sich die Experten einig, müsse sich der Stellenwert der Lehre an den Universitäten deutlich erhöhen. Während Publikationen in Fachzeitschriften Ruhm und Anerkennung versprechen, würden gute Lehrveranstaltungen kaum honoriert.

 

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23 Kommentare zu ""Ökonomie neu denken": Volkswirtschaftslehre scheitert im Praxistest"

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  • Ich schäme mich zutiefst. Ich schäme mich zutiefst für die mangelnde Tolleranz, Ignoranz und für das unüberlegte Wort-Gedresche vieler Unwissender die hier ihre Meinung zum Besten geben.Stellt die Wirtschaftswissenschaften an den Pranger. Macht viele Menschen zu Sündenböcken, die ihr Leben dafür aufopfern der Forschung und Entwicklung eine Seele, ein Fortschreiten auf dem Weg der Zivilisation zu geben. Wie weit sind Philosophie, Mathematik, Soziologie und Medizin auf dem Weg zur Praxis ? Wird dieser Weg überhaupt beschritten ? Gehört dieser Weg an Universitäten ? Mit Sicherheit, nur lässt sich dies schwer implementieren, in eine Welt die von Büchern, Theorien und Modellen gestützt wird wie ein Kartenhaus. Lasst dies nicht zusammenfallen. Ich studiere Volkswirtschaftslehre und zweifelte oft selbst an realer Relevanz meines erlernten Wissens. Nur muss ich sagen: Wo sitzen eure praktisch-veranlagten Genies ? Stützen sie die Welt oder bringen sie jene zu Fall ? Letztendlich wissen wir viel. Die Bevölkerung muss den Schritt gehen, dieses Wissen zu erkennen und zu nutzen. Doch momentan landet die Bevölkerung auf ihrem gierigen Weg nach Reichtum in Investmentbanken, kauft tonnenweiße Discountzertifikate um letztendlich ein weiteres Bläschen zu zerbersten. Verkrault die Gelehrten mitsamt ihrer Theorie, denn am Ende werden sie dastehen und flüstern: "Wir haben es euch doch gesagt!"

  • Im VWL Studium sind mir reihenweise"unlernbare" Schriften begegnet wie A=E und solch himmelschreiender Unfug. Absolut an der Realität vorbei. Aber wenn ich hier lese, dass ein Mathematiker"on the job" Wirtschaftswissen blitzschnell, sozusagen im Vorrübergehen antizipiert, dann liegt für für mich der Verdacht nahe: Zuviel Uni, zuviel Arroganz, zu wenig Praxisbezogenheit. Und all dieses bestimmt heute auch und gerade die Politik und die Finanzwelt. Es sind zu viele Theoretiker an Schaltstellen der Macht. Für mich steht fest dass die Welt mit Klugscheisserei nicht regiert werden kann. Weder kann dies ein Jurist als amerikanischer Präsident, noch eine Naturwissenschaftlerin aus der ehemaligen DDR.

  • Es genügt zu wissen, das die momentanen "Wirtschaftswissenschaftler" immer noch keine Antwort auf die Fragen unsere Zeit haben. Da ist es auch völlig unerheblich ob die Theorie mathematisch aufgeht oder nicht. Es funktioniert schlicht nicht und nur darum geht es.
    Tatsächlich ist bei VWL-Absolventen immer wieder zu erkennen das die Anwendung der erlernten Werkzeuge vorgeht, oder um es anders auszudrücken: der Prozess an sich geht über das Ergebnis, vorrausgesetzt der pseudowissenschaftliche Anspruch läßt sich in eine Gleichung packen. Mathematik kann und wird auch weiter wichtig sein, nur muß wieder gelehrt werden noch einmal über die Lösung nachzudenken. Und wenn die Lösung Unsinn ist, dann werden Studenten wieder lernen welche Rolle die Mathematik spielen darf: sie ist ihr wichtigstes Werkzeug aber sie darf nicht zum Dogma verkommen und liefert nicht auf alle Fragen befriedigende Antworten.

    Problematisch ist auch, daß eben einseitg die neoklassischen Grundlagen und Formeln gepaukt werden, obwohl viele von denen noch nie in der Praxis funktioniert haben. Etwas mehr Vielfalt oder auch mehr Wirtschaftsgeschichte wären wünschenswert, die jungen Menschen sollen lernen fundierte Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen und nicht von weitgehend praxisuntauglichen Professoren auf eine Handlungsideologie fixiert werden.

  • @Profit: Brown'sche Bewegung, statt Braun'sche Röhre. Nix für ungut.

  • @ huensche

    Grigori Perelman.

    Ich kann ihre Aussage verstehen, weil die meisten Menschen genau wie Sie denken. Ich weiß nicht, ob Sie wie ich selber Mathe studiert haben. Aber es ist nicht üblich, dass man sein Fach für richtig hält.

    Nochmal: Mathematik und Physik sind Naturwissenschaften. VWL dagegen ist eine Sozialwissenschaft!. Wie Akteure handeln, kann man nicht durch einfache Annahmen bestimmen, ansonsten hätte Newton längst ein Modell erfunden, mit dem man alles erklären kann und an der Börse endlos erfolgreich sein kann.

    VWLer halten zu viel von Mathe..Das ist das Problem.
    Ich möchte mein Kommentar beenden mit einer Zitat von Newton:
    "Ich kann die Bewegung der Himmelskörper berechnen, aber nicht das Verhalten der Menschen".

  • @Kangiboy

    "Selbst Mathematiker geben zu, dass Mathematik nicht widerspruchsfrei ist."

    Wer hat das gesagt????

    Mathematik IST widerspruchsfrei. Wenn die Mathematik in Widerspruch zur Realität steht, dann ist das Modell mangelhaft, aber nicht die Mathematik!!!

    Wenn in der Mathematik Widerspruche auftauchen, dass ist das Beweis, dass die Ausgangslage falsch war, dass falsche Annahmen getätigt wurden.

  • "VWL-Absolventen seien zwar in der Lage, mit komplexen, mathematischen Modellen zu hantieren, an dem gesunden Menschenverstand, die Instrumente im richtigen Zusammenhang anzuwenden, mangele es jedoch häufig."

    Beschreibt hier jemand die derzeit führenden Voodoo-Ökonomen bzw. deren Brutstätten?

  • Volkswirtschaftslehre scheitert im Praxistest
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    Wiedermal eine Bestätigung dessen, was Menschen mit gesundem Menchenverstand seit Jahren schon erkennen.
    Was Studenten die letzten Jahrzehnte an der Uni studiert haben, können sie die nächsten Jahrzehnte vergessen.
    Diese Empfehlung gab ich meiner Tochter -VWL Studium--schon vor vielen Jahren.
    Merke dir: was du heute lernst, kannst du sehr bald in den Papierkorb werfen, ist für die nächsten kommenden Jahre nicht mehr brauchbar.Genauso kommt es jetzt.

    zitat: VWL-Absolventen seien zwar in der Lage, mit komplexen, mathematischen Modellen zu hantieren, an dem gesunden Menschenverstand, die Instrumente im richtigen Zusammenhang anzuwenden, mangele es jedoch häufig. „Solche Fähigkeiten darf die Uni den Studenten nicht austreiben“, mahnte Hueck. -
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    So ist es. Zuviele haben das Denken verlernt. Es genügt eben nicht vorgekautes Wissen zu pauken und wiederzugeben. Man muß es auch begreifen , Wirkungen und Zusammenhänge erkennen.

  • Erstens: Grundsätzlich ist VWL natürlich eine Sozialwissenschaft. Zweitens: Mathematische Modelle helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen. Drittens: Ja, man muss sowohl bei Modellierung als auch bei Auswertung die gesetzten Prämissen beachten. Die Welt ist interpretationsbedürftig! Dabei fliessen immer auch eigene Ansichten, Moralvorstellungen etc. ein. Was der Eine völlig in Ordnung findet (Profitmaximierung, ggf. auch zu lasten der Gesellschaft), ist dem Anderen ein Dorn im Auge. Und id Übrigen führt die wertungsfreie Anwendung mathematischer Modelle nicht immer zum besten Ergebnis. Fragen Sie mal einen modellgetriebenen Händler irgendeiner deutschen Großbank, ob nicht gelegentlich ein kritisches Bewerten der ausgespuckten Handlungsempfehlungen eines mathematischen Modells (welches zweifellos von exzellenten Mathematikern entworfen wurde) geholfen hätte, Verluste aus Herdenverhalten zu vermeiden. Die VWL besteht zudem aus mehr Zweigen als nur Mathematik und Philosophie. Vielleicht ist Ihr Einblick in das Fach doch nicht ganz so tief. Und was die Konzernrechnungslegung betrifft: Das ist inzwischen weit mehr Jura als BWL. Zudem darf ich Ihnen zum tieferen Verständnis der geschichtlichen Zusammenhänge eine herausragende Arbeit von Kenneth Rogoff empfehlen, "Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen". Nach der Lektüre ist vielleicht klarer, warum VWL nicht nur aus Mathematik bestehen kann, will und soll.

  • @Profit
    Neumann und von Morgernstern oder Entscheidung bei Unsicherheit blabla..Was man in Mikro gelernt hat, ist interessant, schön und gut.
    Ich bin dafür, dass solche Theorien selbstverständlich beigebracht werden. Wie Sie gerade ihre Meinung geben, ist nachvollziehbar, aber auch sehr arrogant.
    Womit beschäftigen sich alle Forscher? Ihre Thesen kommen aus der Beobachtung von der Realität.
    Sie können irgendwie doch niemals die Forschung von der Praxis unterscheiden.
    Sie werden niemals eine feste Antwort finden. VWL ist keine Naturwissenschaft, auch wenn mathematische Modelle angewendet werden. Aber alles, was man als VWLer lernt, ist einfach nur realitätsfern, obwohl man seine Forschung auf die Realität bezieht.
    Selbst Mathematiker geben zu, dass Mathematik nicht widerspruchsfrei ist. VWLer sollten nun nachgeben und zuhören, was Soziologen sagen. Diese Welt besteht nun nicht immer aus Mathematik. Das ist genau der Punkt.
    Ich gebe allerdings auch zu, dass man durch Mathematik in der Lage sein kann, analytisch und abstrakt zu denken.
    Aber das ist keine große Kunst und Mathe ist nicht die einzige Lösung. Analytisch und abstrakt denken kann man auch als Philosoph, Sprachwissenschaftler etc.
    Auch wenn Sie Recht hätten, würde kein Mensch auf Sie hören. Es wird immer eine Diskrepanz herrschen zwischen Forschern und Praktikern.
    Solange es so weiter geht, wird VWL den Ruf verlieren und die Welt geht nicht gut. Wenn Sie meinen, dass man als Praktiker alles "on the job" lernt und Forscher nicht nötig hätten, praxisorientiert zu forschen, dann verschwinden Sie sofort von der Welt.

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